Start Blog Seite 89

Dialoglabor am Theater am Rand: Eine Premiere im Zeichen des Austauschs

0

Zollbrücke. Eine „Weltpremiere“ der besonderen Art fand jüngst am Theater am Rand statt: das erste „Dialoglabor“. Das Format, dessen Name „Dialog und Labor“ verspricht, lädt explizit dazu ein, in den Austausch zu treten. Dabei werden „relevante Themen unserer Zeit“ aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – von der Kunst über den Journalismus und die Wissenschaft bis hin zur Zivilgesellschaft. Das Publikum war ausdrücklich eingeladen, sich einzubringen, sei es durch Husten, Niesen, Zwischenrufe oder Nachfragen. Das Ziel: „mit Ihnen und nicht nur für Sie hier auf der Bühne agieren“.

Das Besondere des Formats liegt in seinem experimentellen Charakter: Man „packen paar Sachen zusammen und wir wissen überhaupt nicht was dabei rauskommt“. Diese Offenheit spiegelte sich auch in den angeschnittenen Themen wider, die von provokanten Gedankenspielen bis hin zu grundlegenden Fragen reichten. So wurde etwa die Idee in den Raum gestellt, dass Deutschland schuldenfrei wäre, „wenn man stell sich vor wir verkaufen Bayern“.

Ein wiederkehrendes und zentrales Thema war der Boden. Das Theater am Rand versteht sich als „kleines radikal ökologisches Bodenunternehmen“. Es wurde betont, dass der Boden etwas ganz Besonderes ist, für den „die üblichen ökonomischen Gesetze nicht“ gelten. Im Gegensatz dazu steht die Fokussierung auf „Kapital“. Selbst der Regenwurm fand Erwähnung, dessen Platz in der Bibel an der gleichen Stelle wie Könige und Kaiser sei, und über den es das Forschungsergebnis gibt, dass er gerne gestreichelt werden mag.

Kritische Töne gab es in Bezug auf öffentliche Leistungen und die Politik. Es wurde hervorgehoben, dass Infrastrukturen wie Bahnen, Universitätskrankenhäuser, Hochschulen oder die Umgebung eines Flughafens – am Beispiel von Frankfurt – erst durch öffentliche Leistungen entstehen und die Stadt erst dadurch mehr als nur eine Furt ist. Diese Leistungen werden durch Steuergelder finanziert. Das Problem bestehe darin, dass „einige wenige die vereinnahmen das dann ein“. Auch die Frage der Grundstückseigentümer wurde als Problem benannt.

Die allgemeine Situation wurde mit den Worten beschrieben: „wir haben immer noch zu viele Schulden zu wenig Eigenkapital und vor allem zu wenig Land“. Besonders deutlich wurde die Kritik an der Politik formuliert: „was ich wirklich ändern muss ist die Politik“. Es wurde das Gefühl geäußert, dass die Politik das Theater nicht nur „im Stich“ lasse, sondern ihm sogar „Steine in den Weg“ lege. Dabei bestehe eigentlich das Potenzial, „alles aus dem Boden“ zu nehmen und im Prinzip sogar „die ganzen Steuern“ zu sparen.

Trotz dieser Herausforderungen wurde betont: „meine Entscheidung habe ich nicht bereut“. Das „Dialoglabor“ scheint ein Versuch zu sein, diesen Herausforderungen zu begegnen und einen offenen Raum für dringend notwendige Gespräche über Wirtschaft, Ökologie und die Rolle der Politik zu schaffen.

Ralf Kurpiers‘ Kampf gegen die Unmenschlichkeit der DDR

0

Ralf Kurpiers, geboren am 9. Februar 1949 in Berlin-Prenzlauer Berg, führte in der DDR ein wirtschaftlich erfolgreiches Leben, das jedoch stark von der fehlenden Freiheit und den Repressalien des Staates überschattet war. Trotz seiner beruflichen Erfolge und eines guten Einkommens als Bäcker, Kraftfahrer und Kfz-Elektriker, war er zutiefst unzufrieden darüber, dass er nicht reisen konnte, um seine im Westen lebende Verwandtschaft zu besuchen.

Ein einschneidendes Erlebnis war der Tod seiner schwer kranken Mutter. Sie war 1966 zu ihrer Schwester nach West-Berlin gereist, da sie reisen durfte. Dort starb sie mit dem Wunsch, ihre Familie noch einmal zu sehen, was ihr vom Staat verweigert wurde. Von diesem Moment an entwickelte Kurpiers einen tiefen Hass auf die Regierung und den Staat der DDR.

Dieser Hass mündete in konsequentem Widerstand: Er verweigerte dem Staat die Kooperation. Seine Kinder traten weder den Pionieren noch der FDJ bei. Für ihn war die „Unmenschlichkeit“ des Staates der schlimmste Vorwurf, den er erheben konnte. Ab 1979, nachdem er einen Ausreiseantrag gestellt hatte, begann die Schikane am Arbeitsplatz. Man versuchte, ihn zur Rücknahme des Antrags zu zwingen, und er wurde vom Taxifahrer zum Heizer degradiert. Auch seine Frau verlor ihre Stelle als Chefsekretärin aufgrund des Ausreiseantrags.

Ralf Kurpiers und seine Familie wurden daraufhin ständig von der Stasi überwacht. Sie bemerkten, dass ihre Wohnung durchsucht wurde, indem sie kleine Markierungen setzten. Ihre Telefonate wurden abgehört. Normale Post ging über die Stasi; andere Postkopien wurden über einen Diplomaten nach West-Berlin geschmuggelt, sodass der Westen über ihre Aktivitäten informiert war.

Am 5. September 1989 wurde Ralf Kurpiers verhaftet. Der vorgeschobene Haftgrund war angeblicher großangelegter Diebstahl sozialistischen Eigentums – ein Vorwurf, der nach seinen Worten „so simpel und so dumm“ war und vor Gericht nicht haltbar war. Die tatsächliche Begründung lag in seinen Ausreiseanträgen und seinem Widerstand, was unter den weit gefassten Paragraphen 216 fiel, der Handlungen gegen den Staat der DDR abdeckte, einschließlich Republikflucht. Später stellte sich heraus, dass von der Stasi als Beweismittel vorgelegte Bilder gefälscht waren.

Die Zeit seiner Inhaftierung von Anfang September bis Ende November 1989 war von Leid geprägt. Er durchlief alle Haftanstalten Berlins, darunter Rummelsburg, Keibelstraße, Rödersplatz und die Stasi-Haftanstalt Großbeerenstraße. Die Zeit in Großbeerenstraße beschreibt er als die schlimmste. Dort wurde er an ein Metallbett gefesselt, konnte sich nicht selbst versorgen und erhielt nur einmal am Tag etwas zu essen. Die Verhöre dauerten bis zu 12 Stunden, wobei er unter anderem mit dem Kopf an der Wand stehen musste. Diese Erlebnisse führten zu bleibenden Gesundheitsschäden an Augen und Psyche. Ein Staatsanwalt bedrohte seine Frau damit, ihr die Kinder wegzunehmen.

Besonders erschütternd war eine spätere Entdeckung in seinen Stasi-Unterlagen. Ein Dokument wies an, dass seine Frau im Falle ihrer Auffindung „nicht festzunehmen, sondern sofort zu liquidieren“ sei. Dies erfuhr er erst nach ihrem Tod. Zudem wurde seine Frau von ihrem damaligen Verlobten an die Stasi verraten.

Ralf Kurpiers wurde am 27. November 1989 aus der Haft entlassen, kurz nach der Grenzöffnung. Er erhielt die Auflage, sofort wieder seine Arbeit aufzunehmen. Am 2. April 1990 erfolgte dann die Ausweisung aus der DDR als „unerwünschte Person“. Er musste Berlin innerhalb von zwei Stunden verlassen. Seine Frau und die vier Kinder waren bereits im Februar 1990 ausgewiesen worden.

