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Vogtland im Wandel – Eine Region zwischen Aufbruch und ungelösten Fragen

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Dreißig Jahre nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Berliner Mauer blickt das Vogtland auf eine bewegte Transformationsgeschichte zurück. Was einst eine geteilte Nation war, steht heute vor der Frage, ob die Mauern in den Köpfen der Menschen überwunden sind und ob die Entwicklung die gewünschte Freiheit und Demokratie gebracht hat. Die anfängliche Euphorie einer besseren Zukunft hat sich in vielen Köpfen einer allgemeinen Unzufriedenheit und dem Gefühl der Benachteiligung als Ostdeutsche gewandelt.

Die DDR-Vergangenheit: Ein System der Angst und Unterdrückung Das DDR-Regime war ein System der Unterdrückung und Angst. Über 40 Jahre lang waren die Bürger der DDR regelrecht eingemauert. Die innerdeutsche Grenze, die das Vogtland auf fast 1400 Kilometern durchzog, war ein Symbol dieses nach innen geschlossenen Systems. Sie bestand aus Minenfeldern, Selbstschussanlagen und einem drei Meter hohen Streckmetallzaun; wer sie überwinden wollte, riskierte sein Leben, und Hunderte wurden dabei getötet. Schon der Gedanke, die DDR zu verlassen, wurde vom SED-Regime nicht toleriert. Die Staatssicherheit (Stasi) beschäftigte allein in Plauen etwa 700 offizielle und inoffizielle Mitarbeiter, was zu einer tief verwurzelten Angst vor Verfolgung und Repressalien führte. Dieses „Angstsystem“ wurde von Beginn an etabliert und garantierte die lange Existenz der Diktatur.

Gleichzeitig verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der DDR in den 1980er Jahren drastisch; der totale Bankrott schien nur eine Frage der Zeit. Die Textilindustrie im Vogtland, einst ein großes Zentrum und Versorger des gesamten östlichen Wirtschaftsraums, litt unter veralteten Produktionsmethoden und ständigem Mangel. Die steigende Abwanderung von Fachkräften und die schlechter werdende Versorgungslage waren weitere Probleme.

Der Ruf nach Freiheit und Einheit Im Herbst 1989 entlud sich der über 40 Jahre aufgestaute Unmut. In Plauen gingen am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, erstmals Tausende Menschen auf die Straße. Dies war ein historischer Moment: Ohne erkennbare Führung bildete sich ein Demonstrationszug mit mindestens 15.000 Menschen. Sie forderten Reisefreiheit, und vor allem Frieden. Dank der Vermittlung von Superintendent Thomas Küttler, der zwischen Demonstranten und Staatsmacht agierte, blieb die Situation friedlich. Die Staatsmacht lenkte ein und signalisierte Gesprächsbereitschaft.

Der Wunsch nach der deutschen Einheit wurde im Vogtland besonders früh und vehement geäußert. „Deutschland einig Vaterland“ war die zentrale Forderung auf den Demos. Die Menschen wollten so schnell wie möglich Westgeld und die deutsche Einheit, ohne Experimente. Die Euphorie auf ein besseres Leben überwog.

Die Herausforderungen der Transformation Die Wiedervereinigung brachte jedoch auch gewaltige Probleme mit sich. Die Währungsunion, die am 30. Juni 1990 stattfand, hatte zur Folge, dass alles, was bis dahin in den Läden war, über Nacht „verschleudert“ wurde, und die Geschäfte sich plötzlich leer anfühlten. Die DDR-Wirtschaft musste sich 1990 völlig neu ausrichten. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz breitete sich aus, da einstmalige Industriehochburgen abgebaut und liquidiert wurden. Im Vogtland hinterließ der Einbruch der Textilindustrie tiefe Narben, was zu Industrieruinen und hohen Arbeitslosenzahlen führte. Viele Menschen im Vogtland haben seit der Wende nicht mehr gearbeitet, und ganze Generationen sind in Familien aufgewachsen, in denen es keine Arbeit gab.

Viele Ostdeutsche fühlen sich bis heute nicht ausreichend anerkannt. Die These, dass die Politik keine „wirkliche Ostkompetenz“ entwickelt habe und Probleme weggemoderiert wurden, indem man einfach Geld in den Osten schickte, wird geäußert. Professorin Ines Geipel stellt sogar Thesen auf, die einen Zusammenhang zwischen der rechten Szene und der DDR-Vergangenheit herstellen, da die Aufarbeitung der doppelten Diktaturgeschichte nicht ausreichend stattgefunden hat. Sie warnt davor, dass der Osten sich erneut zum „politischen Opfer“ machen lässt und „sehenden Auges in den totalen Einschluss“ läuft. Eine vernebelnde „Ostalgie“ könnte die Sicht auf das wirklich Quälende verleugnen.

Fortschritte und unerwartete Entwicklungen Trotz der Schwierigkeiten gab es im Vogtland auch Erfolgsgeschichten und massive Veränderungen. Die Infrastruktur der Region hat sich enorm verbessert. Es gab einen Sanierungsboom, bei dem Tausende Wohnungen instand gesetzt wurden. Persönlichkeiten wie die Familie Ihring haben sich durch den Kauf und die Sanierung denkmalgeschützter Objekte um den Erhalt wertvoller Bausubstanz verdient gemacht.

Auch wirtschaftlich gab es Lichtblicke:

• Die Plauener Spitze überlebte den Umbruch und zählt bis heute zu den „Top-Modellen der DDR“, auch wenn hohe Investitionsbedarfe bleiben.
• Das Plauener Sternquell Bier entwickelte sich zu einer der ersten erfolgreichen Geschäftsbeziehungen zwischen Ost und West.
• Die Entwicklung des NEOPLAN Omnibus Werks in Plauen wird als eine der Erfolgsgeschichten im Vogtland nach der Übernahme durch die Familie Auwärter genannt.
• Die Region kann auch mit Superlativen aufwarten, wie der Entstehung der modernsten Skisprunganlage Europas in Klingenthal, die die Menschen mit Stolz erfüllt.

Der Blick nach vorn: Mauern in den Köpfen einreißen Drei Jahrzehnte nach dem Umbruch ist der Transformationsprozess noch nicht abgeschlossen und wird sich voraussichtlich noch hinziehen. Die Erinnerung an den real existierenden Sozialismus verwischt, und viele, die das System erlebt haben, sehen heute oft nur noch das vermeintlich Gute daran. Dies birgt die Gefahr der Geschichtsklitterung und entfernt die Gesellschaft von den Werten, für die 1989 gekämpft wurde: Freiheit und Demokratie.

Es ist von entscheidender Bedeutung, sich weiterhin für die Demokratie zu engagieren, denn „Demokratie ist kein Selbstläufer“. Es geht darum, die tiefsitzenden Mauern in uns selbst niederzureißen und das Land als Ganzes zu sehen. Das riesige Glückskapital, das durch die friedliche Revolution gewonnen wurde, darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Es ist eine ernsthafte Aufgabe, zu verhindern, dass die Gesellschaft in eine neue Diktatur abrutscht. Die junge Generation wird wohl kaum noch Probleme mit dieser Erkenntnis haben.

Freie Meinung im Osten? Eine ostdeutsche Perspektive auf die Wiedervereinigung

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Die Debatte um die deutsche Wiedervereinigung und die Erfahrungen der Ostdeutschen bleibt auch Jahrzehnte später ein emotionales und oft polarisierendes Thema. Wilhelm Domke-Schulz ist eine Stimme, die diese Polarisierung exemplarisch aufzeigt: Seine Äußerungen werden von einigen als mutige Offenheit gefeiert („endlich sagt’s mal einer“), während andere darin „Hass auf den Westen“ erkennen. Seine Perspektive bietet einen unverblümten Einblick in die Sichtweise eines „Ossis“ auf die Nachwendezeit und die Geschichte Deutschlands.

Der Groll auf den Westen und die Dominanz der westdeutschen Erzählung
Domke-Schulz äußert sich deutlich ablehnend gegenüber dem Westen, er findet „nicht so viel, was ich leiden könnte“. Selbst landschaftliche Schönheit wie Weinregionen im Westen wird nur unter dem Vorbehalt erwähnt, dass der Wein nichts dafür kann, dort zu wachsen. Ein zentraler Kritikpunkt ist für ihn die vorherrschende Geschichtsdarstellung: Diese sei „immer eine Westdeutsche“.

