Michael Kretschmer zum 35. Jahrestag des Mauerfalls und der Friedlichen Revolution

Michael Kretschmer beginnt seine Ausführungen mit einer emotionalen Würdigung des 9. November 1989 als dem „glücklichsten Tag unserer deutschen Geschichte“. Dieser Tag symbolisiert für ihn die Erringung der Freiheit und das Ende einer der größten Trennlinien in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Mauer, die Ost- und Westdeutschland über Jahre hinweg getrennt hatte, war gefallen, und mit ihr eine Zeit der staatlich verordneten Teilung und des Misstrauens. In diesem Kontext betont Kretschmer, wie bedeutend es ist, sich an diesen historischen Moment zu erinnern, und verweist auf das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig als einen zentralen Ort, an dem die Geschichte von der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall lebendig wird.

„Hier kann man diese Geschichte noch einmal ganz persönlich erleben“, sagt Kretschmer und hebt hervor, dass der Ort nicht nur für jene von Bedeutung ist, die zu den Ereignissen selbst beigetragen haben, sondern auch für die nachfolgenden Generationen. Insbesondere die Kinder und Enkel sollen verstehen, was es bedeutet, „dass die Freiheit nicht selbstverständlich ist und dass sie erkämpft werden muss“. Der Ministerpräsident sieht in diesem Forum einen wertvollen Raum für den Dialog und für die Vermittlung dieser wichtigen Geschichte.

Ein zentraler Punkt seines Statements ist die Erinnerung an das berühmte „Wir sind das Volk“, das von den Demonstranten in der DDR vor dem Mauerfall skandiert wurde. Für Kretschmer markierte dieser Slogan den Beginn eines neuen Zeitalters, in dem die Bürger des Ostens für ihre Freiheit und ihre Rechte kämpften. Später wurde dieser Slogan durch „Wir sind ein Volk“ ergänzt, was den Wunsch nach Einheit und Zusammengehörigkeit zwischen Ost und West unterstrich. Diese Botschaft sei heute genauso relevant wie damals, so Kretschmer, und müsse weitergetragen werden. In Zeiten von Krisen und Unsicherheiten, wie etwa der Corona-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine oder den Herausforderungen der Energiepolitik, sei es umso wichtiger, dass sich die Menschen auf das besinnen, was sie miteinander verbindet. „Die verschiedenen Meinungen gehören zusammen“, erklärt er, „und wir können, Gott sei Dank, weil wir uns die Freiheit erkämpft haben, auch diese unterschiedlichen Meinungen haben“.

Kretschmer macht jedoch auch deutlich, dass die Einheit und die Freiheit, die mit dem Mauerfall erreicht wurden, nicht das Ende des Weges bedeuten. „Wir sind noch nicht am Ende. Vieles ist noch vor uns“, so der Ministerpräsident. Dies ist ein Hinweis darauf, dass trotz der vielen Fortschritte, die seit der Wiedervereinigung erzielt wurden, noch immer Herausforderungen bestehen, die bewältigt werden müssen. Insbesondere die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach wie vor spürbar. Die „blühenden Landschaften“, die nach der Wiedervereinigung versprochen wurden, sind längst nicht überall Realität. In vielen Regionen, insbesondere im Osten Deutschlands, gibt es noch immer strukturelle Unterschiede und wirtschaftliche Disparitäten.

„Vieles ist gelungen“, so Kretschmer weiter, „aber es gibt noch Unterschiede“. Die Arbeit an einer gleichwertigen Lebensqualität in allen Teilen des Landes sei daher nach wie vor notwendig. Kretschmer fordert die Bürger dazu auf, weiterhin an der Gestaltung einer positiven Zukunft mitzuwirken. „Machen Sie mit. Es lohnt sich, diese Freiheit zu gestalten“, lautet sein Appell. Damit ruft er zu einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben auf, um auch in Zukunft eine vereinte und freie Gesellschaft zu schaffen, die sich den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft stellt.

Kretschmers Videostatement vermittelt auf eindrucksvolle Weise, wie eng die Geschichte des Mauerfalls mit der heutigen Zeit verknüpft ist. Die Erinnerung an den Fall der Mauer ist nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein Aufruf, die Werte von Freiheit, Einheit und Demokratie auch heute noch aktiv zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Der Ministerpräsident nutzt die Gelegenheit, um zu betonen, dass Deutschland, trotz der noch bestehenden Unterschiede und Herausforderungen, als ein vereintes Volk voranschreiten sollte. Die Friedliche Revolution von 1989, die das Vertrauen der Menschen in die Demokratie und die Freiheit stärkte, bleibt ein Schlüsselereignis auf dem Weg zu einer gerechten und freien Gesellschaft für alle.

