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Ein Leben im Schatten: Die DDR, die Stasi und der Fall der Mauer

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Die Berliner Mauer, ein ergreifendes Symbol der Trennung und Unterdrückung, beherrschte fast drei Jahrzehnte lang das Leben von Millionen Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Ihre Existenz spiegelte den tiefen ideologischen Graben des Kalten Krieges wider, der Deutschland nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg teilte. Aus den westlichen Besatzungszonen entstand 1949 die Bundesrepublik Deutschland (BRD), während in der sowjetischen Ostzone die DDR gegründet wurde. Berlin, als geteilte Stadt mitten im kommunistischen Feindesland, wurde zum direkten Berührungspunkt dieser beiden Welten.

Das Wirtschaftswunder im Westen versus Entbehrung im Osten
Während Westdeutschland ein „Wirtschaftswunder“ erlebte, litt die Wirtschaft der DDR erheblich, nicht zuletzt durch die systematische Demontage von Industrieanlagen durch die Sowjetunion unter Josef Stalin. Dies führte zu einer rapiden Verschlechterung der ökonomischen Lage und der Lebensbedingungen in der DDR. Der Alltag war geprägt von Armut, was vielen Menschen geradezu zynisch erschien, angesichts der staatlichen Propaganda, die den Sieg des Sozialismus verkündete. Ein Vergleich des Lebensstils zwischen Ost- und West-Berlin machte die Unterschiede deutlich, wobei Ost-Berlin oft als „armes Land“ wahrgenommen wurde, dem es an vielen Gütern des täglichen Bedarfs mangelte, wie zum Beispiel Südfrüchten oder guter Schokolade.

Die Mauer: Ein Gefängnis im eigenen Land
Anfang der 1960er Jahre entschieden sich viele Bürger, die repressiven Verhältnisse nicht länger hinzunehmen und verließen die DDR in großer Zahl in Richtung Westdeutschland. Schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen machten sich auf den Weg, was die DDR in ihren Arbeitskräften schwächte. Um diesen Strom zu stoppen, ließ die Regierung in der Nacht zum 13. August 1961 Stacheldraht entlang der Grenze zu West-Berlin ziehen. Dies war der Beginn des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die DDR-Propaganda die Mauer nannte. Die zunächst offene Grenze wurde unpassierbar. Familien und Freunde wurden getrennt, und Tausende von Pendlern verloren ihren Arbeitsplatz in West-Berlin. Für die in der DDR Verbliebenen bedeutete dies: eingesperrt im eigenen Land. Die Mauer entwickelte sich von einem einfachen Stacheldrahtzaun zu einem komplexen, militärischen Sperranlagensystem, bekannt als „Todesstreifen“. Dieses System umfasste Mauern, Zäune, Signalzäune, Panzersperren und Postentürme, von denen Grenzsoldaten mit dem Befehl, notfalls auf Flüchtende zu schießen, patrouillierten. Mindestens 140 Menschen verloren zwischen 1961 und 1989 bei dem Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, ihr Leben.

Die Allgegenwart der Angst: Das System der Stasi
Parallel zum Ausbau der äußeren Mauer perfektionierte die DDR-Staatssicherheit, die Stasi, geformt nach dem Vorbild des sowjetischen Geheimdienstes, ihre flächendeckende Überwachung der eigenen Bevölkerung. Die Stasi war eine der gefürchtetsten Institutionen der DDR. Ihr Ziel war es, jeden Winkel des gesellschaftlichen Lebens zu durchdringen und im Blick zu behalten, um jede Opposition im Keim zu ersticken. Akribisch wurden selbst kleinste Alltagsdetails von Millionen Bürgern beobachtet und katalogisiert. Misstrauen wurde geschürt, und die Menschen lernten schon als Kinder, dass nicht alles, was zu Hause besprochen wurde, in der Öffentlichkeit oder in der Schule gesagt werden durfte. Die Angst vor dem eigenen Staat wurde verinnerlicht.

Die Stasi nutzte ein breites Arsenal an Methoden zur Überwachung und „Zersetzung“, einer Form des Psychoterrors ohne Inhaftierung. Dazu gehörten das Anzapfen von Telefonen, das Verwanzen von Wohnungen, Überwachung per Kamera, Verleumdungskampagnen, Erpressung und das Streuen falscher Informationen. Ihre effektivste Waffe war jedoch ein weit verzweigtes Netzwerk von Bürgern, die zu Informanten wurden, sogenannte inoffizielle Mitarbeiter (IMs). Diese rekrutierten sich aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Dichte der Bespitzelung war selbst für Diktaturen einmalig hoch, mit einem hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter auf 180 Einwohner.

Persönliche Berichte verdeutlichen das Ausmaß dieser Kontrolle und der psychischen Belastung. Michael Kaiser wurde als Jugendlicher nach einem Fluchtversuch wöchentlich verhört, wobei selbst banale Handlungen wie der Kauf einer zweiten Bockwurst verdächtig waren und tagelange Vernehmungen nach sich ziehen konnten. Die ehemalige Fernsehansagerin Edda Schönherz, die eine Ausreise beantragte, erlebte, wie die Stasi ihr Leben überwachte und sie schließlich verhaftete und zu drei Jahren Haft verurteilte.

Hohenschönhausen: Das berüchtigte Gefängnis
Ein zentraler Ort des Stasi-Terrors war die zentrale Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen in Ost-Berlin, ein Ort, der offiziell nicht existierte und auf keiner Karte verzeichnet war. Dort wurden politische Gefangene und Fluchtwillige inhaftiert und verhört. Renate Werwig Schneider, die nach einem gescheiterten Tunnelversuch inhaftiert wurde, beschreibt Hohenschönhausen als eine der schlimmsten Haftanstalten, besonders aufgrund des „rein Psychoterrors“ und der psychologischen Folter. Methoden wie permanenter Schlafentzug durch helles Licht in der Zelle waren an der Tagesordnung.

Fluchtversuche und die unerschrockene Suche nach Freiheit
Trotz der enormen Gefahr und der tödlichen Hindernisse gaben viele Menschen den Traum von Freiheit nicht auf. Es gab verschiedenste Fluchtversuche, darunter Sprünge aus Häusern entlang der Grenze, Flucht in Heißluftballons oder durch Tunnel. Fluchttunnel waren ein besonderes Phänomen in Berlin, von denen es rund 75 gab, wenngleich nur etwa 25 erfolgreich waren. Diese Tunnel, oft von Laien wie Studenten gegraben, waren extrem gefährlich; sie waren schmal, provisorisch abgestützt und konnten einstürzen oder überflutet werden. Die ständige Angst vor Entdeckung war allgegenwärtig. Die Familie von Renate Werwig Schneider entschied sich trotz der Gefahr für einen Tunnelversuch, der jedoch scheiterte, weil ein Stasi-Agent in die Organisation eingeschleust worden war und die Stasi den Tunnel von Anfang an kannte.

Der Herbst ’89: Protest, Missverständnis und das Wunder
Die Unzufriedenheit in der DDR wuchs. 1989 feierte die DDR ihren 40. Jahrestag, doch die Straßen waren erfüllt von Protesten unzufriedener Bürger. Die politischen Reformen Michael Gorbatschows in der Sowjetunion wirkten sich auch auf die DDR aus. In Leipzig demonstrierten Zehntausende friedlich für mehr Freiheit, stets unter der Angst, dass die Demonstration gewaltsam niedergeschlagen werden könnte – doch es gab kein Blutbad.

Die entscheidende Wende kam in der Nacht des 9. November 1989. Auf einer legendären Pressekonferenz verkündete Günther Schabowski, Mitglied des Politbüros, aufgrund eines Missverständnisses neue Reiseregelungen für DDR-Bürger – gültig „ab sofort“. Dieses Versehen von „historischer Größenordnung“ führte dazu, dass die Massen zur Mauer strömten und diese faktisch überrannten.

Der Fall der Mauer: Rausch der Freiheit und die Ernüchterung danach
Der plötzliche Fall der Mauer war ein Schlüsselmoment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er war ein symbolischer Akt der Selbstermächtigung („Wir sind das Volk“) und das Ende einer Ära der Trennung und Unterdrückung. Fernsehbilder zeigten feiernde Menschen, ein „absoluter Rausch“, der gerade weil er so plötzlich kam, umso größer war. Die Mauer, die zuvor Angst und Ohnmacht verkörperte, fiel ohne dass ein einziger Schuss fiel.