Die Friedensbewegung im Osten: Staatliche Lenkung versus kirchlicher Widerstand
Entgegen mancher vereinfachter Darstellung betont Domke-Schulz die Existenz und Vielfalt der Friedensbewegung in der DDR, insbesondere zur Zeit der Stationierung amerikanischer Raketen. Er unterscheidet hierbei klar zwischen zwei Strömungen:

• Staatlich gelenkte Aktionen: Die FDJ organisierte „große Aktionen“ wie „Single Clubs“, Gitarrenkonzerte und die Verbreitung von Aufklebern mit durchgestrichenen Raketen, die sich gegen den NATO-Doppelraketenbeschluss richteten. Diese Bewegung war „Anti-NATO USA“ orientiert und sah die USA als Aggressor, dessen Raketen „uns und unsere Freunde und in der Sowjetunion bedrohen“. Dieser Haltung lag auch die Erinnerung an den Vietnamkrieg zugrunde.

• Unabhängige kirchliche Bewegung: Parallel dazu entwickelte sich eine Bewegung unter dem Begriff „Schwerter zu Pflugscharen“, die von Wittenberg ausging und über die Kirche, insbesondere durch Friedrich Schorlemmer, getragen wurde. Diese Antikriegs- und Abrüstungsbewegung war nicht staatlich gelenkt und gefördert, sondern entstand unabhängig und wurde durch symbolische Akte, wie das Umschmieden eines Schwertes zu einem Pflug im Schlosshof von Wittenberg, bekannt.

Der 3. Oktober: Ein Tag der Ablehnung und Enttäuschung
Für Wilhelm Domke-Schulz ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, ein Tag, den er meidet. Er kann die von ihm beschriebene Peinlichkeit nachvollziehen, die auch Westdeutsche empfinden, wenn Politiker versuchen, den Ostdeutschen „Dankbarkeit abzuringen“. Für ihn selbst stellt sich die Frage nach dem Grund für diese Dankbarkeit: „Wofür soll ich da jetzt bitte dankbar sein?“. Er listet eine Reihe von Missständen auf, die für ihn eng mit der Wiedervereinigung verbunden sind:

• Arbeitslosigkeit.
• Wirtschaftsvernichtung.
• Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen.
• Nichtzulassung zu Führungspositionen.

Besonders kritisch äußert er sich über die Ankunft sogenannter „Westbesatzer“ im Osten. Nach seiner Wahrnehmung waren dies oft Personen, von denen der Westen „froh war, dass er die Typen los war“. Wenn diese dann „freudestrahlend“ auf ihn zukämen und ihm gratulierten: „Endlich kannst du frei deine Meinung äußern“, empfindet er dies als Ironie und zynischen Hohn. Für Domke-Schulz war die Wiedervereinigung ein Prozess, der seit 1952 vorbereitet wurde, um seine Heimat „zu plündern bis auf den letzten Besenstiel“.

Veranstaltungen zum 3. Oktober, bei denen ein „Beutewessi“ als Veranstalter und Redner auftritt und andere Westdeutsche in Führungspositionen sich selbst beweiräuchern, während die anwesenden „Ossis“ nur klatschen sollen, sind für ihn kein Anlass zur Freude oder zum Feiern. Seine Aussagen spiegeln eine tiefe Enttäuschung und das Gefühl wider, dass die Wiedervereinigung für viele Ostdeutsche mit gravierenden Verlusten und mangelnder Anerkennung einherging.

Das Schicksal der Kathrin Begoin-Weber in der DDR-Jugendhilfe

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Saalfeld/Gera/Eilenburg/Torgau. Kathrin Begoin-Weber, 1968 in Saalfeld, Thüringen, geboren, wuchs behütet als Einzelkind auf, bis ihr Leben in der 8. Klasse eine dramatische Wendung nahm. Sie fühlte sich zu einer Gruppierung junger Erwachsener hingezogen, die sich unter anderem durch das Hören von in der DDR unerwünschter Musik von Bob Dylan oder Janis Joplin auszeichneten. Dort fand sie einen Ort, an dem sie ihre Gedanken und Wünsche zur Veränderung frei äußern konnte, anders als in der angepassten Gesellschaft, in der sie nicht zu allem „Amen“ sagen wollte.

Diese Gruppierung, in der sich auch Jugendliche mit Ausreiseanträgen oder geringen Haftstrafen befanden, bereitete Kathrins Eltern große Sorgen. In naiver Gutgläubigkeit wandten sich ihre Eltern an die Jugendhilfe, in der Annahme, dort Ratschläge zu erhalten, um ihre Tochter wieder mit Gleichaltrigen zusammenzubringen und von der Clique wegzuholen. Doch in dem Moment, als sie diese Frage stellten, entzog die Jugendhilfe den Eltern sofort jegliche Erziehungsmacht, entgegen deren Willen.

Das Durchgangsheim Gera: Der erste Schock
Kathrin wurde zur sogenannten Abschreckung in ein Durchgangsheim nach Gera eingewiesen, zunächst für drei Wochen. Obwohl sie nie mit der Polizei zu tun gehabt oder etwas angestellt hatte, brach für sie eine Welt zusammen. Sie kannte Zellentüren nur aus schlechten DDR-Krimis. Bei ihrer Ankunft riss ihr ein Erzieher, der ihr neuer Betreuer wurde, gewaltsam einen „Schwer dazu Fluchschaden“-Aufnäher von ihrer Jeansweste und eine Kreuzkette ihrer verstorbenen Großmutter ab. Eine Tätowierung an ihrem Unterarm wurde ihr zudem gegen ihren Willen mit einer Wurzelbürste abgeschrubbt, bis es blutete, da der Erzieher glaubte, sie sei lediglich aufgeschmiert. Die Zelle ähnelte dem Begrüßungsarrest in Torgau, ausgestattet mit einem Eimer für die Notdurft, einem Hocker und einem Bretterbett, ohne Fenster. Kathrin weinte hemmungslos und klammerte sich an den Gedanken, dass ihre Eltern sie retten würden.

Fehlschichten und die Einweisung in den Jugendwerkhof
Nach drei Wochen kam Kathrin zwar nach Hause, wurde aber von der Schule genommen und ihr wurde eine Lehrstelle als Hilfslagerarbeiterin zugewiesen, nicht die von ihr gewünschte. Sie hoffte, nach ihrem 18. Geburtstag die Jugendhilfe loszuwerden. Doch zwei „Fehler“ besiegelten ihr weiteres Schicksal: einmal nicht vom Wochenend-Konzert zurückgetrampt, was zu einer Fehlschicht führte, und einmal zwei Stunden zu spät zur Arbeit gekommen. Diese „Verbrechen“ wurden der Jugendhilfe, die eng mit Schulen und Ausbildungsbetrieben zusammenarbeitete, als willkommener Anlass präsentiert, um festzustellen: „Funktioniert mit der nicht“.

Gegen den Willen ihrer Eltern erfolgte die Einweisung in einen Jugendwerkhof. Kathrin wurde erneut ins Durchgangsheim Gera gebracht, für weitere dreieinhalb Wochen, bis ein Platz frei wurde. Es war Praxis, Kinder und Jugendliche weit weg von zu Hause unterzubringen, um alte Freundschaftskontakte zu unterbinden. Kathrin wurde in den Jugendwerkhof Eilenburg verlegt. Dort erwartete sie eine harte Realität: Sie sollte als Küchenhilfe, Putzfrau oder Hilfsanlagenfahrerin im Getränkewerk Eilenburg arbeiten.

Jugendwerkhof Eilenburg: Zwangsarbeit und Isolation
Im Getränkewerk Eilenburg hatte Kathrin mit anderen Jugendwerkhof-Mädchen eine eigene Halle, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt oder zu den anderen Angestellten. Sie wurden wie „der letzte Dreck“ behandelt. Die Arbeit war körperlich schwer und musste auf Normen wie bei Erwachsenen geleistet werden, obwohl sie noch Kinder waren. Die Entlohnung für dieses Zwei-Schicht-System war minimal: Wer funktionierte und „Ja-Sager“ war, konnte sich Kleidung leisten. Wer jedoch als „Querulant“ oder „Entweicher“ galt, erhielt lediglich Zahnpasta, Unterwäsche und Seife. Kathrin bezeichnete dies als Zwangsarbeit und Kinderarbeit, bei der die Heime an den inhaftierten Kindern verdienten.

