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Flucht in die Freiheit: Wie eine Familie der DDR mit einem Agrarflugzeug entkam

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Gadebusch, 25. August 1973 – Ein gewöhnlicher Samstagabend verwandelte sich in der kleinen mecklenburgischen Stadt Gadebusch in eine Nacht des Nervenkitzels und der Verzweiflung, als der Flugzeugmechaniker Jürgen Glaser einen waghalsigen Plan in die Tat umsetzte: die Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit einem Agrarflugzeug vom Typ Z-37 „Čmelák“. Dieser spektakuläre Versuch, dem „Riesengefängnis“ der DDR zu entkommen, wie Glaser es rückblickend beschreibt, sollte das Leben seiner jungen Familie für immer verändern.

Ein Leben in Unzufriedenheit und Überwachung
Die Familie Glaser war erst im Frühjahr 1973 von Dresden nach Gadebusch gezogen, nur zehn Kilometer von der Grenze zur Bundesrepublik entfernt. Obwohl es der Familie finanziell besser ging als vielen anderen, empfanden sie sich als unglücklich und unzufrieden mit dem System der DDR. Die ständige Bevormundung, Bespitzelung und Propaganda belasteten sie schwer. Besonders das Gefühl des Eingesperrtseins und die ständigen Verbote – „dies geht nicht, jenes geht nicht“ – waren unerträglich. Die Verlockungen des Westens, die heimlich über Antennen unter dem Dach empfangen wurden, verstärkten diesen Wunsch nach Freiheit. Es gab nur wenige Möglichkeiten, aus dem Land zu fliehen: durch die Ostsee schwimmen, Tunnel graben oder Ballons bauen – „das ist nicht normal“, so die Überzeugung der Glasers.

Jürgen Glaser, ein gelernter KFZ-Mechaniker mit einer lebenslangen Faszination für die Fliegerei, hatte sich bei der Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft, als Flugzeugmechaniker beworben und war angenommen worden. Obwohl er kein Parteimitglied war, was bevorzugt wurde, half ihm seine Ehe bei der Anstellung. Als Stationsmechaniker hätte er sogar die Möglichkeit gehabt, Pilot zu werden, was eine „ganz hohe, enorme“ Position in der DDR darstellte. Doch Glaser wollte weg.

Der waghalsige Plan und die Tücke der Technik
Der Agrarflugplatz Ganze, drei Kilometer von Gadebusch entfernt, war wie jeder Flugplatz in der DDR ein hochsensibler Sicherheitsbereich. Das Betreten war selbst Familienangehörigen der Piloten und Mechaniker verboten. Der Platz wurde „wie ein Maschinengewehr“ bewacht, und jeder Schritt wurde minutiös von Überwachern dokumentiert, die sich im Wald versteckten. Ein unvorbereitetes Abheben war schlichtweg unmöglich. Die Agrarflugzeuge selbst waren mit komplexen Sicherungen versehen: vier Schlüssel, die zwischen Mechaniker und Pilot aufgeteilt waren, und ein langer Sicherungsstab, der den Vergaser blockierte. Ein „Waffeleisen“ am Gashebel und Steuerungshebel der Luftschraube machte es einem Nicht-Piloten fast unmöglich, die Maschine zu fliegen.

Der Entschluss zur Flucht war impulsiv: „Wenn ich da noch länger drüber nachgedacht hätte, hätte ich es sein gelassen“, gesteht Glaser. Am Nachmittag des 25. August 1973, gegen 16 Uhr, wurde der Plan gefasst. Jürgen Glaser überlistete den Piloten, indem er unter dem Vorwand, das Flugzeug waschen zu müssen, den „Waffeleisen“-Schlüssel erbat. Der Chef des Flugplatzes, sein Vorgesetzter, der Pilot, wurde mit einer vorgeschobenen Arbeitspause nach Hause geschickt.

Der Flug ins Ungewisse
Mit einer kleinen Stofftasche, die nur Ersatzunterwäsche, Socken und ein Stofftier für den dreijährigen Sohn Carsten sowie die Personalausweise enthielt, bestieg die Familie Glaser das Agrarflugzeug. Die Angst war immens: die Sorge, abgefangen zu werden, nicht starten zu können, und die Angst um das eigene Leben und das des Kindes. Die Familie saß im hinteren Teil des Flugzeugs, getrennt durch den Düngemittelbehälter. Jürgen Glaser konnte sich mit seiner Frau Heidi nicht mehr verständigen.

Der Start war eine Katastrophe. Jürgen Glaser war kein Pilot und hatte nur wenige Wochen als Mechaniker auf dem Flugplatz gearbeitet. Das Flughandbuch hatte er aus Neugier besorgt, nicht zur Fluchtvorbereitung. Das Flugzeug hob mit zu niedriger Geschwindigkeit „langsam aber sicher“ ab. „Das war unser großes Glück“, so Glaser, denn sonst wären sie sofort abgestürzt. Er flog direkt auf zwei Bäume und die „Zehwanlage“ zu, ein Warnsystem mit roter Lampe und Klingel, das bei zu langsamer Geschwindigkeit auslöste. Aus purer Angst rührte er den Steuerknüppel nicht an, und das Flugzeug schraubte sich wie von selbst hoch, knapp über die Bäume hinweg.