Doch auf die anfängliche Euphorie folgte die Ernüchterung. Schon am Morgen nach der Maueröffnung verpuffte die Stimmung bei einigen, als viele Menschen aus dem Osten nach West-Berlin strömten, um das Begrüßungsgeld abzuholen, Bananen zu kaufen und sich zunächst weniger um Politik zu kümmern. In Ostdeutschland verschlechterte sich vieles; es setzte eine Rezession ein, und massive Arbeitslosigkeit traf die Menschen. Viele entwickelten schnell das Gefühl, „second class citizen“ zu sein. Positionen wurden oft mit Westdeutschen besetzt, und der Osten fühlte sich kolonisiert, bewertet nach westlichen Maßstäben.

Das Erbe der Stasi: Die Öffnung der Akten
Nach dem Mauerfall begannen die Verantwortlichen in der DDR, die Spuren der Stasi zu verwischen, indem sie massenweise Akten vernichteten. Bürgerrechtler stürmten das Stasi-Hauptquartier, um die Zerstörung zu verhindern und das Ausmaß der Überwachung ans Licht zu bringen. Millionen von Karteikarten, Fotos, Filme und über 100 Kilometer Akten wurden gesichert. Roland Jahn, der als Student selbst vom Regime verfolgt und ausgebürgert worden war, war einer der ersten, die das Gebäude betraten, mit dem Ziel, die Archive zu erhalten, um die Machenschaften der Diktatur aufzuklären.

Nach einer hitzigen Debatte über den Umgang mit den Akten und die Befürchtung von Racheakten wurde das Stasi-Archiv 1992 schließlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für viele Opfer war die Einsicht in ihre Akte erschütternd. Sie erfuhren das Ausmaß der Bespitzelung, fanden detaillierte Beschreibungen ihrer Wohnungen, Fotos oder sogar Analysen des Schulwegs ihrer Kinder. Ein Bericht beschreibt eine Akte, die selbst banale Reisepläne erfasste und die Gründe für die Reise in Kategorien wie Industriespionage, politische Spionage oder Prostitution einordnete, wobei bei „Liebesinteresse“ ein Haken gemacht war.

Die Lehren aus der Geschichte
Das Wissen um das Leiden und die Unterdrückung in einem Staat, der durch Angst und Kontrolle regiert wurde, lehrt viel über die wertvollen Errungenschaften und das Glück von Freiheit und Demokratie. Viele, die das System erlebt haben, wie Renate Werwig Schneider und Edda Schönherz, teilen heute ihre Erfahrungen als Zeitzeugen, um Menschen wachzurütteln, aufzupassen, was es bedeutet, in einer Diktatur leben zu müssen. Trotz des erlittenen Leids blicken einige nicht in Zorn und Hass zurück, da dies bedeuten würde, dass die Stasi ihr Ziel erreicht hätte, das Leben der Betroffenen zu zerstören. Die Geschichte der DDR und des Falls der Mauer ist ein komplexes Kapitel, das von Mut, Verzweiflung, Unterdrückung und dem unbedingten Wunsch nach Freiheit erzählt.

Pirna plant City Outlet: Kampfansage an den Ladenleerstand

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Pirna rüstet sich für einen umfassenden Wandel in seiner Innenstadt: Ein City Outlet soll die Antwort auf den bestehenden Ladenleerstand sein und die Attraktivität der Elbestadt steigern. An dem Projekt wird bereits seit rund zwei Jahren intensiv gearbeitet, und Machbarkeitsstudien bescheinigen Pirna das notwendige Potenzial für eine Outlet City. Der Stadtrat steht mehrheitlich hinter dem Vorhaben, dessen Entwicklungsprozess mittlerweile von der neu gegründeten City Outlet Pirna GmbH gesteuert wird.

Derzeit befindet sich das Projekt in einer entscheidenden operativen Phase: der intensiven Immobilienanalyse. Diese wird voraussichtlich noch etwa zwei Monate dauern. Über den Oberbürgermeister wurden sämtliche Immobilienbesitzer in einem bestimmten Gebiet angeschrieben, und die Reaktion der Eigentümer sei erfreulich positiv; sie bringen sogar eigene Ideen ein. Sobald dieser Überblick vorliegt, weiß man, von wo aus das Projekt gestartet werden kann.

Ein funktionierendes innerstädtisches Outletprojekt erfordert mindestens 6.000 bis 7.000 m² leerstehende Ladenflächen. Wo in Pirna das größte Potenzial dafür liegt, wird aktuell im Rahmen einer Bestandsanalyse ermittelt. Dabei geht die jetzige Analyse deutlich tiefer als frühere Leerstandskonzepte. Während eine ursprüngliche Leerstandsanalyse aus dem Jahr 2023 lediglich zwischen „steht leer“ und „steht nicht leer“ sowie grob nach Baufälligkeit unterschied, berücksichtigt die aktuelle Untersuchung die Qualität der Flächen im Detail. Erfasst werden nicht nur die Größe, sondern auch der Zeitpunkt von Ausbau und Sanierung sowie technische Aspekte wie Heizung, Lüftung und Klima – all das, was moderne Geschäfte benötigen.

Die Innenstadtimmobilien in Pirna gehören vielen Eigentümern, und es wird die Beteiligung einer Vielzahl von ihnen benötigen, um die Outlet-Idee umzusetzen. Eine zusätzliche Herausforderung ist der Bedarf an Erweiterungsflächen für sogenannte Ankermieter – also Läden mit großer Anziehungskraft. Als Beispiel wird hier die Immobilie mit der Postfiliale auf der Gartenstraße genannt. Die Idee ist, Läden im Erdgeschoss eventuell nach hinten zu erweitern, sofern Innenhöfe dies zulassen. Dabei muss stets der Hochwasserschutz beachtet und ein Ausgleichsvolumen nachgewiesen werden, da Pirna im Überschwemmungsgebiet liegt. Eine Fläche wie die an der Gartenstraße sei aufgrund der Möglichkeit für größere Flächen für Ankermieter hochinteressant.

Die Umsetzung des City Outlets ist in mehrere Abschnitte und Zeitschienen unterteilt. Aktuell im Hauptfokus stehen der Busbahnhof, die Gartenstraße und die Breite Straße.

Geplant wird mit drei Zeitschienen:

• Eine sofort lösbare Phase (ca. 2 Jahre) für Immobilien, die zur Verfügung stehen, nur geringfügig erweiterbar sind und klare oder keine Genehmigungsverfahren erfordern.

• Eine mittlere Phase (ca. 5 Jahre) für größere Projekte, wie sie beispielsweise am Busbahnhof mit der dortigen Immobilie machbar wären.

• Eine langfristige Vision (ca. 10 Jahre), die die Endlösung darstellen könnte, mit Erweiterungen und der Umsetzung einer Art Gesamtmall von einem Ende zum anderen Ende der Altstadt.

Die Bestandsanalyse dient auch als Grundlage für eine bevorstehende Werbekampagne, die das Projekt sichtbar machen und eine Vision verkaufen soll. Diese Kampagne teilt sich in zwei Strategien auf:

1. Die Mitnahme der Bevölkerung, Händlerschaft und Einwohner Pirnas, um Verständnis für das Konzept zu schaffen und breite Unterstützung zu gewinnen.

2. Die gezielte Ansprache von Marken, um sie von der Stadt Pirna und der Region Sächsische Schweiz mit ihrem besonderen Flair zu überzeugen.

Das Vorhaben ist groß gedacht, und für die Umsetzung werden Investoren benötigt. Diese zu finden, sei das alles entscheidende Element. Die Projektentwickler arbeiten eng mit Investoren und Banken zusammen. Ein wichtiges Gespräch mit einem Investor steht bereits nächste Woche an, was als großer Erfolg gewertet wird, da es das Interesse aller Beteiligten signalisiert, an Lösungen zu arbeiten.

Um die Stadtgesellschaft für die Idee zu begeistern, ist im Spätsommer eine Informationsveranstaltung in der Göteoberschule geplant. Das Ziel ist klar: Pirna soll eine City Outlet Stadt werden und damit eine neue Zukunft für seine Innenstadt gestalten.

Eier nach Plan: Hightech und Akribie in den Hühnerställen der DDR

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Die Deutsche Demokratische Republik hatte ein klares Ziel vor Augen: die Steigerung der Produktion tierischer Erzeugnisse. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Geflügelwirtschaft. Doch wie gelang es, den enormen Bedarf an Eiern und Hähnchen zu decken und gleichzeitig gesunde, leistungsfähige Bestände zu sichern? Ein Blick zurück offenbart ein System aus strenger Kontrolle, modernster Technik und detaillierter Planung.