Ihre Eltern besuchten sie jedes Wochenende von Saalfeld nach Eilenburg, um sie für eine Stunde sehen zu dürfen. Diese Besuche waren für Kathrin wie ein „Halt, Energie und Kraft“. Doch die Heimleitung reduzierte die Besuchszeiten drastisch auf alle drei bis vier Monate. Dies führte zu Kathrins „Entweichungen“ – insgesamt 17 Fluchtversuche während ihrer Zeit im Werkhof. Als Entweicher trug man blaue Latzhosen, hatte keinen Ausweis und kein Geld, war also auf das Trampen angewiesen. Wurde man von einem ABV (Abschnittsbevollmächtigter, eine Art Hilfspolizist) aufgegriffen, begann die Prozedur durch verschiedene Durchgangsheime erneut, bis man in der Stammeinrichtung ankam.

Ein Hauch von Freiheit und die Drohung Torgau
Einmal gelang es Kathrin, an einem Freitag nach Hause zu kommen. Sie bat ihre Eltern, für sie zu lügen und vorzugeben, sie sei schwanger, um drei Tage offiziell zu Hause bleiben zu können. Der Werkhof stimmte überraschend zu. Diese drei Tage waren die einzigen offiziellen Tage, die sie in ihrer gesamten Werkhofunterbringung zu Hause sein durfte. Es war ein Gefühl der kleinen Freiheit, den „Verfolgungswahn abzulegen“ und selbst entscheiden zu können, wann und was sie essen wollte.

Doch die Rückkehr war ein Schock. Obwohl sie nicht schwanger war – Gott sei Dank, wie sie selbst sagt –, fand sie später in ihrer Akte einen Brief des Direktors von Eilenburg an den Direktor von Torgau, in dem von einer möglichen Schwangerschaft die Rede war und dass sofort eine Abtreibung stattfinden würde. Dieses Recht nahm sich die damalige Jugendhilfe heraus.

Torgau: Das Brechen der Persönlichkeit
Kathrin wurde nach Torgau gebracht, ein Name, der bei den Mädchen im Jugendwerkhof Angst auslöste. Mädchen, die nach Torgau gingen, kamen mit langen Haaren und leuchtenden Augen an, aber kehrten mit kurzem Haarschnitt und einem „sturen Blick“ zurück – sie waren nicht mehr dieselben. Kathrin verbrachte fast vier Monate, von Januar bis Mai 1985, in Torgau und musste dort ihren 17. Geburtstag erleben. Ihre Eltern durften sie dort einmal im Monat für eine Stunde besuchen, doch gab es einen langen Tisch, an dem sie saß, während die Eltern ihr gegenüber saßen und Angestellte mitschrieben. Körperkontakt war verboten, und sie durfte nichts über die Einrichtung oder ihre Erlebnisse erzählen, um den Besuch nicht zu verlieren.

Torgau war eine Einrichtung, um dich zu brechen, dich gefügig zu machen, in jeder Hinsicht, und dich zu einem „Ja-Sager“ heranzuziehen, damit du nur noch funktionierst. Selbstständiges Denken und Handeln waren unerwünscht.

Die Narben der Vergangenheit
Anderthalb bis zwei Wochen vor ihrem 18. Lebensjahr wurde Kathrin als „Unverbesserliche“ (UVB) aus dem Jugendwerkhof Hummelzein entlassen. Sie war nicht mehr das Mädchen, das gegangen war. Sie war geprägt, wie viele andere auch, und viele wurden gebrochen. Das System zielte darauf ab, Kinder und Jugendliche zu „Ja-Sagern“ und „funktionierenden Maschinen“ umzuerziehen, ihren Willen zu brechen. Kathrin funktionierte danach 14,5 Jahre. Erst im höheren Alter begann sie eine Ausbildung und reflektiert über die verlorene Zeit und die Entwicklungsphase, die ihr und anderen genommen wurde.

Es sei ein Teil von jedem Betroffenen, der sich nicht aufarbeiten lässt. Das Einzige, was man tun kann, ist, „einen Frieden zu suchen, einen Weg zu finden, damit zu leben“. Viele schweigen noch heute und sind daran zerbrochen. Kathrin betont: „Warst nicht schuld daran. Egal, was man dir anjagt.“

Die Flucht und Rückkehr der DDR-Olympiaträume

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Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war bekannt für ihren Spitzensport und die Erfolge, die ihre Athleten auf internationaler Bühne feierten. Doch hinter den Medaillen und dem Jubel verbarg sich oft eine Realität aus Zwang, politischem Druck und der ständigen Überwachung durch die Staatssicherheit. Rund 600 Spitzensportler kehrten der DDR zwischen 1949 und 1989 den Rücken. Die Geschichten von Karin Balzer, Axel Mitbauer und Klaus Tuchscherer geben einen Einblick in die individuellen Schicksale jener, die ihren Traum von Freiheit über den Sport stellten oder unfreiwillig ins System zurückgedrängt wurden.

Karin Balzer: Olympiasieg nach erzwungener Rückkehr
Karin Balzer, eine der erfolgreichsten Sportlerinnen der ehemaligen DDR, war Mitte der 50er Jahre ein großes Talent. Mit 19 Jahren schaffte sie den Sprung in die Nationalmannschaft und reiste für Wettkämpfe in den Westen, darunter Hamburg, Saarbrücken und sogar privat nach West-Berlin, um einzukaufen. Im Sommer 1958 erfuhr ihr Leben jedoch eine jähe Wendung: Sie sollte gegen ihren Willen für den SC Dynamo Berlin starten. Mit gerade 20 Jahren fasste sie spontan den Entschluss, in den Westen zu gehen, traf sich mit ihrem Trainer und späteren Ehemann in West-Berlin und flog von dort nach Frankfurt.

Doch die Republikflucht endete nicht in dauerhafter Sicherheit. Die DDR-Sportführung und die Staatssicherheit wollten die große Olympiahoffnung nicht ziehen lassen. Karin Balzers Vater wurde von der Stasi gezwungen, das Paar zur Rückkehr zu bewegen. Sie lehnten dies zunächst ab, doch der massive Druck auf ihre Familie – der Bruder verlor seine Lehrstelle, die Eltern fanden keine Ruhe mehr – führte schließlich zur erzwungenen Rückkehr. Karin Balzer wurde in Leipzig untergebracht, erhielt ein einjähriges Startverbot und musste sich „bewähren“.

Diese Erfahrung formte sie zu einer selbstständigen Athletin. Anfang der 60er Jahre wurde sie die Nummer 1 im Hürdensprint der DDR. 1961, als die Berliner Mauer gebaut wurde, befand sie sich mit dem Leichtathletikteam im kapitalistischen Ausland. Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio feierte Karin Balzer ihren größten Erfolg: Sie holte über 80 Meter Hürden die Goldmedaille, die letzte für ein gesamtdeutsches Team. Im Osten wurde ihr Triumph als erster Olympiasieg für die DDR-Leichtathletik dargestellt, während ihre Flucht und Rückkehr verschwiegen wurden. Sie lernte, „niemals zu zeigen, was wirklich im Innersten vorgeht“ und lebte mit einer „gewissen Maske“, da sie die Staatssicherheit „im Nacken“ hatte. Ihre Popularität nutzte sie 1966, um von den Lesern der Tageszeitung „Junge Welt“ zur Sportlerin des Jahres gewählt zu werden und forderte erfolgreich eine bessere Wohnung: „Ich biete meine Goldmedaille gegen eine Wohnung“.

Nach ihrer Karriere weigerte sie sich 1976, ihren Athleten Dopingmittel zu verabreichen, was zu einem Berufsverbot im Leistungssport führte. Nach der Wende arbeitete sie als Dozentin für Sozialpädagogik und Trainerin. Sie bereute ihre spätere Entscheidung, in der DDR geblieben zu sein, nicht, da sie dort aufgewachsen war und eine „Ostmentalität“ angenommen hatte.

