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Der Bau der Berliner Nordsüd-S-Bahn in den 30er Jahren

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Berlin, Mitte der 1930er Jahre – Die Reichshauptstadt mit ihren mehr als 4 Millionen Einwohnern ist ein ständiger Puls von Verkehr. Während die Stadt- und Ringbahn das Zentrum bereits umfassen und in Ost-West-Richtung durchqueren, fehlte bislang eine entscheidende Verbindung im Schnellbahnnetz der Reichsbahn: eine Nordsüdverbindung. Um diese Lücke zwischen den nördlichen und südlichen Vorortstrecken zu schließen, realisierte die Reichsbahn Anfang der 30er Jahre ein Riesenprojekt: den Bau einer Nordsüd-S-Bahn.

Diese neue Strecke sollte nicht nur Vororte verbinden, sondern auch vier Fernbahnhöfe unmittelbar miteinander verknüpfen. Beginnend im Norden nahe des Stetiner Bahnhofs, führt die Trasse über den Bahnhof Friedrichstraße mitten durch das Herz Berlins. Sie legt sich unter die Straße Unter den Linden, berührt den Potsdamer Platz und den Anhalter Bahnhof, bevor sie sich jenseits des Landwehrkanals beim Bahnhof Yorckstraße in die südlichen Vorortstrecken verzweigt.

Eine der größten Herausforderungen dieses Bauvorhabens war seine Lage: Auf einer Gesamtlänge von rund 6 Kilometern musste die Strecke unter die Erdoberfläche verlegt werden, um den oberflächennahen Verkehr nicht zu beeinträchtigen. Dennoch waren sichtbare Eingriffe unumgänglich. Ganze Häuserblocks fielen der Spitzhacke zum Opfer, während benachbarte Gebäude durch Vertiefung ihrer Fundamente gesichert wurden. Vor den eigentlichen Bauarbeiten mussten bestehende Leitungen in den Straßen verlegt werden.

Der unterirdische Bau erforderte immense Anstrengungen. Zuerst wurden Träger zur Begrenzung der Baugrube in den Boden gerammt, das Pflaster wich einer vorläufigen Fahrbahndecke. Tiefbrunnen saugten Tag und Nacht das Grundwasser ab, das etwa 3 Meter unter der Straßendecke stand, um die Tunnelbaurensohle trocken zu halten. Anschließend wurde der Boden ausgeschachtet, die Baugrube ausgesteift und ausgewohlt. Eine Sohlenschutzschicht aus Beton wurde eingebracht und mit einer vierfachen Dichtungslage als Grundwasserschutz versehen. Darauf folgten die Betonierungsarbeiten der Sohle (armiert mit Rundeisen) und der abgedichteten Seitenwände. Die Decke entstand durch das Verlegen von Deckenträgern, dazwischen gespannten Betonkappen und einer abschließenden Abdichtung. Erst nach dem Verfüllen der Baugrube über der Decke und dem Wiederansteigen des Grundwassers zur alten Höhe war der Tunnelrohbau fertig.

Die Umsetzung auf den Baustellen war weitaus komplexer als im Bau-Trickfilm. Allein der Erdaushub war eine Mammutaufgabe. 1,8 Millionen Kubikmeter Boden mussten unter sehr beengten örtlichen Verhältnissen ausgeschachtet werden. Vom Pferdevorwerk über Feldbahnen bis hin zu Aufzügen und Lastkraftwagen kamen alle verfügbaren Transportmittel zum Einsatz, um die Erdmassen abzufahren. Förderbänder schafften den Aushub in mehreren Staffeln zu Eisenbahnwagen. Für die Aussteifung und Ausbohlung der 6 km Baugrube wurden 75.000 Kubikmeter Bauholz benötigt – gleichsam wurden ganze Wälder in die Tunnelschächte eingebaut.

Besonders schwierig gestalteten sich die Unterfahrung bestehender Infrastrukturen. Unter den Gleisen des Stetiner Bahnhofs, wo der lebhafte Fernverkehr in die Ostseebäder aufrechterhalten werden musste, wurden vorwiegend in nächtlichen Betriebspausen etwa 1200 Meter eiserne Hilfsbrücken zur Abfangung der Gleise eingebaut. Der Erdaushub war hier besonders mühsam und erfolgte mit großen Greifern. Auch die Unterfahrung der Wasserläufe, der Spree und des Landwehrkanals, stellte die Planer vor Herausforderungen, da Schifffahrt und Vorflut nicht gestört werden durften. Die Unterfahrung der Spree (etwa 60 Meter breit an dieser Stelle) wurde auf zwei Bauabschnitte verteilt; eine Notbrücke sicherte Versorgungsleitungen und den Fußgängerverkehr. Sprengungen von Brückenmauerwerk und Pfeilern, teils Unterwassersprengungen, waren hierfür notwendig.

Im Abschnitt um den Bahnhof Friedrichstraße, der besonders verkehrsbelastet war, stieß die Bauleitung auf einen Kolk aus Faulschlamm und Moor auf der Tunnelsohle. Dies zwang dazu, sogenannte Pressbetonpfähle von 8 bis 17 Metern Länge auf einer Fläche von 650 Quadratmetern in den tragfähigen Untergrund zu bohren. Auf dem Weg zur Straße Unter den Linden mussten im Zuge der Neustädtischen Kirchstraße zahlreiche Häuser weichen, die später durch einen eindrucksvollen Neubau ersetzt werden sollten. Auch die Unterfahrung der Linden selbst bis zum Brandenburger Tor war Teil des Projekts.

Nach Fertigstellung des Tunnelrohbaus begann auf allen Bauabschnitten der Innenausbau der Bahnhofs- und Betriebsanlagen. Schotter wurde eingebracht, auf dem die Gleise verlegt wurden. Für die Betriebssicherheit sorgen halb selbsttätige Stellwerke mit beleuchteten Gleistafeln. Der Wärter konnte Signale und Weichen von einem 40teiligen Schalterwerk aus bedienen. Tunnellichtsignale, vom Zug automatisch gestellt, geben Streckenabschnitte frei, während mechanische Fahrsperren jeden Zug bremsen, der ein Haltesignal überfahren sollte. Die Stromversorgung erfolgt über Hochspannungskabel (30.000 Volt Drehstrom) zu Unterwerken, die den Strom in den Fahrstrom von 800 Volt Gleichstrom umwandeln. Diese Unterwerke waren ferngesteuert und benötigten keine Dauerbedienung. Die einzelnen Bahnhöfe sind durch hellbunte Kacheln in verschiedenen Farben voneinander unterscheidbar. Bequeme Treppen und Fahrtreppen verbinden die Bahnhöfe mit der Straßenoberfläche.

Das Projekt, geplant mit vier Jahren Bauzeit, war zeitweise das größte Bauvorhaben der Reichshauptstadt. Es gab etwa 11.000 „Volksgenossen“ Arbeit und Brot. Es wurde als eine Leistung dargestellt, die den Willen zu deutscher Werkgemeinschaft und deutschem Wiederaufbau demonstrierte.

Nach Beendigung der Rohbauarbeiten und des Innenausbaus konnten schließlich die Probefahrten beginnen. Wer heute einen der hellen, geräumigen Bahnhöfe der Nordsüd-Bahn betritt und unter dem Herzen der Millionenstadt schnell und sicher seinem Ziel zustrebt, dem ist kaum bewusst, welch gewaltige Arbeitsleistung notwendig war, um dieses neue, große Werk der Reichsbahn zu erschließen.

Neue Anlaufstelle im Herzen Potsdams: Tafel jetzt auch in der St. Nikolaikirche

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Potsdam bekommt eine neue Ausgabestelle der Tafel, zentral gelegen in der St. Nikolaikirche am Alten Markt. Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an bedürftige Menschen, mit einem besonderen Fokus auf Rentnerinnen und Rentner, aber auch andere Hilfebedürftige sind herzlich willkommen.

Ab diesem Frühjahr haben Bedürftige die Möglichkeit, Lebensmittel der Tafel Potsdam in der St. Nikolaikirche abzuholen. Die neue Ausgabestelle soll zuerst am Mittwochnachmittag von 14:00 bis 15:00 Uhr die Aufnahme der Tafelkunden ermöglichen, und in der darauffolgenden Woche beginnt dann die erste Lebensmittelausgabe.