Die Maxime in den landwirtschaftlichen Betrieben der DDR war Effizienz. Um hohe Erträge in der Hühnerhaltung zu erzielen, setzte man auf eine Kombination bewährter und neuer Methoden. Rassenreine Tiere, eine exakt abgestimmte Fütterung und artgerechte Haltungsbedingungen bildeten die Grundlage. Doch das Herzstück der Leistungssteigerung war eine minutiöse Überwachung jeder einzelnen Henne.

Die gläserne Henne: Fallnestkontrolle im Zwei-Stunden-Takt
Um die Legeleistung präzise zu erfassen, kam die sogenannte Fallnestkontrolle zum Einsatz – ein Verfahren, das Disziplin und Genauigkeit erforderte. Alle zwei Stunden mussten die Nester kontrolliert werden. Jede Legehenne trug eine individuelle Nummer am Flügel, die sich in einer detaillierten Legeliste wiederfand. Sobald ein Ei gelegt wurde, erfolgte der direkte Eintrag in diese Liste. Dieses System ermöglichte nicht nur eine schnelle Übersicht über die Gesamtleistung der Herde, sondern auch die genaue Beurteilung jeder einzelnen Henne. So konnten leistungsschwache Tiere identifiziert und züchterische Entscheidungen fundiert getroffen werden.

Doch nicht jedes Ei war für die Weiterzucht geeignet. Eine sorgfältige Selektion war unerlässlich. Die Eier wurden sortiert und mittels Durchleuchtung geprüft. Nur Eier, die den strengen Kriterien für ein gutes Brutei entsprachen – beispielsweise eine intakte Schale und ein zentral liegender Dotter – kamen für die nächste Generation infrage.

Massenproduktion von Leben: Die Ära der Brutapparate
Um den riesigen Bedarf der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs), Volkseigenen Güter (VEGs) und spezialisierten Kükenaufzuchtstationen an Eintagsküken zu decken, war die künstliche Brut alternativlos. Hier kam moderne Technik ins Spiel: riesige Brutapparate, die speziell vorbereitet und vorgeheizt wurden. Ein einzelner dieser Apparate konnte die beeindruckende Menge von 3600 Eiern gleichzeitig bebrüten.

Der Prozess war genauestens durchorganisiert. Kontrollkarten halfen beim regelmäßigen Wenden der Eier, ein entscheidender Schritt für eine gleichmäßige Entwicklung der Embryonen. Ein Hebelgriff brachte die Trommel des Apparates in die Arbeitsposition, bevor der Ventilator für die notwendige Luftzirkulation eingeschaltet wurde. Die Anzahl der eingelegten Eier und das Datum der Einlage wurden akribisch in einer Brutliste dokumentiert – nichts wurde dem Zufall überlassen.

Das Wunder im Ei: 21 Tage bis zum Küken
Hinter den geschlossenen Türen der Brutapparate vollzog sich, was die Natur vorgibt: die Entwicklung neuen Lebens. Lediglich konstante Wärme, ausreichend Sauerstoff und die richtige Luftfeuchtigkeit waren nötig, damit aus den sorgfältig ausgewählten Eiern in exakt 21 Tagen gesunde Küken schlüpfen konnten.

Die embryonale Entwicklung, unsichtbar für das bloße Auge, ist ein faszinierender Prozess:

  • Bereits 6 Stunden nach Einlage in den Brutapparat begann sich die Keimscheibe auf dem Dotter zu vergrößern.
  • Nach 19 Stunden bildete sich die Primitivrinne, die Vorstufe des späteren Rückgrats.
  • Schon nach 48 Stunden begann sich die Wirbelsäule zu formen, und ein winziges Herz hatte bereits zu schlagen begonnen, pumpte Blut durch die feinen Adern des Embryos.
  • Am vierten Tag hatte sich das Blutgefäßnetz zur Versorgung des Embryos stark erweitert, dessen Größe sich bereits verdoppelt hatte.
  • Einen Tag später, am fünften Tag, begann der Embryo, um seinen Nabel zu schwingen, und die Augen waren als schwarze Punkte erkennbar.
  • Am achten Tag war der Embryo stark gewachsen und undurchsichtig geworden, da sich die Gewebe verfestigten. Sogar die Krallenspitzen an den Füßen waren schon zu erkennen. Die Federn waren ebenfalls voll ausgebildet.
  • In den folgenden Tagen wuchs der Embryo stetig, während sich im Inneren alle lebenswichtigen Organe wie Leber, Niere und Lunge entwickelten und nach und nach ihre Funktion aufnahmen.
  • Am 18. Tag war ein beinahe fertiges Küken entstanden, bei dem lediglich die Lunge noch nicht aktiv atmete.

Kurz vor dem Schlupf wurden die Eier ein zweites Mal durchleuchtet, im Fachjargon „geschiert“. Eine helle Luftblase im Ei signalisierte, dass das Küken lebte und bereit für den nächsten Schritt war. Diese Eier kamen dann in den speziellen Schlupfbrüter.

In der Nacht zum 21. Bruttag war es dann so weit: Die Küken begannen, sich ihren Weg in die Welt zu bahnen. Mit dem sogenannten Eizahn, einer kleinen Spitze auf dem Schnabel, pickten sie ein Loch in die Schale. Dieses Loch erweiterten sie langsam ringförmig am stumpfen Ende des Eis, bis der „Deckel“ aufklappte. Die frisch geschlüpften Küken zwängten sich heraus und fielen durch eine Horde in den darunterliegenden Kükenkasten. Sobald der Großteil der Küken geschlüpft war, wurden die leeren Eierschalen entfernt.

Die Geflügelwirtschaft der DDR war somit ein Paradebeispiel für die Verbindung von biologischem Wissen, strenger Leistungsüberwachung und dem Einsatz fortschrittlicher Technologie. Nur so konnte der hohe Bedarf an tierischen Produkten gedeckt und ein wichtiger Beitrag zur Volksernährung geleistet werden.

„Wem gehört mein Dorf?“: Ein Lehrstück über Demokratie, das Berge versetzt

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Ein Dokumentarfilm aus Mecklenburg-Vorpommern sorgt für Aufsehen und Diskussionen: „Wem gehört mein Dorf?“. Der Film von Regisseur und Autor Christoph Eder ist mehr als nur eine lokale Geschichte; er ist ein „Lehrstück für die Demokratie“ und ein „Zeitdokument aus einem Dorf“, das zeigt, wie Menschen sich aufmachen, um mitzugestalten.

Der Film begleitet den tiefgreifenden Wandel des Dorfes Göhren auf der Insel Rügen über einen Zeitraum von fünf Jahren. Ursprünglich ein abgelegenes DDR-Dörfchen und Urlaubsgeheimtipp, hat sich Göhren in den dreißig Jahren seit der Wende zu einem „touristischen Hotspot“ entwickelt. Ein maßgeblich prägender Faktor für diese Entwicklung war ein Investor aus den alten Bundesländern. Während der Nachwende-Boom für viele Einwohner zunächst Arbeitsplätze und Wohlstand brachte, führte er für die Gemeinde Göhren auch zu finanziellen Engpässen und einem Interessenkonflikt.

Der zentrale Konflikt des Films dreht sich um die Frage, wie die wesentlichen Entwicklungen der Gesellschaft verhandelt werden und in welche Richtung es gehen soll, insbesondere im Bereich des Tourismus. In Göhren formierte sich Widerstand gegen die „Maßlosigkeit“ weiterer Investitionen und Bebauungspläne. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet.

Eine der wichtigsten Mitstreiterinnen dieser Initiative ist Nadine Förster. Sie ist nach einer „Odyssee rund um die Welt“ in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, um mitzugestalten. Ihre persönliche Geschichte und ihr beruflicher Hintergrund im Tourismus prägen ihre Perspektive. Sie hat selbst Tourismus studiert und in diesem Bereich gearbeitet. Ein schockierendes Erlebnis in Mexiko, wo sie Anfang der 2000er Jahre ein „Paradies auf Erden“ fand, von dem zwanzig Jahre später „nichts mehr davon übrig“ war, zeigte ihr drastisch, was passiert, „wenn Tourismus sich einfach entfaltet“. Diese Erfahrung machte ihr klar, dass man eingreifen muss, um andere Perspektiven aufzuzeigen, wenn Wachstum unkoordiniert „weiter wuchert“.