Axel Mitbauer: Der Fluchtschwimmer
Axel Mitbauer, Jahrgang 1950 aus Leipzig, wurde im Sommer 1958 als Schwimmtalent entdeckt. Er wuchs ohne Vater auf und fand im Schwimmen sein Zuhause. Schon mit 12 Jahren gehörte der Kraul-Spezialist zum erweiterten Kader der Nationalmannschaft. Sein Traum war ebenfalls Olympiasieger zu werden. Er trainierte besessen, täglich dreimal, und wollte immer weiterschwimmen. Doch seine Erlebnisse im System schufen Distanz: Der Mauerbau 1961 beendete die regelmäßigen Verwandtenbesuche im Westen, und sein Traum von Olympia 1964 wurde zunichte gemacht, weil ein älterer, schwächerer Schwimmer ihm vorgezogen wurde. Er wollte raus, um seinen Sport frei und ohne politischen Druck ausüben zu können.

Als DDR-Meister über 400 Meter Freistil qualifizierte sich Mitbauer für die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko. Doch sein Olympiatraum platzte erneut: Er wurde auf offener Straße verhaftet und in die Stasi-Zentrale in Berlin-Hohenschönhausen verschleppt, wo er sieben Wochen in Einzelhaft verbrachte. Seine Fluchtgedanken waren durch Briefe entdeckt worden, die bei der Einreise westdeutscher Schwimmer gefunden wurden. Obwohl ihm die geplante Republikflucht nicht bewiesen werden konnte, wurde er wegen verbotener Kontaktaufnahme mit dem „Klassenfeind“ bestraft: Er erhielt ein lebenslanges Startverbot. „Da war dann eigentlich mein mein Leben in der DDR zerstört“, so Mitbauer.
Nach seiner Entlassung beschäftigte ihn nur noch eine Frage: Wie konnte er das Land verlassen? Zufällig hörte er auf einer Geburtstagsfeier, dass man von der Ostseeküste das andere Ufer sehen konnte. Er beschloss, durch die Ostsee zu schwimmen – eine lebensgefährliche Idee. Beim Blick in den Atlas schätzte er die Distanz auf 20 km. Am Abend des 17. August 1969 wartete Axel Mitbauer in Boltenhagen auf seine Chance. Er hatte Grenzsoldaten und -anlagen beobachtet und wusste, dass der Suchscheinwerfer jeden Abend um 21 Uhr für genau eine Minute ausging.

Bekleidet mit Badehose, Schwimmflossen und viel Vaseline als Schutz vor der Kälte begann sein stundenlanger Kampf gegen die 18 Grad kalte Ostsee. Er nutzte verschiedene Schwimmtechniken, sprach mit sich selbst und orientierte sich an den Sternen, um das Ziel im Auge zu behalten. Nach rund 22 Kilometern rettete er sich aus Angst vor Unterkühlung auf eine Boje und wurde am nächsten Morgen von einem Fährschiff aufgenommen. Axel Mitbauer ging als „der Fluchtschwimmer“ in die deutsch-deutsche Geschichte ein.

Im Westen setzte er seine Karriere als Leistungssportler fort, konnte aber nicht an die Erfolge im Osten anknüpfen. Eine Verletzung verhinderte zum dritten Mal seine Olympiateilnahme für München 1972. Er bereute seine Flucht nie: „Ich war geboren um dreimal bei denen Olympischen Spiel nicht teilnehmen zu können aber den größten Wettkampf meines Lebens zu gewinnen nämlich von einem totalen System in ein freiheitliches System wechseln zu können“. Später arbeitete er als Schwimmtrainer.

Klaus Tuchscherer: Die Medaille des Systems verwehrt
Klaus Tuchscherer, geboren 1955, war von klein auf vom Wintersport, besonders dem Skispringen, fasziniert. Seine Anlagen blieben nicht unbemerkt, und er kam auf die Sportschule. Ohne das System kritisch zu betrachten, wuchs er in das Fördersystem des DDR-Leistungssports hinein, das von Fleiß und Disziplin geprägt war und kaum Freiräume ließ. Obwohl er sich dem sportlichen Drill unterwarf, fühlte er sich im „Räderwerk der Medaillenmacher“ nicht besonders wohl. Er hatte viele Fragen, traute sich aber nicht, sie zu stellen. Für ihn war es wichtig, mit Personen auf Augenhöhe zu kommunizieren, und er empfand es als Problem, dass ihm in diesem System „Selbstbestimmung“ oder „geistige Freiheit“ genommen wurden.

1976 hatte sich Klaus Tuchscherer bis zu den Olympischen Winterspielen in Innsbruck an die nationale Spitze der Nordisch Kombinierten herangekämpft. Er lag nach dem Skispringen auf Medaillenkurs, auf Platz 3. Doch die DDR-Mannschaftsleitung ordnete ihn überraschend in die schlechteste, die erste Startgruppe für den 15-km-Langlauf ein. Er traute sich nicht zu fragen, warum. Als Läufer mit Startnummer 1 wusste er, dass er ohne Chance war, seinen guten Platz zu verteidigen, da die Loipe mit jedem Läufer schneller wurde. Am Ende wurde er Fünfter und fühlte sich um seine Medaille betrogen.

Der Entschluss, in Österreich zu bleiben, kam in den nächsten Stunden „ganz entschlossen“. Er hatte seine Flucht eine Woche lang geplant und wollte den Trubel beim Springen von der Großschanze nutzen, um sich von seiner österreichischen Freundin per Taxi vom Mannschaftshotel abholen zu lassen. Der Plan ging auf. Zwei Tage später spürte ihn die Staatssicherheit auf und versuchte, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Die DDR-Führung zwang seinen Vater, ihn telefonisch zur Rückkehr aufzufordern. Doch nach seiner Flucht musste die DDR beweisen, dass sie Menschenrechte einräumte, da sie sechs Monate zuvor die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet hatte. Tuchscherer wurde vor die Wahl gestellt: entweder zurückkehren oder offiziell nach Österreich ausreisen. Er entschied sich für die Ausreise.

Klaus Tuchscherer lebt seit über 30 Jahren in Innsbruck, startete nach seiner Flucht für die Nationalmannschaft Österreichs und ist heute als Sozialarbeiter tätig. Er bereute seine Flucht nie: „Wenn die Situation nochmals von mir stehen würde würde ich bis auf Kleinigkeiten wür genau wieder so machen wie ich es gemacht habe“.

Die Geschichten von Karin Balzer, Axel Mitbauer und Klaus Tuchscherer sind eindringliche Beispiele dafür, wie das rigide System des DDR-Leistungssports talentierte Menschen bis an ihre Grenzen trieb und sie zu außergewöhnlichen Schritten bewegte, um persönliche Freiheit und Selbstbestimmung zu erlangen.

Die dramatische Flucht des DDR-Spitzenschwimmers Axel Mitbauer

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In einer Zeit, in der die Grenzen der DDR scheinbar undurchdringlich waren, wagte ein Mann den unvorstellbaren Schritt in die Freiheit. Axel Mitbauer, einst ein gefeierter Spitzenschwimmer der Deutschen Demokratischen Republik, blickt heute auf eine dramatische Entscheidung zurück, die er selbst als „Der Wettkampf meines Lebens“ bezeichnet. Seine Geschichte ist ein eindringliches Zeugnis von persönlichem Mut und dem unbezwingbaren Willen, die eigene Würde zu bewahren.

Mitbauer schildert die tiefgreifenden Gründe, die ihn zu dieser verzweifelten Tat trieben. Das DDR-Regime hatte ihm nicht nur seine vielversprechende sportliche Karriere genommen, sondern auch seine gesamte Zukunft in der Heimat. Doch inmitten dieser Verluste gab es etwas, das ihm nicht genommen werden konnte: seine Ehre. Es war diese unverletzliche Ehre, die ihm unmissverständlich die Richtung wies und sagte: „ich muss weg“. Dieser innere Antrieb war so mächtig, dass er heute im Rückblick selbst sagt: „ich hätte es nicht gemacht ich hätte den Mut nicht gehabt“. Dies verdeutlicht das immense Ausmaß der Verzweiflung und Entschlossenheit, die ihn damals beseelten.

Die Flucht selbst war ein Akt von ungeheurer physischer und psychischer Belastung. Axel Mitbauer beschreibt sie prägnant: „ich schwimme von Boltenhagen bis zum Österreutschen Ufer“. Diese Strecke durch die kalten Gewässer war nicht nur ein körperlicher Marathon, sondern eine symbolische Durchbrechung der Grenzen eines Systems, das seine Individualität und seine Zukunft zu unterdrücken versuchte. Es war ein direkter Widerstand gegen die ihm zugefügten Ungerechtigkeiten, bei dem er alles auf eine Karte setzte.