Die St. Nikolaikirche wurde von der Tafel angesprochen, um im Herzen der Stadt eine Ausgabestelle zu eröffnen. Die zentrale Lage der Kirche ist ein entscheidender Vorteil, da sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen ist. Dies ist besonders wichtig für diejenigen, die nicht mehr so mobil sind und eine Anlaufstelle in der Innenstadt benötigen.

Die neue Ausgabestelle ist eine „Hand in Handarbeit“ zwischen der Tafel und der Gemeinde der St. Nikolaikirche. Die Tafel bringt die vorbereiteten Lebensmittelgaben zur Kirche. Vor Ort wird die Ausgabestelle im Mocker Kirchenkellerraum eingerichtet, der auch von außen sehr gut erreichbar ist.

Neben der Ausgabe von Lebensmitteln bietet die St. Nikolaikirche auch mehr als nur eine schnelle Abholung. Bedürftige sind eingeladen, Zeit in dem Raum zu verbringen, zusammenzukommen und sich auszutauschen. Es wird Kaffee, Kuchen, Tee und Wasser geben. Zudem werden Menschen von der Gemeinde anwesend sein, die Zeit für Gespräche haben.

Die herzliche Einladung ergeht an alle, die Bedarf sehen. Obwohl das Angebot primär für Rentner gedacht ist, werden andere hilfebedürftige Menschen ausdrücklich nicht abgewiesen, da eine Anlaufstelle in der Innenstadt für alle weniger Mobilen von großer Bedeutung ist. Mit diesem neuen Standort in der St. Nikolaikirche wird die Tafel Potsdam ihre Reichweite erweitern und eine wichtige Unterstützung im Herzen der Stadt anbieten.

Mehr als nur Sattmacher: Unvergessene Fast-Food-Klassiker der DDR

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Fast Food in der DDR – das war anders als im Westen. Es ging nicht um Burger mit exotischen Saucen, sondern um herzhafte, schnelle Gerichte, die oft das Beste am Tag waren. Diese Imbisse standen für unkomplizierten Genuss und waren fester Bestandteil des Alltags, ob unterwegs, auf dem Rummel, bei Arbeiterfestspielen oder einfach am Imbisstand. Viele dieser Gerichte waren schnell zubereitet, aber nie lieblos, und einige sind bis heute beliebte Klassiker.

Ein unangefochtener König der ostdeutschen Fast-Food-Kultur war der Bräuler, wie das Brathähnchen genannt wurde. Außen knusprig mit einer würzigen Haut, innen saftig und zart, wurde er meist mit den Händen gegessen. Es gab ihn in speziellen Bräulerbars, am Imbiss oder bei Großveranstaltungen. Serviert wurde er oft mit Kartoffelsalat, einer Semmel und einem Klecks Bautzner Senf. Der Bräuler galt als greifbarer Luxus, ein kleiner Feiertag im Alltag.

Eine einzigartige Eigenentwicklung war die Ketwurst, erfunden in Berlin. Länglich und saftig steckte eine heiße Wurst tief in einem vorgebohrten Brötchen. Dazu kam eine kräftige Sauce aus Tomate, Paprika, Senf, süßlich-würzig, manchmal leicht scharf. Sie war keine Nachahmung des Hotdogs, sondern etwas Eigenes, Ostdeutsches.

Der DDR-Burger, bekannt als Grilletta, wurde 1982 erfunden. Er bestand aus einem runden Sauerteigbrötchen und einer dicken Bulette aus Schweinefleisch. Manchmal kamen Ketchup, Senf oder Chutneysauce hinzu. Verkauft an Bahnhöfen, in Konsumimbissen und auf Festen, war sie warm, fettig und sättigend – das ostdeutsche Streetfood, bevor es das Wort gab.

Auch Pizza hatte eine ostdeutsche Variante: die Kruster. Eckig, rustikal und voller Kreativität, bestand sie aus einem Hefeteig, oft mit Roggenmehl. Belegt wurde sie mit dem, was verfügbar war: Jagdwurst, Zwiebeln, Letscho, Schmelzkäse, Paprika oder auch mal ein Ei. Sie beeindruckte nicht durch Exotik, sondern durch Fantasie und machte einfach satt und glücklich.

Die DDR-Currywurst unterschied sich ebenfalls: Sie wurde meist ohne Darm serviert, in Scheiben geschnitten und mit einer kräftigen Tomatensauce übergossen. Diese Sauce, ein Geheimnis jeder Bude, enthielt Tomatenmark, Zucker, Senf, Curry, Paprika und immer einen Hauch Liebe. Sie war ein Feierabendessen, ein Imbisstandklassiker, der nach Straße, Alltag und Leben schmeckte.

Nicht zu vergessen die Thüringer Roster, eine Wurst aus Schweinefleisch, gewürzt mit Majoran, Knoblauch und Kümmel. Sie wurde traditionell auf Holzkohle gegrillt. Serviert im Brötchen oder auf dem Teller, aber immer mit Senf, war die Roster kein Snack, sondern ein Ritual bei Veranstaltungen wie Fußballspielen oder Gartenfesten.

Die Bockwurst im Brötchen war überall zu finden: an der Kaufhalle, am Bahnhof, am Kulturhaus. Warm, schnell und verlässlich, wurde sie auf die Hand gegeben, oft dampfend und mit Bautzner Senf. Auch wenn das Brötchen nicht immer frisch war, die Wurst war es und sie machte satt.
Neben den deftigen Optionen gab es auch Süßes für unterwegs. Der Pfannkuchen, im Osten nie Berliner genannt (in Sachsen Kreppel, in Thüringen Ballen). Ein frittierter Hefeteigballen, gefüllt (meist mit Himbeere, Erdbeer, manchmal Pflaume) und gezuckert – ein Klassiker bis heute.

Abseits der klassischen Imbisse gab es auch Gerichte, die eher an die schnelle Küche zu Hause oder in Kantinen erinnerten, aber dennoch prägend waren. Dazu gehören die Karlsbaderschnitte, eine überbackene Weißbrotscheibe mit Butter, Tomatenmark, Schinken oder Jagdwurst und Käse. Oder die Armen Ritter, aus altem Weißbrot, Milch, Ei und Zucker zubereitet, in Butter gebraten und mit Zimt und Zucker bestreut – ein süßes Abendbrot, das nach Kindheit schmeckte.

Weitere Klassiker waren das Würzfleisch, eine volkstümliche Variante aus dem Osten, oft aus Hähnchen oder Schwein, in einer hellen Sauce mit Käse überbacken, serviert mit Toast. Oder der Gebackene Blumenkohl, paniert und frittiert, das vegetarische Hauptgericht, das in Schulküchen und bei Großeltern Standard war. Auch der Stramme Max (Brot, Schinken, Spiegelei) und die Speckfettbämme (Brot mit warmem Speckfett, Salz, Pfeffer, Zwiebeln und Gurke) waren schnelle, sättigende Abendbrot-Optionen.

Gerichte wie Quarkkeulchen (kleine Quark-Mehl-Küchlein, gebraten, serviert mit Apfelmus oder Kompott) und die süße Schokoladensuppe (Milch, Kakao, Zwieback, Speisestärke) waren ebenfalls beliebte schnelle Mahlzeiten, besonders bei Kindern.

Auch wenn viele dieser Gerichte einfach waren, sind sie bis heute unvergessen. Sie rochen nach Alltag, schmeckten nach Zuhause und bewiesen, dass schnelles Essen trotzdem voller Gefühl sein konnte. Sie waren mehr als nur Gerichte – sie waren oft ein Stück Zusammenhalt oder ein kleiner Glücksmoment im grauen Alltag.

Vom Notbehelf zum Trend: Die Geschichte des Plattenbaus in der DDR und heute

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Die Nachkriegsjahre in Deutschland waren von massivem Wohnungsmangel geprägt, insbesondere auch in der jungen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Um dem entgegenzuwirken und gleichzeitig ein Symbol für den Fortschritt des Sozialismus zu schaffen, setzte die Regierung Anfang der 1970er Jahre auf ein neues, revolutionäres Bauverfahren: den Plattenbau.

Das Konzept war ebenso einfach wie effizient: Häuser wurden aus vorgefertigten Betonplatten zusammengesetzt. Das bekannteste und am weitesten verbreitete Modell war die Wohnungsbauserie 70, kurz WBS70. Diese basierte auf einem Grundschema von 1,20 m x 1,20 m großen Elementen, die nach einem Baukastenprinzip gefügt wurden. Die Gebäudehöhe war meist auf 5, 6 oder 11 Etagen begrenzt, die Fassaden oft mit farbigen, meist orangen Kacheln verziert.