In Lüneburg baute sich die Familie ein neues Leben auf. Sie wurden zunächst als DDR-Übersiedler in einem Krankenhaus untergebracht und erhielten später über die Vermittlung der Behörden und der Presse ein Haus. Trotz der Schwierigkeiten und dem Gefühl, auch im Westen nicht immer willkommen zu sein, bereut Ralf Kurpiers seinen Widerstand gegen die DDR-Obrigkeit nicht. Er sagt: „sowas darf man sich nicht bieten lassen“. Die Erlebnisse in der Haft waren extrem belastend; Stasi-Unterlagen weisen sogar eine Phase aus, in der er auf einer Krankenstation als „tot“ vermerkt ist, woran er sich selbst nicht erinnern kann.

Das Leben von Ralf Kurpiers und seiner Familie wurde durch das Regime der DDR stark geprägt und teilweise zerstört. Seine Geschichte, festgehalten in umfangreichen Stasi-Akten, ist ein Zeugnis des persönlichen Leids und des Muts, der nötig war, um sich gegen ein unmenschliches System aufzulehnen.

Kindheit im Osten: Wigwam bauen, Bücher tauschen, Helden finden

0

Was verbindet Karl May, den sächsischen Abenteuerautor, mit Gojko Mitić, dem berühmten DEFA-Indianerhauptling, und einem tief sitzenden Gerechtigkeitsgefühl? Dieser Frage geht ein Podcast der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, „Einmal klingeln“, nach und taucht in Kindheitserinnerungen und kulturelle Prägungen in der DDR ein. In einer Episode sprechen die Moderatorin Dr. Eva Maria Zerer und der Schriftsteller Marco Martin über ihre Erfahrungen, ausgehend von einer gefundenen Indianerfigur. Beide sind in der DDR aufgewachsen, wenn auch unterschiedlichen Jahrgangs und unterschiedlich sozialisiert. Der Podcast möchte unverklärt, persönlich und facettenreich sein und zum eigenen Nachdenken oder Austausch anregen.

Indianerspiele waren ein prägender Teil der Kindheit vieler DDR-Bürger, besonders der Generation um 1970, wie Marco Martin berichtet. Er erinnert sich an kleinere Indianerfiguren, die neben Matchbox-Autos auf dem Board standen. Diese Indianerfiguren empfand er als weitaus interessanter, da sie zu fantasievollen Kinderspielen anregten. Diese Spiele fanden nicht im offiziellen Rahmen statt – weder im Hort noch bei den Pionieren oder in Ferienlagern –, sondern im privaten Umfeld: Auf Wiesen, in Gärten oder im Wald wurden Zelte gebastelt oder Wigwams gebaut.

Interessanterweise wollte in diesen Spielen niemand den Cowboy spielen; es war viel spannender, ein Apache oder Dakota zu sein. Diese Rollenwahl war maßgeblich von den westdeutschen Karl May Verfilmungen (den Winnetou Filmen) beeinflusst, die in den DDR-Kinos liefen und zur Weihnachtszeit im Fernsehen gezeigt wurden. In diesen Filmen waren die Apachen die Guten, die Komantschen hingegen die Bösen. Die Komantschen waren – in der filmischen Fiktion – die Kollaborateure, da sie sich mit den weißen Eisenbahner-Gesellschaften zusammentaten, die Schienen durch Indianerland zogen. Das halte zwar keiner historischen Prüfung stand, sei aber im fiktionalen Raum, der für Kinder Realität darstelle, prägend gewesen. Auch Mädchen fanden ihre Rollen, beispielsweise als Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Sie wurde damals sehr wertschätzend und ehrenhaft dargestellt und war ein positives Bild für ein Mädchen, auch wenn dies einem heutigen Frauenbild vielleicht nicht standhalten würde.

Der Umgang mit Karl May war in der DDR einem Wandel unterworfen. Während Karl Mays Bücher für die ältere Generation, wie Eva Maria Zerer berichtet, noch als „Schmutz und Schundliteratur“ galten und aus Schulranzen konfisziert wurden, war dies für Marco Martins spätere Jahrgänge nicht mehr der Fall. Karl May Bücher, oft aus Westpaketen oder vom Bamberger Verlag, wurden getauscht. Eigene DDR-Ausgaben, die sukzessive ab Mitte der 1980er Jahre erschienen, waren hingegen oft schwer erhältlich („Bückware“).

Eine wichtige Rolle bei der Wiederentdeckung Karl Mays als „progressiver Autor“ in der DDR spielte der Leipziger Forscher Christian Hermann. Laut Martin bedurfte dies keiner großen ideologischen Verdrehung, denn May war kein reaktionärer Kitschautor. Seine Bücher enthielten durchaus progressive Elemente, wie die Darstellung der sogenannten „48er“ (Revolutionäre von 1848), die in der Prärie auf die Seite von Winnetou und Old Shatterhand traten. Auch Karl Mays Freundschaft mit der Pazifistin Berta von Suttner am Ende seines Lebens und sein letztes Buch als visionärer Roman für Völkerverständigung wurden ihm angerechnet. Karl Mays eigene sächsische Biografie – seine Herkunft aus Hohenstein-Ernstthal, kleine Delikte, die zu Inhaftierungen führten, und der Beginn seiner Schriftstellerei im Zuchthaus Waldheim – wurde in der DDR wahrgenommen. Dies wurde in einer Serie in der viel gelesenen Wochenpost von Christian Hermann als spannende Geschichte erzählt. Das Karl May Museum in Radebeul wurde ab Mitte der 1980er Jahre zu einem beliebten Ausflugsziel.

Neben Karl May prägte vor allem eine andere Autorin das Indianerbild in der DDR: Liselotte Welskopf-Henrich. Martin widmete ihr ein Kapitel in seinem Buch „Die verdrängte Zeit“. Sie wurde als „nicht der Karl May des Ostens“, sondern als Verfasserin von „literarischem Realismus vom Feinsten“ betrachtet. Ihre mehrbändige Romanreihe „Die Söhne der Großen Bärin“ beschrieb das Leben der Dakota realistischer. Diese Bücher wurden generationsübergreifend gelesen, von Vätern an Söhne weitergegeben und enthielten prägende Figuren wie den Häuptlingssohn Harka oder den Häuptlingsvater Mattotaupa. Im Gegensatz zu Karl May ist Welskopf-Henrich in den alten Bundesländern bis heute weitgehend unbekannt. Die DEFA verfilmte ihre Bücher ebenfalls, mit dem serbischen Schauspieler Gojko Mitić in der Hauptrolle des Harka. Mitić erlangte eine immense Popularität als Indianerdarsteller, vergleichbar mit Pierre Brice als Winnetou. Seine Filme sind heute noch auf DVD erhältlich.
Auch nach der Wende blieb Gojko Mitić präsent. Er spielte unter anderem Winnetou bei den Karl May Festspielen. Besonders bedeutsam für DDR-Sozialisierte war sein Auftritt in der sehr gelungenen Verfilmung von Thomas Brussigs Wenderoman „Helden wie wir“. In einer Szene schützt er als ziviler Retter junge Demonstranten auf der U-Bahnstation Alexanderplatz. Dieses Signal war klar: Gojko Mitić ist da, er ist weiterhin präsent. Marco Martin sieht das Erinnern an solche Figuren und Geschichten als gutes Gegenmittel gegen eine gewisse Larmoyanz, die behauptet, die Helden der Kindheit seien verschwunden – sie seien nicht verschwunden, sie seien da. Eva Maria Zerer und Marco Martin diskutieren, ob Mitić und andere bekannte oder weniger bekannte DDR-Persönlichkeiten eine Art „Hinweis“ sein könnten auf wertvolle Dinge, die nur in der DDR eine Rolle spielten. Durch seine Präsenz, auch in zeitgenössischen Werken, lenke er die Aufmerksamkeit auf ostdeutsche Biografien und Kulturaspekte, die im Westen oft unbekannt sind.

