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Rostock Hafen: 65 Jahre im Zeichen von Innovation und Geschichte

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Rostock, Mecklenburg-Vorpommern – Ein Hafen schläft nie, und das gilt insbesondere für den Überseehafen Rostock. Rund um die Uhr herrscht hier reger Betrieb, und der Puls des größten Universalhafens an der deutschen Ostseeküste schlägt auch im 65. Jahr seines Bestehens kraftvoll wie eh und je. Jährlich werden rund 30 Millionen Tonnen Güter aller Art umgeschlagen, was Rostocks größten Hafen zum Wertschöpfungsmotor der Hanse- und Universitätsstadt macht. Er ist der leistungsstärkste Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommerns und sichert Arbeitsplätze für rund 20.000 Menschen.

Die Bedeutung des Seehandels für Rostock reicht weit zurück. Schon lange, bevor Rostock im Jahr 1218 das Stadtrecht erhielt, wurden Natur- und Handwerksprodukte per Schiff nach Skandinavien, Westeuropa und England transportiert. In der Blütezeit der Hanse zählte Rostock zu den wichtigsten Häfen im Ostseeraum. Über Jahrhunderte lag der Hafen am Westufer der Warnow, doch eine wechselvolle Geschichte prägte seine Entwicklung. Nach einer Hochzeit von Schifffahrt und Güterumschlag im 19. Jahrhundert folgten Jahre des Bedeutungsverlusts.

Eine neue Ära begann mit der Nachkriegsordnung in Europa und der Gründung der Deutschen Seereederei (DSR) im Jahr 1952. Mit dem Bau größerer Frachter für die DSR wuchs der Seehandel der DDR in den 1950er Jahren stark an, und die Republik benötigte dringend einen größeren Hafenplatz. Die Staatsführung besiegelte 1957 das Vorhaben, Rostock zum größten Seeumschlagsplatz der DDR auszubauen. Der neue Überseehafen sollte auf der dünn besiedelten Ostseite der Warnow am Breitling entstehen.

Mit weitsichtiger Planung und der tatkräftigen Unterstützung zahlreicher freiwilliger Helfer wurde der Hafen in nur drei Jahren realisiert. Am 30. April 1960 wurde der Überseehafen eingeweiht. Als erstes Schiff löschte der DSR-Frachter „Schwerin“ Ladung im neuen Hafen. Konzipiert als Universal- und Eisenbahnhafen, entstanden Infrastruktur und Umschlagskapazitäten für Stück- und Massengüter. Noch im Eröffnungsjahr ging der erste Abschnitt des Ölhafens in Betrieb. Als Heimathafen der DSR, die zeitweilig über 200 Fracht- und Spezialschiffe weltweit im Einsatz hatte, avancierte der Überseehafen Rostock für die DDR zum Tor zur Welt. In den ersten drei Jahrzehnten stieg der Güterumschlag stetig an und erreichte 1989 mit 21 Millionen Tonnen ein Rekordergebnis, wobei auch 126.000 Container umgeschlagen wurden.

Die politische Wende im Osten stellte den Hafen vor große Herausforderungen: Der Umschlag brach zunächst auf 8 Millionen Tonnen ein. Doch die Transformation in die Marktwirtschaft gelang mit neuen Strukturen und Ideen. Bereits 1990 nahm eine Fährlinie zum dänischen Gedser den Betrieb auf, später folgten Fähr- und RoRo-Verkehre nach Schweden und Finnland. Heute macht rollende Ladung mehr als die Hälfte des gesamten Umschlags aus. Der Hafen hat seinen universellen Charakter beibehalten und setzt auf die Ansiedlung produzierenden Gewerbes auf dem maritimen Areal. Großbetriebe wie der Kranbauer Liebherr und der Großrohrhersteller EEW Special Pipe Constructions prägen seit Jahren das Hafenbild.

Der Überseehafen ist heute ein Taktgeber der regionalen Wirtschaft. Doch auch Veränderungen im politischen und internationalen Umfeld beeinflussen seine Entwicklung. Das Tor in die Zukunft ist weit geöffnet, mit Plänen für den Import und die Produktion grüner Energieträger, effiziente Logistikketten und eine starke Wettbewerbsposition. Garanten für den künftigen Erfolg sind die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Erweiterungspotenziale am Standort sowie der enge Schulterschluss der Region Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern mit ihrem alten und doch so jungen Hafen.

Ein Tag in Dessau-Roßlau: Wo Geschichte auf Moderne trifft und Kultur auf Natur

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Dessau-Roßlau, die drittgrößte Stadt Sachsen-Anhalts, liegt nur eine Autostunde von Leipzig und zwei Stunden von Dresden entfernt im Norden Deutschlands. Sie ist eine Stadt, die auf einzigartige Weise Moderne mit Geschichte und kulturelle Vielfalt mit Natur vereint. Mit über 226.000 Gästeübernachtungen im vergangenen Jahr zieht sie Touristen aus aller Welt an, was nicht zuletzt an ihrer Rolle als Geburtsstätte der Bauhauskunstrichtung und als ehemalige Heimat der Fürsten von Anhalt-Dessau liegt.

Schatzhaus der alten Kunst: Die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau Ein wichtiger kultureller Anziehungspunkt ist die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Sie befindet sich mitten in der Stadt, unweit des Hauptbahnhofs, im Park Georgium, der zum UNESCO Welterbe Gartenreich Dessau-Wörlitz gehört. Direktor Ruben Rebmann bezeichnet die Galerie als ein „Schatzhaus der alten Kunst aus Anhalt“, das verschiedene Sammlungen zusammenfasst und tiefe Einblicke in die kulturelle Tradition des alten Landes Anhalt ermöglicht.

Die Galerie legt ihren Schwerpunkt auf Gemälde des Barock, der Renaissance und des 18. Jahrhunderts, hat ihre Sammlung jedoch bis in die Moderne fortgesetzt. Dadurch ist sie eng mit zwei UNESCO-Welterbekomplexen der Region verbunden: dem Gartenreich Dessau-Wörlitz und dem Bauhaus Dessau. Ein besonderes Anliegen des Direktors ist es, die lange nicht sichtbare Sammlung wieder sichtbar zu machen, beispielsweise durch Sonderausstellungen, wie eine über Kinderbildnisse von Borg bis zur Romantik, und die großzügige Bereitstellung von Bildern im Netz, die Besucher auch fotografieren dürfen. Die Dauerausstellung im Schloss Georgium, wo einst Mitglieder der Fürstenfamilie lebten, ist bereits wiedereröffnet. Viele Gemälde gehen auf die Kunstsammlung von Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau zurück.

Ruben Rebmanns persönliches Highlight ist ein niederländisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert von Albert Cuyp, das den antiken Mythos des Sängers Orpheus darstellt. Auf reizende Weise wird Orpheus hier als holländischer Junge mit blonden Locken gezeigt, umgeben von Tieren – darunter ein Hund, der zum Betrachter schaut, und ein halb verstecktes Schwein hinter einem Elefanten.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz: Ein Gesamtkunstwerk Nur wenige Schritte trennen die moderne Architektur des Bauhauses von der üppigen Kulturlandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs. Dieser Park ist ein Gesamtkunstwerk, das Architektur mit Gartengestaltung vereint. Eine Gondelfahrt über den Wörlitzer See und durch die Kanäle bietet eine besondere Perspektive auf die vielen Bauwerke und Attraktionen.

Der Gondolier Günther Ries, liebevoll „der Admiral“ genannt, kennt als echter Wörlitzer viele Insidertipps. Er erzählt, dass das Schloss Wörlitz, eine ehemalige Sommerresidenz der Fürstenfamilie von Anhalt-Dessau, eines der ersten Bauwerke des deutschen Klassizismus war und nach dem Vorbild englischer Landhäuser errichtet wurde. Seine Innenausstattung ist bis heute fast vollständig erhalten.

Eine bemerkenswerte Hintergrundinformation, die Günther Ries teilt, ist die Geschichte von Hans Hallervorden, dem Großvater des berühmten Dessauers Dieter Hallervorden. Hans Hallervorden war bis 1946 Parkdirektor und rettete unter anderem die Wörlitzer Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 vor der Zerstörung. Die Familie Hallervorden besucht das Gartenreich bis heute gerne und schätzt den sympathischen Gondolier.