Der Film „Wem gehört mein Dorf?“ ist eine „Langzeitstudie über einen Veränderungsprozess“. Seine Stärke bezieht die Dokumentation aus der „Nähe des Filmteams zu Akteuren vor Ort“. Dabei werden beide Seiten ausgewogen präsentiert: sowohl die Bürgerinitiative als auch die sogenannten „vier von der Stange“, die im Gemeinderat die Interessen des Investors unterstützen.

Die Reaktionen im Ort auf den Film waren größtenteils positiv, aber er löste natürlich auch Diskussionen aus. Der Film legt offen, wie politische Abläufe waren, wovon viele Einwohner nichts wussten oder womit sie sich nicht intensiv beschäftigt hatten. Regisseur Christoph Eder bot allen Protagonisten an, den Film vor der Veröffentlichung zu sehen und darüber zu sprechen, was auch fast alle wahrnahmen. Über die eine oder andere Sache wurde zwar diskutiert, doch der Wunsch nach Erfolg für den Film war einhellig. Bei der Vorpremiere in Göhren stellten sich Protagonisten von allen Seiten dem Publikum.

Der Film läuft erfolgreich auf Festivals in Europa und „bewegt die Menschen nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern“. Eine zentrale Frage, die nach dem Film diskutiert wurde, ist, was das Wichtige an ihm ist.

Die Botschaft des Films ist universell: Er kann auf jeden Fall einen Impuls setzen, sich zu engagieren. Denn, wie in den Quellen betont wird, Demokratie funktioniert am besten, je mehr Menschen sich beteiligen. Wenn der Film mehr Menschen dazu anregen kann, das Gefühl zu bekommen, dass sie etwas bewegen können, dass sie selbstwirksam in ihrer Kommune, in ihrem Gemeinwesen werden können, dann wurde viel erreicht.

„Wem gehört mein Dorf?“ ist ein Film, der zeigt, dass man „Berge versetzen kann, wenn man zusammen etwas auf die Beine stellt“, und damit den Grundgedanken von Organisationen wie der Gewerkschaft ver.di aufgreift, die die Premiere in Schwerin organisierte. Politiker vieler Parteien sahen sich das „Lehrstück in Sachen Demokratisierung“ ebenfalls an. Finanzstaatssekretär Heiko Miraß, der die Situation auf Rügen aus eigenem Erleben kennt, betonte, dass der Film große Dinge verhandelt: die Frage, wie wir gesellschaftliche Entwicklungen verhandeln und miteinander umgehen.

Der Film ist somit nicht nur die Geschichte eines Dorfes, sondern eine Aufforderung zur Teilhabe und ein Beweis dafür, dass bürgerschaftliches Engagement die Demokratie stärken kann.

Ein Hauch von Ende: Das „wahrscheinlich letzte“ IFA-Treffen in Werdau

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Werdau. Ein Hauch von Nostalgie und Enttäuschung lag am vergangenen Freitag über dem neuen Veranstaltungsgelände des IFA-Treffens in Werdau. Unter dem Motto des „wahrscheinlich letzten“ Events dieser Art kamen deutlich weniger Besucher und Fahrzeuge als in den Glanzzeiten zusammen. Dennoch blitzten zwischen den lichteren Reihen automobile Perlen auf, die Kennerherzen höherschlagen ließen.

Die Erwartungen waren gedämpft, und der erste Tag des traditionsreichen Treffens für Liebhaber von DDR-Nutzfahrzeugen bestätigte die Befürchtungen vieler. Große freie Flächen prägten das Bild auf dem neuen Areal, und die gewohnte Geräuschkulisse knatternder Motoren wich einer ungewohnten Stille. „Es ist schon ein bisschen enttäuschend, wenn man die früheren Treffen hier erlebt hat“, so ein langjähriger Besucher, der anonym bleiben möchte. „Deutlich kleiner und weniger Spezialfahrzeuge als noch vor vier oder fünf Jahren an der alten Location.“

Als mögliche Gründe für den verhaltenen Auftakt werden der Freitag als klassischer Anreisetag sowie die neue Lage des Geländes in der Nähe von Wohnhäusern diskutiert. Letztere könnte zu Auflagen seitens der Stadt geführt haben, etwa dem Abstellen der Motoren, was die typische Atmosphäre eines solchen Treffens dämpfte.

Trotz der geringeren Quantität mangelte es jedoch nicht an Qualität. Vor allem die Marke IFA und verwandte Hersteller aus der ehemaligen DDR dominierten das Feld. Ein besonderer Blickfang und ein Stück Fahrzeuggeschichte war zweifellos ein W50 V Transporter. Dieser seltene Dreiachser-Prototyp, einer von mutmaßlich nur fünf gebauten Exemplaren, war ursprünglich für den Tiertransport konzipiert und präsentierte sich in erstaunlich gutem Zustand. Mit umfangreicher Ausstattung wie einer Reifendruckregelanlage und Winde zog er die Blicke auf sich. „So ein Fahrzeug sieht man nicht alle Tage, schon gar nicht in diesem Zustand“, kommentierte ein Fachmann vor Ort.

Weitere Raritäten sorgten für Aufsehen: Ein Kamaz 6×6 mit Kofferaufbau, ein in der DDR eher seltener Anblick, stand neben einer stark modifizierten W50 Kehrmaschine, die aufgrund ihrer Umbauten vermutlich für den Export bestimmt war und sich äußerlich deutlich vom Standardmodell abhob.

Die Bandbreite der gezeigten IFA-Modelle war dennoch beachtlich. Verschiedene Ausführungen des Autodrehkrans (ADK), darunter ein seltener ADK 70 und ein ADK 125, demonstrierten eindrucksvoll die Ingenieurskunst vergangener Tage. Auch die unverwüstlichen Multicars (M24, M22) fehlten ebenso wenig wie zahlreiche Varianten der LKW-Legenden IFA L60 und W50 – von Kofferaufbauten über Service-LKW und Speditionsfahrzeuge bis hin zu diversen Feuerwehrversionen und liebevoll umgebauten Reisemobilen.

Neben den IFA-Schwergewichten fanden sich auch andere Ost-Klassiker ein: Robur-Modelle in verschiedenen Ausführungen, S4000-Fahrzeuge, Tatra-LKW und eine Reihe von PKWs wie Wartburg, Trabant und ein MZ ETZ Deluxe Motorrad rundeten das Bild ab. Ein besonders herzerwärmender Anblick bot ein älterer Herr, der mit seinem Multikar M2 und einer kleinen, selbstgebauten Campinghütte auf eigener Achse von Treffen zu Treffen reist – ein Symbol für die ungebrochene Leidenschaft der Szene.

Obwohl das „wahrscheinlich letzte“ IFA-Treffen in Werdau am Eröffnungstag nicht an die Besucherzahlen und die Fahrzeugdichte früherer Jahre anknüpfen konnte, bot es doch einen würdigen Rahmen für seltene Begegnungen und automobile Zeitzeugen. Die Hoffnung bleibt, dass die verbleibenden Tage des Wochenendes noch mehr Enthusiasten und ihre stählernen Schätze nach Werdau locken werden.

Das engmaschige Spitzelnetz der Stasi im Hotel Neptun in Warnemünde

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Warnemünde. Das Hotel Neptun, ein Wahrzeichen an der Ostseeküste, eröffnete 1971 und galt schnell als Aushängeschild der DDR-Hotellerie. Unter der langjährigen Leitung von Klaus Wenzel entwickelte es sich von einem Devisenhotel zu einem Fünf-Sterne-Wellnessrefugium, das Gäste aus Ost und West anzog. Doch hinter dem Glanz und der scheinbaren Gastfreundschaft verbarg sich ein tiefgreifendes System der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das bis heute den Ruf des Hauses als „Stasi-Hotel“ prägt.

Schon früh rankten sich Gerüchte um das markante Gebäude in Warnemünde. Die Geschichte des Hotels ist untrennbar mit Klaus Wenzel verbunden, der es über Jahrzehnte führte und 2003 sogar zum Hotelier des Jahres gekürt wurde. Doch die glänzende Fassade des Erfolgsmanagers und seines Vorzeigehotels zerbrach angesichts der Enthüllungen über die tiefgreifenden Verstrickungen mit dem DDR-Geheimdienst.

Ein engmaschiges Netz: Über 100 Inoffizielle Mitarbeiter im Einsatz
Die Stasi unterhielt im Hotel Neptun ein als „perfektes Netz“ beschriebenes System von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Akten der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen belegen, dass weit über 100 IMs über die Jahre im Hotel tätig waren. Das Hotel bot eine ideale Plattform für die Stasi, da es ein Treffpunkt für Menschen aus Ost und West war und regelmäßig von Politikern und Geschäftsleuten frequentiert wurde.