Jenseits der Indianer-Thematik gab es in der DDR weitere bedeutende Kinder- und Jugendliteratur, die zum Nachspielen anregte. Genannt wird Alex Weddings Roman „Ede und Unku“, dessen Geschichte (in der Weimarer Republik spielend, mit damals nicht abwertend gemeintem Sprachgebrauch) von Kindern nachgespielt wurde. Besonders hervorgehoben werden spannende Abenteuerbücher des Verlags Neues Leben, oft geschrieben von Autoren, die als jüdische Kommunisten ins Exil gehen mussten und in Lateinamerika lebten (z.B. Liselotte Lenz, Walter Klein). Diese Bücher beschrieben spannend und realistisch die Zeit der Kolonisierung in Ländern wie Brasilien oder Peru. Sie vermittelten nicht didaktisch, sondern durch die spannende Erzählung ein Bewusstsein für Machtstrukturen und Ungerechtigkeit, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Sie zeigten die Ausdifferenzierung auch innerhalb der „fremden“ Kulturen, im Gegensatz zu unsinnigen Begriffen wie „globaler Süden“. Diese Literatur wurde auch von Kindern gelesen, die nicht aus Akademikerfamilien stammten, weil sie spannend war und ein Eintauchen in andere Welten ermöglichte. Sie trug dazu bei, dass Kinder in der DDR ein Gefühl für Gerechtigkeit und die Unterscheidung zwischen Gut und Böse entwickelten.

Dieses Gerechtigkeitsgefühl wird im Podcast als möglicherweise stärker ausgeprägt bei ostdeutschen Menschen diskutiert. Eine mögliche Erklärung für heutige Unzufriedenheit könnte sein, dass man sich in der DDR „prophylaktisch klein gemacht“ und vieles hat gefallen lassen („Mund halten und mitmachen“, „Uns braucht ja eh niemand“). Dies führe nun in Form von „nachgeholtem Widerstand“ zum Ausdruck, der sich manchmal auch über Kleinigkeiten zeige. Dies sei eine Art Grundierung für Menschen in den neuen Bundesländern, wenn sie über ihr Verhalten reflektieren.

Das Gespräch schließt mit der philosophischen Perspektive, dass das Interessante im Leben nicht sei, zu sich selbst zu kommen, sondern wie wir zu den anderen kommen, wie der Philosoph Emmanuel Levinas es formulierte. Kunst und Literatur können dabei helfen, den Alltag nicht nur als „Jammertal“ zu sehen, sondern den Mitmenschen mit Gemeinsamkeiten (wie der „skandalösen Endlichkeit“) zu erkennen.

Die Diskussion von Marco Martin und Eva Maria Zerer zeigt, dass die Kindheit in der DDR und ihre kulturellen Helden wie Karl May (neu gelesen) und Gojko Mitić sowie die vielfältige Jugendliteratur nicht nur einfache Unterhaltung boten, sondern auch Werte wie Gerechtigkeit, Respekt vor anderen Kulturen und ein kritisches Bewusstsein für Machtstrukturen prägten. Das Erinnern an diese Geschichten sei ein wichtiger Teil der Reflexion über die selbsterlebte Vergangenheit.

Der Untergrund-Weg in die Freiheit: Massenflucht durch die Berliner Kanalisation

0

Berlin, Neue Grünstraße – Unsichtbar für die meisten Passanten, verbirgt sich unter einem gewöhnlichen Gullydeckel in der Neuen Grünstraße in Berlin eine außergewöhnliche Geschichte der Flucht und des Überlebens. Dieser Ort, heute Teil der belebten Stadt, war einst eine „gottverlassene Gegend“, geprägt von Trümmergrundstücken – Überresten des Krieges, die von der DDR nicht wiederaufgebaut wurden. Nur ein einziges Haus, das Paul Gerhard Haus Nummer 27, stand damals noch, beleuchtet von einer einsamen Peitschenlaterne über der Straße. Doch gerade diese trostlose Abgeschiedenheit machte die Gegend zu einem strategischen Punkt für diejenigen, die den Weg in die Freiheit suchten.

Wie uns Dr. Weigel berichtet, trafen sich hier Menschen, um den Spuren der Fluchten „aus der Zone“, wie man die DDR früher nannte, zu folgen. Durch einen bestimmten Gully an dieser Stelle kletterten mindestens ein bekannter Theologe und seine Frau in das unterirdische Kanalisationssystem. Das Besondere an dieser Kanalisation war, dass sie nicht zur nahegelegenen Spree führte, sondern zum Landwehrkanal, mit einem leichten Gefälle. Dieses Gefälle war ein Vorteil, da bei Regen das Wasser in Fließrichtung half und die Flucht nicht gegen den Strom erfolgen musste.

Die Bedingungen unter Tage waren extrem. Die Kanalisation war ein Mischkanal, der sowohl Regenwasser als auch die Kloake der umliegenden – wenn auch kaum vorhandenen – Häuser transportierte. Der Wasserstand war stark vom Regen abhängig und konnte laut einem Flüchtling bis zur „Unterkante Oberlippe“ ansteigen, was die Fortbewegung erschwerte. Normalerweise beträgt die Höhe im Kanal etwa 1 Meter, was bedeutete, dass man nicht aufrecht gehen konnte, sondern robben musste. Dazu kam die absolute Dunkelheit; ohne Taschenlampe sah man überhaupt nichts. Trotz dieser widrigen Umstände und des Gestanks zögerte niemand, der hier die Chance zur Flucht sah. Wie Dr. Weigel festhält, gab es nach der Grenzschließung am 13. August nur noch wenige Gelegenheiten, und viele sahen dies als ihre letzte Chance. Niemand habe zurückgezuckt oder gesagt, es stinke zu sehr. Selbst eine ältere Dame, die ohnmächtig wurde, kroch nach dem Erwachen weiter.

Die Flucht durch die Kanalisation war logistisch extrem aufwendig. Organisiert wurde sie maßgeblich von einem Freund Dr. Weigels, namens Dieter Team. Drei entscheidende Dinge wurden getan:

1. Es wurden „Deckelmänner“ aus dem Westen rekrutiert. Dies waren routinierte Helfer, die wussten, was zu tun war – sie öffneten und schlossen die Gullydeckel. Im Gegensatz zu früheren, weniger organisierten Fluchten, bei denen der Entkommene selbst den nächsten Fluchtwilligen als Deckelmann informieren musste, kamen diese Helfer speziell vom Westen rüber, um die Deckelarbeit zu übernehmen.

2. Um den offenen Gullydeckel zu tarnen, wurden Autos davor und dahinter geparkt. Gelegentliche Passanten sollten so nichts Auffälliges bemerken.

3. Das Gitter in der Röhre wurde aufgesägt. Die DDR hatte bereits in den 1950er Jahren alle Rohre zwischen Ost und West ab einer Höhe von 40 cm vergittert, angeblich um „Schmuggler und Spionage“ zu verhindern – eine Begründung, die Dr. Weigel als „lächerlich“ und Ausdruck einer „manischen Angst Angstpsychose“ bezeichnet. Die Gitter waren meist ein Stück weit auf der Ostseite platziert. Das Aufsägen dauerte drei Tage und Nächte.

Als die Flucht professionell organisiert wurde, lief der Einstieg sehr schnell ab. Die Flüchtlinge hielten die Arme hoch und wurden von den westlichen Deckelmännern in Sekundenschnelle in den Gully hinuntergelassen. So konnten innerhalb von 1 bis 1,5 Minuten 10 bis 15 Personen unter die Erde gebracht werden. Dort mussten sie sich schnell in die Röhre begeben. Im Kanal selbst gab es eine Struktur: ein Anführer vorne, jemand am Ende, der die Gruppe zusammenhielt, und ein Helfer auf der Ostseite, der sicherstellte, dass niemand in die falsche Richtung kroch. Die Anweisung war, sich am Kleidungsstück des Vordermanns festzuhalten und schnell hinterherzukriechen.

Durch diese spezifische Kanalisation entkamen in einem Zeitraum von knapp drei Wochen, vom 25. September bis zum 14. Oktober 1961, etwa 500 Menschen. Dies war die größte Massenflucht durch die Kanalisation, die es je gab. Insgesamt flohen durch das Kanalisationsnetzwerk, unter Einbeziehung von zwei weiteren Röhren, etwa 800 Menschen.