Die ersten 5 bis 10 Minuten flogen sie in nur 200 bis 300 Metern Höhe. Dann stieg Glaser auf 600 Meter, da er wusste, dass die Grenze parallel verlief und sie sich bereits im 7-Kilometer-Sperrgebiet befanden. „Ich wusste, dass es nicht möglich war, mich auf die Schnelle so zu erwischen“, erinnert er sich. Rund 30 Minuten flogen sie die Grenze entlang, mit guter Sicht und klarem Wetter, bis er im Norden den Flugplatz Lübeck-Blankensee erkannte. In diesen 30 Minuten war er „der stolzeste Mensch der ganzen Welt“ und genoss jeden Moment als „Flugkapitän“.

Landung unter Anleitung
Das Glücksgefühl hielt jedoch nicht lange an. Die Landung erwies sich als die größte Herausforderung. Jürgen Glaser beschreibt seine Anflüge auf Blankensee als „falsch“: falsche Höhe, falsche Richtung, wahrscheinlich sogar falsche Geschwindigkeit. Er drehte drei Runden über dem Flugplatz, während 15 Leute unten zuschauten, als sähen sie einen Segelflieger. Ein Seilwindenbediener rief ihm zu: „Junge, komm runter!“.
Glücklicherweise befand sich der Fluglehrer Friedrich Hamesfah auf dem Flugplatz. Er erkannte sofort, dass der Pilot der Z-37 in Schwierigkeiten war und nicht landen konnte. Hamesfah stieg mit einer Cessna auf, fing Glasers Flugzeug ein und lotste ihn zur Landebahn. Das Manöver war kritisch, da eine Kommunikation über Funk nicht möglich war.

Das Leben danach
Die Flucht hatte weitreichende Folgen. Der Pilot, der Jürgen Glaser den Schlüssel gegeben hatte, wurde fliegerisch gesperrt. Heidi Glaser erlitt als Folge der Flucht jahrelang Angstzustände in engen Räumen. Jürgen Glaser selbst litt noch Jahre später unter Nachtalbträumen, in denen er vor eine Mauer gestellt und erschossen wurde. Die Ehe der Glasers hielt nach der Flucht noch sieben Jahre, dann trennten sie sich. Sohn Carsten, damals drei Jahre alt, erinnert sich heute nicht mehr an die Flucht. Jürgen Glaser lebt heute mit seiner zweiten Frau auf Teneriffa und betreibt ein Reiseunternehmen.

Die Flucht der Familie Glaser bleibt ein eindringliches Beispiel für den verzweifelten Wunsch nach Freiheit und die Risikobereitschaft, die Menschen eingingen, um dem Gefühl des Eingesperrtseins in der DDR zu entkommen. Es war ein Sprung ins Ungewisse, angetrieben von einer inneren Notwendigkeit, der zeigt, dass selbst ein unscheinbares Agrarflugzeug zum Symbol der Hoffnung werden kann, wenn die Tür zum Käfig sich öffnet.

Stralsund: Vom morbiden Charme zur strahlenden Hansestadt

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Stralsund, die einstige Hansestadt am Strelasund, hat in den letzten Jahrzehnten eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Einst gezeichnet von Verfall und Vernachlässigung, präsentiert sie sich heute als stolzes UNESCO-Weltkulturerbe, das mit historischen Baudenkmalen, dem Meeresmuseum und dem Ozeaneum zahlreiche Besucher anzieht. Doch der Weg zur „Perle am Strelasund“ war steinig und forderte immense Anstrengungen und Geduld.

Die Nachwendezeit: Euphorie und Ernüchterung
Nach dem 9. November 1989 herrschte in Stralsund eine anfängliche Euphorie. Viele glaubten an eine neue DDR und die Möglichkeit, Veränderungen herbeizuführen. Die Stimmung war geprägt von Aufbruch und dem Gefühl, dass nun „blühende Landschaften“ entstehen würden, wie es versprochen wurde. Doch diese optimistische Sicht wich schnell der Realität: Es wurde klar, dass die Transformation nicht so schnell und ohne äußere Einflüsse möglich sein würde.

Die Altstadt, die bereits in den 1980er Jahren unter Leerstand und mangelnder Sanierung litt, geriet nach der Wende noch schneller in einen Abwärtssog. Häuser wurden freigezogen, da Menschen Wohnungen in Neubauten fanden, kleine Läden und Kneipen schlossen, und die Lichter gingen aus – die Altstadt starb regelrecht. Besonders die Langenstraße und Frankenstraße boten ein Bild, als wären sie frisch aus dem Krieg gekommen, mit teils nur noch stehenden Fassaden oder wie ausgebombten Häusern. Eine Bewohnerin beschreibt die Frankenstraße damals sogar umgangssprachlich als „Frankensteinstraße“, die wie eine Theaterkulisse wirkte und ihrem kleinen Sohn Angst machte.