Die Vorteile dieser Bauweise lagen auf der Hand: Die Kosten wurden gesenkt und die Bauarbeiten drastisch beschleunigt. Sobald die Fundamente gegraben waren, dauerte der Bau einer einzigen Wohnung angeblich nur 18 Stunden. Ganze Viertel entstanden so in Rekordzeit.

Für viele Menschen in der DDR bedeutete der Umzug in eine Plattenbauwohnung einen enormen Fortschritt an Lebensqualität. Während Altbauwohnungen oft unrenoviert waren, die Toilette auf dem Hof lag und mit Kohleöfen geheizt wurde, boten die Neubauten modernen Komfort. Man zog in Wohnungen mit Einbauküche, einem Bad mit Warmwasser und Badewanne, Zentralheizung. Zudem war die Infrastruktur in den neuen Plattenbauvierteln, wie dem als Vorzeigeprojekt geplanten Marzahn in Ostberlin, von Anfang an mitgedacht: Kindergärten, Ärzte und Lebensmittelläden waren in unmittelbarer Nähe angelegt – eine Kleinstadt mit den modernsten Errungenschaften.

Nach der Wiedervereinigung änderte sich das Image der Plattenbauten schlagartig. Sie wurden von vielen Westdeutschen mit Herablassung betrachtet und erhielten abfällige Bezeichnungen wie „Arbeiterschließfach“ oder „Wohnklo mit Kochnische“. Die uniformen Siedlungen in Städten wie Berlin, Leipzig, Halle oder Rostock, die sich „wie ein Ei dem anderen“ glichen, galten als Inbegriff der DDR-Monotonie.
Doch das Blatt hat sich erneut gewendet. Dank umfangreicher Sanierungsprogramme wurden viele Plattenbausiedlungen renoviert. Das negative Image verblasste allmählich. Heute gilt das Wohnen in einer „echten DDR-Platte“ wieder als fast schon hip und vor allem als preisgünstig. Besonders begehrt sind sogenannte „Edelplatten“, aufwendig sanierte Plattenbauten, bei denen nicht nur die oft gute Aussicht aus den oberen Etagen als unbezahlbar gilt.

So hat der Plattenbau eine bemerkenswerte Reise hinter sich: Von einer notwendigen und gefeierten Lösung für den Wohnungsmangel über ein Symbol der als rückständig empfundenen DDR bis hin zu einer sanierten und wieder populären Wohnform im vereinten Deutschland.

Kaderschmiede der NVA: Ein Blick in die Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden

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Dresden, eine Stadt, die nach 1945 Ort der ersten antifaschistisch-demokratischen Landesregierung war, wurde 1959 zum Sitz der höchsten militärischen Lehreinrichtung der DDR – der Militärakademie „Friedrich Engels“. Diese Akademie leistet mit der Erziehung hochqualifizierter militärischer Kader ihren Beitrag zur Verteidigung der Revolution. Erfolge der Arbeit werden mit höchsten staatlichen und militärischen Auszeichnungen gewürdigt.

Offiziere im Hörsaal
Für mehrere Jahre tauschen in der Praxis bewährte Offiziere ihren Platz in Kasernen und Ausbildungsstätten mit dem Hörsaal, um sich auf höhere Aufgaben als Kommandeure, Politarbeiter und Stabsoffiziere vorzubereiten. Die Offiziershörer gehören während ihres Studiums zur Stadt und ihren Bewohnern.

Die Erwartungen an das Studium sind vielfältig:
• Aneignung eines wissenschaftlichen Arbeitsstils, um selbständig Probleme zu erfassen und zu erschließen und später schöpferisch in der Truppenpraxis anzuwenden.
• Erlangung nicht nur militärischen Wissens, sondern auch neuer, echter Freundschaften.
• Verbesserung militärfachlicher Kenntnisse sowie Kenntnisse auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften.

Die Herkunft der Offiziershörer ist unterschiedlich; sie kommen unter anderem aus Schützentruppenteilen, Aufklärungstruppen oder Grenztruppen. Auch Offiziere der polnischen Volksarmee studierten an der Akademie.

Lehre, Forschung und Praxisbezug
Das Studium zielt darauf ab, eine solide politische und militärakademische Bildung zu vermitteln. Weltanschauliche Grundpositionen werden untermauert, ganz im Sinne des Zitats, dass die entschiedensten Kommunisten die couragiertesten Soldaten waren, das Friedrich Engels zugeschrieben wird. Die militärische Pflicht wird selbstverständlich als Klassenauftrag der Partei verstanden. Die deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft und die Freundschaft zwischen den sozialistischen Völkern und Armeen bestimmen Denken, Fühlen und Handeln.

Die Akademie betrachtet die umfangreichen neuen Anforderungen zur Erhöhung der Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft als direkte Herausforderung für ihre Tätigkeit in Erziehung, Lehre und Forschung. Die Durchsetzung der Wissenschafts- und Hochschulpolitik der Partei und der Befehle des Ministers für Nationale Verteidigung sind dabei ausschlaggebend. Ein gemeinsames Verständnis des Lehrkörpers für die Bedeutung des wissenschaftlichen Vorlaufs wird als Schlüsselfrage betrachtet.

Lehr- und Forschungsmethoden umfassen traditionelle Planbesprechungen, aber auch den Einsatz moderner Rechentechnik und computergestützte Ausbildung. Praxisnahe Simulationen, etwa einer Luftlage in der Sektion Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, vermitteln reale Vorstellungen möglicher Kampfhandlungen. Die Beherrschung automatisierter Führungssysteme erfordert schnelles und exaktes Denken im Dialog mit moderner Technik. Ein Höhepunkt des Studiums ist das Kriegsspiel, ein „ernstes Spiel“, bei dem Offiziershörer aller Sektionen mit realen Bedingungen konfrontiert werden. Dabei wird auch die zentrale Rechenstation zur Berechnung der Gefechtsmöglichkeiten und zur Erarbeitung optimaler Varianten einbezogen. In der Sektion Landstreitkräfte hat die Ausbildung im Gelände ein spezielles Gewicht.

Wissenschaftliche Arbeit hat einen hohen Stellenwert. Publikationen, Anschauungstafeln, Modelle und wissenschaftliche Exponate gehören dazu. Die Militärakademie verfügt über eine Bibliothek mit 250.000 Büchern, Mikrofiches und 500 Periodika zu Geschichte, Weltstand und Entwicklungstendenzen in Gesellschaft und Militärwesen. Ein Gipfelpunkt wissenschaftlicher Bemühungen ist die Promotion. Die meisten Promotionen vor dem wissenschaftlichen Rat der Militärakademie führen zum akademischen Grad eines Doktors der Militärwissenschaften, aber auch Promotionen zum Dr. phil. und Dr.-Ing. sind möglich. Forschungsergebnisse sollen in der gesellschaftswissenschaftlichen Weiterbildung der Offiziere und der Traditionsarbeit genutzt werden. Viele Dissertationen und Neuerungen werden in enger Kooperation mit der Industrie bearbeitet.

Zusammenarbeit und Erholung
Die Akademie pflegt engen Kontakt zu Bruderarmeen und deren Akademien durch Austausch von Lektoren. Auch zu zivilen Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie zur Industrie bestehen enge Kontakte. Im Patenbetrieb begegnen sich keine Fremden, was ein Merkmal der Armee und ihrer Geschichte ist.

Neben Lehre und Forschung gibt es vielfältige Möglichkeiten für Erholung und Entspannung. Gäste vom Staatstheater der Garnisonsstadt treten auf.

Abschluss und Zukunft
Nach dreijährigem Studium erfolgt die Diplomvergabe. Die Absolventen sind aufgefordert, sich in ihrem Verantwortungsbereich mit all ihrem Wissen und Können und revolutionärer Leidenschaft an die Spitze des Kampfes um eine weitere Erhöhung der Kampfkraft, Gefechts- und Einsatzbereitschaft zu stellen, damit diese unter neuen Kampfbedingungen immer vollwertig ist.