Selbst Jahre später lassen die Erinnerungen an diesen „Wettkampf“ Mitbauer nicht los. Seine Stimme, so erzählt er, wird brüchig, wenn er darüber spricht: „das sind Dinge die mich nach wie vor sehr bewegen und es verschlecht mir dann halt die Stimme“. Diese tiefe emotionale Resonanz unterstreicht die immensen Strapazen und die Bedeutung, die diese Flucht für sein Leben hatte und immer noch hat. Es zeigt, wie tiefgreifend die Erfahrungen in einem totalitären Staat das persönliche Schicksal prägen können und welch bleibende Spuren der Kampf um Freiheit hinterlässt.

Axel Mitbauers Geschichte ist weit mehr als die simple Erzählung einer gelungenen Flucht. Sie ist ein bewegendes Plädoyer für die persönliche Stärke und den unbedingten Drang nach Freiheit, angetrieben durch eine Ehre, die sich nicht verbiegen ließ. Sie erinnert uns daran, dass der Wert der Freiheit oft erst dann vollständig erkannt wird, wenn man bereit ist, alles dafür aufs Spiel zu setzen.

Elke Thomas: Eine Wende-Geschichte der Resilienz und Selbstfindung in Riesa

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Riesa – Die Deutsche Wiedervereinigung, oft liebevoll als „Wende“ bezeichnet, war für viele Menschen in Ostdeutschland eine Zeit des Umbruchs, der Hoffnung, aber auch der tiefgreifenden Herausforderungen. Eine dieser Geschichten ist die von Elke Thomas, geboren 1960 und seit 43 Jahren verheiratet, deren persönliche „Wendegeschichte“ 1982 begann und ein beeindruckendes Beispiel für Anpassungsfähigkeit und Selbstbehauptung liefert.

Aufstieg und jähes Ende einer DDR-Karriere
Elke Thomas startete ihre berufliche Laufbahn in der DDR mit einer Ausbildung zur Vorarbeiterin für Postverkehr. Nach Tätigkeiten im Lottowesen und am Schalter wurde sie für die Verwaltung berufen, ein Schritt, der im Rahmen damaliger Frauenförderungspläne erfolgte. Als junge Mutter zweier Kinder wurde sie ermutigt, ein Hochschulstudium zu beginnen. Trotz der Herausforderungen durch die Familie, die ebenfalls stark involviert war, nahm sie die Möglichkeit mit Freude an, da sie schon immer gerne gelernt hatte.

Sie studierte an der Hochschule für Verkehrswesen „Friedrich List“ in Dresden und schloss 1987 als Diplomingenieurin für Post- und Fernmeldewesen ab. Ein Kind während des Studiums zu bekommen, stellte kein Problem dar, da man die Studienzeiten verlängern konnte. Ihr Sohn wurde im Oktober 1987 geboren, und ihr Mann übernahm ab Februar 1988 für ein Jahr das „Mütterjahr“, während Elke Thomas ein halbes Jahr zu Hause war. Ihr Ziel war es, nach dem Abschluss ordentlich zu arbeiten und Geld zu verdienen, ohne durch familiäre Verpflichtungen ausgebremst zu werden.

Doch mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung änderte sich alles drastisch. Ab 1989 erlebte Elke Thomas eine Einarbeitung in eine neue Position, die sie rückblickend als „gesetzlosen Zustand“ beschreibt, in dem jeder versuchte, sein Bestes zu geben. Die Post in Riesa wurde mit Meißen zusammengelegt, und das Fernmeldeamt ausgelagert. Für Elke Thomas und andere folgte der Schock: Ihnen wurde direkt gesagt, dass sie nicht gebraucht würden und ihr „roten Sockenstudium“ – eine abfällige Bezeichnung für die DDR-Hochschulbildung – nicht anerkannt werde.

Die Diplome der DDR-Absolventen wurden pauschal aberkannt. Viele, die 1994 ein Schreiben zur Weiterbeschäftigung erhielten, hatten von 1991 bis 1994 keine praktische Erfahrung sammeln können, da ihre Arbeitsplätze anderweitig besetzt wurden. Elke Thomas wurde lediglich angeboten, als Hilfskraft am Schalter zu arbeiten, nicht als Facharbeiterin. Die Arbeitszeiten kollidierten mit der Kinderbetreuung, und die verkürzte Arbeitszeit von sechs Stunden bedeutete so wenig Gehalt, dass sie spöttisch meinte, sie müsse „Geld mitbringen auf Arbeit“. Diese Zeit war für sie nervenaufreibend und kräftezehrend.

Der lange Weg der Neuorientierung
Aus Naivität und dem damaligen Verständnis, dass eine Kündigung etwas Schreckliches sei, unterzeichnete Elke Thomas einen Aufhebungsvertrag. Was sie damals nicht verstand: Sie verlor damit ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld. Beim Arbeitsamt wurde sie dann als Steuerfachgehilfin umgeschult. Doch sie musste feststellen, dass sie nicht der Typ für den Verkauf von Versicherungen war.

In ihrer verzweifelten Suche nach einer Arbeit, die mit ihrer Familie vereinbar war, stellte sie beim Arbeitsamt die Frage, ob sie nach mehreren Umschulungen und der inzwischen wiedererkannten Anerkennung ihres Diploms nicht endlich eine passende Stelle finden könne. Die Antwort einer Mitarbeiterin traf sie tief: „Ach Frau Thomas, vergessen Sie doch einfach mal ihren akademischen Grad und gucken doch mal ob sie was anderes finden.“ Dieses Erlebnis bezeichnet sie bis heute als „dramatisches Erlebnis“, das ihr Vertrauen in die Hilfe des Arbeitsamtes zerrüttete. Eine weitere geplante praktische Ausbildung scheiterte an den hohen Kosten.

Neuanfang in der Selbstständigkeit und als Beraterin
Unterstützt von ihren Eltern, die ihr finanziell zur Seite standen, beschloss Elke Thomas, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Im Jahr 2001 machte sie sich selbstständig als Gesundheitsberaterin für Rücken, Füße und Gelenke. Sie empfindet große Freude darüber, vielen Menschen geholfen zu haben, insbesondere solchen, die wieder schlafen konnten.

Das Hochwasser von 2002 in Riesa führte zu einem Einbruch ihrer Geschäfte, da viele Einwohner mit den Flutfolgen beschäftigt waren, was sie dazu zwang, Hartz IV zu beantragen. Auch hier erlebte sie erneuten Druck und herabwürdigende Äußerungen vom Arbeitsamt.

Um 2003 erholte sich die Lage wieder, und Elke Thomas absolvierte eine weitere Ausbildung, diesmal zur psychologischen Beraterin. Sie befasst sich nun mit tiefgründigen Themen und hilft Menschen im Gespräch, bietet Unterstützung an und kann zwischen Behandlungen Zeit für Beratungen nutzen. Zusätzlich engagiert sie sich ehrenamtlich für den Weißen Ring, wo sie Menschen unterstützt, die Opfer von Straftaten geworden sind.

Ein Ratschlag für die junge Generation
Aus all diesen turbulenten Erfahrungen zieht Elke Thomas eine wichtige Lehre, die sie jungen Menschen mit auf den Weg geben möchte. Sie reflektiert die Naivität ihrer eigenen Generation in der Wendezeit und die unbekannten Mechanismen des Kapitalismus. Ihr Rat ist klar: „geht ein Schritt zurück, beratet euch noch mit anderen Leuten die das vielleicht wissen aber nie sofort das machen was andere sagen.“ Sie ermutigt dazu, selbst zu denken und zu überlegen: „das was du gelernt hast das was du siehst das was du fühlst deckt sich das mit dem was dir gesagt wird.“

Elke Thomas‘ Geschichte ist ein Zeugnis dafür, wie man sich auch unter schwierigsten Bedingungen immer wieder neu erfinden und einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft finden kann, indem man auf das eigene Wissen und die eigene Intuition vertraut.

Sachsens Sport in der Krise: Haushaltskürzungen bedrohen gesellschaftliches Fundament

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Dresden/Leipzig. Der organisierte Sport in Sachsen, eine tragende Säule der Gesellschaft, steht vor einer Zerreißprobe. Mit 726.000 Sportlern in über 4.300 Vereinen und rund 96.500 ehrenamtlichen Helfern bildet er ein beeindruckendes Netzwerk im Freistaat. Doch die angekündigten Haushaltskürzungen stellen diese bewährte Struktur nun massiv auf die Probe und könnten weitreichende Folgen haben.