Zu den Schlüsselfiguren dieses Netzwerks zählten hochrangige Mitarbeiter des Hotels:

Hans-Jürgen Cemag (IM „Neptun“): Als Kaderleiter und Personalchef (IM „Neptun“ seit 1967) sicherte Hans-Jürgen Cemag die Einstellung „linientreuen“ Personals. Der ausgebildete HVA-Ermittler erhielt Prämien, beispielsweise für die Rücknahme von Ausreiseanträgen durch Angestellte.

Klaus Urban (IM „Schreier“): Der Gastronomiechef und langjährige Weggefährte Wenzels war ebenfalls seit 1967 als IM tätig. Seine Aufgaben umfassten Beobachtungen und Ermittlungen im Hotel.

Thomas Klippstein (IM „Benjamin“): In den 1980er Jahren verpflichtete sich der junge Empfangssekretär aus Überzeugung und unentgeltlich zur Mitarbeit. Er lieferte Berichte über Kollegen sowie Gäste und sammelte noch im Oktober 1989 Informationen über Sympathisanten des Neuen Forums. Nach Bekanntwerden seiner Tätigkeit, die er bedauerte und für die er sich entschuldigte, wurde er als späterer Direktor des Hotel Adlon in Berlin von seinen Aufgaben entbunden.

Günther Knoblauch (IM „Achim“): Der stellvertretende Hoteldirektor erhielt Prämien für operative Aufgaben im westlichen Ausland und ist bis heute Wenzels Stellvertreter.

Bernd Schröder (IM „Heinisch“): Zunächst Chef der Sky Bar, später Empfangschef, unterstützte er die Stasi bei der Auswahl abhörgeeigneter Zimmer. Er ist heute noch Empfangsdirektor.

Dietmar Hansen (IM „Rolf“): Als Cheftechniker für die Kommunikationsanlagen war er eine Schlüsselperson. In seiner Akte fanden sich Quittungen für Prämien für Raumüberwachung und Telefonanzapfungen. Er soll nach der Wende die Anlagen nach Wanzen durchsucht haben.

Diese tief in den Hotelbetrieb integrierten IMs konnten Gäste von der Begrüßung bis zur Verabschiedung begleiten und überwachen. Bemerkenswert ist, dass die IMs oft nichts voneinander wussten und sich teilweise gegenseitig bei der Stasi denunzierten.

Der Direktor im Zwielicht: Klaus Wenzel als IM „Wimpel“
Lange gab es nur Indizien, doch spätere Recherchen förderten zwei Bände der Arbeitsakte von IM „Wimpel“ zutage. Diese belegen eindeutig, dass Klaus Wenzel unter diesem Decknamen vom MfS geführt wurde. Die Akten enthalten Treffberichte zwischen Wenzel und seinem Führungsoffizier in Wenzels Dienstzimmer im Hotel. Für seine Tätigkeit erhielt Wenzel offenbar Auszeichnungen und Prämien. Es gibt zudem Hinweise, dass er auch für die Auslandsaufklärung (HVA) tätig war, was seine besondere Stellung unterstreicht. Klaus Wenzel lehnt Interviews zu diesen Vorwürfen kategorisch ab.

Lückenlose Überwachung: Wanzen, Kameras und Abhörzentralen
Das menschliche Spitzelnetz wurde durch eine lückenlose technische Überwachung ergänzt: Wanzen zur Raumüberwachung und angezapfte Telefonleitungen waren derart Standard, dass unmittelbar nach der Wende die gesamte Telefonanlage ausgetauscht werden musste.

Verdeckte Videokameras, installiert unter anderem am Seiteneingang, über dem Haupteingang und der Bibliothek, überwachten Aufzüge und die Rezeption. Jede Ecke der Lobby konnte observiert werden, ohne dass die Gäste davon ahnten. Ein geheimer Vertrag zwischen dem MfS und der Hoteldirektion, unterzeichnet von Klaus Wenzel, regelte diese Videoüberwachung. Hoteltechniker waren teilweise an der Installation beteiligt. Eine Diplomarbeit der Stasi-Hochschule nannte das Neptun als Musterbeispiel für den Einsatz operativer Fernsehtechnik. Die Signale wurden an verschiedene Punkte im Hotel und später in das gegenüberliegende Kurhaus übertragen, von wo aus Stasi-Mitarbeiter die Gäste beobachteten.

Gäste im Fadenkreuz: Von Journalisten bis zu Spitzenpolitikern
Die Stasi zeigte reges Interesse an den Hotelgästen, insbesondere jenen aus dem Westen. Treffen von West-Gästen mit Ost-Verwandten vor dem Hotel wurden fotografiert. Westliche Journalisten standen unter Beobachtung. Besuche prominenter West-Politiker wie Björn Engholm lösten großangelegte Operationen aus („Maßnahmeplan Aktion Küste“), an denen bis zu sieben MfS-Abteilungen beteiligt waren. Weibliche Spitzel wurden in Hotelbars auf ihn angesetzt. Uwe Barschel, ein Stammgast, feierte seinen 40. Geburtstag im Hotel, während am Nebentisch als Ehepaar getarnte IMs jedes Wort mithörten. Selbst bei einem US-amerikanischen Diplomaten wurde 1988 das volle Überwachungsprogramm aktiviert, inklusive Wanzen, Zimmerdurchsuchungen und Geruchsproben. Getarnte Beobachtungsposten in Autos oder Strandkörben umgaben das Hotel.

Devisenbeschaffung und KoKo-Verbindungen
Ursprünglich als Devisenhotel konzipiert, erzielte das Neptun hohe Einnahmen in harter Währung, die an die Kommerzielle Koordinierung (KoKo) unter Alexander Schalck-Golodkowski abgeführt wurden. Wenzel erhielt Planvorgaben direkt von der KoKo. Ab 1980 musste das Hotel jedoch 80% seiner Zimmer für DDR-Urlauber des FDGB reservieren, die für zwei Wochen nur 310 DDR-Mark zahlten. Dies schmälerte die Deviseneinnahmen erheblich. Um den Schwarztausch einzudämmen, führte Wenzel das „Neptun Geld“ ein, das Westgäste in ihrer Landeswährung erwerben mussten. Das Hotel diente zudem als Drehscheibe für diverse Geschäfte, von Schiffs- und Waffenhandel bis zu Antiquitäten. Der Hamburger Geschäftsmann Peter Lüdemann, ein wichtiger IM der HVA (IM „Kaufmann“), war ein häufiger Gast.

Das Erbe der Stasi: Aktenvernichtung und ungeklärte Fragen
Im Herbst 1989 gab es massive Versuche, Stasi-Akten zu vernichten. Obwohl die Besetzung der Stasi-Zentrale in Rostock dies teilweise verhinderte, wurden viele Akten zum Hotel Neptun vernichtet; zahlreiche Ordner waren leer.

Nach der Wende wurde das Hotel an die libanesisch-amerikanische Gruppe Kabila Ameropa verkauft. Der Verkauf des Hotels nach der Wende an die libanesisch-amerikanische Gruppe Kabila Ameropa befeuerte Spekulationen: Kabila Ameropa unterhielt bekanntermaßen enge Geschäftsbeziehungen zur HVA-gesteuerten Firmengruppe FC Gehrlach, die schon zuvor an den undurchsichtigen Geschäften des Neptun beteiligt war und davon profitierte. Klaus Wenzel behielt weiterhin Einfluss und sitzt heute im Aufsichtsrat der Arkona AG, zu der das Hotel gehört.

Fortwährendes Schweigen und die Last der Vergangenheit
Auch Jahrzehnte nach der deutschen Einheit ist die vollständige Aufarbeitung der Geschehnisse im Hotel Neptun nicht abgeschlossen. Viele Akten sind unbearbeitet, vieles wurde vernichtet. In Rostock herrscht eine spürbare Zurückhaltung, das Thema anzusprechen. Die Konfrontation mit der tiefen Durchdringung der DDR-Gesellschaft durch Verrat und Denunziation, die bis in die Hotelküche reichte, ruft schmerzhafte Erinnerungen hervor. Scham, Angst und ein geringes Aufklärungsinteresse prägen den Umgang mit dieser Vergangenheit. Die Furcht vor einflussreichen Personen wie Klaus Wenzel scheint fortzubestehen, ein Zeichen dafür, dass viele Aspekte der DDR-Zeit und der Rolle des Hotel Neptun nie vollständig aufgeklärt wurden. Es wirkt, als habe die Revolution diesen Teil des Strandes ausgelassen, ein vergessenes Stück DDR. Eine lückenlose Aufklärung, so die dringende Einschätzung, bleibt jedoch Utopie, solange nicht alle Beteiligten ihr belastendes Schweigen brechen und sich der verdrängten Wahrheit stellen.