Die erworbenen Kenntnisse befähigen zur Arbeit in höheren Kommandeursdienststellungen. Zukünftige Aufgaben umfassen Positionen wie Stabschef einer Schiffsabteilung, Stellvertreter des Kommandeurs für Technik und Bewaffnung eines Truppenteils, Stellvertreter des Kommandeurs für politische Arbeit in einem Artillerieregiment oder Stellvertreter des Kommandeurs für Ausbildung eines Truppenteils.

Bei einem traditionellen Empfang im Staatsrat durch Genossen Erich Honecker wird das Versprechen bekräftigt, welches die Absolventen bei der Entgegennahme ihrer Diplome gaben: „Ich diene der deutschen demokratischen Republik“.

Die Absolventen der Militärakademie, erkennbar am roten Akademieabzeichen, sind überall in den Führungsorganen der Landesverteidigung zu finden und prägen das militärische Geschehen der DDR.

Kommunismus und Demokratie: Ein schwieriges Verhältnis mit überraschenden Wendungen

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Die Geschichte kommunistischer Parteien und ihr Verhältnis zur Demokratie ist komplex und nicht einheitlich, wie die jüngsten Einblicke eines Experten nahelegen. Entgegen der Vorstellung, dass alle kommunistischen Parteien einem strikten Modell folgten, gab es erhebliche Unterschiede in ihrer innerparteilichen Willensbildung.

Partei oder Herrschaftsapparat?
Ein wesentlicher Unterschied zeigte sich zwischen Parteien, die im demokratischen Wettbewerb standen, und solchen, die zum Herrschaftsapparat wurden. Während Parteien wie die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) oder die Kommunistische Partei Italiens (KPI) sich in ihrer internen Struktur kaum von liberalen oder sozialdemokratischen Parteien unterschieden, organisierten sich Herrschaftsapparate fundamental anders. Sie verloren den Charakter einer Partei und strukturierten sich hierarchisch wie Behörden. Das sogenannte „demokratische Zentralismus“ in diesen Systemen hatte laut Quelle wenig mit Parteien im eigentlichen Sinne zu tun, sondern beschrieb die Organisationsform eines Herrschaftsapparates, der faktisch das Wahlprinzip abgeschafft hatte. Dies zeigt, was aus einer Partei wird, wenn sie sich in Bürokratie verwandelt.

Für Kommunisten, die von der Diktatur träumten, konnte die liberale Demokratie nur ein Mittel zum Zweck sein. Es gab jedoch wichtige Ausnahmen. Kommunistische Parteien wie die KPI und die KPF machten „ihren Frieden mit der Demokratie“ und träumten nicht mehr von der Diktatur des Proletariats. Sie waren sogar an Regierungen beteiligt, ohne dass es zu Revolutionen oder ähnlichem kam.

Der sozialdemokratische Weg
Große Sozialdemokraten wie Karl Kautsky und Eduard Bernstein erkannten schon Ende des 19. Jahrhunderts, dass sie den Sozialismus auf legalem Weg durch Wahlen erreichen konnten. Dies war ein entscheidender Grund, warum sie sich von Gewalt und Diktatur abwandten. In Deutschland war die SPD im Kaiserreich die stärkste Partei im Parlament und hatte daher wenig Anlass, weiter von der Diktatur zu träumen. Sozialistische Parteien konnten von der Demokratie profitieren, da ihre Attraktivität es ihnen ermöglichte, ihre Ziele durch Wahlen und Überzeugung zu erreichen. Westeuropäische kommunistische und sozialistische Parteien versöhnten sich letztlich mit der liberalen Demokratie, was als Erfolgsgeschichte bezeichnet wird.

Die Spaltung zwischen sozialistischen und kommunistischen Bewegungen entstand, weil die Sozialdemokraten erkannten, dass sie durch demokratischen Wandel mehr erreichen würden als durch revolutionäre Unruhen oder Gewalt. Sie arrangierten sich mit dem Staat, während der radikale Flügel die Idee verfolgte, soziale Probleme endgültig lösen zu können. Die demokratischen Sozialisten konzentrierten sich stattdessen auf die systematische Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter durch Einhaltung von Recht und Gesetz und unter demokratischen Bedingungen.

Krieg, Krisen und der Nährboden für Radikalität
Der Erste Weltkrieg führte zu einer Verrohung und Gewalt, die dem kommunistischen Radikalismus neue Nahrung gab. Die Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre boten Kommunisten und Faschisten, den Gegnern der Sozialdemokraten, die Gelegenheit, den Sozialdemokraten (oft in Regierungen) Versagen vorzuwerfen. Diese Ideologien hatten Erfolg, weil sie in einer Zeit operierten, die von den schrecklichen Folgen des Krieges geprägt war – Millionen Tote, Verstümmelte, Traumatisierte. Für viele Menschen war das parlamentarische System in dieser Zeit kein Ort, an dem ihre Wünsche oder Ressentiments eine Antwort fanden. Faschisten und Kommunisten gaben das Stichwort, dass man das Elend hinter sich lassen und eine Welt schaffen könne, in der Probleme für immer gelöst werden.

Langfristig setzten sich jedoch die Sozialdemokraten durch, indem sie zeigten, dass Sozialismus und liberale Ordnung einander nicht ausschließen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa wird als das sozialdemokratische Zeitalter bezeichnet.

Kommunismus als Modernisierungsideologie in Entwicklungsländern
Der Nährboden, auf dem kommunistische Parteien auch heute noch gedeihen, ist die soziale Frage. Ihre Bedeutung in Ländern wie Indien oder Lateinamerika hängt damit zusammen, dass die liberale Demokratie bestimmte soziale Fragen nicht gelöst hat. Die repräsentative Demokratie kann die Begüterten, Gebildeten und Einflussreichen bevorzugen und könnte im späten 19. Jahrhundert sogar als Instrument gedient haben, um die Volksmassen zu „betrügen“, indem sie nur über die Elite abstimmen konnten, aber kaum Einfluss auf ihren Alltag hatten. Für Menschen in extremer Armut ohne soziale Sicherung hilft ein Kreuz alle vier Jahre wenig.

Kommunismus präsentiert sich dort als Bewegung, die die repräsentative Demokratie in eine direkte Demokratie verwandelt, was äußerst attraktiv ist. Er ist eine Modernisierungsideologie, die verspricht, dass der Staat nicht rückständig bleiben muss und alle am Wohlstand teilhaben werden. Diese Idee hat ihre Sprengkraft nicht verloren, besonders in Ländern mit prekären Bedingungen. Das Wahlrecht allein ist nicht entscheidend; wichtig ist, was zwischen den Wahlen passiert und wer die Herrschaft ausübt. Daher wird die Geschichte des Kommunismus als nicht zu Ende betrachtet.

Gewalt: Bedingt durch die Umstände?
Die Gewalt und Diktatur, die oft mit dem Kommunismus assoziiert werden, kommen laut Quelle möglicherweise nicht aus der Ideologie selbst. Das friedliche Engagement der italienischen und französischen Kommunisten in der Demokratie deutet darauf hin. Stattdessen wird die Gewalt damit in Verbindung gebracht, dass Kommunisten paradoxerweise nicht in Industrieländern an die Macht kamen, sondern in Entwicklungsländern. Dies geschah oft durch Eroberung oder war in Ländern wie China, Vietnam, Kuba etc. verankert.

Diese Regime wurden zu Erziehungsdiktaturen, weil ihnen die notwendigen Bedingungen fehlten, um den Sozialismus zu entfalten: keine Infrastruktur, keine Kommunikationsstrukturen und keine zivile Gesellschaft, die sich gegen den Staat hätte organisieren können. Dies gab den Herrschern extreme Macht. Die Gewalt resultierte auch aus den gigantischen Aufgaben, wie der schnellen Umwandlung eines Agrarlandes in einen Industriestaat, und dem Fehlen von Widerstand gegen diese „absurden Vorstellungen“. Bureaukratische Institutionen, Infrastruktur und zivile Strukturen werden als Barrieren gegen Tyrannei gesehen. Die Tragik des Kommunismus liegt darin, dass er ausgerechnet dort verwirklicht wurde, wo solche Strukturen fehlten. Es hat weniger mit dem Kommunismus an sich zu tun, als mit den Bedingungen seiner Verwirklichung.