Weitere architektonische Novitäten im Gartenreich sind der Nympheum, der Venustempel und das Gotische Haus, welches der Ausgangspunkt für die Epoche der Neugotik in Deutschland war und stilistische Einflüsse aus Venedig und England aufweist. Im Park leben zudem besondere Bewohner: mehrere blaue Pfauen laufen dort frei herum.

Dieter Hallervorden kehrt heim: Kultur in der Marienkirche Für die Abendunterhaltung kehrt man in die Innenstadt von Dessau-Roßlau zurück, genauer gesagt in die Marienkirche. Hier hat der in Dessau-Roßlau geborene Künstler, Kabarettist und Sänger Dieter Hallervorden das Mitteldeutsche Theater eröffnet. Hallervorden, seit über 17 Jahren Ehrenbürger der Stadt, möchte mit diesem Engagement etwas an seine Heimat zurückgeben und das kulturelle Angebot erweitern. Seine Wurzeln liegen hier; sein Elternhaus, seine Schule und die Nähe zum Betätigungsfeld seines Großvaters in Wörlitz prägten ihn.

Das Rückgrat des Spielplans bilden Theaterstücke. Ein persönlicher Favorit Hallervordens ist das Stück „Adel verpflichtet“, eine mörderische Komödie, in der ein Schauspieler, unterstützt von einem großen Ensemble, in acht verschiedene Rollen schlüpft. Neben seiner eigenen Aufführung im Stück „Winterrose“ treten viele andere renommierte Künstler wie Elke Heidenreich, Bernhard Hoëcker und Harald Schmidt auf. Qualität und Liebe zum Detail stehen im Mittelpunkt des Programms.

Auf seine lange und erfolgreiche Karriere angesprochen, betont Hallervorden die Bedeutung von Hartnäckigkeit: „Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen, Ziele verfolgen gegen alle Widerstände und sich seinem Seelen treu bleiben“. Er weist jedoch auch darauf hin, dass eine Karriere in der Unterhaltungsbranche, insbesondere als Schauspieler, ein sehr schwerer Weg ist, da viel mehr Schauspieler ausgebildet werden als gebraucht. Er selbst sieht sich als Glückskind, das den richtigen Beruf ergriffen hat, und zeigt sich demütig angesichts der Tatsache, dass die Menschen ihn nach 65 Jahren im Beruf immer noch sehen möchten.

Dessau-Roßlau, eingebettet zwischen Elbe und Mulde, erweist sich als perfekter Ort, um in vergangene Zeiten einzutauchen und gleichzeitig ganz im Hier und Jetzt zu sein. Eine Reise dorthin verspricht, Moderne, Geschichte, Kultur und Natur auf unvergessliche Weise zu erleben.

Simson Suhl: Vom ostdeutschen Kultfahrzeug zum Erbe einer Ära

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Suhl, eine Stadt, die untrennbar mit dem Namen Simson verbunden ist, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die von handwerklicher Meisterschaft, politischem Druck und tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen geprägt war. Simson, einst ein pulsierender Industriegigant und größter Betrieb der Region, war mehr als nur ein Fahrzeughersteller; es war für Generationen von Suhlern ein „zweites Leben“ und sicherte unzähligen Familien das Auskommen.

Vom jüdischen Familienunternehmen zum Rüstungsbetrieb Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1856 zurück, als die Familie Simson in Suhl ein Unternehmen gründete. Diese alteingesessene jüdische Familie produzierte nahezu alles: von Autos über Haushaltsgeräte und Waffen bis hin zu Fahrrädern, und Simson wurde zu einem der größten Fahrradhersteller Deutschlands. Doch die florierende „Gemischtwarenfabrik“ wurde den Nationalsozialisten zum Dorn im Auge. Das Vermögen wurde beschlagnahmt, die Fabrik enteignet, und die Familie Simson konnte sich nur noch nach Amerika retten. Ihre einst vielseitige Produktion konzentrierte sich fortan auf die Herstellung von Waffen, darunter Handfeuerwaffen, Pistolen, Gewehre und Maschinengewehre, vor allem für das Dritte Reich.

Wiederaufbau unter sowjetischer Ägide und die AWO-Ära Nach dem Krieg war das Werk teilweise zerstört, und die sowjetischen Besatzer sprengten zusätzlich intakte Gebäude. Der Wiederaufbau war schwierig, da es an Material fehlte. Zunächst wurden lebensnotwendige Dinge wie Stühle, Bratpfannen und Schaufeln hergestellt. Die Familie Simson versuchte, ihren Betrieb zurückzuerlangen, doch die neuen Machthaber verweigerten eine Wiedergutmachung. Stattdessen wurden 5.000 Maschinen nach Russland gebracht, und Simson wurde zu einer sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG). Die sowjetische Leitung zeichnete sich durch eine strenge Führung des Betriebs aus.

Ein Schlüsselmoment des Wiederaufbaus war die Entwicklung des Motorrades AWO 425 (Abkürzung für „Arbeitsgemeinschaft für Oelmotorrad“), in die die sowjetischen Auftraggeber sagenhafte 3 Millionen Mark investierten. Die AWO, die von 1950 bis 1961 produziert wurde, war stabil, technisch ausgereift und dem Vorbild BMW nachempfunden, mit Besonderheiten wie dem aufwendigen Kardanantrieb und einem hochwertigen Stahlrohrrahmen. Sie begründete den guten Ruf Simsons als Fahrzeughersteller neu und erfüllte Konstrukteure und Bandarbeiter mit Stolz.

Motorsporterfolge und der Hollywood-Star in Suhl 1951 befahl ein sowjetischer General die Gründung einer Sportabteilung, die Straßenrennen, Motocross und Geländesport betrieb. Simson wurde zu einem festen Bestandteil wichtiger Rennen, besonders bei den Mittelgebirgsfahrten. Sporterfolge wie die acht Europameistertitel nach dem zweiten Gewinn steigerten nicht nur das Ansehen des Staates, sondern auch die Anerkennung für Simson und seine Konstrukteure.

Eine besondere Sensation ereignete sich 1963 in Suhl während des Sechstage-Rennens (Six Days): Hollywood-Star Steve McQueen, ein Mitglied des US-Teams, trat mit seiner Sportmaschine auf dem Simson-Gelände auf. Dies war ein Novum im Ostblock und löste sowohl Begeisterung bei der Bevölkerung als auch Bedenken bei der Parteiführung aus, die Sympathien für den „Filmstar der dekadenten westlichen Welt“ fürchtete und seine Präsenz in der Presse unterdrückte. Obwohl McQueen nur drei Tage durchhielt, zeigte er sich als „richtiger Sportsmann“, der sich einer enormen körperlichen Anstrengung unterzog.

Die „Vogelserie“: Schwalbe, Spatz und Co. Wer in der DDR kein Auto hatte, besaß oft einen Roller oder ein Moped der Marke Simson. Das Mokick aus Suhl war das traditionelle Jugendweihe-Geschenk. Die legendäre Schwalbe, die 21 Jahre lang über eine Million Mal vom Band lief, war der Auftakt der mobilen „Vogelserie“, gefolgt von Spatz, Star, Sperber und Habicht. Jedes Fahrzeug sollte mindestens 40.000 Kilometer halten, 60 km/h fahren und einfach zu reparieren sein. Die Schwalbe war äußerst stabil und konnte sogar mit einem Anhänger voll Reisegepäck und zwei Personen von Berlin bis nach Ungarn fahren, selbst auf Feld- und Waldwegen. 1975 eroberte Schwester Agnes mit ihrer Schwalbe die Herzen der Fernsehzuschauer, obwohl ihr Fahrzeug anfangs belächelt oder als „Kampfblech“ verspottet wurde. Trotzdem avancierte es zu einem „europäischen Kultfahrzeug“. Die Nachfrage nach erschwinglichen, sparsamen und alltagstauglichen Mopeds führte zur Entwicklung von Rollern, die Schutz vor Witterung boten, und später zu zweisitzigen Modellen, die 60 km/h erreichten und sparsam im Verbrauch waren.

Herausforderungen in der DDR-Planwirtschaft Trotz der hohen Nachfrage – 150.000 Fahrzeuge pro Jahr reichten bei weitem nicht für den Binnenmarkt aus – blieben notwendige Investitionen aus. Im Werk wurde improvisiert, Maschinen und Menschen im Schichtbetrieb „zerschlissen“. Der Leistungsdruck war enorm; Mitarbeiter, auch Lehrer der betriebseigenen Schule, mussten Sonderschichten leisten und in die Produktion eingreifen. Um der Monotonie am Band entgegenzuwirken, führte Simson Ende der 70er Jahre in der Lehrwerkstatt die „Nestfertigung“ ein, bei der 3-4 Jugendliche gemeinsam einen kompletten Motor fertigten. Dies kam bei den jungen Leuten gut an, da sie alle Arbeitsschritte beherrschten und nicht mehr nur monotone Tätigkeiten ausführten.