Keine Helden, sondern Menschen: Vorbilder in der DDR-Geschichte

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn wir heute über Vorbilder aus der DDR sprechen, landen wir selten bei den Namen, die in den Geschichtsbüchern stehen, sondern oft am Küchentisch der eigenen Großmutter. Teaser: Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die Koordinaten von Bewunderung verschieben, sobald der staatliche Rahmen wegfällt. In vielen Gesprächen über die Vergangenheit schält sich ein Typus Mensch heraus, der für viele Ostdeutsche bis heute prägend ist: die Frau, die im Akkord arbeitete, den Mangel verwaltete und dabei ihre Freundlichkeit nicht verlor. Diese „proletarische Würde“, wie sie in Erinnerungen auftaucht, hat nichts mit der Arbeiter-und-Bauern-Romantik der SED zu tun. Sie ist vielmehr ein privater Gegenentwurf zur öffentlichen Ideologie. Neben diesen familiären Ankern richtet sich der Blick oft auf die unterschiedlichen Phasen des Widerstands. Es wird sehr genau unterschieden zwischen dem fast lebensmüden Mut der 50er Jahre, der oft im Gulag endete, und der Bürgerrechtsbewegung der 80er. Beides verlangte Haltung, doch die Konsequenzen waren andere. Es zeugt von einem feinen Gespür für historische Gerechtigkeit, wenn heute jenen Respekt gezollt wird, die damals den höchsten Preis zahlten und deren Geschichten oft leiser erzählt werden als die der Wende-Aktivisten. Am Ende bleibt der Eindruck, dass der eigentliche Held der DDR-Geschichte vielleicht gar keine Einzelperson ist. Es ist vielmehr eine Haltung: der „normale Anstand“. Die Fähigkeit, in einem System, das Anpassung belohnte, bei sich zu bleiben, ohne dabei zwingend zum Märtyrer zu werden. Diese Alltagsintegrität ist schwer in Denkmäler zu gießen, aber sie ist das Fundament, auf dem viele ostdeutsche Biografien heute noch ruhen. Die Geschichten dieser leisen Beständigkeit füllen die Lücken zwischen den großen historischen Zäsuren nur sehr langsam. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die Suche nach historischen Vorbildern in Ostdeutschland offenbart eine interessante Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Erinnerung. Teaser: Wer gilt eigentlich als „Held“ in einer Diktatur? Die Antworten auf diese Frage sind im ostdeutschen Kontext vielschichtiger, als es die gängigen Debatten um Täter und Opfer oft zulassen. Bei genauerem Hinhören zeigt sich, dass die Bewunderung oft jenen gilt, die politische Brüche moderierten, statt sie zu radikalisieren. Die Akteure der Runden Tische, die 1989 den Übergang friedlich gestalteten und Gewalt verhinderten, nehmen in der Rückschau einen hohen Stellenwert ein. Ihre Leistung war die Deeskalation in einer hochexplosiven Zeit. Gleichzeitig wird die Erinnerungskultur stark von kulturellen Identifikationsfiguren geprägt. Ob Kosmonaut Sigmund Jähn oder kritische Liedermacher – sie boten Projektionsflächen für einen Stolz oder einen Protest, der sich jenseits der Parteilinie bewegte. Diese Figuren schufen einen Resonanzraum für Gefühle, die im offiziellen Sprech keinen Platz hatten. Interessant ist dabei auch der Blick auf die 1950er Jahre: Der Widerstand dieser frühen Phase, der oft mit draconischen Strafen bis hin zur Hinrichtung geahndet wurde, wird als eine Kategorie für sich wahrgenommen, die sich vom zivilgesellschaftlichen Aufbegehren der 80er Jahre unterscheidet. Die wohl wichtigste Erkenntnis liegt jedoch in der Bewertung des Alltäglichen. Viele Ostdeutsche verehren heute vor allem die „Anständigen“ – jene Menschen, die weder große Oppositionelle noch Mitläufer waren, sondern sich im Kleinen ihre Menschlichkeit bewahrten. Es zeigt sich, dass Geschichte eben nicht nur von den Siegern oder den Lauten geschrieben wird, sondern auch von denen, die im Stillen ihre Integrität wahrten. Diese feinen Unterschiede in der Bewertung von Lebensleistungen prägen das ostdeutsche Selbstverständnis bis heute nachhaltig. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Vielleicht haben wir zu lange auf die lauten Stimmen der Wendezeit gehört und dabei übersehen, wer die Gesellschaft davor eigentlich zusammenhielt. Teaser: Es gibt eine Art stillschweigende Übereinkunft in vielen ostdeutschen Biografien, wenn es um das Thema Vorbilder geht. Der Respekt gehört oft nicht denjenigen, die sich 1989 am schnellsten auf die Bühne stellten, sondern jenen, die über Jahrzehnte hinweg im Verborgenen anständig blieben. Die lauten Rufer der Revolution sind in der Erinnerung oft verblasst oder im neuen System untergegangen. Was bleibt, ist die Hochachtung vor der stillen Resistenz des Alltags. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von der politischen Aktion hin zur menschlichen Haltung. Es geht um die Großmutter, die trotz Akkordarbeit nicht verbitterte, oder den Kollegen, der sich nicht verbiegen ließ. Diese Form der Integrität taugt selten für Schlagzeilen, aber sie bildet den moralischen Kern einer Erinnerungsgemeinschaft. Die wahren tragenden Säulen einer Gesellschaft werden oft erst sichtbar, wenn der Lärm des Umbruchs sich gelegt hat und der Blick frei wird für das Wesentliche.