Sport als Investition statt Mangelverwaltung
Karsten Günther, Vorstand von Teamsportsachsen, betont die dringende Notwendigkeit, den Wert des Sports für Sachsen endlich zu erkennen und politisch zu unterstützen. Die aktuelle Situation wird als „gefühlte Mangelverwaltung“ beschrieben, bei der vieles über das Ehrenamt kompensiert wird. Die Frage ist, wie lange dieses Modell noch aufrechterhalten werden kann. Teamsportsachsen bündelt deshalb Interessen und priorisiert Forderungen an die Politik, um eine zielgerichtete Unterstützung zu ermöglichen.

Günther unterstreicht, dass Sport als Investition in die Zukunft des Landes gesehen werden sollte. Er verweist auf konkrete Beispiele für den wirtschaftlichen Impact, den Sport haben kann: Eine internationale Eishockey-Akademie in Weißwasser könnte die Region positiv beeinflussen und verändern, und die Veranstaltungen in Hohenstein-Ernstthal (vermutlich die Motorrad-Rennstrecke Sachsenring) bringen einen immensen wirtschaftlichen Nutzen für eine strukturschwache Region. Die benötigten Mittel, um solche Leuchttürme am Laufen zu halten, werden als „absoluter Witz“ im Vergleich zum Nutzen bezeichnet. Wenn solche Projekte wegfallen, verschwindet Sachsen von der internationalen Sportbildfläche.

Herausforderung: Kinder und Jugendliche für den Sport begeistern
Ein weiteres drängendes Problem ist der Rückgang von Kindern und Jugendlichen im Sport, insbesondere seit der Corona-Pandemie. Steffen Herold, Vorstandsmitglied von Teamsportsachsen EV, erklärt, wie schwierig es ist, junge Sportler nach einer Pause wieder ins Training zu holen und langfristig zu motivieren. Während früher Verbände in Kindergärten nach Talenten suchten und viele Kinder quasi „zwangsweise“ in Vereinen landeten, fehlt heute oft der notwendige Rückhalt. Die Realität zeige, dass viele Familien – sei es aus sprachlichen oder sozioökonomischen Gründen – diesen Support nicht leisten können. Dabei vereint Sport Kinder, unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund der Familie, einfach durch die Freude an der Bewegung.

Gefährliche Diskussion um Mittelkürzungen
Die Debatte über die Priorisierung von Geldern im Sport und die Forderung, Mittel gezielt in bestimmte Sportarten fließen zu lassen, wird von Christian Dams, Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Sachsen EV, kritisch gesehen. Er warnt davor, „Sportarten den Hahn zuzudrehen“. Als Beispiele nennt er die Frauen-Skispringerinnen oder den deutschen Basketballbund. Hätte man dort vor einigen Jahren die Förderung eingestellt, wären die heutigen Erfolge wie Weltmeistertitel und Olympiasiege vielleicht nie zustande gekommen. Dams fragt provokant, wer sich hinstellen und sagen würde, dass man erfolgreichen Handball in Leipzig oder Volleyball nicht mehr fördert.

Besonders betroffen wären gewachsene Strukturen in den Regionen. Im Eishockey allein gibt es in Sachsen über 40.000 Lizenzinhaber. Die Diskussion im Landtag über die Notwendigkeit von Bildungsfreistellung – die es Ehrenamtlichen ermöglicht, ihre alle zwei Jahre notwendigen Lizenzen zu verlängern – ist dabei entscheidend, um die Erfolge wieder zu den Kindern und Erwachsenen bringen zu können. Eine Streichung etablierter Sportarten würde gewachsene Strukturen über Jahrzehnte hinweg zerstören.

Die einzigartige Kraft des Sports
Über die rein sportlichen Erfolge hinaus hat der Sport eine tiefgreifende gesellschaftliche Bedeutung. Sportler und ihre Persönlichkeiten können einen positiven Einfluss auf viele andere Bereiche ausüben. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist, wenn ein Mannschaftskapitän oder Olympiasieger zum Baumpflanzen aufruft. So standen beispielsweise Spieler, Trainer und Fans von rivalisierenden Fußballmannschaften – von Sachsen-Derby-Gegnern wie dem CFC und der Chemie – kurz vor dem Derby zusammen im Wald und pflanzten Bäume, anstatt aufeinander loszugehen. Dies zeige die „brutale Kraft des Sports“ und welche Botschaften gesendet werden können, um Nachhaltiges wachsen zu lassen.

Die angekündigten Haushaltskürzungen stellen den organisierten Sport in Sachsen vor große Herausforderungen. Es wird deutlich, dass es nicht nur um die Freude am Sport geht, sondern um eine Investition in die Zukunft des Landes, die Stärkung des Ehrenamts und den Erhalt wichtiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Impulse.

Thomas Kretschmer: Von jugendlicher Rebellion bis zur Stasi-Haft

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Jena/Dornburg an der Saale. Thomas Kretschmer, geboren am 18. Dezember 1955 in Jena und aufgewachsen in Dornburg an der Saale, blickt auf ein Leben voller Entscheidungen und Konfrontationen mit dem DDR-System zurück. Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, der früh lernte, sich zu positionieren und gegen die Erwartungen des Staates aufzubegehren.

Prägende Kindheit und frühe Erkenntnisse
Kretschmer wuchs in einer Familie auf, deren Eltern 1955 aus der Bundesrepublik in die DDR gezogen waren. Sein Elternhaus war trotz physischer Strenge der strenggläubigen katholischen Mutter – die ihn auch schlug – ein Ort intensiver Diskussionen über Moral und Ethik. Diese offene Diskussionskultur prägte ihn maßgeblich.

Ein prägendes Erlebnis war der Kontrast zwischen den staatlich organisierten und den katholischen Jugendgruppenfahrten nach Buchenwald. Während die staatliche Version die DDR als die „Besseren“ darstellte, die so etwas „nie gemacht hätten“, vermittelte die katholische Jugendgruppe den Besuch als „Bußgang“. Kretschmer verstand früh, dass die Verantwortung für die deutsche Geschichte – einschließlich der Gräueltaten wie Judenerschießungen – nicht allein beim Westen lag und auch die eigene Familie involviert sein konnte. Er empfand die staatliche Darstellung als „verlogen“, besonders da ihm bekannt war, dass selbst Lehrer ehemalige Nazis gewesen waren.

Früher Widerstand und dessen Folgen
Kretschmers kritische Haltung führte zu ersten Konfrontationen mit dem System. Das Gymnasium (EOS) verweigerte ihm das Abitur aus „politisch-familiären Gründen“. Er entschied sich stattdessen für eine Facharbeiter-Ausbildung mit Abitur in der Landwirtschaft in der Nähe von Gera. Doch auch dort eckte er an:

• Bei der Eröffnung des FDJ-Studienjahres, als gefragt wurde, ob alle Mitglieder der FDJ seien, weigerte sich Kretschmer, wie ein Pfarrerssohn, aufzustehen. Er sah dies zunächst weniger als politische Geste, sondern als Widerstand gegen das „fiese Benehmen“ von Erwachsenen.

• Eine deutlich politischere Geste war das Anbringen des sauberen Wortlauts des DDR-Bausoldatengesetzes an einer Wandzeitung, die für die Nationale Volksarmee warb. Er wollte damit Alternativen aufzeigen und eine Diskussion anstoßen. Die Reaktion war harsch: Er wurde sofort der Schule verwiesen, da die „alten Stalinisten“ dies als Angriff auf sich selbst und die Gesetzgeber sahen.

Nach diesen Vorfällen wurde Kretschmer im Rahmen der „Lehrberufslenkung“ dem Gesundheitswesen zugewiesen und wurde männlicher Krankenpfleger, da es zu wenige gab. Dies war für ihn ein notwendiger Schritt, um vielleicht später Medizin studieren zu können.

Die Sehnsucht nach Freiheit und der Ausbruchsversuch
Kretschmer empfand das Leben in Jena zunehmend als „zu eng“. Die Sehnsucht nach der „weiten Welt“ und einem anderen Leben wurde immer stärker. Er wusste, dass die Flucht über die innerdeutsche Grenze ein lebensgefährliches Unterfangen war, mit einer höchstens „Fifty-Fifty“-Erfolgschance und tragischen Beispielen in seinem Umfeld, einschließlich eines an der Grenze Erschossenen.