Lernen in der Demokratie
Kommunistische Parteien, die in Demokratien Wahlen gewinnen, aber keine absolute Mehrheit erreichen, verwandeln sich mit der Zeit tendenziell in sozialdemokratische Parteien, weil sie Erfolg haben. KPF und KPI werden am Ende als sozialdemokratisch bezeichnet. Sogar die Linkspartei in Deutschland sozialdemokratisiere sich. Sie erkennen, dass Revolution in Ländern mit funktionierender Zivilgesellschaft und bürgerlichen Strukturen unrealistisch ist und zur Marginalisierung führt.

Der Vorteil von Demokratien ist, dass man lernen kann. Man kann Ideen ausprobieren und sehen, ob sie funktionieren. In autoritär regierten Staaten fehlt diese Möglichkeit; die Opposition weiß, dass sie nur durch Revolution an die Macht kommt. Richard Pipes schlug vor, wenn Lenin und die Bolschewiki in der Duma beteiligt gewesen wären, hätte man sie schnell „entzaubern“ können, indem sie die Probleme hätten lösen müssen. Parteien werden radikaler, wenn sie wissen, dass sie ohne Revolution nie an die Macht kommen. Dissidentenbewegungen in Diktaturen sind oft weltfremd, weil ihnen die Praxis fehlt. Italienische und französische Kommunisten hatten das Privileg, in einer pluralistischen Gesellschaft zu arbeiten und mussten ihre Ideen den Wählern erklären, wobei sie lernten, dass bestimmte Konzepte wie die Diktatur des Proletariats nicht überzeugen. Das Lernen in der Demokratie, wie am Beispiel der deutschen Sozialdemokraten und des Godesberger Programms gezeigt, ermöglichte die Anpassung von Ideen, die nicht funktioniert haben. Gewalt und Terror entstehen dagegen oft in despotischen Kontexten, wo Ausprobieren unmöglich ist.

Mecklenburgische Seenplatte: Wasserwunderwelt der Stille und Natur

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Die Mecklenburgische Seenplatte, oft gepriesen als das „Land der tausend Seen“, bietet mehr als nur malerische Landschaften. Eine ausdrucksstarke Beschreibung wirft ein Licht auf ein tiefgreifendes Erlebnis, das Besucher hier mit der Natur eingehen können – ein Eintauchen, das Körper und Seele gleichermaßen berührt.

Im Zentrum steht die unmittelbare Begegnung mit dem Element Wasser. Es wird berichtet, wie das Wasser einen umgibt. In dieser Umarmung des Wassers stellt sich eine bemerkenswerte Stille ein. Man fühlt sich schwerelos, in einem Zustand, in dem Alles so ist, wie man es sich wünscht. Diese Erfahrung ermöglicht ein Aufgehen in der Natur, man kann ein Teil von ihr sein.

Beim Schwimmen nach oben taucht man ein in das, was poetisch als eine „1000 seengroße Wasserwunderwelt“ bezeichnet wird. Hier verbindet sich die Wassererfahrung mit dem Blick nach oben: Der Blick fällt in den Himmel und enthüllt ein Sternenmeer.

Doch die Mecklenburgische Seenplatte ist nicht nur ein Ort der individuellen Naturbetrachtung, sondern auch der Gemeinschaft. Die Abende werden oft bei Lagerfeuerlicht verbracht, wo man die nächste Kanutour erträumt. Es ist ein Ort, an dem man mit den Menschen, in deren Mitte man weilt, Lebenszeit, Lebensraum und Lebenstraum teilt.

Die Landschaft selbst ist von der Präsenz des Wassers geprägt: Alle Wege, die man geht, sind von Badestellen gesäumt. Die Weite der Müritz wird ebenso erwähnt wie eine allgemeine romantische Ruhe, die über der Region liegt. Die Fortbewegung im Wasser wird als Mitfließen mit der Strömung beschrieben, was zu dem eindrücklichen Gefühl führt, Ein See zu werden.

Das Bild eines Floßes, das durchs Wasser schwebt, fängt die Gelassenheit der Bewegung auf dem Wasser ein, wo Alles seinen Lauf nimmt. Spontaneität gehört ebenso dazu, symbolisiert durch das einfache Springen ins Wasser und das anschließende Auftauchen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Quelle ein sehr persönliches und intensives Bild der Mecklenburgischen Seenplatte zeichnet – als eine Wasserwunderwelt der Stille und der tiefen Verbindung zur Natur, die Raum für individuelle Erlebnisse, aber auch für geteilte Momente der Ruhe und Zukunftsplanung am Lagerfeuer bietet.

Das Ministerium für Staatssicherheit: Schild und Schwert der SED und „Meister der Angst“

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Die DDR ist Geschichte, doch ihr Überwachungsapparat, das Ministerium für Staatssicherheit – kurz Stasi genannt – wirft bis heute lange Schatten. Während der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik war wenig über die genauen Arbeitsweisen dieser Geheimpolizei bekannt, doch nach dem Fall der Mauer offenbarte sich das volle Ausmaß ihrer Tätigkeit. Bei der Besetzung der Stasi-Zentrale in Berlin entdeckten Bürgerrechtler und Bürger Berge von Akten: 111 Regalkilometer Schriftstücke, über 30.000 Video- und Audio-Dokumente sowie rund 41 Millionen Karteikarten zeugen von der beispiellosen Überwachung.

Die Stasi agierte als mächtiges Werkzeug der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und wurde daher auch als das „Schild und Schwert der Partei“ bezeichnet. Ihr oberster Auftrag war es, über alles Bescheid zu wissen, denn die Devise lautete: „Wissen ist Kontrolle, Kontrolle ist Macht“. Das MfS hatte die Aufgabe, Gegner der Parteidiktatur zu überwachen und zu bekämpfen – oder zumindest diejenigen, die sie dafür hielten. Dies betraf politisch auffällige Bürger, Oppositionsgruppen, aber auch eigene Parteimitglieder und staatliche Behörden wurden kontrolliert.

Das Ziel war klar: Jede Herausforderung des SED-Führungsanspruchs sollte bereits im Keim erstickt werden. Wer einmal unter Verdacht geriet, wurde gnadenlos unter die Lupe genommen. Eine Familie, die einen Ausreiseantrag stellte, erlebte beispielsweise, wie sie von morgens bis abends bespitzelt wurde, wobei immer dasselbe Auto hinter oder vor ihnen fuhr – ein deutliches Zeichen der Überwachung im Rahmen eines sogenannten operativen Vorgangs.

Die Stasi verfügte über ein riesiges Netzwerk an Mitarbeitern. Neben über 90.000 hauptamtlichen Kräften, was statistisch einem Mitarbeiter auf 180 DDR-Bürger entsprach (ein im internationalen Vergleich außergewöhnlich hoher Wert), gab es eine weitaus größere Zahl inoffizieller Mitarbeiter (IM). Zuletzt waren dies rund 100.000 Personen, die eine schriftliche, konspirative Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit der Stasi getroffen hatten. Die Rekrutierung erfolgte nicht immer freiwillig; neben versprochenen Karrierevorteilen und Geldzahlungen spielte auch Erpressung eine Rolle. IMs konnten Nachbarn sein, wie im Fall der bespitzelten Familie, von denen einer bekanntermaßen bei der Staatssicherheit arbeitete und sogar unbemerkt die Wohnung betrat.

Der Überwachungsgrad war extrem hoch. Das MfS baute die Staatssicherheit flächendeckend aus und steigerte den Grad der verdeckten Überwachung. Unter dem Spitznamen „Horch und Guck“ betrieb die Stasi eine regelrechte Rundum-Überwachung. Mitarbeiter setzten Wanzen und Kameras ein, kontrollierten Post und Telefon, befragten Nachbarn und durchsuchten Wohnungen. Privatsphäre war ein Fremdwort. Die Stasi agierte dabei jenseits von Rechtsstaatlichkeit und unter Missachtung von Menschen- und Bürgerrechten.

Zu den Spezialgebieten des MfS gehörte die „operative Psychologie“, die auf die gezielte psychische Beeinflussung des Verhaltens bestimmter Personen abzielte. Die Stasi kalkulierte sogar die Wachsamkeit der Bürger ein, um sie gezielt einzuschüchtern. Die grundlegende Methode des MfS war die sogenannte „Zersetzung“. Man versuchte auf alle Fälle zu verhindern, dass sich oppositionelle Gruppen manifestieren konnten, indem man sie vereinzelt. Zudem wurden besonders aktive Mitglieder verunsichert, indem man sie in den Geruch brachte, selbst für das MfS zu arbeiten. Offene und versteckte Drohungen, oft bezogen auf die Familie und Kinder, gehörten ebenfalls zum Repertoire.