Eine Besonderheit dieser Fluchten war, dass oft ganze Familien und Freunde mitgenommen wurden. Anfangs waren Gruppen kleiner, aber schnell wuchsen sie an – aus neun geplanten Personen wurden einmal 27. Auch Kinder konnten mitgenommen werden, da sie keine falsche Identität annehmen mussten. Die Menschen, die flohen, wussten, dass die Gelegenheit begrenzt war und dachten oft: „Wo ich durchkomme, kommen auch meine Freunde und meine Familie durch“.

Eine entscheidende Rolle spielten die Bewohner des einzigen stehenden Hauses, des Paul Gerhard Hauses. Dort wohnte ein Ehepaar, er im Rollstuhl, sie mit einem Hund. Anfangs musste der Fluchtablauf an die Spaziergänge der Frau angepasst werden. Später jedoch war die Frau eindeutig auf der Seite der Fluchthelfer und richtete ihre Gassi-Runden nach deren Planungen. Obwohl sie aufgrund des Rollstuhls nicht selbst fliehen konnten, halfen sie, wo sie konnten. Der Rollstuhlfahrer leistete später noch besondere Hilfe, wie berichtet wird.

Heute erinnert nur wenig an diese dramatischen Ereignisse. Ein Gullydeckel in der Nähe trägt die Inschrift „Einstieg zur Freiheit“, ein Projekt, das mit Zustimmung der Stadtverwaltung umgesetzt wurde. Leider ist dieser Gully oft zugeparkt. Eine kurzzeitig am Haus angebrachte Gedenktafel musste entfernt werden, da die Hausbewohner dies nicht wünschten. So ist an diesem historischen Ort heute kaum etwas zu sehen.
Die Geschichten dieser Fluchten durch die Berliner Kanalisation zeugen von einem unbändigen Willen zur Freiheit, der Menschen selbst in die dunkelsten und unwürdigsten Gänge trieb. Sie sind ein beeindruckendes Beispiel für Mut, Organisation und die Bereitschaft, unter schwierigsten Bedingungen für die eigene Freiheit zu kämpfen.

Der 7. Oktober 1989 in Plauen – Tausende erzwingen den Dialog

0

Plauen nimmt in der Chronik der Friedlichen Revolution einen besonderen Platz ein. Hier, weitab vom Augenmerk der westlichen Medien und fernab der Parteizentralen der SED, gelang es den Menschen zum ersten Mal, die Staatsmacht in die Defensive zu drängen. Der Herbst 1989 in Plauen hatte eine lange und teilweise sehr leidvolle Vorgeschichte. Der Mut, der sich am 7. Oktober zeigte, war das Ergebnis eines langen Prozesses, der nicht vom Himmel fiel.

Bereits im Frühjahr 1989 wollten einige den Wahlbetrug nicht mehr hinnehmen. Die Diskrepanz zwischen dem offensichtlichen Unmut und den offiziellen 98,9 % Zustimmung bei der Wahl ließ viele spüren: „es stimmt irgendwas nicht, es kann so in dem Land nicht weitergehen, es muss sich irgendwas verändern“. Für viele war klar, sie wollten eigentlich hier bleiben, aber die Verhältnisse sollten sich ändern. Wer es nicht mehr aushielt und das Land verließ, trug auf seine Weise ebenfalls zum Wandel bei. Auch Plauener fuhren mit den Flüchtlingszügen aus Prag über DDR-Gebiet.

Die Spannung staute sich an, und viele erwarteten, dass eventuell zum 40. Republikgeburtstag am 7. Oktober ein Zeitpunkt gekommen wäre, an dem etwas geschehen könnte. Überall bildeten sich Gruppierungen, die Stimmung stand auf Umbruch und Veränderung. Appelle wurden verfasst und verteilt. Jemand schrieb in der ersten Nacht über 120 bis 130 Aufrufe. Die Botschaft war so kraftvoll, dass sie überall dort, wo sie gelesen wurde, etwas in Gang gesetzt hätte. Wer die Zettel schrieb, wusste niemand, aber fast jeder hat sie gelesen.

Am 7. Oktober 1989 kulminierte die angestaute Wut und der wachsende Mut am Plauener Tunnel. Die staatlichen Sicherheitskräfte waren zwar auf Störungen der Feierlichkeiten vorbereitet, rechneten aber nur mit etwa 400 Teilnehmern. Doch es kamen Tausende – über 10.000 Menschen schlossen sich im Laufe des Tages dem Demonstrationszug an. Diese Menge war für die Staatsmacht schlichtweg zu groß, sie hatten nicht genug entgegenzusetzen. Die Stimmung war angeheizt und drohte zu kippen. Die Macht griff zu gewaltsamen Mitteln gegen die Demonstranten.

In dieser kritischen Phase filmte Detlev Braun „die Bilder seines Lebens“. Es gab auch einen Vermittlungsanlauf von Superintendent Thomas Küttler. Schließlich versprach der Oberbürgermeister, in der kommenden Woche mit den Demonstranten zu verhandeln.

Für Plauen ist der 7. Oktober ein historisches Datum. Was an diesem Tag geschah, war bis dato unvorstellbar. Die Staatsmacht wich einen Schritt zurück. Plauen ist damit die erste Stadt, in der die Demonstrationen der Staatsmacht einen „Dialog, und damit die Anerkennung ihrer Legitimation abringen können“.

Nach 40 Jahren DDR-Regime hatten die Menschen in Plauen an diesem Tag endlich den Mut gefasst und so den Wandel eingeleitet. Die willkürlichen Verhaftungen am Abend des 7. Oktober stellten nur noch ein letztes Aufbäumen der DDR-Führung dar. „40 Jahre sind genug“, dieser Satz wurde in Plauen Realität. Die Tatsache, dass ausgerechnet in Plauen am 40. Jahrestag der DDR „ihr das Ende eingeleitet“ wurde, erfüllt manche mit Bedeutung. Die Ereignisse von 1989 aus Plauener Sicht sind eine einmalige Dokumentation. Angst steckt an, aber Mut steckt ebenfalls an.

Die Friedliche Revolution 1989: Wie Bürger die DDR veränderten

0

Wenn wir an politische Revolutionen denken, kommen uns oft Bilder von Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen in den Sinn. Doch die Geschichte zeigt, dass politische Veränderungen nicht immer mit Gewalt erzwungen werden müssen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Friedliche Revolution von 1989 in der DDR, die das Ende dieses Staates besiegelte und den Weg zur deutschen Einheit ebnete.

Die Anfänge dieser Revolution reichen eigentlich bis in die späten 1970er Jahre zurück. Unter dem Schutz der Kirche organisierten sich zahlreiche Bürgergruppen in Opposition zur DDR-Regierung. Das Verhältnis zwischen der Staatspartei SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) und der Kirche war schwierig, da die SED die Kirche zwar nicht verbieten, aber einschränken und schikanieren konnte. Die SED versuchte zudem eine starke Verweltlichung und ersetzte religiöse Rituale durch staatliche, wie beispielsweise die Jugendweihe anstelle von Kommunion oder Konfirmation.

In den 1980er Jahren engagierten sich im Zuge der atomaren Aufrüstungspolitik immer mehr junge Menschen für eine Friedenspolitik in der DDR. Das Motto wurde dabei der Bibelspruch „Schwerter zu Pflugscharen“. Ab Juli 1989 trafen sich Bürgerrechtler*innen unter diesem Motto jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche zu einem Friedensgebet.

Daraus entwickelten sich ab September 1989 die berühmt gewordenen Montagsdemonstrationen. Parallel dazu gab es Entwicklungen in anderen sozialistischen Ländern, etwa in Polen, wo sich knapp zehn Jahre zuvor die Gewerkschaft Solidarność gebildet hatte, die auch von Papst Johannes Paul II. unterstützt wurde und den Machtanspruch der kommunistischen Regierung infragestellte.