Die Kosten- und Preispolitik war paradox: Ein Kleinkraftrad kostete im Laden etwa 1.500-1.550 Mark, der Betriebspreis lag jedoch deutlich höher, oft über 2.000 Mark. Diese bewusste Preisgestaltung wurde in Berlin festgelegt, um öffentliche Diskussionen zu vermeiden. Auch im Export, der rund ein Viertel der Jahresproduktion ausmachte, wurden die Fahrzeuge weit unter Wert verkauft. Ziel waren 50.000 Exportfahrzeuge, wovon 20.000 in sozialistische Länder gingen und 30.000 in nicht-sozialistische Gebiete, ein Ziel, das selten erreicht wurde. Simson unterhielt Handelsbeziehungen mit afrikanischen Ländern wie Mosambik, Angola und Ägypten, wobei Mopeds gegen Güter wie Baumwolle, Kaffee und Erdöl getauscht wurden. Im Zuge dessen kamen auch „Vertragsarbeiter“ nach Suhl, deren Integration jedoch oft mangelhaft war, was zur Fremdenfeindlichkeit nach der Wende beigetragen haben könnte.

Soziale Versorgung und Arbeitsalltag Simson versorgte seine Mitarbeiter umfassend: Es gab betriebseigene Busse, begehrte Urlaubsplätze auf Hiddensee, Kindergärten, eine eigene Arztpraxis und preiswerte Mahlzeiten in großen Speisesälen. Der Zusammenhalt unter den Kollegen war stark; es gab gemeinsame Feiern, Ausflüge und gegenseitige Hilfe, was den Arbeitsstress erträglicher machte. Dennoch gab es auch Schattenseiten wie den täglichen Leistungsdruck, Frust über Mangelwirtschaft und Lieferprobleme sowie Ärger mit Vorgesetzten und Kollegen.
In den 80er Jahren verschärften sich die Probleme: Lieferschwierigkeiten, besonders bei Rädern, führten zu 40-50% Rücksendungen wegen Mängeln. Maschinen wurden auf Verschleiß gefahren, Ersatzteile fehlten im Kundendienst. Die Betriebsführung stand unter enormem Druck der Parteileitung. Zudem waren die Arbeitsbedingungen in Bereichen wie der Lackiererei, wo die Luft voller chemischer Dämpfe war, gesundheitlich belastend. Umweltverschmutzung durch das Heizkraftwerk führte zu saurem Regen und Korrosion an parkenden Fahrzeugen. Finanzielle Probleme und veraltete Maschinen verschärften die Lage, doch Hilferufe aus Berlin blieben ungehört.

Das Ende einer Ära und ein Kult lebt weiter 1986 lief die letzte Schwalbe vom Band. Obwohl Pläne für modernere Motorroller in den Schubladen lagen, war es zu spät. Mit der Wiedervereinigung brach der Markt ein, da viele Bürger nun Autos kaufen konnten. Die Anpassung an bundesdeutsches Recht, das eine Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h und ein Mindestalter von 16 Jahren für Mokicks vorschrieb, verschlechterte die Verkaufschancen zusätzlich. Der damalige Gang ins Bundesverkehrsministerium zur Verhandlung über eine Ausnahmeregelung war vergeblich.
Die Treuhand wickelte den Betrieb ab, und obwohl Simson als GmbH zu überleben versuchte, war die Zeit des Motorroller-Booms vorbei. Die Menschen kauften westliche Autos und japanische Motorräder. Viele ehemalige Mitarbeiter empfanden dies als „bewusste Zerstörung“ einer gut funktionierenden Produktion. Im Dezember 1990 fiel für die meisten Mitarbeiter der letzte Vorhang. Die Belegschaft räumte den eigenen Betrieb, verkaufte, was zu Geld gemacht werden konnte, und verschrottete den Rest. Für viele brach eine Welt zusammen, da sie davon ausgegangen waren, bis zur Rente bei Simson zu bleiben.

Mit dem Aus für Simson endete eine 150-jährige Firmengeschichte. Geblieben sind die Fahrzeuge, die mittlerweile Kultstatus haben, wie die Schwalbe oder die AWO. Das weitläufige Gelände ist heute ein Gewerbepark, doch Suhl hat seine Bedeutung als großer Industriestandort weitgehend eingebüßt. Die Tatsache, dass der Betrieb größtenteils dem Erdboden gleichgemacht wurde, erfüllt viele ehemalige Mitarbeiter mit Wehmut und Traurigkeit.

Elbe auf historischem Tiefstand: Magdeburg kämpft mit den Folgen

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Magdeburg – Die Elbe in Magdeburg hat einen historischen Tiefstand erreicht und sorgt für ernste Probleme und Besorgnis. Gestern fiel der Wasserstand an der Strombrücke auf nur noch 44 Zentimeter, ein Wert, der seit Beginn der modernen Messungen und Dokumentationen noch nie erreicht wurde. Zum Vergleich: Der bisherige Tiefstwert im Jahr 2019 lag bei 45 Zentimetern. Heute stieg der Pegel leicht auf 45 Zentimeter, was jedoch für die Schifffahrt weiterhin nicht ausreicht.

Auswirkungen auf die Schifffahrt und alternative Routen Die niedrigen Wasserstände haben drastische Auswirkungen auf die Schifffahrt. Boote mit Flachboden, wie die der „Weißen Flotte“, benötigen mindestens 65 Zentimeter Wasser unter dem Kiel, um sicher navigieren zu können. Unterhalb dieses Wertes wird es gefährlich, da das Flussbett der Elbe uneben ist und Hindernisse birgt. Infolgedessen kann die „Weiße Flotte“ nicht auf der Elbe fahren. Eine Alternative bietet derzeit der Mittellandkanal, der weiterhin beschiffbar ist und eine Wassertiefe von mindestens 4 bis 5 Metern unter dem Kiel bietet. Über diesen Kanal können Schiffe ganzjährig zwischen dem Rhein und der Oder verkehren, es sei denn, Packeis legt im Winter die Schifffahrt still.

Gefahren im Fluss und die Strömung Trotz des geringen Wasserstandes, der die Elbe kniehoch erscheinen lässt, warnen Experten dringend davor, den Fluss zu betreten oder darin zu baden. Das Flussbett der Elbe ist nicht flach, sondern weist viele Vertiefungen und Mulden auf, in denen man plötzlich bis zur Nase im Wasser verschwinden kann. Zudem gibt es an den Buhnen gefährliche Stromschnellen, die Menschen ins Wasser ziehen können. Die Strömung der Elbe ist mit 16 km/h sehr stark und reißt Schwimmer, die in die Fahrrinne geraten, nur schwer wieder heraus. Daher wird dringend davon abgeraten, die Elbe bei Niedrigwasser zum Baden oder Schwimmen zu nutzen.

Gravierende Folgen für die Natur Der niedrige Wasserstand hat auch gravierende Folgen für die Natur. Wenn der Elbpegel sinkt, wirkt sich dies direkt auf die Fischbestände aus. Nach der Wende hatten sich die Fischbestände in der Elbe, nachdem sie sauberer wurde, erfreulich entwickelt, und es gab wieder Elbefischer. Doch nun vertrocknen Fischschwärme in den Flussarmen, da das Wasser dort zurückgeht. Besonders betroffen sind auch Lachse, die im Rahmen eines Ansiedlungsprojekts südlich von Magdeburg in einem Zufluss der Elbe (der Nute) seit 2009 angesiedelt werden. Junge Lachse schwimmen in die Nordsee und den Atlantik, kehren aber im Erwachsenenalter zum Laichen in die Elbe zurück. Bei Niedrigwasser ist es für diese großen Fische jedoch ein erhebliches Problem, ihre Laichplätze zu erreichen, da dort absolut kein Wasser mehr vorhanden ist.