Es war nicht schwer, der Stasi aufzufallen. Eine kritische Aussage über das System, provokante Kunst, Literatur oder Musik, eine andere sexuelle Orientierung und grundsätzlich alles, was zu sehr nach westlicher Lebensweise aussah, machte die Stasi misstrauisch. Stasi-Chef Erich Mielke, der unter Erich Honecker ins Politbüro aufstieg und als „Meister der Angst“ beschrieben wird, hatte einen so großen politischen Machtrahmen, dass sich selbst Parteifreunde nicht sicher fühlten.

Die Schlagkraft des MfS reichte weit. Mielkes Männer stellten die Passkontrolleure an den Grenzübergängen, musterten Wehrpflichtige, sandten Spione in den Westen und unterstützten sogar Sportvereine wie den BFC Dynamo Berlin. Sie hatten die Macht, Einfluss auf fast alle wichtigen Lebensentscheidungen der Bürger zu nehmen.

Mit den Demonstrationen im Herbst 1989, bei denen Rufe wie „Stasi raus“ erschallten, begann das Ende des Überwachungsapparates. Günther Siegel, ein Stasi-Mitarbeiter in Mühlhausen, beschreibt die Situation Ende Oktober 1989 als äußerst beklemmend, als Demonstranten vor seiner Kreisdienststelle standen – eine Situation, die er in über 30 Dienstjahren noch nie erlebt hatte. Nach dem Mauerfall begann das MfS, Akten zu vernichten, auch die Umbenennung in „Amt für Nationale Sicherheit“ im November 1989 änderte wenig. Die Auflösung der Stasi verlief schleppend.

Der Protest der Bürgerrechtsgruppen gipfelte am 15. Januar 1990 in der Erstürmung der Berliner Stasi-Zentrale, der letzten Bastion des SED-Staates. Diese Besetzung gilt als wesentlicher Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung und trieb die Auflösung der Staatssicherheit sowie die Schaffung eines Gesetzes zur Behandlung der Stasi-Unterlagen maßgeblich voran.

Seit 1992 können Betroffene auf Basis des Stasi-Unterlagengesetzes ihre persönlichen Akten einsehen. Millionen Menschen haben bereits von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, um die Wahrheit über die Überwachung und die Rolle von Spitzeln im eigenen Umfeld zu erfahren. Die erhaltenen Dokumente bleiben ein einzigartiges Zeugnis der Methoden und des Ausmaßes der Staatssicherheit in der DDR.

Plauen 1989/90: Vom „Brodeln“ zum Hotspot der friedlichen Revolution

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Plauen, Ende der 1980er Jahre: Die Lage in der Stadt im Vogtland war angespannt. Die Versorgungslage wurde als kritisch beschrieben, insbesondere bei Südfrüchten und Luxusgütern, die im Gegensatz zur Hauptstadt Berlin kaum erhältlich waren. Nur etwa 30 Kilometer von der westdeutschen Grenze entfernt, konnten die Einwohner Westfernsehen empfangen, was die Situation zusätzlich beflügelte. Man wusste, was es im Westen gab und was dort los war, hatte aber keine Möglichkeit, die kurze Distanz zu überbrücken und beispielsweise die Partnerstadt Hof zu besuchen.

Bereits 1984 rollte eine große Ausreisewelle auf Plauen zu, bei der viele Menschen gruppenweise ihre Ausreise beantragten und die Stadt verließen. Die Unzufriedenheit wuchs, auch die Lage in den Betrieben verschärfte sich nach dem Parteitag 1987. Reformen nach dem Vorbild von Glasnost und Perestroika aus der Sowjetunion wurden in der DDR nicht übernommen, was die Lage in Grenznähe wie in Plauen weiter verschärfte. Die 1987 geschlossene Städtepartnerschaft mit Hof trug paradoxerweise zur tragischen Situation bei. Nur prominente Plauener wie der Oberbürgermeister konnten davon profitieren; normale Bürger konnten nicht nach Hof reisen, was zusätzlichen Frust erzeugte.

Das Jahr 1989 begann aufregend für die Plauener Bevölkerung. Angesichts der Kommunalwahlen im Mai schloss sich eine Gruppe junger Menschen um die Markuskirche zusammen, um die Wahl zu überwachen. Bei Wahlen in der DDR wurden typischerweise Prozentsätze um 99 Prozent erzielt, was bekanntermaßen nicht der Realität entsprechen konnte. Die Wahlbeobachter in Plauen stellten fest, dass die veröffentlichten Zahlen nicht mit ihren Aufzeichnungen übereinstimmten. Plauen befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer einmaligen Situation innerhalb der DDR. Bürger schlossen sich zusammen, starteten einen Aufruf und erklärten die Wahlen für betrogen. Dies wurde sofort geleugnet, und die Staatssicherheit nahm ihre Arbeit auf.

Im Sommer 1989 nutzten viele Plauener ihren Urlaub in Ungarn. Als Ungarn seine Grenzen Richtung Österreich öffnete, flüchteten zahlreiche Plauener in den Sommermonaten über Ungarn in die Bundesrepublik. Es waren Arbeitskollegen, Freunde, Nachbarn, Bekannte – Plauen leerte sich. Nachdem die Grenze nach Ungarn komplett geschlossen worden war, versuchten viele Plauener ihr Glück über die Botschaft in Prag. Die Prager Botschaft war vollkommen überfüllt.

Am 30. September 1989 teilte die Agentur mit, dass die Menschen aus der Botschaft ausreisen dürften. Die Züge wurden über das Gebiet der DDR abgeleitet. Am 1. Oktober fuhren diese Züge mit Ausreisewilligen, oft auch Plauenern, durch Plauen. Der Bahnhof war von Transportpolizei und Kampfgruppeneinheiten abgeriegelt. Man merkte, dass es brodelte in Plauen – sieben Tage später stand der 40. Jahrestag der DDR an.

Kurz vor dem 40. Jahrestag gab es mehrere Aufrufe zu Demonstrationen in Plauen. Es gab zwei Aufrufe: einen von ausreisewilligen Plauenern für 9 Uhr morgens und einen von Plauener Bürgern für 15 Uhr. Die Staatssicherheit hatte sich darauf eingestellt, erwartete jedoch nicht das Ausmaß, das dies in Plauen annehmen würde – und das war erschreckend.

Am 10. Oktober 1989, nach 15 Uhr, verlor die Staatsmacht in Plauen die Kontrolle über ihr gesamtes Vorgehen. Circa 15.000 Menschen gingen in Plauen auf die Straße, und niemand hatte mit einem solchen Menschenandrang gerechnet. Plauen entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt zu einem Hotspot der friedlichen Revolution. Plauener Bürger nahmen das Zepter in die Hand, besorgten sich in der Stadtverwaltung Informationen und äußerten, welche Richtung sie für Plauen für gut hielten. Eine der großen Forderungen war die Reisefreiheit. Man wollte endlich die Partnerstadt Hof besuchen können.

Ende Oktober brachte die DDR-Regierung ein vorläufiges Reisegesetz heraus, das jedoch so schlecht gemacht war, dass die Bevölkerung noch mehr dagegen auf die Straße ging. Zu dieser Zeit waren samstags teilweise bis zu 25.000 Menschen in Plauen auf der Straße. Und dann kam der 9. November: Die DDR öffnete ihre Grenzen. Erstmalig konnten Plauener Menschen besuchen, die nur 30 Kilometer entfernt wohnten. Es war ein Freudenfest für beide Seiten. Man konnte zum ersten Mal ohne Einschränkungen den anderen Teil Deutschlands erleben und kennenlernen.

Die ersten geöffneten Grenzübergänge in der Nähe waren Hirschberg (Autobahn A9) und Gutenfürst (Zug). Sehr schnell wurden weitere Grenzübergänge geöffnet. Bereits am 12. November wurde der Grenzübergang B173 (vermutlich Töpen/Hof) geöffnet, und es begann die Arbeit an der Öffnung der Autobahn A72 Richtung Hof. An einem Tag fuhren teilweise 30.000, 40.000, ja 50.000 Menschen über diese Übergänge. Es gab Tage, an denen 600.000 Menschen in Hof waren – etwa das Zehnfache der Stadt Hof – unvorstellbar, wie das damals war.