Ein Schlüsselmoment für die wachsende Unzufriedenheit waren die Kommunalwahlen der DDR im Mai 1989. Am Wahlabend des 7. Mai wurden die offiziellen Ergebnisse bekannt gegeben: Nur noch 98% der Wahlbeteiligten hatten mit Ja gestimmt – das schlechteste Ergebnis, das die SED-Regierung je erzielt hatte. Es war offensichtlich, dass hier nicht mit rechten Dingen zuging. Die Gründe für dieses Ergebnis lagen unter anderem in der wirtschaftlichen Notlage der DDR und der Weigerung der SED, notwendige Reformen durchzuführen.

Diese zunehmende Unzufriedenheit führte dazu, dass Bürgerrechtsbewegungen erstmals die Wahlauszählung beobachteten und dabei feststellten, dass die Wahlen manipuliert wurden. Die direkte Folge war eine massive Ausreisewelle ab Sommer 1989. Da die Grenze nach Westen durch die Mauer seit 1961 geschlossen war, flohen viele DDR-Bürger*innen in sozialistische Nachbarländer wie die Tschechoslowakei, Ungarn oder Polen, wo sie die bundesdeutschen Botschaften besetzten, um ihre Ausreise zu erzwingen.

Gleichzeitig formierten sich ab Herbst 1989 immer mehr Oppositionsgruppen wie etwa das Neue Forum, die eine Demokratisierung der DDR verlangten. Es ist wichtig zu betonen, dass die meisten Oppositionsbewegungen zunächst nicht das Ende des Sozialismus oder der DDR als Staat forderten. Sie verlangten schlicht die Grundrechte, die ihnen in der Verfassung der DDR seit vierzig Jahren versprochen waren. Der Gedanke, die Bundesrepublik und die DDR zu einem Staat zusammenzuführen, etablierte sich erst nach dem Mauerfall.

Die DDR-Regierung versuchte mit aller Kraft, die Flüchtlingsströme und Protestaktionen einzudämmen. Doch die Situation des Staates war schwierig: Die Wirtschaft lag am Boden, und seit Juli fehlte es der Regierung an einer klaren Linie, nachdem Erich Honecker sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte. Was den Demonstrant*innen jedoch besonders half, war der Politikwechsel innerhalb der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, der ab 1987 Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) versprach. Diese neuen Leitlinien wurden jedoch in der DDR nicht eingeführt.

Anfang November 1989 spitzten sich die Proteste zu, sowohl in Leipzig als auch in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz. Um dem entgegenzuwirken und den „Druck aus dem Kessel“ zu nehmen, entschied sich die SED am 9. November schließlich, den Bürger*innen der DDR ein Grundrecht wiederzugeben, das ihnen mit dem Mauerbau 1961 praktisch entzogen worden war: die Reisefreiheit.

Dies sollte der Berliner SED-Bezirkschef Günter Schabowski am Abend des 9. November auf einer Pressekonferenz mitteilen. Es kam zu einer heute legendären Fehlkommunikation. Während die SED-Regierung geplant hatte, dass DDR-Bürger*innen künftig leichter Pässe und Visa erhalten könnten, wurden Schabowskis Worte so interpretiert, dass ab sofort die Grenze passiert werden könne!

Tausende von Menschen versammelten sich daraufhin noch in der Nacht an der Bornholmer Straße und anderen Grenzübergängen und verlangten, über die Grenze gelassen zu werden. Die Grenzbeamten gaben schließlich überfordert auf und öffneten die Schlagbäume.

Damit war zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Revolution auf friedlichem Weg geglückt. Dies war jedoch nur der Anfang einer rasanten Entwicklung. Am 18. März 1990 kam es zu den ersten freien Parlamentswahlen in der DDR – ein Datum, das nicht zufällig gewählt war, hatte doch die erste deutsche Revolution am 18. März 1848 ihren Ausgang genommen.

Die Friedliche Revolution von 1989 bleibt ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie bürgerlicher Protest und die Macht der Menschenmassen einen Staat ohne Gewalt verändern können.

Ein Leben im Schatten: Die DDR, die Stasi und der Fall der Mauer

0

Die Berliner Mauer, ein ergreifendes Symbol der Trennung und Unterdrückung, beherrschte fast drei Jahrzehnte lang das Leben von Millionen Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Ihre Existenz spiegelte den tiefen ideologischen Graben des Kalten Krieges wider, der Deutschland nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg teilte. Aus den westlichen Besatzungszonen entstand 1949 die Bundesrepublik Deutschland (BRD), während in der sowjetischen Ostzone die DDR gegründet wurde. Berlin, als geteilte Stadt mitten im kommunistischen Feindesland, wurde zum direkten Berührungspunkt dieser beiden Welten.

Das Wirtschaftswunder im Westen versus Entbehrung im Osten
Während Westdeutschland ein „Wirtschaftswunder“ erlebte, litt die Wirtschaft der DDR erheblich, nicht zuletzt durch die systematische Demontage von Industrieanlagen durch die Sowjetunion unter Josef Stalin. Dies führte zu einer rapiden Verschlechterung der ökonomischen Lage und der Lebensbedingungen in der DDR. Der Alltag war geprägt von Armut, was vielen Menschen geradezu zynisch erschien, angesichts der staatlichen Propaganda, die den Sieg des Sozialismus verkündete. Ein Vergleich des Lebensstils zwischen Ost- und West-Berlin machte die Unterschiede deutlich, wobei Ost-Berlin oft als „armes Land“ wahrgenommen wurde, dem es an vielen Gütern des täglichen Bedarfs mangelte, wie zum Beispiel Südfrüchten oder guter Schokolade.

Die Mauer: Ein Gefängnis im eigenen Land
Anfang der 1960er Jahre entschieden sich viele Bürger, die repressiven Verhältnisse nicht länger hinzunehmen und verließen die DDR in großer Zahl in Richtung Westdeutschland. Schätzungsweise 2,7 Millionen Menschen machten sich auf den Weg, was die DDR in ihren Arbeitskräften schwächte. Um diesen Strom zu stoppen, ließ die Regierung in der Nacht zum 13. August 1961 Stacheldraht entlang der Grenze zu West-Berlin ziehen. Dies war der Beginn des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die DDR-Propaganda die Mauer nannte. Die zunächst offene Grenze wurde unpassierbar. Familien und Freunde wurden getrennt, und Tausende von Pendlern verloren ihren Arbeitsplatz in West-Berlin. Für die in der DDR Verbliebenen bedeutete dies: eingesperrt im eigenen Land. Die Mauer entwickelte sich von einem einfachen Stacheldrahtzaun zu einem komplexen, militärischen Sperranlagensystem, bekannt als „Todesstreifen“. Dieses System umfasste Mauern, Zäune, Signalzäune, Panzersperren und Postentürme, von denen Grenzsoldaten mit dem Befehl, notfalls auf Flüchtende zu schießen, patrouillierten. Mindestens 140 Menschen verloren zwischen 1961 und 1989 bei dem Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, ihr Leben.

Die Allgegenwart der Angst: Das System der Stasi
Parallel zum Ausbau der äußeren Mauer perfektionierte die DDR-Staatssicherheit, die Stasi, geformt nach dem Vorbild des sowjetischen Geheimdienstes, ihre flächendeckende Überwachung der eigenen Bevölkerung. Die Stasi war eine der gefürchtetsten Institutionen der DDR. Ihr Ziel war es, jeden Winkel des gesellschaftlichen Lebens zu durchdringen und im Blick zu behalten, um jede Opposition im Keim zu ersticken. Akribisch wurden selbst kleinste Alltagsdetails von Millionen Bürgern beobachtet und katalogisiert. Misstrauen wurde geschürt, und die Menschen lernten schon als Kinder, dass nicht alles, was zu Hause besprochen wurde, in der Öffentlichkeit oder in der Schule gesagt werden durfte. Die Angst vor dem eigenen Staat wurde verinnerlicht.