Ursachen und begrenzte Lösungsansätze Die Elbe ist ein Transitfluss, der von Tschechien bis zur Nordsee fließt. Das bedeutet, dass lokaler Regen in Sachsen-Anhalt oder Sachsen kaum Auswirkungen auf den Wasserstand der Elbe hat. Damit der Wasserpegel wieder merklich steigt, muss es in Tschechien mindestens drei oder vier Tage richtig stark regnen. Die erwarteten Gewittergüsse am bevorstehenden Wochenende im Osten Deutschlands werden voraussichtlich nicht ausreichen, und danach wird es wieder warm, was zur Verdunstung führt. Es wird erwartet, dass der Kampf mit dem Niedrigwasser wahrscheinlich die gesamte Saison andauern wird.

Gegen den niedrigen Wasserstand kann man kaum etwas tun. Eine Möglichkeit wäre der Bau von Staustufen, wie sie vor Jahrzehnten am Rhein und an der Mosel realisiert wurden, um die Schifffahrt zu ermöglichen. Dies wird jedoch für die Elbe nicht gewünscht, da an ihren Ufern Biosphärenreservate liegen, die in ihrem natürlichen Zustand erhalten bleiben sollen. Das Aufstauen des Wassers würde dieses sensible Ökosystem zerstören. Auch wenn die Tschechen ihre Talsperren öffnen und Wasser ablassen könnten, wäre dies nur eine temporäre Lösung für wenige Stunden, da das Wasser schnell abfließt und der Wasserstand danach wieder sinkt. Letztendlich bleibt nur das Warten auf ergiebigen Regen – und dieser muss in Tschechien fallen.

Zwischen Tradition und Neuanfang: Junge Hände beleben Görlitzer Kleingärten

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Görlitz und sein Umland beheimaten rund 5500 Kleingärten, die in 107 Vereinen organisiert sind und idyllische Namen wie „Blumenaue“ oder „Friedensblick“ tragen. Die meisten dieser Vereine sind Mitglieder im Niederschlesischen Kleingärtnerverband e.V., einer zentralen Instanz, die als Vermittler zwischen den Grundstückseigentümern und den Pächtern – den eigentlichen Kleingärtnern – fungiert. Sven Umlauft, der erste Vorsitzende des Verbandes seit September 2022, beschreibt die Rolle des Verbandes treffend als eine Art Hausverwaltung, die die Interessen der Kleingärtner umsetzt und sicherstellt, dass die Gärten dem Bundeskleingartengesetz entsprechen.

Die ersten zwei Jahre unter Sven Umlaufts Führung waren intensiv. Er und sein Team investierten viel Zeit, um die Unterlagen aller Sparten auf den aktuellen Stand zu bringen, da zuvor Verträge fehlten. Ziel dieser Anstrengungen war und ist der Schutz aller Beteiligten: der Vereine, der Eigentümer, des Verbandes und nicht zuletzt der Pächter. Der Verband betreibt ein Büro in der Görlitzer Innenstadt und beschäftigt vier festangestellte Mitarbeiter sowie elf ehrenamtliche Vorstandsmitglieder, darunter auch Sven Umlauft selbst. Die Arbeit sei anspruchsvoll, da sich die Geschäftsstelle hauptsächlich mit Problemfällen von Vereinsvorständen oder Pächtern befasst. Umlauft betont die große Dankbarkeit gegenüber seinem Vorstand und seinen Mitarbeitern, die sich weit über die regulären Arbeitszeiten hinaus engagieren. Ohne die Unterstützung seiner Familie, die hinter seinem ehrenamtlichen Engagement steht, wäre dies nicht möglich, so Umlauft.

Herausforderung: Leerstehende Gärten
Ein akutes Problem des Verbandes sind die derzeit rund 300 leerstehenden Parzellen von insgesamt 5500. Während einige Gärten mit wenigen Handgriffen wieder nutzbar gemacht werden könnten, stehen andere seit vielen Jahren leer und werden von den zuständigen Vereinen vernachlässigt. Um dem entgegenzuwirken, hat der Verband im Herbst eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Sven Umlauft macht dabei deutlich, dass die Spenden nicht dem Verband zugutekommen, sondern gezielt in die einzelnen Vereine fließen sollen, um die Sanierung dieser lange leerstehenden Gärten zu finanzieren. Er betont: „Ich will mir das Geld nie in meine eigene Tasche stecken… Ich möchte daraus schöne Projekte machen.“. Dabei sei keine große Spende nötig; auch kleine Beträge von 1 oder 2 Euro von vielen Spendern würden helfen.

Interessenten für Kleingärten zu finden, sei hingegen „unproblematisch“. Täglich erreichen das Büro Anrufe. Der Verband nimmt die Daten der Interessenten auf und leitet sie an die Vereine weiter, je nachdem, in welchem Stadtteil ein Garten gewünscht wird. Die Altersstruktur der neuen Pächter ist dabei gemischt: Neben der Jugend, die zunehmend Interesse zeigt und gefördert werden soll, werden Gärten auch an ältere Menschen verpachtet, die oft überraschend schnell und motiviert die Gärten wiederherrichten.

Unsicherheit durch Eigentümerwechsel und KommWohnen
In den letzten drei Jahren gab es eine gewisse Unruhe unter den Kleingärtnern in Görlitz, da die Stadt nach und nach ihre Kleingartenanlagen an KommWohnen überträgt. Viele Pächter äußerten die Sorge, ihre Gärten zu verlieren. Arne Mückert, Geschäftsführer von KommWohnen, hat diese Befürchtungen jedoch mehrfach zerstreut. Er stellt klar, dass KommWohnen lediglich in die Fußstapfen der Stadt tritt und die Verwaltung der Parzellen lediglich einen Wechsel des Sachbearbeiters bedeutet, nicht aber eine Änderung der Widmung der Grundstücke. Eine Umwidmung der Parzellen, etwa zu Bauland, ist nicht ohne Weiteres möglich und erfordert einen Stadtratsbeschluss. Da KommWohnen eine kommunale Gesellschaft ist, bestehe keinerlei Gefahr, dass eigene Wege gegangen werden, so Mückert.

Auch Sven Umlauft, der anfangs zwiegespalten war, blickt der Situation nun positiv entgegen. Er betont, dass die Kommunikation mit KommWohnen und der Stadt sich deutlich verbessert hat und die Befürchtung der Pächter, aus Gartenland werde Bauland, unbegründet ist. Er erklärt: „Nein das hat die Komwon nie vor und jetzt muss ich einfach mal drei sagen sie kann es doch einfach nie so Es muss durch den es muss durch den Stadtrat es muss durch unseren Kleingartenbeirat es muss durch so viele Institutionen durch wo Menschen die auch selber einen Garten haben ja sagen müssen In meinen Augen ist das einfach mal so nicht möglich.“.

Mit dem Beginn der Saison nimmt das Kleingärtnerleben in Görlitz wieder Fahrt auf. Es wird gepflanzt, gegraben und gestrichen, und es ist wahrscheinlich, dass sich unter den altgedienten Kleingärtnern auch einige neue Gesichter finden werden. Die Gemeinschaft und die grünen Oasen in Görlitz scheinen trotz aller Herausforderungen eine lebendige Zukunft vor sich zu haben.

Dessau, 7. März 1945: Eine Stadt im Inferno des Bombenkriegs

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Der 7. März 1945 ist ein Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Dessaus eingebrannt hat. Was für manche als ein vermeintlich „schönster Tag“ begann, endete in einer Nacht der brennenden Zerstörung und tiefgreifenden Verluste, die das Stadtbild und das Leben ihrer Bewohner unwiderruflich veränderte.

Die Nacht des Schreckens
Ein Zeitzeuge beschreibt die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht als eine „fürchterliche halbe Stunde“ des Schreckens. Der Angriff kündigte sich mit den berüchtigten „Christbäumen“ an, Leuchtmarkierungen, die den nachfolgenden Bombenhagel einleiteten. Die Intensität des Bombardements war so immens, dass sich der Luftschutzkeller, in dem Menschen Schutz suchten, „richtig bewegte“ – ein beängstigendes Erlebnis, das keine Einbildung war. Inmitten des Chaos und der Angst hielt eine Person ihren Sohn Peter fest und dachte in ihrer Not nur: „wenn es uns trifft, dann sind wir wenigstens viereckig“.

Ein Bild der Verwüstung
Nach der ersehnten Entwarnung offenbarte sich den Überlebenden ein Bild der totalen Zerstörung: „rechts und links brannte“ es überall, und in der Ferne brannte auch das Haus des Fleischermeisters weiter. Ein Blick auf das eigene Zuhause zeigte die verheerenden Auswirkungen: „alle Fenster raus“ und das Haus auf der Rückseite „eingedrückt“. Ein weiteres erschreckendes Detail war eine 20-Zentner-Bombe, die ungezündet im Garten lag. Trotz des umgebenden Chaos hatte die Mutter des Berichterstatters Glück im Unglück und überlebte unverletzt im „kaputten Keller“.