Der Dezember 1989 war ebenfalls ein aufregender Monat für Plauen. Am 6. Dezember besetzte das Bürgerkomitee die Staatssicherheitszentrale in der Gabelsbergerstraße. Dort fand man außer Waffen nichts mehr – die Akten waren bereits nach Karl-Marx-Stadt transportiert und verbrannt worden. Doch der Dezember hatte auch Positives: Am 24. Dezember öffneten sich die Grenzen auch in die andere Richtung. Erstmalig durften Menschen aus der Bundesrepublik ohne Pass, ohne Zwangsumtausch und ohne Visum nach Ostdeutschland in die DDR einreisen. Die Freude war groß, viele empfanden es als Weihnachtsgeschenk. Man ging auf die Straße und begrüßte sie, und der Wunsch nach Wiedervereinigung wurde immer größer.

Man begann, das Emblem aus der DDR-Flagge auszuschneiden. Plauen war eine der ersten Städte, in denen der Wunsch nach Wiedervereinigung überdeutlich aufkam. Die Demonstrationen liefen bis März 1990 weiter, bis zu den ersten freien Wahlen. Der Wunsch nach Wiedervereinigung wuchs von Demonstration zu Demonstration.

1990 war ein aufregendes Jahr für Deutschland. Am 1. Juli fand die Währungsunion statt – die DDR-Mark verlor ihre Gültigkeit, die D-Mark kam in die Geschäfte. Es war absehbar, dass die DDR keinen Bestand mehr haben konnte. Und so trat die DDR am 3. Oktober der Bundesrepublik Deutschland bei.

Ein großes Fest zur Wiedervereinigung fand in Gutenfürst statt. Tausende Plauener machten sich mit einem Sonderzug und Autos auf den Weg dorthin, um zusammen mit den Hofern (die ebenfalls mit Sonderzügen kamen) die Wiedervereinigung im ehemaligen Grenzbahnhof Gutenfürst zu feiern. Der Grenzbahnhof, der komplett seinen Schrecken verloren hatte, war ein optimaler Ort, um die Wiedervereinigung beider Staaten, aber auch der beiden Städte Hof und Plauen zu feiern.

Die bewegte Geschichte der deutschen Seebäder an der Ostsee

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Die Vorstellung, sich in die kühlen Fluten der Ostsee zu stürzen, mag heute für viele ein Synonym für Urlaubsfreude sein. Doch die Beziehung der Menschen zum Meer war lange von Furcht geprägt. Selbst Küstenbewohner mieden das Wasser, Aberglaube über Seeungeheuer und die Gefahr des Ertrinkens hielten die Menschen fern. Strände lagen jahrhundertelang leer und verlassen da. Das Leben an der Küste war für seine Bewohner vor allem hart und beschwerlich. Doch dies sollte sich Ende des 18. Jahrhunderts grundlegend ändern.

Die Geburtsstunde in Heiligendamm
Die Geschichte der deutschen Seebäder beginnt offiziell im Jahr 1793 in Heiligendamm an der Ostsee. Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin gründete hier das erste deutsche Seebad. Dieser wilde Küstenabschnitt vor den Toren Doberans wurde „Heiliger Damm“ genannt. Schon 50 Jahre später entwickelte sich hier die „weiße Stadt am Meer“. Samuel Gottlieb Vogel, der Leibarzt des Herzogs, war maßgeblich daran beteiligt, indem er 1793 Adelige zur heilsamen Wirkung des Meerwassers überredete. Gebadet wurde allerdings nicht in Doberan, sondern im näher am Meer gelegenen Heiligendamm. Die Idee, das Meerwasser zur Kur zu nutzen, gewann Verbreitung, nachdem der englische Mediziner Richard Russell 1753 eine Doktorarbeit über dessen Wirkung veröffentlicht hatte. Deutsche Leibärzte begannen daraufhin, adligen Herrschern eine Kur im Meer zu raten. Das „Planschen in der See“ wurde schnell zum Trend unter Adligen.

Adel, Etikette und strenge Regeln
Innerhalb von nur 20 Jahren entstanden weitere Badeorte an der Ostsee wie Travemünde, Boltenhagen, Warnemünde und Grömitz. Adelsfamilien ließen sich Logierhäuser und Schlösser erbauen. Bald folgte dem Adel das Großbürgertum. Die Aussicht auf ein Bad lockte die feine Gesellschaft ans Meer. Der Aufenthalt diente nicht nur der Gesundheit, sondern war auch ein sommerliches Stelldichein des deutschen und osteuropäischen Adels und später des Großbürgertums.

Das Badeleben war zunächst streng reglementiert. Hofrat Samuel Vogel erließ Baderegeln. So durfte niemand im Zustand beträchtlicher Ermattung kalt baden, musste ausgeruht sein und sich erst abkühlen. Gebadet wurde von Badekarren aus. Diese wurden rückwärts ins Wasser geschoben, sodass die Gäste sittsam bekleidet eintauchen konnten. Die Kleidung spielte eine immense Rolle. Ein häufiger Kleidungswechsel unterstrich den Wohlstand. Ganzkörperbedeckung war anfangs für Frauen Pflicht, was durch schwere Stoffe sogar zu Rettungseinsätzen führen konnte. Eine strikte Trennung der Geschlechter war vorgeschrieben. Auch beim Spaziergang über die Kurpromenade oder dem Besuch des Lesesaals war elegante Kleidung erforderlich. An der Badehose war der soziale Rang schließlich nicht erkennbar – man wusste nicht, ob es der Graf oder sein Diener war. Die Seebäder waren auch ein wichtiger Heiratsmarkt. Mütter versuchten, ihre Töchter an „einen Herrn von Rang“ zu vermitteln, und in manchen Saisons wurden Dutzende Ehen gestiftet.

Die „Weiße Stadt am Meer“ und ihre Architektur
Schon 50 Jahre nach der Gründung Heiligendamms entwickelte es sich zur „weißen Stadt am Meer“. Das 1816 errichtete Kurhaus prägte den Stil. Die Inschrift „Heic te laetitia invitat post balnea sanum“ – „Frohsinn erwartet dich hier, entsteigst du gesundet dem Bade“ – wurde zum Motto. Nach und nach entstanden Logierhäuser, Villen und Cottages. Die sogenannte Bäderarchitektur, die sich vor allem in den Kaiserbädern Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin, sowie in Binz und Kühlungsborn findet, ist berühmt. Es ist eine Mischung aus Klassizismus, Renaissance und Jugendstil. Diese Architektur entstand, als das Großbürgertum die Seebäder entdeckte und sich prächtige Sommerresidenzen bauen ließ. Sie ist verspielter und reicher an Zierrat als Stadtarchitektur und Ausdruck des Wunsches, Freizeit zu verbringen und sich etwas leisten zu können.

Der unverzichtbare Strandkorb
Ein ikonisches Möbelstück deutscher Strände erblickte 1882 in Warnemünde das Licht der Welt. Der kaiserliche Hofkorbmachermeister Wilhelm Bartelmann erfand den Strandkorb. Der Legende nach baute er den ersten Korb für Elfriede Maltzahn, die an Rheuma litt und Sonne und Strand genießen wollte, ohne sich zu verkühlen. Bartelmanns Erfindung verbreitete sich schnell und schützte nicht nur vor Wind und Kälte, sondern bot auch praktischen Nutzen, etwa zur Aufbewahrung von Habseligkeiten. In Deutschlands ältester Strandkorbmanufaktur in Heringsdorf wird dieses Möbelstück bis heute in Handarbeit gefertigt und ist für Tausende Euro zu haben. Der Strandkorb ist bis heute eine Besonderheit heimischer Strände.

Vom Eliten-Treffpunkt zum breiteren Publikum
Über lange Zeit tummelten sich Hochadel und Großbürgertum in den Seebädern, die Verweildauer betrug oft sechs bis acht Wochen. Später kamen mittelständische und kleinbürgerliche Kreise hinzu, aber es handelte sich noch nicht um Massentourismus. Mit der Ausweitung des Publikums, etwa in Orten wie Sellin auf Rügen, erlangten auch neue Seebäder Bedeutung. Der Tourismus brachte Fortschritt. Sellin erhielt schnell getrennte Bäder für Herren, Damen und Familien. Mit Anbauten an die Seebrücke wie Musikpavillon und Lesehalle kam Glamour auf. Sellin galt als familienfreundlich, hier suchte man nicht Stars und Prominente, sondern fand schnell Spielkameraden am Strand.

