Das Kaßberg-Gefängnis: Die vergessenen Opfer des Uranbergbaus

Chemnitz. Das Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz, oft bekannt als letzte Station für freigekaufte Häftlinge auf dem Weg in den Westen, birgt eine weitaus dunklere und weitgehend unbekannte Geschichte: Es war der Hauptstandort für die Inhaftierung von „Wismut-Kumpeln“, die ins Räderwerk der Geheimdienste gerieten. Besonders in den frühen Nachkriegsjahren nutzte der sowjetische Geheimdienst die Zellen nicht nur, um sich dem entstehenden kommunistischen System widersetzende Personen zu inhaftieren, sondern auch, um vermeintliche Delinquenten innerhalb des späteren SAG Wismut-Betriebs zu maßregeln.

Die Vergehen, für die Menschen inhaftiert wurden, waren oft konstruiert, die Strafen jedoch drakonisch. Während es in der Tat Sabotageversuche gab, landeten viele Unschuldige aufgrund falscher Anschuldigungen oder sogar nur wegen der Diskussion über einen Streik in Haft und wurden zu hohen Strafen verurteilt. Die Bedrohung reichte bis zu 25 Jahren Haft, und auch Todesurteile wurden vollstreckt – bis zu 63 Hinrichtungen sind dokumentiert, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Die Daten stammen aus russischen Archiven, die in den 1990er Jahren zugänglich waren. Die Gründe für die Todesurteile sind oft unklar, und Geständnisse müssen mit großer Vorsicht betrachtet werden, da ein Teil davon unter Folter und Zwang zustande kam. Die Vorwürfe betrafen oft Erzdiebstahl, vermeintliche Sabotageakte oder Spionage.

Hintergrund dieser rigiden Überwachung war das nukleare Wettrüsten, bei dem die Sowjetunion versuchte, aufzuholen. Das dringend benötigte Uran stammte zunächst vor allem aus Sachsen. Die sowjetische Besatzungsmacht legte größten Wert darauf, so schnell und so viel Uran wie möglich aus Sachsen und später auch Thüringen zu gewinnen. Bis 1952 waren die Grenzen noch offen, und auch danach war die Flucht über die „grüne Grenze“ möglich. Daher hegten die sowjetischen Besatzer große Angst vor Sabotage, Erzdiebstahl und ein tiefes Misstrauen gegenüber der deutschen Belegschaft. Viele der Bergarbeiter hatten nur wenige Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg als Feinde der Sowjetunion gegolten. Man rechnete mit der Möglichkeit einer Untergrundbewegung und griff bei leisestem Verdacht massiv in die Belegschaftsstruktur ein.

In den 1950er Jahren überdachten die sowjetischen Besatzer ihr Vorgehen, da sich der Personalbedarf im Uranbergbau kaum durch Repressalien und Zwang decken ließ. Nach Stalins Tod setzte man daher vermehrt auf Anreize wie höhere Löhne, Vergünstigungen und soziale Absicherung. Man hatte erkannt, dass ein so riesiger Bergbaubetrieb nicht allein mit Zwang zu organisieren war. Nach Stalins Tod und der Gründung der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft Wismut endeten die schlimmsten Repressionen, aber die Überwachung und Bedrückung der Belegschaft blieben bestehen. Misstrauen blieb Staatsprinzip nach dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Auch sowjetische Wismut-Angehörige wurden überwacht. Mitte der 1950er Jahre wurde die Verantwortung für die Überwachung zunehmend an die Staatssicherheit der DDR übertragen.

Die Geschichten über erpresste Geständnisse und Todesurteile unter Wismut-Bergleuten sind heute kaum präsent. Dies liegt auch daran, dass die Arbeit unter Tage in der Region oft verklärt wurde und der hohe Preis, der dafür gezahlt wurde, in Vergessenheit geraten ist.

Das Konzert vom 2. Dezember 1989: Biermann, Wegner und die DDR-Opposition

Journalistischer Text – Facebook Der 2. Dezember 1989 markiert im kulturellen Gedächtnis der deutschen Teilung einen Moment von seltener Intensität. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der ersten freien Wahl fand im Ost-Berliner „Haus der Jungen Talente“ eine Veranstaltung statt, die den Titel „Verlorene Lieder – verlorene Zeit“ trug. Es handelte sich um das erste gemeinsame Konzert von in der DDR verbliebenen Liedermachern und jenen Künstlern, die das Land nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 verlassen mussten. Die Atmosphäre im Saal war geladen, geprägt von einer Mischung aus Euphorie, Neugier und der unverarbeiteten Bitterkeit der vergangenen Jahre. Auf der Bühne trafen Welten aufeinander. Wolf Biermann, der erst einen Tag zuvor sein erstes Konzert in Leipzig gegeben hatte, dominierte den Abend mit einer Haltung des historischen Triumphs. Ihm gegenüber standen Künstler wie Bettina Wegner, die weniger die politische Abrechnung als vielmehr den menschlichen Schmerz der Trennung thematisierte. Ihr Lied „Kinder“ wurde zu einem emotionalen Zentrum des Abends. Gleichzeitig vertraten Dagebliebene wie Hans-Eckardt Wenzel oder Gerhard Schöne eine Position, die sich gegen eine vereinfachende Siegermentalität des Westens wandte. Sie pochten auf die Würde einer eigenständigen ostdeutschen Erfahrung, die sich nicht allein durch Anpassung oder Flucht definieren ließ. Besondere Brisanz erhielt der Abend durch die Anwesenheit des damaligen Kulturministers Dietmar Keller. In einer für DDR-Funktionäre präzedenzlosen Geste entschuldigte er sich öffentlich für das Unrecht der Ausbürgerungen. Doch die anschließenden Diskussionen zeigten, dass eine einfache Versöhnung kaum möglich war. Die Gräben zwischen den Exilanten, die die DDR von außen bekämpften, und den Kritikern im Inneren, die das System reformieren wollten, traten offen zutage. Das Konzert dokumentiert somit nicht nur eine musikalische Wiedervereinigung, sondern auch den Beginn eines schwierigen Dialogs über Deutungshoheit und Biografie, der die Nachwendezeit noch lange prägen sollte.