Persönliche Tragödie und menschlicher Verlust
Die Tage des 7. und 8. März 1945 brachten nicht nur materielle Zerstörung, sondern auch tiefgreifende persönliche Tragödien mit sich. Eine besonders bewegende Geschichte ist die des jungen Manfred, eines vernünftigen Jungen, der das Goethe-Gymnasium besuchte. Nachdem er vom Fleischermeister Schmelzer Essen erhalten hatte, wurde ihm geraten, nicht zurückzukehren. Doch auf seinem Heimweg versuchte Manfred, ein „kleines Feuer auszumachen“. Diese scheinbar kleine, mutige Tat endete tödlich; ein Nachbar berichtete später, dass Manfred dabei ums Leben kam und „in einer Decke nach Hause getragen“ werden musste. Diese Geschichte verdeutlicht den unmittelbaren und tragischen menschlichen Preis des Bombenkriegs.

Kriegskontext und Propaganda
Die Ereignisse in Dessau waren Teil eines umfassenderen Krieges, der auch im Quellenmaterial angesprochen wird. Es wird von der Entwicklung „neuer Flugzeug- und Motorenmuster“ berichtet, die für eine „neue deutsche Luftwaffe“ eine „gewaltige Aufgabe“ darstellten. Die Ideologie der Zeit betonte die Notwendigkeit von „Tapferkeit und Einsatzbereitschaft“, da jeder seine „Pflichten“ zu erfüllen habe. Auch die deutschen Luftangriffe gegen England werden erwähnt, wobei „deutsche Kampfflugzeuge in geschlossener Formation“ über den Kanal flogen, um „Großangriffe auf Industriezentren“ durchzuführen und dabei auf „englische Jäger“ trafen. Eine persönliche Aussage in der Quelle, dass man „vom Nationalsozialismus überhaupt nichts gespürt“ habe, kann verschiedene Interpretationen zulassen, sei es eine Form der Verdrängung, Unwissenheit oder eine Konzentration auf den Alltag inmitten des Krieges.

Der 7. März 1945 bleibt ein dunkles Kapitel in der Geschichte Dessaus, das von Zerstörung, Verlust und unermesslichem Leid geprägt war. Die Erinnerungen an diesen Tag verdeutlichen die Brutalität des Krieges und die tiefen Narben, die er in den Herzen der Überlebenden hinterließ.

Das sterbende Herz Berlins: Wie das SED-Regime die historische Seele der Stadt zerstörte

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Berlin, einst das pulsierende Zentrum einer Weltstadt, verliert zunehmend seine historische Identität. Ein erschreckendes Bild zeichnet sich ab: Nach den Verwüstungen des Krieges setzte das SED-Regime in Ost-Berlin eine systematische Zerstörungswelle in Gang, die das kulturelle Erbe der Stadt unwiederbringlich auslöschte und Alt-Berlin zum Sterben verurteilte.

Das Stadtschloss: Symbol einer bewussten Zerstörung
Im Herzen Berlins stand einst das Stadtschloss, ein Bauwerk, das fünf Jahrhunderte Kunst und Geschichte präsentierte und von Baumeistern wie Andreas Schlüter geprägt wurde, wodurch es zu einem der bedeutendsten Kunstwerke der Welt avancierte. Am 3. Februar 1945 brannte das Schloss bei einem Tagesangriff aus, doch der monumentale Torso, insbesondere der Schlüterhof mit seiner intakten Fassade, blieb erhalten. Fachleute waren sich einig: Ein Wiederaufbau zur alten Schönheit wäre möglich gewesen.

Doch die „Pankower Regierung“ (gemeint ist die SED-Regierung) beschloss im August 1950 trotz des noch vorhandenen Schlüterhofs und der Möglichkeit des Wiederaufbaus die Sprengung des Schlosses. Das Politbüro der SED begründete diese Entscheidung damit, den „Imperialismus Preußens bekämpfen“ zu müssen. Eine absurde Begründung, da der Wert von Kunstwerken nicht an gesellschaftliche Verhältnisse gebunden ist, aus denen sie stammen. Vielmehr ordneten die Totalitären alles ihren politischen Absichten unter: Der Wunsch nach Massenaufmärschen führte nicht nur zur Zerstörung des Schlosses, sondern auch der einzigartigen Platzanordnung, an deren Gestaltung Schlüter und Schinkel mitgewirkt hatten.

Ironischerweise versuchte Ulbricht später, mit dem neuen Staatsratsgebäude, in das Reste der Schlüterfassade (von deren Balkon Karl Liebknecht 1918 die Republik ausgerufen hatte) eingebaut wurden, eine neue Tradition zu konstruieren. Von den vielen architektonischen Plastiken des Schlosses, die vor der Sprengung dokumentiert wurden, ist laut einem Katalog lediglich ein einziger Kopf erhalten geblieben, obwohl der Ministerrat einst verbindlich versprochen hatte, „alles zu bewahren“.

Eine systematische Auslöschung des Alten Berlin
Die Sprengung des Stadtschlosses war nur der Auftakt einer weitreichenden Zerstörungswelle:

• Das barocke Reichspräsidentenpalais, einst Amtssitz Friedrich Eberts, wurde nach Kriegsschäden und jahrelanger Vernachlässigung 1960 gesprengt.

• Das Schloss Monbijou, ein Kleinod Berliner Architektur, wurde trotz vieler Restaurierungspläne bis 1960 zugunsten einer Grünfläche abgerissen.

• Schinkels Bauakademie, sein „kühnstes und modernstes Werk“, wurde zunächst aufwendig restauriert, nur um kurz vor Fertigstellung dem geplanten Neubau des Außenministeriums weichen zu müssen.

• Auch die Nationalgalerie, deren Abteilung für zeitgenössische Kunst von den Nazis als „entartet“ geschmäht wurde und unter Denkmalschutz stand, wurde 1959 niedergerissen – es blieb eine Baugrube.

Das Schicksal vieler weiterer Denkmäler war besiegelt: Geplante oder erwogene Wiederaufbauten wie das Wachgebäude am Potsdamer Tor, die Palais für Prinz Alexander und Georg, sowie das Kronprinzenpalais wurden stattdessen zerstört.

Selbst weniger monumentale, aber geschichtsträchtige Orte fielen der Abrissbirne zum Opfer:

• Der Niki Keller und der klassizistische Bau von Lutter & Wegner, inklusive der weltberühmten Weinstube Eta Hoffmanns, hätten erhalten bleiben können, wurden aber 1962 beseitigt.

• Die Ostberliner Garnisonkirche und das älteste Bürgerhaus Berlins am Hohen Steinweg verschwanden ebenfalls.

• Die Raabe-Diele, die Stammkneipe des Schriftstellers, wurde nach dem Krieg mit erheblichen Mitteln und Propaganda restauriert, westliche Abrissmeldungen wurden empört dementiert, nur um dann 1963 doch beseitigt zu werden.

Moderne Visionen auf den Trümmern der Geschichte
Das neue städtebauliche Konzept für das Berliner Stadtzentrum, vom Politbüro der SED und dem Ministerrat bestätigt, sah das Verschwinden weiterer historischer Substanz vor. Neben dem 200 Meter hohen Fernsehturm und neuen Regierungsgebäuden wurden 10.000 neue Wohnungen geplant, darunter Hochhäuser im Fischerkiez.

Dies bedeutete das Ende für die letzten halbwegs intakten Straßen im Fischerkiez mit ihren Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dabei hatte man 1959 noch das gesamte Viertel sanieren, die Häuser restaurieren und Neubauten dem historischen Stil anpassen wollen, sogar eine Künstlerkolonie war geplant. Dieser Plan wurde verworfen, obwohl Künstler wie Zille und Otto Nagel dieses romantische Stück Berlin liebten und malten.

Auch die Brüderstraße, in der Nicolai einst die Allgemeine Deutsche Bibliothek herausgab, sollte das gleiche Schicksal erleiden. Die Petrikirche ist bereits der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Besorgniserregend ist auch die Praxis, historische Substanz zu zerstören und an einem anderen Ort lediglich eine Kopie aufzubauen, wie es beim Kommandantenhaus in der Rathausstraße geschah. Auf den neuen Stadtmodellen sucht man auch vergeblich nach dem Knoblauch-Haus und der Heilig-Geist-Kapelle.