Liberalisierung des Badelebens und neue Berufe
Langsam liberalisierte sich das Badeleben, insbesondere in den 1920er-Jahren. In Familienbädern wurde die Geschlechtertrennung aufgehoben. Die Bademode wurde lockerer und tolerierte nackte Haut. Damen konkurrierten in unterschiedlichen Kreationen, Klassiker wie das zweiteilige Trikot mit Häubchen kamen in Mode. Für die Herren wurde die Mode freizügiger, sie trugen Trikots mit Einblicken auf den Oberkörper. Der Berliner Maler Ernst Heilemann, bekannt als „Zille von Bansin“, hielt die Badeszenen humorvoll fest. Seine Darstellungen der üppigen Badenixen sorgten im prüden wilhelminischen Preußen sicher für Aufregung. Allerdings schritt der Staat auch regulierend ein: 1932 fand Preußen die Mode zu freizügig, und der „Zwickel-Erlass“ schrieb einen Badeanzug vor, der Brust und Leib bedecken und mit einem Zwickel versehen sein musste. Mit weniger Stoff fielen zumindest am Strand auch Standesdünkel.

Die 20er-Jahre brachten auch die wachsende Bedeutung von Freizeitsport und Spiel. Der Aufenthalt am Meer diente nun auch der Körperertüchtigung. Tennis, Golf und Pferdesport waren in Seebädern, die etwas auf sich hielten, fast immer anzutreffen. Die Rennbahn in Heiligendamm-Doberan ist die älteste auf dem europäischen Festland, Pferderennen fanden hier schon früh statt und regelmäßig bis 1939.

Ein neuer Beruf entwickelte sich durch den Zustrom der Touristen: der Strandfotograf. Hans Knospe in Sellin wurde in den 20er-Jahren zur Legende. Er verkaufte Urlaubsandenken auf steifem Karton, bezahlbar auch für die kleinen Leute. Knospe war Fotograf, Animateur, Entertainer. Er musste nicht wasserscheu sein, obwohl er nie schwimmen lernte. Sein Geschäft boomte, er hatte Angestellte. Der „Eisbärenfotografie“, bei der ein Angestellter im Eisbärenkostüm die Gäste auf der Seebrücke empfing, war in den 20er-Jahren in Mode.

Politische Schatten und dunkle Zeiten
Doch die 20er-Jahre waren nicht nur unbeschwert. Politische Konflikte machten sich bemerkbar. Am Strand wurden nicht nur Strandburgen und -körbe mit Flaggen dekoriert, sondern auch politische Gesinnung gezeigt. Viele Fahnen des Kaiserreiches waren zu sehen. Eine Minderheit wagte es, Schwarz-Rot-Gold, die Farben der Weimarer Republik, zu hissen und musste mit Reaktionen wie Fahnenklau oder Pöbeleien rechnen. Entspanntes, liberales Strandleben gab es nicht für jedermann. Bereits lange vor der Machtergreifung der Nazis wurden jüdische Gäste in deutschen Badeorten verstärkt diskriminiert. Hotels wiesen sie ab, sie wurden beschimpft, und schon lange sah man den Hitlergruß in den Seebädern. Der Bäderantisemitismus prägte sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in einzelnen Seebädern mit kleinbürgerlichem Publikum wie Zinnowitz und Borkum aus. Traditionsbäder wie Norderney und Heringsdorf galten als „Judenbäder“ wegen ihres eher internationalen Publikums und wurden verhöhnt. Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Bäderantisemitismus zur alltäglichen Erscheinung in allen deutschen Seebädern.

Das normale Leben veränderte sich drastisch. Statt flanierender Gäste zogen Uniformen im Gleichschritt vorbei. Der winkende Eisbär auf der Selliner Seebrücke wich Soldaten, die von strammen Mädels verabschiedet wurden. Naziprominenz und Hitlergruß ersetzten Badespaß und Urlaubsfreuden. Sellins Seebrücke wurde als U-Boot-Anleger genutzt. Strandfotograf Hans Knospe wurde zum Chronisten dieser neuen Zeit und dokumentierte die Radikalisierung des Lebens.

Während elite Seebäder wie Heiligendamm bedenkenlos von Nazi-Größen wie Göring, Hitler und Goebbels okkupiert wurden, hatten die Nazis andere Pläne für die breite Masse. Unter dem Motto „Kraft durch Freude“ (KdF) sollte Massentourismus für jedermann ermöglicht werden. Dafür wurde in Prora auf Rügen eine gigantische Bettenburg für 10.000 Gästezimmer gebaut, die jedoch nie fertiggestellt wurde. Prora war als Vorzeigeprojekt für die Masse gedacht, während Heiligendamm die Klasse repräsentierte.

Die Zeit der Teilung und des Verfalls
Nach dem Krieg nahm die Geschichte der Seebäder in der DDR eine andere Wendung. Die SED-Führung sah private Hoteliers und Gastwirte kritisch. 1953 wurden in der „Aktion Rose“ Hotels, Pensionen und Gaststätten zwangsenteignet. Ehemalige Kurhotels wurden zu „Erholungszentren“ der Gewerkschaft. Die Ostseeküste wurde zum Grenzgebiet, und an den meisten Stränden konnte man sich nur noch tagsüber frei bewegen. Auch Strandfotograf Hans Knospe musste mit staatlichen Restriktionen leben. Seine Selliner Seebrücke, einst Wahrzeichen und „Krone von Sellin“, verfiel und wurde 1978 abgerissen, was Knospe sichtlich bewegte.

Wiedervereinigung und Wiederaufbau
Nach der Wiedervereinigung waren viele Gebäude in den Seebädern der früheren DDR dem Verfall preisgegeben. Die „weiße Stadt am Meer“ in Heiligendamm bot einen traurigen Anblick. Der Zustand war kritisch, da pflegloser Umgang und Fehlnutzung ihren Tribut forderten. Paradoxerweise half der langsame Verfall zu DDR-Zeiten den ostdeutschen Seebädern. Da das Geld für Abriss und Neubau fehlte, blieb die Bäderarchitektur überwiegend erhalten, während sie in westdeutschen Bädern in den 60er- und 70er-Jahren oft durch moderne Gebäude ersetzt wurde.

Der Wiederaufbau war eine gewaltige Aufgabe. In Heiligendamm begann die Sanierung Mitte der 90er-Jahre mit viel Pomp. Das Land investierte Millionen. Bäderarchitektur zu erhalten, kostet viel Geld. Doch die „weiße Stadt am Meer“ ist heute fast vollständig wiederhergestellt. Allerdings kämpfen einige Häuser, wie das Grand Hotel Heiligendamm (das 2012 insolvent ging), mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, da der Aufenthalt teuer ist und die Konkurrenz groß. Sellins Seebrücke wurde Mitte der 90er-Jahre dank der Bemühungen von Hans Knospe, der seine alten Fotos als Baupläne zur Verfügung stellte, wiederaufgebaut und 1998 fertiggestellt. Knospe, ältester Fotograf Deutschlands und Ehrenbürger von Sellin, erlebte dies noch mit Freude, bevor er ein Jahr später starb.

Der Sehnsuchtsort bleibt
Moderne Seebäder wie Boltenhagen locken heute internationale Gäste auch mit Sportveranstaltungen wie Segelweltmeisterschaften. Solche Veranstaltungen sind ein Segen für die Orte, bringen Aufmerksamkeit und ausgebuchte Betten.

Doch was zieht die Menschen bis heute ans Meer? Es sind vor allem Sonne, Sand und Wasser. Bewegung an frischer Luft. Und nostalgische Erinnerungen. Am Strand werden gestandene Geschäftsleute wieder zu Kindern, spielen im Sand und bauen Burgen. Die meisten Menschen sind von klein auf ans Meer gefahren, und die Rückkehr löst eine Art Regression aus – sie fallen in kindliche Schemen zurück.

Die Seebäder an Ost- und Nordsee sind heute die beliebtesten Urlaubsziele in Deutschland. Mit Millionen Übernachtungen und Tagesausflüglern pro Jahr sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ein Boom, der 1793 mit dem ersten deutschen Seebad in Heiligendamm an der Ostsee begann.