Warnemünde 1990: Als an der Ostseeküste eine neue Zeit anbrach

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Das Jahr 1990 war für das Ostseebad Warnemünde, das bald zum neu gegründeten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gehören sollte, ein Jahr des tiefgreifenden Wandels. Das einstige Juwel des DDR-Tourismus, Sehnsuchtsort für Generationen, stand an der Schwelle zu einer neuen, ungewissen Zukunft. Die vertrauten Strukturen lösten sich auf, während der Duft von Aufbruch – und auch von Verunsicherung – in der salzigen Seeluft lag.

Zwischen Euphorie und Zukunftsangst
Für unzählige DDR-Bürger war Warnemünde mehr als nur ein Urlaubsort; es war ein Stück Freiheit, die „Badewanne Rostocks“, wo man dem Alltag entfliehen konnte. Über zwei Millionen Tagesbesucher und rund 126.000 Feriengäste jährlich zeugten von seiner Popularität. Gemütliche Gaststätten, Musik- und Tanzkapellen im Sommer, der breite Sandstrand und der Geruch von Tang prägten die Erinnerungen. Doch 1990 mischte sich in diese Idylle eine spürbare Nervosität. Der Fall der Mauer hatte eine Welle der Euphorie ausgelöst. Die strengen Grenzkontrollen am Fährhafen nach Gedser waren plötzlich Geschichte, was einen wahren Ansturm auf die Fähren auslöste.

Doch die Freude über die neue Freiheit war von existenziellen Sorgen begleitet. Die Währungsunion im Juli und die politische Neuordnung warfen Fragen auf: Was wird aus den Arbeitsplätzen, der sozialen Sicherheit, den Lebenshaltungskosten? Der vertraute DDR-Alltag kollidierte mit den ersten Vorboten des Westens: andere Automarken begannen, Trabis und Wartburgs zu verdrängen, neue Waren füllten nach der Währungsunion zögerlich die Regale, und unbekannte Dialekte mischten sich unter die Gespräche an der Promenade. Es war eine Zeit der intensivierten Wahrnehmung, aufregend und desorientierend zugleich.

Das vertraute Bild im Wandel
Wahrzeichen wie der historische Leuchtturm, der ikonische Teepott – 1968 als „sozialistische Großgaststätte“ erbaut – und das Hotel Neptun, einst Luxushotel und FDGB-Ferienheim, standen als stumme Zeugen des Umbruchs. Während der Teepott langsam eine „intimere und nettere“ Atmosphäre entwickelte, stand das Neptun vor einer kompletten Neuausrichtung. Da die große Welle der Sanierungen erst anlief, bot Warnemünde 1990 oft noch den Anblick einer in der Zeit eingefrorenen Kulisse.

Der Alte Strom, das Herz Warnemündes mit seinen traditionellen Fischerhäusern, Cafés und Geschäften, war belebt von Einheimischen und den ersten westdeutschen und internationalen Touristen. Doch abseits der Flaniermeilen dürfte der auch in Rostock sichtbare Sanierungsstau unübersehbar gewesen sein. Erste neue Ladenschilder und ein verändertes Warenangebot signalisierten den Wandel. Die Privatisierung ehemals staatlicher Einrichtungen machte den Übergang von staatlicher Kontrolle zu privater Initiative sichtbar. Der Strand selbst, mit seinen unverzichtbaren Strandkörben – eine Warnemünder Erfindung von 1882 – bot einen Anblick beständiger Schönheit. Doch auch hier wandelte sich das Leben: Die straff organisierten FDGB-Urlaube wichen einer individuelleren Freizeitgestaltung.

Tourismus und Alltag im Strudel der Veränderung
Der Tourismus, Warnemündes wichtigste Einnahmequelle, stand vor einer Revolution. Mit der Auflösung des FDGB-Feriendienstes im September 1990 endete der staatlich organisierte Massentourismus. Viele FDGB-Heime mit ihrem einfachen Standard standen vor einer ungewissen Zukunft. Gleichzeitig sprossen die ersten privat geführten Pensionen und Hotels aus dem Boden – Vorboten einer neuen, marktwirtschaftlichen Ära.

Die Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 war ein weiterer Katalysator. Lange Schlangen vor den Banken beim Geldumtausch zeugten von der Hoffnung, aber auch von der Sorge um Ersparnisse und steigende Preise. Für Gewerbetreibende war die Umstellung eine enorme Herausforderung; viele DDR-Produkte wurden über Nacht unverkäuflich.

Auch die Mobilität veränderte sich rasant. Während die blau-weißen Doppelstockzüge der S-Bahn noch verlässlich nach Warnemünde rollten, verschwanden Trabis und Wartburgs zusehends von den Straßen, ersetzt durch Westfabrikate. Der Fährhafen erlebte einen nie dagewesenen Ansturm auf die Fähren nach Dänemark, für den die alte Infrastruktur kaum gewappnet war. Das „Traumschiff“ der DDR, die MS Arkona, und russische Tragflügelboote waren noch im Einsatz – Relikte einer sich auflösenden maritimen Ordnung.

Ein neues Land entsteht
Diese lokalen Umbrüche geschahen vor dem Hintergrund der Gründung des neuen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern im Juli 1990, das aus den ehemaligen DDR-Bezirken Neubrandenburg, Rostock und Schwerin gebildet wurde. Am 3. Oktober wurde die Wiedervereinigung Deutschlands vollzogen. Der Aufbau neuer demokratischer Verwaltungsstrukturen, oft mit westdeutscher Hilfe, war eine Mammutaufgabe. Die wirtschaftliche Ausgangslage war schwierig: eine stark agrarisch geprägte Region mit schwacher Industrie und einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Zusammenbruch nach der Abwicklung der Planwirtschaft. Hinzu kam ein Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung und sinkende Geburtenraten.

Der bleibende Geist von Warnemünde
Das Warnemünde des Jahres 1990 war ein Ort an der Schwelle zwischen zwei Welten. Das vertraute Bild des DDR-Seebades war noch präsent, doch seine Systeme lösten sich in atemberaubender Geschwindigkeit auf. Es war ein Jahr, das den Grundstein für die Zukunft legte: für umfassende Modernisierungen, die Entwicklung eines internationalen Tourismusprofils und den Aufstieg zum beliebtesten Kreuzfahrthafen Deutschlands.

Doch dieser Fortschritt hatte auch seinen Preis, wie die Einstellung der direkten Eisenbahnfähre nach Gedser 1995 zeigte. Die Erfahrungen von 1990 – der wirtschaftliche Schock, die gesellschaftlichen Verschiebungen, die Mischung aus Hoffnung und Angst – spiegelten den Transformationsprozess wider, den ganz Ostdeutschland durchlief. Trotz allem bewies Warnemünde eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Die Anziehungskraft des Ortes mit seinem Strand, der maritimen Atmosphäre und dem historischen Kern überdauerte die Systeme. Der tief verwurzelte „Geist des Ortes“ bildete das Fundament für seine Erneuerung und erzählte 1990 nicht nur von einem Ende, sondern auch vom Beginn einer erstaunlichen Neuerfindung.

Elisabeth Kaiser spricht über ihr neues Amt als Ostbeauftragte der Bundesregierung

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Gera/Berlin. Elisabeth Kaiser ist die neue Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland. In einem Gespräch mit Heinz von Saale Info TV in Germhaus, einem Ortsteil von Gera, äußerte sie sich zu den Aufgaben und Zielen ihres neuen Amtes. Sie zeigte sich überrascht, aber sehr erfreut über die Anfrage. Ein besonderes Merkmal sei, dass sie selbst aus dem Osten kommt, eine „richtige Gersche Fettkusche“, die in Gera zur Schule ging.

Zuvor war Kaiser Staatssekretärin im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Diese Arbeit habe sie sehr gerne gemacht, da sie dort die ostdeutsche Perspektive gut einbringen konnte, zum Beispiel bei Themen wie der Leerstandstrategie, Kleingärten und Stadtentwicklung. Sie habe in dieser Zeit auch viele Millionen Fördermittel nach Ostthüringen und Gera geholt.