Berlin ist durch Krieg und die nachfolgenden politischen Entscheidungen arm an historischen Gebäuden, Straßen und Plätzen geworden. Was vom alten Berlin bleibt, kann man nur noch durch das Lesen seiner Dichter wie Theodor Fontane oder Wilhelm Raabe kennenlernen. Es ist dringend an der Zeit zu erfahren, was wirklich gerettet wurde. Angesichts dieser verheerenden Verluste appellieren die Quellen an die Notwendigkeit, das Wenige, was geblieben ist, im Interesse der gesamten deutschen Nation zu schützen und gegen immer wieder wechselnde Opportunitätserwägungen zu verteidigen. Denn wer wollte ernstlich, dass unsere Jugend in einem geschichtslosen Raum aufwächst.

Das Bauhaus in Dessau: Wie eine Kunstschule die Welt veränderte

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Dessau – Das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius gegründet, gilt heute weltweit als die bedeutendste Schule für Kunst, Design und Architektur des 20. Jahrhunderts. Seit 1996 gehören die Bauhausstätten zum UNESCO-Welterbe, und ein überwiegender Teil dieser historischen Orte befindet sich hier in Dessau, jener Stadt, die ab 1925 zum Sitz des Bauhauses wurde.

Das Herzstück: Das Bauhaus Gebäude
Das zentrale Denkmal des Dessauer Bauhauserbes ist das Bauhaus Gebäude selbst, das von 1925 bis 1926 nach Plänen von Walter Gropius errichtet wurde. Ursprünglich diente es als Schulgebäude für die avantgardistische Kunst-, Design- und Architekturschule. Hier entstanden Designklassiker wie der Vassili Sessel von Marcel Breuer. Die Architektur des Gebäudes spiegelt die Prinzipien des Bauhauses wider: Es vereint Technik und Gestaltung als Einheit und zielte darauf ab, nicht nur neue Maßstäbe im Design zu setzen, sondern auch gesellschaftliche Unterschiede zu beseitigen. Hauptelemente des Schulgebäudes sind der Werkstattflügel mit seiner markanten Glasfassade, der Trakt für die Berufsschule und das Ateliergebäude, in dem die Studenten lebten. Heute beherbergt es die Stiftung Bauhaus Dessau, die sich der Pflege, Erforschung und Vermittlung der Bauhaus-Ideen widmet.

Wohnen in der Moderne: Die Meisterhäuser
Künstler und Gestalter von Weltrang wie Paul Klee, Wassily Kandinsky und Marcel Breuer lehrten am Bauhaus. Viele von ihnen lebten in den Meisterhäusern, die ebenfalls von Walter Gropius entworfen wurden und unweit des Schulgebäudes liegen. Diese Häuser sind charakteristisch für ihre kubischen Formen mit Flachdächern und Glasfassaden. Während die Außengestaltung kaum Unterschiede aufwies, gab es im Inneren bemerkenswerte Variationen. Besonders das Doppelhaus Kandinsky-Klee sticht hervor, da seine farbliche Gestaltung einen starken Kontrast zur Architektur Gropius‘ bildete. Die Meisterhäuser waren nicht nur Wohnsitze, sondern auch Musterhäuser für modernes Wohnen, die sich allerdings an eine eher vermögende Klientel richteten.

Bezahlbarer Wohnraum: Die Bauhaussiedlung Törten
Im Gegensatz dazu zielte die Bauhaussiedlung Törten im Süden Dessaus darauf ab, breiteren Bevölkerungsschichten bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Zwischen 1926 und 1928 entstanden hier 314 Reihenhäuser in industrieller Bauweise. Das Haus Anton wurde originalgetreu restauriert und 2012 inklusive der ursprünglichen Glasbausteinfassade wiedereröffnet. Es ist mit Bauhaus-Mustermöbeln ausgestattet, und die Küche mit integriertem Wannenbad ist im Originalzustand erhalten. Neben den Reihenhäusern wurden in der Siedlung auch fünf Laubenganghäuser und das sogenannte Konsumgebäude errichtet. Letzteres dient heute als Informationspunkt, von dem aus geführte Rundgänge starten, die unter anderem zum Haus Anton und einer Wohnung in den Laubenganghäusern führen.

Weitere Zeugnisse der Bauhaus-Architektur
Dessau bietet weitere faszinierende Bauhaus-Bauten. Dazu gehören das Stahlhaus, ein Experimentalbau von 1927, das ehemalige Arbeitsamt und das Kornhaus, eine Ausflugsgaststätte an der Elbe. Diese Bauwerke sind in der Regel ebenso für Besucher geöffnet wie das Bauhausgebäude mit seiner Dauerausstellung. Das Erbe des Bauhauses in Dessau ist somit nicht nur in seinen ikonischen Gebäuden greifbar, sondern auch in seinem fortwährenden Einfluss auf Design, Architektur und das Verständnis von modernem Leben.

Bauhaus: Eine Utopie, die 100 Jahre später relevanter ist denn je

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Vor über einem Jahrhundert, im Jahr 2019, feierte die berühmte deutsche Kunstschule, das Bauhaus, ihr großes Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen. Die Ideale dieser innovativen, freigeistigen und bisweilen chaotischen Kunstschule sind 100 Jahre später relevanter als sie es damals waren. Das Bauhaus stellte vor einem Jahrhundert grundlegende Fragen nach einer anderen Zukunft: Wie werden wir lernen? Wie werden wir leben?. Obwohl das Bauhaus historisch nur eine kurze Episode war, reichen seine Strahlkraft und Magie bis in unsere Gegenwart und definieren bis heute die moderne Welt. Mit seinen gesellschaftlichen Ideen und Design-Prinzipien kann das Bauhaus auch heute noch Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit geben.

Die Schule, gegründet 1919 im deutschen Weimar und 1925 nach Dessau umgezogen, existierte nur 14 Jahre, bevor sie 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten in Berlin geschlossen wurde. Doch in dieser Zeit wurde alles – Architektur, Malerei, Typografie, Design, Tanz, Pädagogik – am Bauhaus gelehrt, erforscht und gelernt. Es war ein Aufbruch und ein Experiment mit dem Anspruch, Gestaltung von Grund auf neu zu denken. Renommierte Künstler wie Walter Gropius, Hannes Meyer, Mies van der Rohe, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, László Moholy-Nagy, Anni Albers, Josef Albers und Gunta Stölzl folgten dem Ruf Gropius‘. Das Bauhaus hatte den Anspruch, eine universelle Gestaltungsbauweise zu formulieren, die sicherstellen sollte, dass alles seine perfekte Höhe und Größe hatte und optimal für den Menschen nutzbar war. Ihr Ziel war es, die Trennung zwischen Handwerkern, Designern und Künstlern zu überwinden. Mit der Machtergreifung Hitlers und der Schließung der Schule emigrierten die Bauhäusler und verbreiteten so die Ideen und Visionen des Bauhauses in der ganzen Welt.

Der Traum vom besseren Leben: Gropiusstadt und die Realität
Anfang der 1960er-Jahre sollte in Deutschland, 30 Jahre nach dem Ende des Bauhauses, die große Utopie, das Leben der Menschen besser zu machen, Wirklichkeit werden. Walter Gropius, der zu dieser Zeit bereits lange in den USA lebte, plante vor den Toren Berlins eine Großsiedlung, um die Wohnungsnot mit Methoden des modernen Städtebaus zu bekämpfen. Fast alle Wohnungen waren für sozial Schwächere gedacht, und der Einzug in die Gropiusstadt galt als „absoluter Luxus“, da warmes Wasser aus der Wand kam. Ziel war es, neuen Wohnraum im Grünen zu schaffen, da in Berlin bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Hinter- und Seitenhäuser in dicht bebauten Vierteln abgerissen worden waren, um mehr Licht, Luft und Sonne zu ermöglichen. Gropius plante seine Siedlung als eine Utopie, eine große Stadtlandschaft. Er wollte keine Reste von Grünflächen, sondern eine Stadtlandschaft, die sich frei zwischen den Gebäuden hindurchbewegte, eine Natur, die nicht gekappt wurde, sondern durch den neuen Stadtteil hindurchfloss.