Die Stasi nutzte ein breites Arsenal an Methoden zur Überwachung und „Zersetzung“, einer Form des Psychoterrors ohne Inhaftierung. Dazu gehörten das Anzapfen von Telefonen, das Verwanzen von Wohnungen, Überwachung per Kamera, Verleumdungskampagnen, Erpressung und das Streuen falscher Informationen. Ihre effektivste Waffe war jedoch ein weit verzweigtes Netzwerk von Bürgern, die zu Informanten wurden, sogenannte inoffizielle Mitarbeiter (IMs). Diese rekrutierten sich aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Dichte der Bespitzelung war selbst für Diktaturen einmalig hoch, mit einem hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter auf 180 Einwohner.

Persönliche Berichte verdeutlichen das Ausmaß dieser Kontrolle und der psychischen Belastung. Michael Kaiser wurde als Jugendlicher nach einem Fluchtversuch wöchentlich verhört, wobei selbst banale Handlungen wie der Kauf einer zweiten Bockwurst verdächtig waren und tagelange Vernehmungen nach sich ziehen konnten. Die ehemalige Fernsehansagerin Edda Schönherz, die eine Ausreise beantragte, erlebte, wie die Stasi ihr Leben überwachte und sie schließlich verhaftete und zu drei Jahren Haft verurteilte.

Hohenschönhausen: Das berüchtigte Gefängnis
Ein zentraler Ort des Stasi-Terrors war die zentrale Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen in Ost-Berlin, ein Ort, der offiziell nicht existierte und auf keiner Karte verzeichnet war. Dort wurden politische Gefangene und Fluchtwillige inhaftiert und verhört. Renate Werwig Schneider, die nach einem gescheiterten Tunnelversuch inhaftiert wurde, beschreibt Hohenschönhausen als eine der schlimmsten Haftanstalten, besonders aufgrund des „rein Psychoterrors“ und der psychologischen Folter. Methoden wie permanenter Schlafentzug durch helles Licht in der Zelle waren an der Tagesordnung.

Fluchtversuche und die unerschrockene Suche nach Freiheit
Trotz der enormen Gefahr und der tödlichen Hindernisse gaben viele Menschen den Traum von Freiheit nicht auf. Es gab verschiedenste Fluchtversuche, darunter Sprünge aus Häusern entlang der Grenze, Flucht in Heißluftballons oder durch Tunnel. Fluchttunnel waren ein besonderes Phänomen in Berlin, von denen es rund 75 gab, wenngleich nur etwa 25 erfolgreich waren. Diese Tunnel, oft von Laien wie Studenten gegraben, waren extrem gefährlich; sie waren schmal, provisorisch abgestützt und konnten einstürzen oder überflutet werden. Die ständige Angst vor Entdeckung war allgegenwärtig. Die Familie von Renate Werwig Schneider entschied sich trotz der Gefahr für einen Tunnelversuch, der jedoch scheiterte, weil ein Stasi-Agent in die Organisation eingeschleust worden war und die Stasi den Tunnel von Anfang an kannte.

Der Herbst ’89: Protest, Missverständnis und das Wunder
Die Unzufriedenheit in der DDR wuchs. 1989 feierte die DDR ihren 40. Jahrestag, doch die Straßen waren erfüllt von Protesten unzufriedener Bürger. Die politischen Reformen Michael Gorbatschows in der Sowjetunion wirkten sich auch auf die DDR aus. In Leipzig demonstrierten Zehntausende friedlich für mehr Freiheit, stets unter der Angst, dass die Demonstration gewaltsam niedergeschlagen werden könnte – doch es gab kein Blutbad.

Die entscheidende Wende kam in der Nacht des 9. November 1989. Auf einer legendären Pressekonferenz verkündete Günther Schabowski, Mitglied des Politbüros, aufgrund eines Missverständnisses neue Reiseregelungen für DDR-Bürger – gültig „ab sofort“. Dieses Versehen von „historischer Größenordnung“ führte dazu, dass die Massen zur Mauer strömten und diese faktisch überrannten.

Der Fall der Mauer: Rausch der Freiheit und die Ernüchterung danach
Der plötzliche Fall der Mauer war ein Schlüsselmoment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er war ein symbolischer Akt der Selbstermächtigung („Wir sind das Volk“) und das Ende einer Ära der Trennung und Unterdrückung. Fernsehbilder zeigten feiernde Menschen, ein „absoluter Rausch“, der gerade weil er so plötzlich kam, umso größer war. Die Mauer, die zuvor Angst und Ohnmacht verkörperte, fiel ohne dass ein einziger Schuss fiel.

Doch auf die anfängliche Euphorie folgte die Ernüchterung. Schon am Morgen nach der Maueröffnung verpuffte die Stimmung bei einigen, als viele Menschen aus dem Osten nach West-Berlin strömten, um das Begrüßungsgeld abzuholen, Bananen zu kaufen und sich zunächst weniger um Politik zu kümmern. In Ostdeutschland verschlechterte sich vieles; es setzte eine Rezession ein, und massive Arbeitslosigkeit traf die Menschen. Viele entwickelten schnell das Gefühl, „second class citizen“ zu sein. Positionen wurden oft mit Westdeutschen besetzt, und der Osten fühlte sich kolonisiert, bewertet nach westlichen Maßstäben.

Das Erbe der Stasi: Die Öffnung der Akten
Nach dem Mauerfall begannen die Verantwortlichen in der DDR, die Spuren der Stasi zu verwischen, indem sie massenweise Akten vernichteten. Bürgerrechtler stürmten das Stasi-Hauptquartier, um die Zerstörung zu verhindern und das Ausmaß der Überwachung ans Licht zu bringen. Millionen von Karteikarten, Fotos, Filme und über 100 Kilometer Akten wurden gesichert. Roland Jahn, der als Student selbst vom Regime verfolgt und ausgebürgert worden war, war einer der ersten, die das Gebäude betraten, mit dem Ziel, die Archive zu erhalten, um die Machenschaften der Diktatur aufzuklären.

Nach einer hitzigen Debatte über den Umgang mit den Akten und die Befürchtung von Racheakten wurde das Stasi-Archiv 1992 schließlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für viele Opfer war die Einsicht in ihre Akte erschütternd. Sie erfuhren das Ausmaß der Bespitzelung, fanden detaillierte Beschreibungen ihrer Wohnungen, Fotos oder sogar Analysen des Schulwegs ihrer Kinder. Ein Bericht beschreibt eine Akte, die selbst banale Reisepläne erfasste und die Gründe für die Reise in Kategorien wie Industriespionage, politische Spionage oder Prostitution einordnete, wobei bei „Liebesinteresse“ ein Haken gemacht war.

Die Lehren aus der Geschichte
Das Wissen um das Leiden und die Unterdrückung in einem Staat, der durch Angst und Kontrolle regiert wurde, lehrt viel über die wertvollen Errungenschaften und das Glück von Freiheit und Demokratie. Viele, die das System erlebt haben, wie Renate Werwig Schneider und Edda Schönherz, teilen heute ihre Erfahrungen als Zeitzeugen, um Menschen wachzurütteln, aufzupassen, was es bedeutet, in einer Diktatur leben zu müssen. Trotz des erlittenen Leids blicken einige nicht in Zorn und Hass zurück, da dies bedeuten würde, dass die Stasi ihr Ziel erreicht hätte, das Leben der Betroffenen zu zerstören. Die Geschichte der DDR und des Falls der Mauer ist ein komplexes Kapitel, das von Mut, Verzweiflung, Unterdrückung und dem unbedingten Wunsch nach Freiheit erzählt.

Pirna plant City Outlet: Kampfansage an den Ladenleerstand

0

Pirna rüstet sich für einen umfassenden Wandel in seiner Innenstadt: Ein City Outlet soll die Antwort auf den bestehenden Ladenleerstand sein und die Attraktivität der Elbestadt steigern. An dem Projekt wird bereits seit rund zwei Jahren intensiv gearbeitet, und Machbarkeitsstudien bescheinigen Pirna das notwendige Potenzial für eine Outlet City. Der Stadtrat steht mehrheitlich hinter dem Vorhaben, dessen Entwicklungsprozess mittlerweile von der neu gegründeten City Outlet Pirna GmbH gesteuert wird.