Die Kernaufgabe der Ostbeauftragten sei eine besondere Interessenvertretung für die Ostdeutschen in der Bundesregierung. Es gehe darum, Ostdeutschland als Zukunftsregion zu sichern und weiterzuentwickeln. Dabei sei es wichtig, die Erfahrungen aus 40 Jahren DDR und dem nachfolgenden Strukturwandel in den gesamtdeutschen Prozess einzubringen. Aktuell seien gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland noch nicht erreicht.

Ein zentrales Anliegen Kaisers ist die Stärkung der Repräsentanz von Ostdeutschen in allen gesellschaftlichen Bereichen wie Medien, Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Dies sei wichtig, um die Akzeptanz für politische Entscheidungen zu erhöhen, da sich Menschen mit ostdeutschen Biografien in den entscheidenden Gremien wiederfinden müssten. Sie hob auch die absolute Wichtigkeit lokaler Medien für die gesellschaftliche und politische Berichterstattung vor Ort hervor.

Zu den konkreten politischen Herausforderungen zählten für sie die strukturellen Besonderheiten in Ostdeutschland, die Förderung des Strukturwandels, zum Beispiel im Mitteldeutschen Revier, und die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, wie die Elektrifizierung der Bahnstrecke Leipzig-Gera. Ein wichtiges soziales Thema sei die Rentensituation vieler Menschen im Osten, die nach 1990 oft geringere Einkünfte hatten. Sie sprach sich für eine Stärkung der gesetzlichen Rente sowie der betrieblichen Rente im Osten aus und plädierte für eine unbürokratischere Grundrente. Auch die Bekämpfung von Leerstand und die Schaffung von Anreizen zur Rückkehr von Menschen in ostdeutsche Regionen seien wichtige Aufgaben.

Organisatorisch wechselt der Stab der Ostbeauftragten vom Bundeskanzleramt ins Bundesfinanzministerium. Bundesfinanzminister Lars Klingball sei nun offiziell ihr Chef. Kaiser sieht darin Vorteile, da sich viele Themen um Investitionen drehten und sie nun einen engen Draht zum Finanzressort habe. Sie betonte die Bedeutung, dass die Bundesregierung auf die Anliegen Ostdeutschlands höre, da ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn nur gemeinsam von Ost und West erzielt werden könne.

Elisabeth Kaiser kündigte an, eine „biologische Pause“ einzulegen, da sie Mutter wird. Sie nehme den gesetzlichen Mutterschutz in Anspruch, plane aber, Anfang September wieder aktiv im Dienst zu sein. Während dieser Zeit werde sie dezentral von zu Hause aus arbeiten, unterstützt von ihrem Team, das weiterhin Anliegen bearbeitet. Trotz ihrer Tätigkeit in Berlin werde sie weiterhin in Gera präsent sein, Bürgersprechstunden anbieten und im engen Austausch mit den Bürgern bleiben. Das Büro im Demokratieladen in der Heinrichstraße bleibe Anlaufstelle für Anliegen.

Schabowskis Wende-Protokoll

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Hanns Joachim Friedrichs befragt Günter Schabowski im Jahr 1990, wie er das Ende des Politbüros und der DDR erlebte.

Günter Schabowski war einer der Mächtigen, ein langjähriges Mitglied des SED-Politbüros und das Gesicht der wohl berühmtesten Pressekonferenz der deutschen Geschichte. Schonungslos und beklemmend – so zeichnet Günther Schabowski, einst mächtiges SED-Politbüromitglied und Medienverantwortlicher, in seinen späteren Reflexionen das Bild einer DDR-Führung, die realitätsfern dem eigenen Untergang entgegentaumelte.

Die DDR im Herbst 1989: Ein Land im Umbruch, dessen Führung jedoch lange Zeit die Augen vor der Realität verschloss. Schabowskis Schilderungen zeichnen das Bild eines Politbüros, das in starren Ritualen gefangen war und den Kontakt zur Bevölkerung längst verloren hatte.

Das Politbüro: Ein Elfenbeinturm der Macht
Jeden Dienstag um 10 Uhr trat das Politbüro zusammen, an einem hufeisenförmigen Tisch, an dessen Stirnseite Erich Honecker thronte und die Beratungen kontrollierte. Eine feste Sitzordnung, eine ruhige, beherrschte Atmosphäre – Hitzigkeiten waren verpönt. Doch hinter der Fassade der Ordnung verbarg sich ein System der Vorabgenehmigungen. Alle Vorlagen, so Schabowski, waren bereits mit Honecker besprochen und von ihm abgesegnet. Lebhafte Debatten? Fehlanzeige. Jeder wusste, dass die Entscheidungen im Grunde schon gefallen waren.

Noch bemerkenswerter: Außerhalb dieser Sitzungen gab es kaum Kontakt zwischen den Mitgliedern. Keine familiären Treffen, keine privaten Besuche. Schabowski vermutet dahinter eine Mischung aus Altersunterschieden, unterschiedlichen Eintrittszeitpunkten und festen Zuständigkeiten. Aber auch die über Jahre geschaffenen „Pfründe“ und die Angst vor „Fraktionsbildung“ spielten eine Rolle. Die Ausrichtung galt allein dem „Mann an der Spitze“. Die Wochenenden verbrachten viele Politbüromitglieder abgeschottet auf weitläufigen Anwesen in Wandlitz – eine selbstgewählte Isolation, die sie noch weiter von der Lebenswirklichkeit der normalen Bürger entfernte.

Wahlbetrug und Realitätsverdrängung
Ein Schlüsselmoment, der die Kluft zwischen Führung und Volk offenbarte, waren die Kommunalwahlen im Mai 1989. Die Ergebnisse, offenkundig manipuliert, sorgten für „sehr viel böses Blut“. Im Politbüro hingegen herrschte laut Schabowski „Realitätsverdrängung“. Man feierte das „überwältigende Bekenntnis“ zum Sozialismus. Schabowski selbst bezeichnete die Manipulation später als „schauerliche Sache“ und war entsetzt über die „ganz primitiven“ Zahlenfälschungen. Doch die eigentliche Farce, so seine Analyse, lag im gesamten undemokratischen Wahlverfahren selbst.

Die Krise spitzt sich zu – Hilflosigkeit an der Spitze
Als ab August 1989 immer mehr DDR-Bürger über die Botschaften in Prag, Budapest und Ost-Berlin ihre Ausreise erzwangen, wurde die „Labilität der Verhältnisse“ für jeden sichtbar – außer vielleicht für die Führungsriege selbst. Schabowski beschreibt eine Art „Hilflosigkeit“ im Politbüro. Man wollte das schlechte internationale Ansehen vermeiden, konnte es aber nicht mehr. Die Brisanz der Entwicklung, so Schabowski, habe das Politbüro „gar nicht begriffen“. Die Illusion, es entstehe kein substanzieller Schaden für die DDR, sondern nur für ihr Ansehen, hielt sich hartnäckig. Niemand sei auf die Idee gekommen, dass die DDR „auseinanderbersten könnte“. Das Tempo der Veränderung überraschte sie vollkommen.

Der Anfang vom Ende: Honeckers Sturz
Erst am 5. September 1989 kam es zur ersten offenen Debatte, als Genosse Krolikowski aussprach, was viele dachten: „Kinder, wir können doch nicht mehr… wir müssen uns doch anders Volk wenden“. Schabowski selbst forderte konkrete Schritte: eine Auseinandersetzung mit dem Exodus, neue gesellschaftliche Möglichkeiten für die Bürger, Reisefreiheit und Wirtschaftsreformen. Doch die Debatte wurde vertagt – ein „weiterer gravierender Fehler“.

Der Plan zur Absetzung Honeckers reifte erst nach dem 8. Oktober. Egon Krenz, offenbar zutiefst getroffen von Honeckers menschenverachtenden Äußerungen über die Flüchtlinge, die er als ‚asozial‘ bezeichnet haben soll, entwarf daraufhin eine Erklärung, die einer unmissverständlichen Kampfansage gleichkam. Trotz Honeckers Widerstand wurde diese Erklärung, nach konspirativen Absprachen, durchgesetzt. Am 17. Oktober 1989 war es dann so weit: Willi Stoph stellte den Antrag zur Entbindung Honeckers sowie weiterer führender Köpfe von ihren Funktionen. Honecker nahm es mit „unbewegter Miene“ zur Kenntnis. Selbst engste Vertraute wie Günter Mittag stimmten zu – für Schabowski ein besonders „schämlicher“ Akt.