Doch die Umsetzung scheiterte an den Sachzwängen der Zeit. Der Bau der Berliner Mauer 1961 teilte die Stadt und führte zu plötzlichem Platzmangel. Aus ursprünglich geplanten 1.400 bis 1.500 Wohneinheiten wurden schließlich 19.000, viele davon in bis zu 30 Geschossen hohen Wohntürmen, was Gropius‘ grüner Stadtlandschaft entgegenstand. Obwohl Gropius zur Grundsteinlegung kam, blieb er bei der Fertigstellung außen vor und konnte am Endergebnis nichts ändern. Er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass sein Name für die Stadt genutzt wurde, und war zutiefst darüber „erzürnt“, auch dass die Stadt nach seinem Tod seinen Namen erhielt.

Spätestens seit den 1980er-Jahren galt die Gropiusstadt als Problemviertel – zu viel Beton, dunkle Ecken, Anonymität. Es gab häufige Mieterwechsel und viel Leerstand, und die Gropiusstadt geriet wegen Verwahrlosung und Kriminalität in die Schlagzeilen. Viele Bewohner verstanden die negative Berichterstattung jedoch nicht und waren glücklich. Heute ziehen wieder Familien hierher, und Quartiersmanagement, Gemeinschaftsangebote und Sanierungen sollen den Stadtteil aufwerten. Die Utopie von damals bleibt jedoch eine „Dauerbaustelle“, ebenso wie die Suche nach einem besseren Leben für viele.

Bauhaus-Ideale weltweit: Lateinamerika als Gestaltungsfeld
In anderen Teilen der Welt besteht weiterhin ein großer Bedarf an „größeren Utopien“. Besonders in Lateinamerika besteht vor allem beim Wohnen und in der Infrastruktur in Großstädten großer Gestaltungsbedarf. Was Lateinamerika mit den Ideen des Bauhauses verbindet, ist die Vorstellung, dass der Architekt nicht nur Künstler, sondern vor allem der Gesellschaft verpflichtet ist. Es geht bei der Arbeit von Architekten und Stadtplanern um die Menschen.

• Kolumbien: Infrastruktur als sozialer Katalysator Die kolumbianische Großstadt Medellín stand vor großen Herausforderungen: verstopfte Straßen, ausufernde Favelas und ein unmöglicher Busverkehr in den schmalen, steilen Gassen. Die Stadt hatte eine Idee: Sechs Freiluft-Rolltreppen erleichtern nun den 384 Meter langen Aufstieg in entlegenste Bezirke und verbinden die Nachbarschaft, in der rund 140.000 Menschen leben. Die Kommune 13, die einst als das gefährlichste Stadtviertel der Welt galt und in Gewalt versank, hat sich durch diese Rolltreppen verändert. Sie ziehen Touristen an, wovon die Nachbarschaft profitiert, und lösen bei den Bewohnern ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Stolzes und des Glücks aus. Mehr als 30 Familien leben inzwischen von kleinen Geschäften an den Rolltreppen. Auch Gondeln auf der anderen Seite der Stadt machen die Favelas am Hang zugänglich. 2013 wurde Medellín sogar zur innovativsten Stadt der Welt gekürt. Doch hinter dieser „schönen Stadt“, die fotogen und freundlich erscheint, steckt eine Geschichte, die verschiedene Versionen hat: Hinter den beeindruckenden Infrastrukturprojekten steckt auch der Wunsch, die Stadt als Marke zu verkaufen, wobei die Bedürfnisse der Anwohner manchmal untergehen. Insgesamt drohen mehr als 600 Familien durch solche Projekte verdrängt zu werden, was die Frage aufwirft, ob die Stadt für Touristen oder für ihre Bewohner ist. Stadtplaner wie Carolina Salgado setzen sich dafür ein, dass Infrastrukturmaßnahmen vor allem das Leben der Menschen vor Ort verbessern.

• Mexiko: Soziales Wohnen und Hannes Meyers Erbe In Mexiko fanden die Visionen des Bauhauses bereits in den 1920er-Jahren erste Anhänger. Noch populärer wurde das Bauhaus, als sein zweiter Direktor, Hannes Meyer, 1939 einem Ruf der damals sozialistischen mexikanischen Regierung folgte und Direktor am neu gegründeten Institut für Stadtplanung in Mexiko-Stadt wurde. Obwohl Meyer in Mexiko keine Gebäude im klassischen Bauhaus-Stil hinterließ, beeinflusste er mit seinen Ideen eine ganze Generation mexikanischer Architekten, wie beispielsweise Mario Pani. Die Architektin Tatiana Bilbao beschäftigt sich mit sozialem Wohnungsbau, da die Wohnsituation in Mexiko äußerst kritisch ist mit hoher Nachfrage und großen Mängeln. Sie wollte eine Sozialwohnung entwerfen, die mehr bietet als die staatlich vorgeschriebene Mindestfläche von 43 Quadratmetern, da man mit 43 Quadratmetern „nichts anfangen kann“. Das Haus sollte flexibler und erweiterbar sein und sich an die klimatischen Bedingungen anpassen. Ähnlich wie bei Meyers Wohnungen in Dessau war es ihr wichtig, einen einfachen Grundtyp für ein überall reproduzierbares Haus zu entwerfen. Das mexikanische Modellhaus ist für die ärmsten Bevölkerungsteile gedacht und kostet in der günstigsten Variante, die von der Regierung bezuschusst wird, 8.000 Dollar. Der Kern besteht aus Betonblöcken, aber der Clou ist, dass das Haus mit flexiblen Modulen vergrößert werden kann. Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums in Mexiko könnte mit Bilbaos Häusern umgesetzt werden, was am Bauhaus noch eine Utopie war: mit Kreativität, Mut und guter Gestaltung ein gutes Leben für viele zu schaffen. Für Bilbao bedeutet das Bauhaus eine Vision von der Zukunft und die Vorstellung, wie Architekten einen Beitrag dazu leisten können.

• Yucatan: Tradition trifft Technologie – Inspiriert von Anni Albers Auch die Bauhäusler Josef und Anni Albers brachten die Ideen der Kunstschule nach Latein- und Südamerika. Anni Albers erlangte Bekanntheit durch ihren Vorkurs, den sie auf Reisen durch Mexiko, Kuba, Peru und Chile abhielt. In Mexiko war Anni Albers von Webtechniken und traditionellen Mustern begeistert, die sie später als Lehrerin am Black Mountain College weitergab, indem sie natürliche und industrielle Materialien verband. Die mexikanische Künstlerin Amor Muñoz ist von Anni Albers‘ Textilkunst inspiriert und gründete auf der Halbinsel Yucatan „Yucat“, ein Zukunftslabor für Technologie und Tradition in einem alten Maya-Dorf. Näherinnen, die zuvor in einer Textilfabrik arbeiteten und nach deren Schließung von ihrem Kunsthandwerk leben mussten, fertigen hier handgewebte Unterlagen aus Agavenfaser (Henequén). Diese sind mit leitendem Stahldraht und Solarpanelen verbunden, um elektrisches Licht zu spenden. Dieses Projekt, das auf Zusammenarbeit und Partizipation setzt, verbindet traditionelles Kunsthandwerk mit dem „Do-it-yourself-Spirit“ und dem Wissen über Solarenergie und LEDs. Es eröffnet ökonomische Zukunftsperspektiven, da neue Produkte auf dem Markt angeboten werden können. Amor Muñoz ist überzeugt, dass Technologie helfen kann, Kunsthandwerk und seine Traditionen zu bewahren, wenn die traditionelle Agavenfaser in Yucatan, die heute kaum noch angebaut wird, nicht in Vergessenheit geraten soll.

Bauhaus heute: Neue Herausforderungen, neue Antworten
Das Bauhaus war vor allem eine Schule, deren Ziel die Ausbildung eines „neuen Menschen“ war; deshalb hatte die Pädagogik einen besonderen Stellenwert. Diese Lehre ist bis heute lebendig und der Ausgangspunkt in der Ausbildung von Designern. Ein Beispiel ist die Deutsche Schule in Madrid, deren Architektur – gekennzeichnet durch Weißbeton, Glas und Aluminium – eine neue, aufgeschlossene Pädagogik unterstützt. Die Innenhöfe bestehen aus wabenartigen, miteinander verbundenen Einzelbaukörpern mit schützenden Nischen, und große Fenster öffnen den Blick auf die Landschaft, was zur Ruhe und Gelassenheit in der Bildung beiträgt. Das Gebäude inspiriert und stiftet Identifikation mit der Schule.
Die zentrale Frage des historischen Bauhauses – „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ – ist auch 100 Jahre später aktuell und wird heute weiter erforscht. Rasantes Städtewachstum, Überbevölkerung, zunehmender Platz- und Wohnungsmangel bei schwindenden Ressourcen sowie Klimawandel sind die Herausforderungen für die Gestalter von heute.