Derzeit befindet sich das Projekt in einer entscheidenden operativen Phase: der intensiven Immobilienanalyse. Diese wird voraussichtlich noch etwa zwei Monate dauern. Über den Oberbürgermeister wurden sämtliche Immobilienbesitzer in einem bestimmten Gebiet angeschrieben, und die Reaktion der Eigentümer sei erfreulich positiv; sie bringen sogar eigene Ideen ein. Sobald dieser Überblick vorliegt, weiß man, von wo aus das Projekt gestartet werden kann.

Ein funktionierendes innerstädtisches Outletprojekt erfordert mindestens 6.000 bis 7.000 m² leerstehende Ladenflächen. Wo in Pirna das größte Potenzial dafür liegt, wird aktuell im Rahmen einer Bestandsanalyse ermittelt. Dabei geht die jetzige Analyse deutlich tiefer als frühere Leerstandskonzepte. Während eine ursprüngliche Leerstandsanalyse aus dem Jahr 2023 lediglich zwischen „steht leer“ und „steht nicht leer“ sowie grob nach Baufälligkeit unterschied, berücksichtigt die aktuelle Untersuchung die Qualität der Flächen im Detail. Erfasst werden nicht nur die Größe, sondern auch der Zeitpunkt von Ausbau und Sanierung sowie technische Aspekte wie Heizung, Lüftung und Klima – all das, was moderne Geschäfte benötigen.

Die Innenstadtimmobilien in Pirna gehören vielen Eigentümern, und es wird die Beteiligung einer Vielzahl von ihnen benötigen, um die Outlet-Idee umzusetzen. Eine zusätzliche Herausforderung ist der Bedarf an Erweiterungsflächen für sogenannte Ankermieter – also Läden mit großer Anziehungskraft. Als Beispiel wird hier die Immobilie mit der Postfiliale auf der Gartenstraße genannt. Die Idee ist, Läden im Erdgeschoss eventuell nach hinten zu erweitern, sofern Innenhöfe dies zulassen. Dabei muss stets der Hochwasserschutz beachtet und ein Ausgleichsvolumen nachgewiesen werden, da Pirna im Überschwemmungsgebiet liegt. Eine Fläche wie die an der Gartenstraße sei aufgrund der Möglichkeit für größere Flächen für Ankermieter hochinteressant.

Die Umsetzung des City Outlets ist in mehrere Abschnitte und Zeitschienen unterteilt. Aktuell im Hauptfokus stehen der Busbahnhof, die Gartenstraße und die Breite Straße.

Geplant wird mit drei Zeitschienen:

• Eine sofort lösbare Phase (ca. 2 Jahre) für Immobilien, die zur Verfügung stehen, nur geringfügig erweiterbar sind und klare oder keine Genehmigungsverfahren erfordern.

• Eine mittlere Phase (ca. 5 Jahre) für größere Projekte, wie sie beispielsweise am Busbahnhof mit der dortigen Immobilie machbar wären.

• Eine langfristige Vision (ca. 10 Jahre), die die Endlösung darstellen könnte, mit Erweiterungen und der Umsetzung einer Art Gesamtmall von einem Ende zum anderen Ende der Altstadt.

Die Bestandsanalyse dient auch als Grundlage für eine bevorstehende Werbekampagne, die das Projekt sichtbar machen und eine Vision verkaufen soll. Diese Kampagne teilt sich in zwei Strategien auf:

1. Die Mitnahme der Bevölkerung, Händlerschaft und Einwohner Pirnas, um Verständnis für das Konzept zu schaffen und breite Unterstützung zu gewinnen.

2. Die gezielte Ansprache von Marken, um sie von der Stadt Pirna und der Region Sächsische Schweiz mit ihrem besonderen Flair zu überzeugen.

Das Vorhaben ist groß gedacht, und für die Umsetzung werden Investoren benötigt. Diese zu finden, sei das alles entscheidende Element. Die Projektentwickler arbeiten eng mit Investoren und Banken zusammen. Ein wichtiges Gespräch mit einem Investor steht bereits nächste Woche an, was als großer Erfolg gewertet wird, da es das Interesse aller Beteiligten signalisiert, an Lösungen zu arbeiten.

Um die Stadtgesellschaft für die Idee zu begeistern, ist im Spätsommer eine Informationsveranstaltung in der Göteoberschule geplant. Das Ziel ist klar: Pirna soll eine City Outlet Stadt werden und damit eine neue Zukunft für seine Innenstadt gestalten.

Eier nach Plan: Hightech und Akribie in den Hühnerställen der DDR

0

Die Deutsche Demokratische Republik hatte ein klares Ziel vor Augen: die Steigerung der Produktion tierischer Erzeugnisse. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Geflügelwirtschaft. Doch wie gelang es, den enormen Bedarf an Eiern und Hähnchen zu decken und gleichzeitig gesunde, leistungsfähige Bestände zu sichern? Ein Blick zurück offenbart ein System aus strenger Kontrolle, modernster Technik und detaillierter Planung.

Die Maxime in den landwirtschaftlichen Betrieben der DDR war Effizienz. Um hohe Erträge in der Hühnerhaltung zu erzielen, setzte man auf eine Kombination bewährter und neuer Methoden. Rassenreine Tiere, eine exakt abgestimmte Fütterung und artgerechte Haltungsbedingungen bildeten die Grundlage. Doch das Herzstück der Leistungssteigerung war eine minutiöse Überwachung jeder einzelnen Henne.

Die gläserne Henne: Fallnestkontrolle im Zwei-Stunden-Takt
Um die Legeleistung präzise zu erfassen, kam die sogenannte Fallnestkontrolle zum Einsatz – ein Verfahren, das Disziplin und Genauigkeit erforderte. Alle zwei Stunden mussten die Nester kontrolliert werden. Jede Legehenne trug eine individuelle Nummer am Flügel, die sich in einer detaillierten Legeliste wiederfand. Sobald ein Ei gelegt wurde, erfolgte der direkte Eintrag in diese Liste. Dieses System ermöglichte nicht nur eine schnelle Übersicht über die Gesamtleistung der Herde, sondern auch die genaue Beurteilung jeder einzelnen Henne. So konnten leistungsschwache Tiere identifiziert und züchterische Entscheidungen fundiert getroffen werden.

Doch nicht jedes Ei war für die Weiterzucht geeignet. Eine sorgfältige Selektion war unerlässlich. Die Eier wurden sortiert und mittels Durchleuchtung geprüft. Nur Eier, die den strengen Kriterien für ein gutes Brutei entsprachen – beispielsweise eine intakte Schale und ein zentral liegender Dotter – kamen für die nächste Generation infrage.

Massenproduktion von Leben: Die Ära der Brutapparate
Um den riesigen Bedarf der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs), Volkseigenen Güter (VEGs) und spezialisierten Kükenaufzuchtstationen an Eintagsküken zu decken, war die künstliche Brut alternativlos. Hier kam moderne Technik ins Spiel: riesige Brutapparate, die speziell vorbereitet und vorgeheizt wurden. Ein einzelner dieser Apparate konnte die beeindruckende Menge von 3600 Eiern gleichzeitig bebrüten.

Der Prozess war genauestens durchorganisiert. Kontrollkarten halfen beim regelmäßigen Wenden der Eier, ein entscheidender Schritt für eine gleichmäßige Entwicklung der Embryonen. Ein Hebelgriff brachte die Trommel des Apparates in die Arbeitsposition, bevor der Ventilator für die notwendige Luftzirkulation eingeschaltet wurde. Die Anzahl der eingelegten Eier und das Datum der Einlage wurden akribisch in einer Brutliste dokumentiert – nichts wurde dem Zufall überlassen.

Das Wunder im Ei: 21 Tage bis zum Küken
Hinter den geschlossenen Türen der Brutapparate vollzog sich, was die Natur vorgibt: die Entwicklung neuen Lebens. Lediglich konstante Wärme, ausreichend Sauerstoff und die richtige Luftfeuchtigkeit waren nötig, damit aus den sorgfältig ausgewählten Eiern in exakt 21 Tagen gesunde Küken schlüpfen konnten.

