Das dunkle Erbe des DDR-Zwangsdopings im Eiskunstlauf

Berlin – Das Zwangsdopingsystem der DDR hat tiefe, bis heute spürbare Wunden hinterlassen. Besonders perfide war die systematische Verabreichung von Dopingmitteln an Minderjährige, wie es im Eiskunstlauf praktiziert wurde. Während die Opfer des Systems mit schweren Krankheiten und psychischen Leiden kämpfen, verharren die Täter und der Sportverband weiterhin in einer Mauer des Schweigens oder agieren defensiv.

Der Preis der Medaillen: Eine Kindheit im Dienst des Staates
Die Sichtung talentierter Kinder für den Eiskunstlauf begann in der DDR bereits im Kindergarten. Die begabtesten wurden frühzeitig in die Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) delegiert, die als Kaderschmieden des DDR-Sports fungierten. Dort erwartete sie hartes Training rund um die Uhr, alles im Streben nach Medaillen für den SED-Staat. Obwohl der Eiskunstlauf zahlreiche Welt- und Europameister sowie olympische Medaillen hervorbrachte, blieben viele Athleten auf diesem Weg „auf der Strecke“.

Susanne Schniirder war ein solches vielversprechendes Talent. Schon als junges Mädchen musste sie zusätzlich zum harten Training zahlreiche Medikamente einnehmen. Darunter befand sich auch das berüchtigte Anabolikum Oral Turinabol, eine blaue Tablette, die in der DDR flächendeckend eingesetzt wurde. Ihre Mutter, eine Krankenschwester, erinnerte sich an die ungewöhnliche Farbe der Tablette, die männliche Sexualhormone enthielt und oft als Vitaminpräparat getarnt wurde. Susanne Schniirder leidet noch heute an den Nachwirkungen – Essstörungen, Angstzustände, Lebertumore – und wurde ärztlich davon abgeraten, Kinder zu bekommen. Ihre Eltern zogen die Notbremse, als ihr Wachstumshämmer verschrieben wurden, um sie für das Paarlaufen klein und zierlich zu halten.

Ein Schock und lebenslange Schmerzen
Marie-Kathrin Karnitz, eine Weltklasse-Paarläuferin, die an zahlreichen internationalen Wettbewerben teilnahm, erfuhr erst Jahre später, 1997, dass sie 1986 als 16-Jährige und somit minderjährig Oral Turinabol erhalten hatte. Dies war ein „Riesenschock“ für sie. Heute ist Karnitz als Dopingopfer anerkannt und kämpft tagtäglich mit Schmerzen. Sie engagiert sich im Dopingopferhilfeverein, der über 700 ehemalige Sportler, darunter mehrere Eiskunstläuferinnen, unterstützt. Lange Zeit konnte sie nicht glauben, dass der Eiskunstlauf, wie auch das Turnen, genauso „verseucht“ war wie Kraftsportarten, doch es ging nicht nur um den Muskelaufbau, sondern um Athletik, Ausdauer und die Aufrechterhaltung eines niedrigen Körpergewichts.

Auch Karin Miegel, die mit elf Jahren als jüngste weltweit einen Dreifach-Flip sprang, wurde Opfer des Systems. Ihr Dopingprogramm begann bereits mit 13 Jahren. Ein Vergabeplan, explizit mit Medikationstagen und der Menge des Anabolikums Oral Turinabol versehen, zeugt davon. Miegel leidet heute unter unheimlichen Muskelschmerzen, gynäkologischen und psychischen Problemen sowie Schlafstörungen. Sie betont, dass alle Verantwortlichen wussten, welche Nebenwirkungen die Dopingmittel hatten und dass Kinder, insbesondere Mädchen, in diesem Alter noch schlimmer betroffen waren.

Das Schweigen der Verantwortlichen und die Suche nach Gerechtigkeit
Trotz der erdrückenden Beweise und der Aufarbeitungsarbeit von Wissenschaftlern wie Werner Franke, der geheime Dopingunterlagen sichern konnte, wurde keiner der Ärzte, die im DDR-Eiskunstlauf Doping anordneten, strafrechtlich verurteilt. Das Schweigen der damals zuständigen Sportmediziner hält auch 25 Jahre nach dem Mauerfall an. Einige äußern sich nur über Anwälte und behaupten, der Einsatz der Mittel habe rein medizinische Gründe gehabt.

