Ärzte ohne Gewissen: Das grausame Erbe der Menschenversuche im Dritten Reich

Im Dritten Reich bot sich Medizinern eine beispiellose, verlockende Möglichkeit: Statt auf Meerschweinchen und Laborratten, konnten sie Menschen für Versuchszwecke nutzen. Diese erschreckende Freiheit führte zu einer Reihe von unfassbaren Verbrechen, die das Fundament der medizinischen Ethik erschütterten.

Gehirne ermordeter Kinder und die Gleichgültigkeit der Forschung In Wien sammelten Mediziner, darunter Heinrich Gross, die Gehirne und Gehirnschnitte von etwa 400 ermordeten Kindern aus psychiatrischen Einrichtungen. Die Hirnforschung bediente sich schlicht am Überfluss dieser „Materialien“, ohne Rücksicht auf die Umstände des Todes oder das Einzelschicksal der Opfer. Kinder wurden zu medizinischen Präparaten reduziert, ihr Leid und ihre Angst vor Ärzten, die nicht halfen, sondern sie als Forschungsobjekte und „Verbrauchsmaterial“ sahen, wurde ignoriert.

Gewebeschnitte hingerichteter Frauen: Die Karriere eines Anatomieprofessors Dr. med. Hermann Stieve, Ordinarius der Berliner Universität, machte seine Karriere mit Arbeiten über die Entwicklung des Eierstocks und widmete sein Leben der Einwirkung von Angst und Schrecken auf diese Organe. Er sammelte Daten aus dem Intimleben von Opfern während ihrer Haft und verarbeitete hingerichtete Frauen des deutschen Widerstandes, darunter Elisabeth Schumacher und Ilse Stöbe, zu Gewebeschnitten. Stieve starb 1952 als Ordinarius der Berliner Humboldt Universität und wurde postum zum Ehrenmitglied der Deutschen Bühnenökologischen Gesellschaft ernannt.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft – Eine treibende Kraft hinter den Verbrechen Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der personell identische Reichsforschungsrat, ansässig im ehemaligen Haus der Forschung in Berlin-Steglitz, rüsteten die deutsche Forschung heimlich auf. Sie finanzierten Studien, die von der Erfassung von „Zwergnegern“ in Kambodscha bis zur Erfassung von Sinti und Roma reichten, die in Auschwitz vernichtet wurden, sowie vieles andere, was „rassisch oder militärisch nützlich“ erschien. Genehmigungen in der Sparte Medizin erteilte der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der auch die menschenmordende Forschung Josef Mengeles in Auschwitz-Birkenau bewilligte.

Skrupellose Experimente an wehrlosen Patienten und KZ-Häftlingen

• Multiple Sklerose-Studien: Professor Georg Schaltenbrand nutzte in Schloss Werneck, der „schönsten Psychiatrie Deutschlands“, wehrlose Patienten für Menschenversuche. Er versuchte, sie mit Multipler Sklerose anzustecken, indem er ihnen Affen-Liquor (Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit) injizierte. Seine Experimente scheiterten vorzeitig, da seine Versuchspersonen im Rahmen der Nazi-Euthanasie „abtransportiert und vergast“ wurden. Trotz seiner NSDAP- und NS-Ärztebund-Mitgliedschaft wurde ein Ermittlungsverfahren gegen ihn nach dem Krieg dank eines Gutachtens eingestellt, das seine Versuche weder für strafbar noch für sittlich anfechtbar befand.

• Mauthausen –  Hunger, Impfstoffe und der „Schlachter“ Dr. Heim: Im Konzentrationslager Mauthausen wurden zahlreiche Häftlinge, gezeichnet von Hunger, für Ernährungsversuche und Verträglichkeitstests von Impfstoffen der Behring-Werke missbraucht. Einige Impflinge wurden ohne Gesicht, als „anonyme Versuchsobjekte“ gezeichnet. Der Versuchsleiter Dr. med. Karl Josef Groß konnte sich nach 1945 unbehelligt als Arzt niederlassen. Professor Dr. med. Ernst Günther Schenk, Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, dessen Ermittlungsverfahren ebenfalls eingestellt wurde, wurde später „Wiedergutmachungsexperte für Hungerschäden“. Besonders berüchtigt war Dr. med. Aribert Heim, der Augenzeugen zufolge an Sadismus nahezu alle KZ-Ärzte übertraf. Er ermordete Hunderte von Juden mit Spritzen ins Herz, sezierte sie bei vollem Bewusstsein und bereitete ihre Köpfe aus „wegen des guten Gewissens“. Obwohl er als „höflich, gebildet, intelligent, kalt“ beschrieben wurde, verschwand er 1962, als er verhaftet werden sollte, und wird noch heute gesucht.