Die embryonale Entwicklung, unsichtbar für das bloße Auge, ist ein faszinierender Prozess:

  • Bereits 6 Stunden nach Einlage in den Brutapparat begann sich die Keimscheibe auf dem Dotter zu vergrößern.
  • Nach 19 Stunden bildete sich die Primitivrinne, die Vorstufe des späteren Rückgrats.
  • Schon nach 48 Stunden begann sich die Wirbelsäule zu formen, und ein winziges Herz hatte bereits zu schlagen begonnen, pumpte Blut durch die feinen Adern des Embryos.
  • Am vierten Tag hatte sich das Blutgefäßnetz zur Versorgung des Embryos stark erweitert, dessen Größe sich bereits verdoppelt hatte.
  • Einen Tag später, am fünften Tag, begann der Embryo, um seinen Nabel zu schwingen, und die Augen waren als schwarze Punkte erkennbar.
  • Am achten Tag war der Embryo stark gewachsen und undurchsichtig geworden, da sich die Gewebe verfestigten. Sogar die Krallenspitzen an den Füßen waren schon zu erkennen. Die Federn waren ebenfalls voll ausgebildet.
  • In den folgenden Tagen wuchs der Embryo stetig, während sich im Inneren alle lebenswichtigen Organe wie Leber, Niere und Lunge entwickelten und nach und nach ihre Funktion aufnahmen.
  • Am 18. Tag war ein beinahe fertiges Küken entstanden, bei dem lediglich die Lunge noch nicht aktiv atmete.

Kurz vor dem Schlupf wurden die Eier ein zweites Mal durchleuchtet, im Fachjargon „geschiert“. Eine helle Luftblase im Ei signalisierte, dass das Küken lebte und bereit für den nächsten Schritt war. Diese Eier kamen dann in den speziellen Schlupfbrüter.

In der Nacht zum 21. Bruttag war es dann so weit: Die Küken begannen, sich ihren Weg in die Welt zu bahnen. Mit dem sogenannten Eizahn, einer kleinen Spitze auf dem Schnabel, pickten sie ein Loch in die Schale. Dieses Loch erweiterten sie langsam ringförmig am stumpfen Ende des Eis, bis der „Deckel“ aufklappte. Die frisch geschlüpften Küken zwängten sich heraus und fielen durch eine Horde in den darunterliegenden Kükenkasten. Sobald der Großteil der Küken geschlüpft war, wurden die leeren Eierschalen entfernt.

Die Geflügelwirtschaft der DDR war somit ein Paradebeispiel für die Verbindung von biologischem Wissen, strenger Leistungsüberwachung und dem Einsatz fortschrittlicher Technologie. Nur so konnte der hohe Bedarf an tierischen Produkten gedeckt und ein wichtiger Beitrag zur Volksernährung geleistet werden.

„Wem gehört mein Dorf?“: Ein Lehrstück über Demokratie, das Berge versetzt

0

Ein Dokumentarfilm aus Mecklenburg-Vorpommern sorgt für Aufsehen und Diskussionen: „Wem gehört mein Dorf?“. Der Film von Regisseur und Autor Christoph Eder ist mehr als nur eine lokale Geschichte; er ist ein „Lehrstück für die Demokratie“ und ein „Zeitdokument aus einem Dorf“, das zeigt, wie Menschen sich aufmachen, um mitzugestalten.

Der Film begleitet den tiefgreifenden Wandel des Dorfes Göhren auf der Insel Rügen über einen Zeitraum von fünf Jahren. Ursprünglich ein abgelegenes DDR-Dörfchen und Urlaubsgeheimtipp, hat sich Göhren in den dreißig Jahren seit der Wende zu einem „touristischen Hotspot“ entwickelt. Ein maßgeblich prägender Faktor für diese Entwicklung war ein Investor aus den alten Bundesländern. Während der Nachwende-Boom für viele Einwohner zunächst Arbeitsplätze und Wohlstand brachte, führte er für die Gemeinde Göhren auch zu finanziellen Engpässen und einem Interessenkonflikt.

Der zentrale Konflikt des Films dreht sich um die Frage, wie die wesentlichen Entwicklungen der Gesellschaft verhandelt werden und in welche Richtung es gehen soll, insbesondere im Bereich des Tourismus. In Göhren formierte sich Widerstand gegen die „Maßlosigkeit“ weiterer Investitionen und Bebauungspläne. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet.

Eine der wichtigsten Mitstreiterinnen dieser Initiative ist Nadine Förster. Sie ist nach einer „Odyssee rund um die Welt“ in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, um mitzugestalten. Ihre persönliche Geschichte und ihr beruflicher Hintergrund im Tourismus prägen ihre Perspektive. Sie hat selbst Tourismus studiert und in diesem Bereich gearbeitet. Ein schockierendes Erlebnis in Mexiko, wo sie Anfang der 2000er Jahre ein „Paradies auf Erden“ fand, von dem zwanzig Jahre später „nichts mehr davon übrig“ war, zeigte ihr drastisch, was passiert, „wenn Tourismus sich einfach entfaltet“. Diese Erfahrung machte ihr klar, dass man eingreifen muss, um andere Perspektiven aufzuzeigen, wenn Wachstum unkoordiniert „weiter wuchert“.

Der Film „Wem gehört mein Dorf?“ ist eine „Langzeitstudie über einen Veränderungsprozess“. Seine Stärke bezieht die Dokumentation aus der „Nähe des Filmteams zu Akteuren vor Ort“. Dabei werden beide Seiten ausgewogen präsentiert: sowohl die Bürgerinitiative als auch die sogenannten „vier von der Stange“, die im Gemeinderat die Interessen des Investors unterstützen.

Die Reaktionen im Ort auf den Film waren größtenteils positiv, aber er löste natürlich auch Diskussionen aus. Der Film legt offen, wie politische Abläufe waren, wovon viele Einwohner nichts wussten oder womit sie sich nicht intensiv beschäftigt hatten. Regisseur Christoph Eder bot allen Protagonisten an, den Film vor der Veröffentlichung zu sehen und darüber zu sprechen, was auch fast alle wahrnahmen. Über die eine oder andere Sache wurde zwar diskutiert, doch der Wunsch nach Erfolg für den Film war einhellig. Bei der Vorpremiere in Göhren stellten sich Protagonisten von allen Seiten dem Publikum.

Der Film läuft erfolgreich auf Festivals in Europa und „bewegt die Menschen nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern“. Eine zentrale Frage, die nach dem Film diskutiert wurde, ist, was das Wichtige an ihm ist.

Die Botschaft des Films ist universell: Er kann auf jeden Fall einen Impuls setzen, sich zu engagieren. Denn, wie in den Quellen betont wird, Demokratie funktioniert am besten, je mehr Menschen sich beteiligen. Wenn der Film mehr Menschen dazu anregen kann, das Gefühl zu bekommen, dass sie etwas bewegen können, dass sie selbstwirksam in ihrer Kommune, in ihrem Gemeinwesen werden können, dann wurde viel erreicht.

„Wem gehört mein Dorf?“ ist ein Film, der zeigt, dass man „Berge versetzen kann, wenn man zusammen etwas auf die Beine stellt“, und damit den Grundgedanken von Organisationen wie der Gewerkschaft ver.di aufgreift, die die Premiere in Schwerin organisierte. Politiker vieler Parteien sahen sich das „Lehrstück in Sachen Demokratisierung“ ebenfalls an. Finanzstaatssekretär Heiko Miraß, der die Situation auf Rügen aus eigenem Erleben kennt, betonte, dass der Film große Dinge verhandelt: die Frage, wie wir gesellschaftliche Entwicklungen verhandeln und miteinander umgehen.

Der Film ist somit nicht nur die Geschichte eines Dorfes, sondern eine Aufforderung zur Teilhabe und ein Beweis dafür, dass bürgerschaftliches Engagement die Demokratie stärken kann.