Der berühmte Zettel und die Grenzöffnung
Nach Honeckers Sturz stand die neue Führung unter Krenz unter massivem Druck. Die CSSR drohte, die Grenze zu schließen, und ein neuer Reisegesetzentwurf stieß auf massive Ablehnung in der Bevölkerung. Man entschied sich für einen „spektakulären Schritt“. Das Politbüro empfahl der Regierung eine Verordnung, die das Recht jedes Bürgers auf Reisen in jedes Land seiner Wahl sichern sollte.

Am Abend des 9. November 1989 erhielt Schabowski, als Pressesprecher des ZK, von Krenz den Beschluss mit den Modalitäten. In der legendären Pressekonferenz verlas er diesen Text. Der Rest ist Geschichte. Der Eindruck der Improvisation, als er kurz auf seine Papiere blicken musste, täuschte nicht ganz. Es war, so Schabowski, ein bewusst in Gang gesetzter Vorgang, wenn auch überhastet. Eine andere Chance sah er nicht mehr.

Nachbeben eines Regimes
Die Aufarbeitung folgte prompt. Im Januar 1990 musste sich Schabowski vor der umbenannten SED-PDS verantworten, empfand es als „Strafarbeit“ im alten Stil. Die meisten alten Politbüro-Mitglieder wurden ausgeschlossen.

Schabowskis Einblicke sind mehr als nur eine historische Aufzeichnung. Sie sind eine eindringliche Mahnung, wie schnell sich eine Führung von der Realität entkoppeln kann und welche Eigendynamik politische Systeme entwickeln können – bis zum bitteren Ende. Welche Lehren ziehen wir heute daraus?

Als die SED die Kontrolle verlor: Interne Einblicke in den Herbst ’89

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Berlin, 9. November 1989. Ein Abend, der in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Tausende Berliner, Ost wie West, lagen sich in den Armen, tanzten auf der Mauer, die ein Symbol der Teilung und Unterdrückung war. Es war das Ende eines Regimes, das 40 Jahre lang unerschütterlich schien. Doch im Herzen dieser Macht, im geheimnisumwitterten Politbüro der SED, erlebte die Führungselite die Monate zuvor nicht als Regisseure, sondern als Getriebene eines unaufhaltsamen Kontrollverlusts. Die Dokumentation „Das Politbüro erlebt die deutsche Revolution – Wer zu spät kommt“ zeichnet auf Basis authentischer Dokumente und Zeitzeugengespräche ein beklemmendes Bild vom Realitätsverlust einer herrschenden Kaste.

Mai 1989: Trügerische Ruhe in der Schaltzentrale der Macht
Noch im Frühsommer 1989, während die Dienstagsrunden des Politbüros meist schweigsam und zügig Tagesordnungspunkte abhakten, ahnte kaum jemand im innersten Zirkel das drohende Unheil. Unter der alternden Führung des gesundheitlich angeschlagenen Erich Honecker, dominierten Kader wie Chefideologe Kurt Hager, das „schwarze Loch“, und Wirtschaftslenker Günther Mittag das Geschehen. Selbst Stasi-Chef Erich Mielke, der vermeintlich „alles wusste“, war Honeckers Autorität untergeordnet. Die junge Garde um Egon Krenz und Günther Schabowski fand kaum Gehör.

Ein erstes, deutliches Alarmsignal war die offensichtliche Fälschung der Kommunalwahlen am 7. Mai. Während Egon Krenz das Ergebnis als „eindrucksvolles Bekenntnis“ zum Sozialismus feierte, wurde die Manipulation zum Fanal für die aufkeimende Oppositionsbewegung. Monatliche Proteste waren die Folge, die von der Stasi mühsam unterdrückt wurden.

Realitätsverweigerung und gefilterte Informationen
Obwohl Berichte über die angespannte Versorgungslage, marode Betriebe und die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung – sei es durch Mielkes Dossiers oder direkte Bürgerbriefe – das Politbüro erreichten, wurden sie systematisch heruntergespielt. Honecker selbst verlas kritische Briefe oft theatralisch, fokussierte sich jedoch auf Oberflächlichkeiten wie kaputte Dächer, während tiefgreifende Analysen, etwa Jugendstudien, die eine wachsende Skepsis am System und den drängenden Wunsch nach Reisefreiheit offenbarten, ignoriert wurden. Kritik an den Medien wurde als Angriff auf die Partei abgetan. Die evangelischen Kirchen hingegen entwickelten sich zu wichtigen Freiräumen des Protests.

Die Fluchtwelle über Drittstaaten und die steigende Zahl der Ausreiseanträge – im Juli 1989 bereits 120.000 – wurden lange als „sommerliche Eskapade“ abgetan. Ausreisende diffamierte man als „große Drecksäcke“ und „asozial“, denen man „keine Träne nachweinen“ solle. Diese Haltung stieß selbst an der Parteibasis auf Unverständnis. Die Führung interpretierte die Flucht als „Kampagne des Gegners“ und die Öffnung der ungarischen Grenze als „Verrat“. Erst der massive Druck durch Botschaftsbesetzungen, vor allem in Prag, zwang das Politbüro im Oktober, die Ausreise der dortigen DDR-Bürger als „humanitären Akt“ zu gestatten – ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Die Führungskrise und der Fall Honeckers
Die Sprachlosigkeit und Realitätsferne im Politbüro mündeten unweigerlich in eine tiefe Führungskrise. Die Massenproteste eskalierten, gipfelnd in der Demonstration von 500.000 Menschen am 4. November in Berlin. Die Rufe „Wir bleiben hier!“ und bald darauf „Wir sind das Volk!“ zeugten vom totalen Vertrauensverlust. Das Neue Forum, lange als „Subkultur“ belächelt, wurde zum Sprachrohr der Opposition.

Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in Dresden und der friedlichen Revolution in Leipzig am 9. Oktober, die einen geplanten bewaffneten Einsatz verhinderte, wurde der Druck auf Erich Honecker unerträglich. Selbst sonst schweigsame Politbüro-Mitglieder erkannten den Ernst der „schweren Krise“. Hinter den Kulissen planten Stoph, Krenz und Schabowski seine Ablösung. Man warf ihm persönliche Verantwortung für den Vertrauensverlust, wirtschaftliche Fehlentwicklungen und das Ignorieren der sowjetischen Reformen vor. Angesichts eines drohenden Abwahlantrags erklärte Honecker schließlich aus „gesundheitlichen Gründen“ seinen Rücktritt. Nach 18 Jahren an der Macht verließ er das ZK-Gebäude ohne Widerstand. Sein Nachfolger Egon Krenz wirkte jedoch von Beginn an überfordert und konzeptlos.

Das „grandioseste Missverständnis“ der deutschen Geschichte
Unter dem anhaltenden Druck der Ausreisewilligen musste eine neue Reiseregelung her. Ein vom Ministerrat vorgelegter Entwurf sollte „zeitweilige Übergangsregelungen für Reisen und ständige Ausreisen“ ermöglichen. Brisant: Das Papier, entworfen von vier Beamten des Innenministeriums und der Stasi, die eigentlich nur die ständige Ausreise regeln sollten, enthielt eigenmächtig einen Passus über Privatreisen für alle DDR-Bürger.

Am 9. November nahm das Zentralkomitee diesen Beschluss beiläufig zur Kenntnis, ohne dessen volle Tragweite zu erfassen. Man wähnte die lästige Frage der ständigen Ausreise gelöst. Auch Günther Schabowski, der das Dokument am Abend auf einer internationalen Pressekonferenz verlesen sollte, verstand dessen Inhalt falsch. Er glaubte, eine Lösung für die Botschaftsflüchtlinge zu präsentieren. Als er auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft trete, stammelnd antwortete: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“, löste er eine Lawine aus.

Die live im Fernsehen übertragene Ankündigung trieb Tausende zu den Grenzübergängen. Die Grenzsoldaten, ohne klare Befehle und dem Druck der Massen ausgesetzt, öffneten schließlich die Schlagbäume. Der Rest ist Geschichte. Kein Blutbad, sondern grenzenloser Jubel.

Der Fall der Mauer, so das Fazit der Dokumentation und vieler Zeitzeugen, war kein geplanter Akt, sondern ein „grandioses Missverständnis“. Das Ergebnis einer Führung, die den Kontakt zur Realität und zur eigenen Bevölkerung verloren hatte und die Zeichen der Zeit nicht mehr deuten konnte. Als das Politbüro und das Zentralkomitee begriffen, was geschehen war, war es bereits zu spät. Dieses historische Missverständnis besiegelte nicht nur das Ende des Politbüros und der SED, sondern stand am Anfang der Deutschen Einheit.