• Dachau – Höhen- und Unterkühlungsversuche der Luftwaffe: Im KZ Dachau wurden ab 1942 in einem Versuchslabor der Deutschen Luftwaffe höhen- und unterkühlungsversuche an polnischen, russischen und jüdischen Gefangenen durchgeführt. Sie wurden in Unterdruckkammern künstlich in Höhen bis 21 Kilometer gebracht, was zu Krämpfen, Ohnmachtsanfällen, Blindheit, Lähmungen, Wahnsinn und Tod führte. Manche Opfer wurden noch atmend seziert, ihre Organe zur „wissenschaftlichen Auswertung“ entnommen. Bei den Unterkühlungsversuchen wurden die Körpertemperaturen der Verkabelten gemessen, Blut- und Urinproben entnommen und Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit punktiert. Trotz des Todes von Versuchspersonen protestierte bei einem Treffen hochrangiger Mediziner in Nürnberg niemand lautstark oder trat aus Protest zurück. Viele der beteiligten Ärzte, darunter Professoren wie Hans-Joachim Deuticke und Hermann Rhein, setzten ihre Karrieren nach 1945 unbehelligt fort und bekleideten wichtige Positionen.

• Ravensbrück und Buchenwald – IG Farben und pharmazeutische Testreihen: Im KZ Ravensbrück wurden Frauen „bis auf die Knochen geschnitten oder die Knochen mit dem Hammer auf dem OP-Tisch zertrümmert“. Das KZ Buchenwald diente ab 1942 als Experimentierfeld für das Robert-Koch-Institut, die Wehrmacht und die IG Farben, die neue Präparate direkt am Menschen testeten. Gesunde Häftlinge wurden künstlich zu Fleckfieberkranken gemacht, um die Wirksamkeit von Präparaten wie Akridin Granulat und Rote Null zu testen. Diese Mittel zeigten in keinem Fall Wirkung, stattdessen traten zahlreiche Nebenwirkungen auf. Firmen wie Bayer hatten sogar eigene Mitarbeiter in den KZs, wie Dr. med. Helmut Vetter, dessen Einkommen stieg, während seine menschlichen Versuchsobjekte qualvoll zugrunde gingen. Auch hier setzten viele beteiligte Mediziner, darunter Professor Dr. Hermann Meyer und Dr. Bernhard Schmid, ihre Karrieren nach dem Krieg fort.

• Giftgas-Experimente in Spandau und Natzweiler: Die Zitadelle Spandau diente als Gasschutzlabor der Wehrmacht, wo Kampfgase wie Phosgen, Lost, Tabun und Sarin an Menschen erprobt wurden, was zum Tod durch Ersticken führte. Eine Bildersammlung dokumentierte die grausamen Verletzungen der Versuchspersonen. Dr. Dr. Wolfgang Wirth, der Chef-Toxikologe, wurde nach dem Krieg Professor an der Medizinischen Akademie Düsseldorf und Vorstand eines pharmazeutischen Instituts. Im KZ Natzweiler-Struthof wurden ebenfalls Häftlinge Lost-Gas-Experimenten unterzogen, was „kolossale Schmerzen“ und den Tod zur Folge hatte. Trotz der Beteiligung an diesen grausamen Versuchen, darunter auch solche, bei denen manche Häftlinge bewusst ohne Schutz blieben, während andere ein angebliches Gegenmittel erhielten, wurden Professoren wie Eugen Hagen und Otto Bickenbach nach kurzer Haft freigelassen und durften weiterhin als Ärzte arbeiten.

Josef Mengele und das Kaiser-Wilhelm-Institut – Der „Forschungstraum“ in Auschwitz Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Menschliche Erblehre und Eugenik, eine Eliteinstitution der Genetiker, verkörperte die dunkle Seite der Forschung. Unter der Leitung von Professor Otmar Freiherr von Verschuer, dessen Forschung von der DFG finanziert wurde, konzentrierte man sich auf Zwillingsforschung und die Erfassung von Menschen, die verfolgt wurden, darunter Kranke, Behinderte, Homosexuelle, Sinti und Roma. Verschuer’s Lieblingsassistent, Josef Mengele, fand in Auschwitz-Birkenau sein „Forschungsparadies“. Hier standen ihm 100.000 Menschenobjekte, darunter 350 Zwillingspaare, für beliebige Experimente zur Verfügung. Schwangere wurden ab 1944 nicht mehr vergast, sondern die Föten für Forschungszwecke abgetrieben und nach Berlin geschickt. Mengeles Forschung umfasste detaillierte Messungen, Augenuntersuchungen und das Sammeln von Augen, Organen und embryonalem Material für eine geplante „biologische Zentralsammlung“ und sogar einen „Menschenzoo“. Das Kaiser-Wilhelm-Institut „hatte keine Schranken für die Forschung gefördert“, ein Traum, der in Auschwitz-Birkenau „erfüllt“ wurde. Mengele floh nach Südamerika und bereute nichts.

Das Ausmaß dieser Gräueltaten zeigt, wie sich die medizinische Wissenschaft im Dritten Reich von ihren ethischen Verpflichtungen löste und Menschen zu bloßem Material für perverse Forschungszwecke degradierte. Viele der Täter entgingen der Rechenschaftspflicht und setzten ihre Karrieren fort, was eine tiefe Wunde in der Geschichte der Medizin hinterlässt. Die Verbrechen der „Ärzte ohne Gewissen“ sind ein düsteres Mahnmal dafür, wie schnell der Kompass der Moral verrutschen kann, wenn wissenschaftlicher Ehrgeiz und ideologische Verblendung Hand in Hand gehen – wie ein Schiff, das im Sturm seinen Anker verliert und hilflos auf die Felsen zutreibt.