Unvorbereitet machte sich Kretschmer eines Morgens auf den Weg. Er trampte bis kurz vor die eigentliche Grenze, wo er von einer Patrouille geschnappt wurde. Zuvor hatte ihn ein Wirt gemeldet, da Kretschmer in seinem Gasthaus mit Kronen bezahlt und „Brot und Zigaretten gekauft“ hatte. Kretschmer selbst räumt ein, dass auch ein gewisser Hang dazugehörte, „erwischt werden zu wollen“, um zu sehen, was dann passiert.

Haft und Stasi-Rekrutierung
Mit 17 Jahren kam Thomas Kretschmer in ein Jugendgefängnis, wo er 15 Monate verbrachte und in dieser Zeit 18 wurde. Die Haft war hart: Einzelzellen waren „extra Bestrafung“, und das ständige Zusammensein mit Mitgefangenen, die man sich nicht ausgesucht hatte, war eine Herausforderung. Er beschreibt, wie Gefühle in dieser ständigen Monotonie „erstickten“ und er „eher taub als wütend“ wurde. Er zog sich in seine „innere Welt“ zurück, praktizierte „Kopfkino“ und empfand große Sehnsucht.

Im Gefängnis wurde Thomas Kretschmer zur „inoffiziellen Zusammenarbeit“ mit der Stasi rekrutiert. An seinem 18. Geburtstag kamen Stasi-Mitarbeiter ins Gefängnis, um sich die „Erklärung über Stillschweigen und Zusammenarbeit“ erneut unterschreiben zu lassen, da die vorherige Unterschrift als 17-Jähriger nicht „handfest genug“ war. Sie brachten Sekt und Schokolade mit, die Kretschmer seitdem meidet.

Die Gründe für die Zusammenarbeit waren komplex. Neben einem gewissen Druck spielten auch eine „neugieriges Interesse“ und das Gefühl, von „wichtigen Leuten“ mit Respekt behandelt und „gewollt“ zu werden, eine Rolle. Doch die volle Bedeutung seiner Entscheidung wurde ihm „step by Step“ und bis zur „Unerträglichkeit“ klar, besonders unter Androhung, nie wieder freizukommen.

Der Ausstieg und die Freiheit
Nur ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung schrieb Thomas Kretschmer einen Brief an die Stasi, in dem er die Zusammenarbeit beendete. Er erklärte, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, das ihn „schüttelt“. Er ist heute stolz auf seinen damals 18-jährigen Ich: „Man hast gut gemacht das haben manche Erwachsenen nicht hingekriegt“. Er war zu diesem Zeitpunkt in großer Not und hatte Angst, sein Leben „als Verräter“ zu verbringen.

Der Tag seiner Entlassung war ein Moment großer Freude und Sehnsucht. Er empfand es als „neues Abenteuer“ und zitterte vor Aufregung, als er seine persönlichen Sachen zurückerhielt und die Gefängnistür hinter sich schloss, hinaus in schönes Wetter.

Thomas Kretschmers Geschichte ist ein Zeugnis von der individuellen Widerstandsfähigkeit im Angesicht eines repressiven Systems und der komplexen Entscheidungen, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten.

19. Hugo Junkers Fest lockt mit historischen Flugzeugen und persönlicher Note

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Dessau – Am vergangenen Wochenende wurde auf dem Dessauer Flugplatz ein bedeutendes Ereignis für Luftfahrtbegeisterte und Geschichtsinteressierte ausgerichtet. Es fand bereits das 19. Hugo Junkers Fest statt. Diese nunmehr 19. Auflage der Veranstaltung zog zahlreiche Besucher an den historischen Flugplatz.

Als ein unbestrittener Höhepunkt des diesjährigen Festes wurde die Ankunft von insgesamt vier Junkers Flugzeugen genannt. Diese Flugzeuge, deren Landung auf dem Dessauer Flugplatz den Höhepunkt markierte, gehören zu zwei spezifischen und historisch relevanten Typen der Junkers-Flugzeugkonstruktionen. Konkret handelte es sich um zwei Flugzeuge des Typs Junkers A50 Junior sowie um zwei Flugzeuge des Typs Junkers F13. Die Ankunft dieser vier Maschinen war somit ein zentrales Element des 19. Hugo Junkers Festes.

Es ist wichtig anzumerken, dass es sich bei diesen auf dem Flugplatz gelandeten Maschinen nicht um Originale aus der Zeit ihrer ersten Herstellung handelte. Vielmehr wurden alle diese Flugzeuge als Replika gebaut. Dabei wurde großer Wert darauf gelegt, dass die Nachbildung dem Original detailgetreu nachgebaut wurde. Jede dieser Maschinen, sowohl die beiden Junkers A50 Junior als auch die beiden Junkers F13, ist eine detailgetreue Nachbildung ihres historischen Vorbilds und wurde als Replika konstruiert und gefertigt.

Ein besonders bewegender und emotionaler Moment des 19. Hugo Junkers Festes ereignete sich im Zusammenhang mit der Ankunft der Flugzeuge. In einer der gelandeten A50 Maschinen befand sich eine ganz besondere Passagierin, deren Name eng mit der Geschichte der Junkers-Werke verbunden ist. Es handelte sich um Charlotte Junkers. Sie trägt den Namen der Gründerfamilie und ist die Urenkelin von Hugo Junkers selbst. Für Charlotte Junkers war die Landung auf dem Dessauer Flugplatz eine tiefgreifende Erfahrung . Sie zeigte sich sichtlich berührt davon, an der Wirkungsstätte ihres Urgroßvaters sein zu können. Die Anwesenheit der Urenkelin an diesem historischen Ort unterstrich die Verbindung des Festes zur Person und zum Erbe Hugo Junkers.

Neben den historischen Repliken und der persönlichen Verbindung zur Junkers-Familie war das 19. Hugo Junkers Fest auch Schauplatz für den Beginn eines bemerkenswerten modernen Luftfahrtprojekts. Ein weiterer Gast des Festes war der ehemalige Berufspilot Klaus Cordes. Klaus Cordes nutzte das Gelände des Dessauer Flugplatzes, um von dort aus seine Europa-Tour zu starten. Der Dessauer Flugplatz diente ihm somit als Ausgangspunkt  für dieses ausgedehnte Flugvorhaben.

Klaus Cordes unternimmt diese umfangreiche Reise nicht mit irgendeinem modernen Flugzeug, sondern mit seiner eigenen A50 Junior. Dieses Flugzeug, das ebenfalls eine besondere Beziehung zu den Junkers-Konstruktionen hat, wird von ihm liebevoll als „seiner Blechbüchse“ bezeichnet. Mit dieser A50 Junior, seiner „Blechbüchse“, fliegt Klaus Cordes durch insgesamt 12 Länder. Die Route seiner Europa-Tour führt ihn also durch ein Dutzend europäischer Nationen.

Die Gesamtdistanz, die Klaus Cordes auf seiner Europa-Tour zurücklegen will, ist beachtlich. Er legt dabei eine Strecke von insgesamt 12.000 km zurück. Diese lange Reise über 12.000 Kilometer und durch 12 Länder hat einen klaren und ehrenvollen Zweck. Sie dient als Huldigung. Klaus Cordes möchte mit seiner Europa-Tour die Leistung der Flugpioniere würdigen. Es handelt sich dabei um jene Pioniere der Luftfahrt, die besonders in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts aktiv waren und zu dieser Zeit zahlreiche Rekorde aufstellten. Die Reise von Klaus Cordes ist somit eine fliegende Anerkennung für das Wirken und die Errungenschaften der Flugpioniere aus den 1930er Jahren, die durch ihre Rekorde die Luftfahrt voranbrachten.

Das 19. Hugo Junkers Fest in Dessau bot somit eine vielfältige Mischung aus historischer Darstellung durch detailgetreue Repliken, persönlicher Verbindung zur Junkers-Geschichte durch die Urenkelin und dem Beginn eines ambitionierten modernen Flugprojekts, das die Leistungen vergangener Pioniere ehrt. Die Ankunft der Repliken der Junkers A50 Junior und Junkers F13, die sichtlich berührte Anwesenheit von Charlotte Junkers an der Wirkungsstätte ihres Urgroßvaters sowie der Start der 12.000 km langen Europa-Tour von Klaus Cordes als Huldigung an die Flugpioniere der 30er Jahre bildeten die zentralen Ereignisse des Wochenendes auf dem Dessauer Flugplatz.