• Human Centered Design und Urban Farming in Detroit In Chicago, der Geburtsstadt der Wolkenkratzer, wurde 1937 das Institute of Design als „New Bauhaus“ gegründet. Der heutige Forschungsschwerpunkt ist „Human Centered Design“, das die Lebenswirklichkeit von Menschen gestaltet. Ein Beispiel ist das Projekt „Recovery Park“ in Detroit, wo auf alten Industriebrachen Gewächshäuser entstehen. In Detroit, wo die Automobilindustrie zusammenbrach und die Stadt 2013 den Bankrott erklärte, gibt es viel Platz in innerstädtischen Gebieten. „Recovery Park“ schafft Arbeitsplätze für Menschen, die schwer einen Job finden, wie ehemalige Häftlinge oder Suchtabhängige. Das Projekt bietet nicht nur Arbeit, sondern auch Ausbildung, Krankenversicherung und Unterstützung bei Unterkunft, Transport, Kleidung und Essen. Die Vision ist, das größte „Stadtfarming-Business“ der USA aufzubauen und Detroit als „Food City“ oder „Social City“ bekannt zu machen. Dies ist ein Beispiel für die „soziale Gestaltung von menschlichem Alltag“, die ebenfalls als Design verstanden wird.

• Grenzen der Architektur: Jürgen Mayer H. und das Skulpturale Bauen Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. liebt das Experiment und lotet die Grenzen der Architektur neu aus, indem er innovative Planung, neue Materialien und Konstruktionsmethoden nutzt, die organische und skulpturale Architekturen ermöglichen. Sein Metropol Parasol in Sevilla ist ein Beispiel dafür, der zum größten Holzbau der Welt wurde. Was zur Bauhaus-Zeit technisch undenkbar war, setzt Mayer H. heute in die Tat um: serielles und 3D-basiertes Bauen mit vorfabrizierten Elementen, die zugleich künstlerische Formen erlauben. Gropius experimentierte am Bauhaus mit neuen Materialien, doch die Formen waren damals noch gerade und rechteckig. Vielleicht, so wird spekuliert, sähe das Bauhaus heute so aus wie die Gebäude von Mayer H..

• Minimalismus und Nachhaltigkeit: Die Tiny House University Die Zeit des Überflusses ist vorbei; es zieht eine neue Zeit mit neuen Herausforderungen herauf. Nachhaltigkeit war etwas, das das Bauhaus durchaus auch beschäftigte, da es eine sehr arme Zeit war und sparsam mit Ressourcen und Materialien umgegangen werden musste. Statt „höher, schneller, weiter“ lautet das Motto der Tiny House University auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs in Berlin: „verkleinert euch“. Dieses soziale Experiment, initiiert vom deutsch-russischen Architekten Van Bo Le-Mentzel, fragt, wie Räume ohne Grundstück geschaffen werden können. Die Mini-Häuser auf Rädern sind als Module konzipiert, leicht zu transportieren, einfach nachzubauen und recycelbar. Sie bieten flexible und günstige Wohnlösungen für digitale Nomaden. Dieses Konzept ist eine Antwort auf drängende Fragen wie Hunger, Wasser, Energie und Migration, die auf einem Campingplatz nicht gelöst werden können. Es steht für ein Umdenken weg vom Konsumieren hin zum Konstruieren. Das Bauhaus selbst fragte vor 100 Jahren, in einer Zeit des Systemwechsels von Monarchie zur Demokratie, wie eine Welt aussieht, in der alle gleiche Rechte haben, oder eine Wohnung, wo jeder eine Küche und einen Balkon verdient.

• Der Blick ins All: Norman Foster und Mars-Siedlungen Der britische Architekt Sir Norman Foster, einer der bekanntesten Architekten der Gegenwart, entwirft sogar Häuser für den Mars. Sein Projekt mit der NASA erforscht, was aus dem auf dem Mars vorgefundenen Material gebaut werden kann – Roboter mischen den roten Marssand mit einem Zusatzstoff, um Schalen zu bauen, die auf Knochenstrukturen von Tieren und Menschen basieren. Dies ist notwendig, da es nicht effizient ist, Stahlträger und Dämmstoffe in großen Mengen ins All zu fliegen. Diese „kühne und radikale“ Idee, neue Planeten zu erschließen, steht im Einklang mit der menschlichen Natur, immer höher anzustreben und Grenzen zu überschreiten. Dennoch wird betont, dass es vernünftiger ist, zunächst die Dinge auf der Erde in Ordnung zu bringen und das Leben der vielen in den Blick zu nehmen.

Eine anhaltende Vision für die Zukunft
Die Quellen zeigen, dass die Ideale des Bauhauses 100 Jahre später sogar relevanter sind als sie es damals waren. Wir brauchen einfallsreiches Design, um die großen Herausforderungen unserer Zeit wie rasantes Städtewachstum, Umweltverschmutzung und Klimawandel zu bewältigen. Das Bauhaus hatte eine „sehr optimistische, sehr utopische und gleichzeitig bodenständige Auffassung von Design im weitesten Sinne“. Bei der Arbeit von Architekten, Designern und Stadtplanern geht es um Lebensqualität. Die feste Überzeugung ist, dass sich die Qualität des Lebens verbessert, wenn die Qualität des Designs verbessert wird. Niemand weiß, wie die Zukunft aussehen wird, aber wir werden sie gestalten – denn die einzige Konstante ist die Veränderung.

Anklam feiert Baufortschritt: Nikolaikirche wird zum Ikareum

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Die Stadt Anklam hat am 19. Juni 2025 einen bedeutenden Baufortschritt bei einem ihrer herausragendsten Projekte gefeiert: der Umgestaltung der historischen Nikolaikirche. Diese ehrwürdige, jahrhundertealte Kirche wird zu einem modernen Museum namens Ikareum umgewandelt.

Das Projekt hat eine tiefgreifende Bedeutung für Anklam und die gesamte Region, da es die Kirche von einem sakralen Bauwerk zu einem Ausstellungsort mit internationalem Anspruch transformiert. Es handelt sich um ein ambitioniertes Vorhaben, das die historische Substanz des Gebäudes bewahrt, während es gleichzeitig für eine zukunftsweisende Nutzung adaptiert wird.

Aktuell befindet sich das Großprojekt im dritten Bauabschnitt. Dieser Abschnitt ist besonders hervorzuheben, da er als das bislang größte Teilprojekt innerhalb der Gesamtumgestaltung der Kirche gilt. Die Arbeiten in diesem Bereich sind intensiv und entscheidend für die finale Gestalt des Ikareums. Ein wesentlicher Bestandteil dieses dritten Bauabschnitts ist der Ausbau der Emporen. Diese Baumaßnahme markiert einen zentralen architektonischen Übergang, der die Vision des neuen Museumsgebäudes als einen Ort der Präsentation und Bildung unterstreicht.

Das gesamte Investitionsvolumen für die Umgestaltung der Nikolaikirche zum Ikareum beläuft sich auf beträchtliche 10,5 Millionen Euro. Die Stadt Anklam plant, dass der Umbau bis zum Jahr 2027 vollständig abgeschlossen sein soll. Nach Fertigstellung wird das Otto-Lilienthal-Museum seinen neuen Sitz in dem umgestalteten Gebäude finden und dort seine Ausstellungen präsentieren. Es sind auch aktuelle Ausstellungstipps vom Otto-Lilienthal-Museum in Anklam verfügbar.

Die Stadt Anklam betrachtet das Ikareum als ein wahres Leuchtturmprojekt. Die Vision ist es, dass dieses Museum als eine „Kathedrale der Luftfahrt“ weit über die regionalen Grenzen hinausstrahlen und Besucher aus nah und fern anziehen wird. Es soll nicht nur ein Museum sein, sondern ein Symbol für Innovation, Geschichte und die Verbindung von Technik und Kultur. Die Umwandlung der Nikolaikirche in das Ikareum stellt somit einen wesentlichen Schritt in der kulturellen und touristischen Entwicklung der Region dar und verspricht, Anklam als wichtigen Standort für Luftfahrtgeschichte und moderne Museumskultur zu etablieren.