Schwerin: Lange Wartezeiten in den DDR-Polikliniken im Jahr 1982

Die medizinische Grundversorgung war ein zentraler Aspekt des Gesundheitswesens in der DDR, wobei Polikliniken eine Schlüsselrolle spielten. Eine Kontrolle der Arbeiter- und Bauerninspektion (ABI) im Jahr 1982 zeigte jedoch erhebliche organisatorische Schwächen in den Schweriner Polikliniken auf, die sich vor allem in langen Wartezeiten, mangelndem Terminmanagement und unzureichenden Sprechzeiten äußerten.

Patienten berichteten von Wartezeiten von bis zu 3,5 Stunden, bevor sie von einem Allgemeinmediziner behandelt wurden. Besonders betroffen waren die Polikliniken West und Lankow, in denen kein Bestellsystem existierte und Früh- oder Spätsprechstunden nicht angeboten wurden. Im Vergleich dazu wiesen die Zentralklinik und das Stadtambulatorium Goethestraße deutlich geringere Wartezeiten auf. Letzteres glänzte mit einer durchschnittlichen Wartezeit von nur 20 Minuten, was auf ein seit über zehn Jahren etabliertes Bestellsystem zurückzuführen war.

Die ABI-Kontrolle hob mehrere Hauptprobleme hervor. Zunächst fehlte in den meisten Polikliniken ein funktionierendes Terminmanagement. Patienten mussten unangemeldet erscheinen und konnten lediglich hoffen, an diesem Tag behandelt zu werden. Darüber hinaus waren die Sprechstundenzeiten häufig nicht öffentlich ausgehängt, was die Planung für Patienten zusätzlich erschwerte. Früh- und Spätsprechstunden, die besonders für Berufstätige wichtig sind, wurden kaum angeboten. Mittwochnachmittage blieben regulären Sprechstunden komplett vorbehalten und waren stattdessen für Weiterbildungen und Beratungen vorgesehen, was dazu führte, dass dringende Fälle nur im Ausnahmefall behandelt wurden.

Die Analyse der einzelnen Polikliniken zeigte deutliche Unterschiede in der Organisation und Effizienz. In der Poliklinik West, wo kein Bestellsystem existierte, betrugen die Wartezeiten im Durchschnitt dreieinhalb Stunden. Frühsprechstunden gab es nicht, sodass Berufstätige kaum eine Möglichkeit hatten, vor Arbeitsbeginn einen Arzt aufzusuchen. Ähnlich sah es in der Poliklinik Lankow aus, wo Patienten durchschnittlich drei Stunden warteten. Zwar wurden hier Frühsprechstunden angeboten, doch fehlte auch hier ein System zur Terminvergabe.

Die Poliklinik Großer Dreesch wies mit durchschnittlich 50 Minuten vergleichsweise moderate Wartezeiten auf, bot jedoch ebenfalls keine Sprechstunden außerhalb der regulären Arbeitszeiten an. Ein anderes Bild zeigte sich im Stadtambulatorium Goethestraße, das trotz schwieriger äußerer Bedingungen – der Altbau war weniger gut ausgestattet – mit einer durchschnittlichen Wartezeit von nur 20 Minuten überzeugte. Hier war ein konsequentes Bestellsystem seit Jahren Standard, und sowohl Früh- als auch Spätsprechstunden wurden regelmäßig angeboten.

Die Ursachen für die Missstände waren vielfältig. Einerseits herrschte ein Mangel an Allgemeinmedizinern, der durch die hohe Arbeitsbelastung zusätzlich verschärft wurde. Andererseits fehlte es vielerorts an Flexibilität in der Organisation der Arbeitsabläufe. Einige Einrichtungen hielten an starren Arbeitszeiten fest und versäumten es, diese an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen.

Angesichts der Ergebnisse der ABI-Kontrolle wurde ein Maßnahmenplan entwickelt, um die Situation nachhaltig zu verbessern. Dieser sah unter anderem die Einführung eines flexiblen Bestellsystems in allen Polikliniken vor. Früh- und Spätsprechstunden sollten verstärkt angeboten werden, insbesondere für Berufstätige. Zudem sollten die Sprechstunden- und Pausenzeiten öffentlich ausgehängt werden, um für mehr Transparenz zu sorgen. Der bisher ungenutzte Mittwochnachmittag sollte künftig für reguläre Sprechstunden geöffnet werden.