Der gesamtdeutsche Verband, die Deutsche Eislauf-Union (DEU), hat zwar die Erfolge der DDR-Zeit in ihre eigene Geschichte integriert, nahm aber lange Zeit keinen Kontakt zu den Opfern auf. Erst nach mehrmaliger Anfrage teilte die DEU mit, dass sich Opfer direkt an sie wenden könnten und man nach Möglichkeit Hilfe leisten werde – 25 Jahre nach dem Mauerfall, als die Leiden der Opfer bereits massiv zugenommen hatten.

Katharina Witt, die erfolgreichste Eiskunstläuferin der DDR, erklärte vor Jahren, dass ihr nie Dopingmittel angeboten oder verordnet wurden, und vertritt die Ansicht, Doping mache im Eiskunstlauf keinen Sinn. Sie lehnte es ab, mit der Sendung „Sport inside“ über die Schattenseiten des DDR-Eiskunstlaufs zu sprechen. Viele ihrer ehemaligen Kolleginnen, die heute leiden, bedauern, dass sie in Witt keine Fürsprecherin finden. Susanne Schniirder, die Witt von gemeinsamen Wettkämpfen gut kannte, zeigte sich enttäuscht und wütend über die fehlende Unterstützung.

Ein Kampf gegen das Vergessen
Die jungen Athleten waren Funktionären, Ärzten und Betreuern schutzlos ausgeliefert. Sie mussten einen hohen Preis für den angestrebten Erfolg zahlen. Die Leiden der Dopingopfer, wie Susanne Schniirder, Marie-Kathrin Karnitz und Karin Miegel, sind ein Mahnmal für die dunkle Seite des Leistungssports in der DDR und ein fortwährender Appell, das Schweigen zu brechen und den Opfern endlich umfassende Gerechtigkeit und Anerkennung zukommen zu lassen.

Der Entwurf für ein freies Mediengesetz im Dezember 1989

Journalistischer Text - Profil Zehn Thesen für eine neue Medienordnung der DDR Am 21. Dezember 1989 wird ein Text öffentlich, in dem Journalisten und Künstler gemeinsam formulieren, wie eine freie Presse in Zukunft rechtlich abgesichert werden soll. Wenn ich heute diesen Entwurf lese, sehe ich darin den Versuch jener Generation, die Deutungshoheit über die eigene Wirklichkeit zurückzugewinnen. Man spürt beim Betrachten der Punkte, dass es einigen Akteuren nicht nur um Reformen ging, sondern um eine fundamentale Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Öffentlichkeit, getragen von der Erfahrung jahrelanger Gängelung. Es scheint, als hätten viele Beteiligte in diesen Wochen die seltene historische Lücke erkannt, in der man Strukturen schaffen wollte, die immun gegen Machtmissbrauch sind. Für den heutigen Betrachter wirkt der Text wie ein Dokument des Übergangs, in dem die Hoffnung auf eine selbstbestimmte, demokratische DDR-Gesellschaft noch greifbar ist. Journalistischer Text - Seite 1 Das Ende der staatlichen Informationskontrolle Der Gesetzentwurf postuliert eine gerichtliche Einklagbarkeit von behördlichen Informationen und verbietet jegliche staatliche Einmischung in die redaktionelle Arbeit der Medien. Ich stelle mir vor, wie befreiend diese Forderung für jene gewirkt haben muss, die jahrelang gegen Wände aus Schweigen und Propaganda angelaufen sind. Es wirkt in der Rückschau so, als wollte man mit diesen Paragrafen ein für alle Mal verhindern, dass Informationen jemals wieder als Herrschaftswissen missbraucht werden können. Journalistischer Text - Seite 2 Mitbestimmung in den Redaktionen Die Thesen verlangen, dass Chefredakteure und Intendanten nur durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitarbeiter und nur auf Zeit in ihr Amt berufen werden dürfen. Beim Lesen dieses Abschnitts denke ich an die tiefgreifende Skepsis gegenüber Autoritäten, die viele Medienschaffende in jener Zeit geprägt haben muss. Dieser Passus zeugt von dem Wunsch einiger, die Demokratisierung nicht an der Pforte des Betriebes enden zu lassen, sondern sie direkt in die Hierarchien der Redaktionen hineinzutragen. Weitere Überschriften Verfassungsrang für die Informationsfreiheit Quellenschutz und Gewissensfreiheit für Autoren Öffentliche Kontrolle statt staatlicher Zensur Der Weg zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk Medienvielfalt als Spiegel der Gesellschaft Unabhängiger Medienrat als Kontrollinstanz