33.000 Freigekaufte: Die Bilanz des deutsch-deutschen Häftlingshandels

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn sich die Tore des Gefängnisses auf dem Kaßberg öffneten, wussten die Insassen im Bus oft nicht, ob sie verlegt oder verkauft wurden. Teaser: Über Jahrzehnte hinweg war dieser Moment der Ungewissheit für tausende politische Häftlinge in der DDR der erste Schritt in ein neues Leben. Der Weg führte von Chemnitz über den Grenzübergang Herleshausen in den Westen. Doch die Ankunft in der Bundesrepublik war selten der unbeschwerte Triumph, den man sich vorstellen mag. Wer aus dem Bus stieg, trug nicht nur die physischen Narben der Haft in Bautzen oder Hoheneck, sondern oft auch eine unsichtbare Last. Das Wissen, dass die eigene Freiheit einen exakten Preis hatte, wog schwer. Rund 96.000 D-Mark „kostete“ ein Mensch in den späteren Jahren, verrechnet in Warenlieferungen wie Kaffee, Obst oder Erdöl. Man war zur Handelsware geworden, verschoben zwischen zwei ideologischen Blöcken. Für viele kam hinzu, dass Familien zerrissen wurden; Kinder blieben oft als Pfand im Osten zurück, während die Eltern im Westen neu beginnen mussten. Die psychische Architektur dieses Handels war darauf ausgelegt, maximale Devisen zu generieren und gleichzeitig Kontrolle auszuüben. Es ist eine Geschichte von 33.755 Menschenleben. Hinter jeder Zahl in den Bilanzen der Kommerziellen Koordinierung stand ein Schicksal, eine unterbrochene Biografie. Der Häftlingsfreikauf war für die Bundesrepublik ein humanitärer Akt der Notwendigkeit, für die DDR eine ökonomische Überlebensstrategie. Die Busse fuhren jahrelang, Woche für Woche, und transportierten Menschen, deren Wert in Listen festgehalten wurde. In den Archiven liegen heute die Quittungen einer Ära, in der ein Staat seine Kritiker nicht nur einsperrte, sondern sie am Ende als Rohstoff nutzte. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Es begann als humanitäre Geste der Kirchen und endete als fester Posten im Devisenhaushalt der DDR. Teaser: Der Häftlingsfreikauf zwischen den beiden deutschen Staaten ist ein historisches Phänomen, das in seiner Dimension oft unterschätzt wird. Zwischen 1963 und 1989 flossen rund 3,4 Milliarden D-Mark von Bonn nach Ost-Berlin, um die Freilassung von 33.755 politischen Gefangenen zu erwirken. Was als „Besondere Bemühungen“ getarnt war, folgte einer präzisen ökonomischen Mechanik. Die Preise waren dabei keineswegs willkürlich, sondern das Ergebnis kühler Kalkulationen, die oft Ausbildungskosten und den „Volkswirtschaftlichen Schaden“ durch den Weggang der Person einpreisten. Bezahlt wurde selten in bar, sondern meist in Waren, die in der DDR Mangelware waren. So stabilisierte der Westen durch den Freikauf paradoxerweise genau jenes System, das die Häftlinge erst produziert hatte. Die Abhängigkeit der DDR von diesen Einnahmen wuchs parallel zu ihrem wirtschaftlichen Niedergang. Die moralische Ambivalenz dieses Tauschgeschäfts beschäftigt Historiker bis heute. War es legitim, eine Diktatur zu finanzieren, um Menschenleben zu retten? Die Antwort der damaligen Bundesregierungen war ein klares Ja zur Humanität. Auf der anderen Seite der Mauer wurde der Mensch zur Ressource, deren Freiheitsdrang sich monetarisieren ließ. Die Aktenberge über diese Transaktionen sind heute zugänglich und zeigen das bürokratische Gesicht eines unmenschlichen Handels. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Darf ein Staat Menschenleben kaufen, um sie zu retten, wenn er damit deren Unterdrücker finanziert? Teaser: Der Häftlingsfreikauf war vielleicht das größte moralische Dilemma der deutsch-deutschen Geschichte. Auf der einen Seite standen über 30.000 Menschen, die in DDR-Gefängnissen litten und deren einzige Hoffnung der Westen war. Auf der anderen Seite stand ein Regime, das lernte, dass sich mit politischen Gefangenen stabile Deviseneinnahmen generieren ließen. Je mehr der Westen zahlte, desto lukrativer wurde das Geschäft für den Osten. Es entstand ein Markt für Freiheit, auf dem Preise steigen und Waren fließen konnten. Die Bundesrepublik entschied sich für das Leben der Einzelnen und nahm die politische Pikanterie in Kauf. Für die Betroffenen blieb oft das Gefühl, eine Ware gewesen zu sein – eingetauscht gegen Orangen oder Industriegüter. Die Frage nach der Moral verhallt in den leeren Gängen der ehemaligen Haftanstalten.