Darüber hinaus sollten Gespräche mit Teilzeitbeschäftigten geführt werden, um deren Arbeitszeit flexibler zu gestalten und die volle Auslastung zu gewährleisten. Ziel war es, die Effizienz der Arbeitsabläufe zu steigern und die Wartezeiten für Patienten zu reduzieren.

Bereits kurz nach der Einführung des Maßnahmenplans wurden in einigen Polikliniken erste Fortschritte sichtbar. In der Poliklinik Lankow wurden die Sprechzeiten öffentlich ausgehängt, und ein Bestellsystem wurde implementiert. Allerdings wurden Spätsprechstunden hier weiterhin nicht angeboten. Auch in der Poliklinik West zeigte sich eine Verbesserung, wenngleich die Veränderungen noch nicht vollständig umgesetzt waren.

Ein besonders positives Beispiel blieb das Stadtambulatorium Goethestraße. Hier wurden Früh- und Spätsprechstunden seit Jahren konsequent durchgeführt, und die Patienten äußerten sich durchweg zufrieden. Ein funktionierendes Bestellsystem, motiviertes Personal und eine stabile Arbeitsorganisation trugen maßgeblich zu diesem Erfolg bei. Die Mitarbeiter arbeiteten seit Jahren in einem gut eingespielten Team, was eine effektive Organisation der Sprechstunden erleichterte.

Die ABI-Kontrolle machte deutlich, dass organisatorische Defizite die medizinische Versorgung erheblich beeinträchtigen können. Gleichzeitig zeigte sie auf, dass durch gezielte Maßnahmen und eine konsequente Umsetzung deutliche Verbesserungen erzielt werden können. Während in einigen Polikliniken bereits Fortschritte sichtbar wurden, bleibt die nachhaltige Umsetzung der Maßnahmen eine langfristige Herausforderung.

Der Fall Schwerin verdeutlicht, wie wichtig eine effiziente Arbeitsorganisation, motiviertes Personal und ein patientenorientierter Ansatz für die Qualität der Gesundheitsversorgung sind. Insbesondere das Stadtambulatorium Goethestraße zeigt, dass auch unter schwierigen Bedingungen eine effiziente und patientenfreundliche Organisation möglich ist. Dieses Beispiel könnte als Modell für andere Einrichtungen dienen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Die inoffizielle Hierarchie der DDR-Gesellschaft jenseits der Ideologie

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gehört zu den prägenden Erfahrungen vieler Ostdeutscher, dass der berufliche Titel auf dem Klingelschild wenig darüber aussagte, wie es hinter der Wohnungstür tatsächlich aussah. Teaser: Wer sich an die Strukturen der DDR erinnert, stößt schnell auf ein Paradoxon, das den Alltag vieler Familien bestimmte. Da war der Ingenieur, der komplexe Fertigungsanlagen plante, aber am Wochenende hilflos vor einem tropfenden Wasserhahn stand, weil ihm sowohl das Material als auch die Verbindung zum Klempner fehlte. Und da war der Nachbar, der als Fernfahrer im internationalen Verkehr unterwegs war und dessen Wohnzimmer mit Geräten ausgestattet war, die der Ingenieur nur aus dem Westfernsehen kannte. Diese Diskrepanz war kein Zufall, sondern ein systemimmanenter Effekt. Die staatlich verordnete Gleichheit führte nicht zur Abschaffung von Hierarchien, sie verschob sie nur auf andere Ebenen. Nicht mehr der Bildungsabschluss oder die Verantwortung im Beruf waren die primären Währungen für sozialen Aufstieg und materiellen Wohlstand, sondern der Zugriff auf das, was fehlte. In einer Gesellschaft, in der Geld im Überfluss vorhanden, aber Waren knapp waren, verschoben sich die Machtverhältnisse zugunsten derer, die Mangel verwalten oder umgehen konnten. Das führte zu einer schleichenden Entwertung akademischer Biografien und zu einem leisen, aber stetigen Frust bei jenen, die glaubten, Leistung müsse sich lohnen. Die wirkliche Elite bildete sich oft im Verborgenen, in den Netzwerken der "Zweiten Ökonomie" und auf den Raststätten der Transitautobahnen. Es entstand eine Gesellschaft, in der die offizielle Ordnung und die gelebte Wirklichkeit immer weiter auseinanderklafften, bis sie nicht mehr zu vereinbaren waren. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Die soziale Ordnung der DDR folgte einer Logik, die in keinem Lehrbuch für Marxismus-Leninismus zu finden war und die den Alltag dennoch stärker prägte als jeder Parteitagsbeschluss. Teaser: Wenn man heute auf die Gesellschaftsstruktur der DDR blickt, muss man den Begriff der "Klasse" neu definieren. Es ging weniger um den Besitz von Produktionsmitteln als um den Besitz von "Beziehungen" und Devisen. Eine Analyse der Versorgungswege zeigt deutlich, wie sich eine inoffizielle Hierarchie etablierte, die quer zu den staatlichen Zielen lag. Fernfahrer und Handwerker verfügten über ökonomische Hebel, die vielen Ärzten oder Lehrern fehlten. Während die Politik versuchte, die Intelligenz materiell nicht zu stark von der Arbeiterklasse abzuheben, schuf der Mangel eigene Privilegien. Wer Devisen besaß oder eine begehrte Dienstleistung anzubieten hatte, konnte sich aus den Zwängen der Planwirtschaft teilweise befreien. Diese Mechanismen führten zu einer tiefen Fragmentierung der Gesellschaft, in der der offizielle Status oft im Widerspruch zur realen Kaufkraft stand. Das System der Privilegien war dabei so fein austariert, dass jeder genau wusste, wo er in dieser unsichtbaren Rangordnung stand. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer im Sozialismus studierte, tat dies selten in der Erwartung, später einmal zu den Großverdienern der Gesellschaft zu gehören. Teaser: Die Nivellierung der Einkommen war politisches Programm, doch sie hatte unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Dass ein erfahrener Facharzt oft kaum mehr verdiente als ein Schichtarbeiter und deutlich weniger Möglichkeiten hatte als ein Handwerker im Schwarzarbeits-Sektor, sorgte für eine stille Erosion der Leistungsmotivation. Die Währung der Anerkennung war entkoppelt von der Währung des Konsums. Man lebte in einem System, in dem derjenige am meisten galt, der organisieren konnte, was