Thüringen verlängert Klimapakt und plant Reform der Grundsteuer

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Erfurt – In der heutigen Regierungsmedienkonferenz am 10. Juni 2025 stellte die Thüringer Landesregierung zwei zentrale Vorhaben vor: die Verlängerung des Klimapaktes mit den kommunalen Spitzenverbänden und eine geplante Reform der Grundsteuer B. Umweltminister Tilo Kummer berichtete zudem über Ergebnisse der jüngsten Energieministerkonferenz.

Klimapakt wird fortgeführt – Kommunen setzen auf unbürokratische Mittel
Der im Jahr 2022 zwischen der Landesregierung, dem Gemeinde- und Städtebund und dem Thüringer Landkreistag unterzeichnete Klimapakt wird um ein weiteres Jahr fortgeführt. Ziel des Paktes ist es, Kommunen Mittel für Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören Investitionen gegen Dürre, Hitze (insbesondere in Innenstädten), Starkregen und zum Hochwasserschutz sowie zur Reduzierung klimarelevanter Gase durch Energieeffizienzmaßnahmen. Laut Umweltminister Kummer ermöglicht dies den Kommunen, steigenden Energiekosten entgegenzuwirken und ihre Kassen zu entlasten.

Ein wesentlicher Vorteil des Paktes ist die unbürokratische Verfügbarkeit der Mittel, da ein Großteil im kommunalen Finanzausgleich festgelegt ist. Dies erlaubt es Kommunen, auch in Haushaltsnotlagen zu investieren oder andere Fördermittel zu kofinanzieren.
Für das Jahr 2025 stehen im kommunalen Finanzausgleich 27 Millionen Euro zur Verfügung. Dies ist weniger als die ursprünglich angedachten 50 Millionen Euro jährlich oder die 30 Millionen Euro im Jahr 2024. Der Minister hofft, die ursprüngliche Höhe in den Folgejahren wieder zu erreichen, auch durch weitere Förderinstrumente seines Hauses, die das Gesamtportfolio für 2025 wieder in die Nähe der 50 Millionen Euro bringen sollen. Dazu zählt beispielsweise die kommunale Wärmeplanung, für die jährlich 10 Millionen Euro bis 2028 bereitstehen.

Dr. Steffen Kania, Präsident des Gemeinde- und Städtebundes, bezeichnete den heutigen Tag als wichtig für die Kommunen, da die Fortführung des Paktes nun unterzeichnet werden konnte. Er lobte die unkomplizierte Mittelverwendung anhand einer Positivliste. Als Beispiele für bisher umgesetzte Maßnahmen nannte er die Umstellung auf LED-Straßenbeleuchtung, Verschattung von Gebäuden und die Entsiegelung/Verschattung im öffentlichen Raum. Kania betonte, dass die Kommunen am besten wüssten, wie die Gelder zweckentsprechend eingesetzt werden können. Er äußerte jedoch auch den „Wermutstropfen“ der geringeren Mittel im Finanzausgleich für 2025 und die Hoffnung auf die ursprünglichen 50 Millionen Euro in den Folgejahren.

Christian Herrgott, Präsident des Thüringischen Landkreistages, schloss sich dem an und hob die Bedeutung des Paktes für Investitionen in Schulen und kommunale Infrastruktur hervor. Er lobte das einfache Antrags- und Abrechnungsverfahren und wünschte sich dies auch für andere Förderprogramme. Sowohl Kania als auch Herrgott betonten, dass der Klimapakt als Erfolgsmodell gelte und die Fortführung für die kommenden Jahre gewünscht sei, auch wenn dies vom Haushaltsgesetzgeber abhänge. Die Richtlinien für die 2025er Mittel sollen nach der Unterzeichnung zügig auf den Weg gebracht werden.

Ergebnisse der Energieministerkonferenz: Klimageld und Windenergie-Ziele
Umweltminister Kummer berichtete kurz von der Energieministerkonferenz, bei der sich die Länder einig zeigten, die energiewirtschaftliche Transformation fortzusetzen. Er hob hervor, dass Thüringen mit einem Antrag erfolgreich die klare Aufforderung an den Bund durchgesetzt habe, das Klimageld – also die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung – an Bürger und Unternehmen zurückzugeben, um soziale Härten abzufedern. Bezüglich der bundeseigenen Sondervermögen forderte er einen unbürokratischen Mitteltransfer an Länder und Kommunen, insbesondere für den Klimatransformationsfonds.

Weniger erfolgreich war Thüringens Vorstoß, die Flächenziele für Windenergie durch Leistungsziele zu ersetzen. Die Energieministerkonferenz lehnte dies mehrheitlich ab, da andere Länder in ihren Planungen bereits weit fortgeschritten seien. Kummer kündigte an, dass Thüringen diesen Vorschlag dennoch im Bundesrat verfolgen werde. Gleichzeitig müsse man sich nun der Umsetzung der bestehenden regionalen Planungen widmen und ein effizientes Energiesystem mit einem Mix aus Wind und Solar entwickeln.

Grundsteuerreform in Planung: Entlastung für Wohneigentümer ab 2027
Staatssekretär Julian von Arb vom Thüringer Finanzministerium stellte die vom Kabinett freigegebene Formulierungshilfe für einen Gesetzesentwurf zur Reform der Grundsteuer B vor. Die Grundsteuer B ist eine wichtige Einnahmequelle der Kommunen mit einem jährlichen Volumen von rund 240 Millionen Euro in Thüringen.

Die unveränderte Umsetzung des Bundesmodells in Thüringen habe zu einer „finanziellen Unwucht“ geführt. Es gebe eine deutlich überdurchschnittliche Belastung von Wohngrundstücken, insbesondere von Einfamilienhäusern, während gewerblich genutzte Grundstücke überdurchschnittlich entlastet würden. Ziel der Landesregierung ist es, diese Unwucht zu korrigieren und insbesondere Familien sowie Eigentümerinnen und Eigentümer von Wohneigentum zu entlasten.

Der vorgeschlagene Weg orientiert sich am sächsischen Modell und sieht eine Anpassung der Steuermesszahlen auf Landesebene vor. Dabei sollen die Messzahlen für den Wohnbereich gesenkt und für den Nichtwohnbereich (Gewerbe) wieder auf das frühere Niveau angehoben werden. Da dies allein die Ungleichgewichte auf kommunaler Ebene nicht vollständig behebt (etwa 80% der Kommunen hätten weiterhin abweichende Aufkommen), soll Kommunen zusätzlich die Möglichkeit gegeben werden, ihre Hebesätze für Wohn- und Nichtwohngrundstücke zu differenzieren. Diese Option liegt im Ermessen der Kommune und wird nicht gesetzlich vorgeschrieben.

Der Zeitplan sieht eine parlamentarische Beschlussfassung in der zweiten Jahreshälfte 2025 vor, eventuell noch vor der Sommerpause. Das Inkrafttreten des Gesetzes und damit die Wirksamkeit der angepassten Steuermesszahlen und differenzierten Hebesätze wird zum 1. Januar 2027 angestrebt. Staatssekretär von Arb betonte, dass „Qualität vor Schnelligkeit“ gehe und eine frühere Einführung zum 1. Januar 2026, wie von der Fraktion Die Linke ins Spiel gebracht, aufgrund rechtlicher und technischer Risiken (insbesondere der erforderlichen Programmierung durch Kooperationspartner in Bayern) unrealistisch sei und zu ungültigen Bescheiden führen könnte, was die Kommunen träfe.

Die Umsetzung der Reform wird Kosten für den Freistaat verursachen, unter anderem für zeitlich befristetes Personal (geschätzt 2 Millionen Euro), Programmierung und den Versand von rund 860.000 neuen Bescheiden (geschätzt 1 Million Euro für Porto). Die Landesregierung ist jedoch überzeugt, dass dieser Weg notwendig und richtig ist, um Steuergerechtigkeit wiederherzustellen, Wohneigentümer zu entlasten und die Entlastung im gewerblichen Bereich auszugleichen.

Die vorgestellten Maßnahmen im Klimaschutz und bei der Grundsteuer zielen darauf ab, Kommunen und Bürger in Thüringen direkt zu unterstützen und auf künftige Herausforderungen vorzubereiten.