Das Konzert vom 2. Dezember 1989: Biermann, Wegner und die DDR-Opposition

Journalistischer Text – Facebook Der 2. Dezember 1989 markiert im kulturellen Gedächtnis der deutschen Teilung einen Moment von seltener Intensität. Wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor der ersten freien Wahl fand im Ost-Berliner „Haus der Jungen Talente“ eine Veranstaltung statt, die den Titel „Verlorene Lieder – verlorene Zeit“ trug. Es handelte sich um das erste gemeinsame Konzert von in der DDR verbliebenen Liedermachern und jenen Künstlern, die das Land nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 verlassen mussten. Die Atmosphäre im Saal war geladen, geprägt von einer Mischung aus Euphorie, Neugier und der unverarbeiteten Bitterkeit der vergangenen Jahre. Auf der Bühne trafen Welten aufeinander. Wolf Biermann, der erst einen Tag zuvor sein erstes Konzert in Leipzig gegeben hatte, dominierte den Abend mit einer Haltung des historischen Triumphs. Ihm gegenüber standen Künstler wie Bettina Wegner, die weniger die politische Abrechnung als vielmehr den menschlichen Schmerz der Trennung thematisierte. Ihr Lied „Kinder“ wurde zu einem emotionalen Zentrum des Abends. Gleichzeitig vertraten Dagebliebene wie Hans-Eckardt Wenzel oder Gerhard Schöne eine Position, die sich gegen eine vereinfachende Siegermentalität des Westens wandte. Sie pochten auf die Würde einer eigenständigen ostdeutschen Erfahrung, die sich nicht allein durch Anpassung oder Flucht definieren ließ. Besondere Brisanz erhielt der Abend durch die Anwesenheit des damaligen Kulturministers Dietmar Keller. In einer für DDR-Funktionäre präzedenzlosen Geste entschuldigte er sich öffentlich für das Unrecht der Ausbürgerungen. Doch die anschließenden Diskussionen zeigten, dass eine einfache Versöhnung kaum möglich war. Die Gräben zwischen den Exilanten, die die DDR von außen bekämpften, und den Kritikern im Inneren, die das System reformieren wollten, traten offen zutage. Das Konzert dokumentiert somit nicht nur eine musikalische Wiedervereinigung, sondern auch den Beginn eines schwierigen Dialogs über Deutungshoheit und Biografie, der die Nachwendezeit noch lange prägen sollte.