Der schlechte Zustand der Altstadt wurde von vielen als Normalität wahrgenommen, da der Fokus auf anderen Dingen lag, wie der Verschönerung des eigenen Wohnraums mit einfachen Mitteln. Das Konzept des Immobilienbesitzes spielte in der DDR nicht die gleiche Rolle wie heute, und mit gesetzlich festgeschriebenen, nicht erhöhbaren Mieten war die Erhaltung von Häusern für Eigentümer uninteressant. Es war kaum vorstellbar, ein Haus in der Stadt aufzubauen oder zu erwerben, es sei denn, man war Handwerker, hatte die nötigen Beziehungen für Material und einen enormen Optimismus. Pläne, große Teile der Altstadt abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen, ähnlich wie in Greifswald, zeugen von der damaligen Perspektivlosigkeit.

Der mühsame Weg der Sanierung und der Durchbruch
Die ersten Jahre nach der Wende waren von einem gefühlten Stillstand geprägt. Obwohl viel Tiefbau stattfand – Leitungen wurden erneuert, Straßen aufgerissen und Kanalisation sowie Kabel verlegt – waren im Hochbau nur Sicherungsmaßnahmen sichtbar, um Häuser vor dem Einsturz zu bewahren. Die ungeklärten Eigentumsverhältnisse waren ein großes Hindernis. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis sich eine Aufbau-Stimmung durchsetzte.

Dennoch wurden erste Maßnahmen ergriffen: Etwa 300 bis 400 einzelne Sicherungsmaßnahmen an Häusern kosteten rund 16 Millionen Euro und zogen sich über lange Zeit hin. Stralsund entwickelte in dieser Phase ein beachtliches „Know-how“ im Umgang mit Hausschwamm und einstürzenden Häusern. Die Priorität lag auf dem Erhalt der vorhandenen Substanz, da sie als Zeugnisse der Geschichte und der stolzen Hansestadt galten.

Ein entscheidender Wendepunkt war die massive Unterstützung durch Städtebaufördermittel, die als „Rettung“ für Städte wie Stralsund beschrieben werden. Diese nutzten die Chance, die Altstadt zu entwickeln und ihr eine Zukunft zu geben. Das Verständnis in der Stadtgesellschaft, Dinge anzupacken, führte zu einer beeindruckenden Geschwindigkeit bei der Umsetzung von Projekten.

Ein sichtbares Zeichen des Wandels ist das Quartier 17, ein großer Neubaublock, der eine kriegsbedingte Baulücke schloss, die durch einen Bombenangriff im Oktober 1944 entstanden war. Obwohl der Bau kontrovers diskutiert wurde, wird er heute als positiver Gewinn für die Stadt wahrgenommen. Stralsund bewahrte die historische Struktur der Stadt, wie Straßenverläufe und Plätze, während neue, moderne Gebäude hinzugefügt wurden, anstatt historische Bauten zu kopieren. Die Vision ist es, eine gute Einheit zwischen historischen und neuen Gebäuden zu finden, wobei jede Zeit ihren Beitrag zur Gestaltung der Stadt leisten soll.

Die Rückeroberung des Hafens und neuer Bürgerstolz
Ein weiteres prägendes Element für Stralsunds Wiedergeburt ist die Wiederbelebung der Hafenbeziehung. Der Hafen, einst Sperrgebiet und nicht zugänglich, ist heute ein kulturelles Zentrum und eine Flaniermeile, besonders die Hafeninsel. Alle Straßen der Altstadt führen zum Hafen, der mit dem Ozeaneum und dem Meeresmuseum ein enormer Anziehungspunkt für Touristen geworden ist. Das Krähen der Möwen und die Atmosphäre am Wasser gehören einfach zu einer Hafenstadt dazu. Es ist beeindruckend, dass diese wunderbaren Flächen nicht privatisiert, sondern für die Allgemeinheit und Besucher zugänglich gemacht wurden. Der Blick von der Hafeninsel hinauf zum Alten Markt und den Kirchen, mit alter und neuer Architektur, Natur und Brücken, ist einzigartig und erzeugt „Gänsehaut“.

Stralsunds Verwandlung ist so tiefgreifend, dass Touristen, die die Stadt in den 1990er Jahren besuchten, heute von einem „Traum“ sprechen. Dieser Wandel hat zu einem wiedererwachenden Bürgerstolz geführt. Man ist stolz auf das Erreichte und dankbar für all jene, die in die Stadt investiert und etwas geschaffen haben.

Die Stadt hat sich von einem melancholisch schlafenden Ort mit mangelnder Sorgfalt und leisem Verfall, wie Franziska Tiburtius Stralsund 1852 beschrieb, zu einer dynamischen und lebenswerten Stadt entwickelt. Stralsunds Geschichte wiederholt sich zwar in Zyklen, aber diesmal ist es eine Geschichte des Wiederaufstiegs.

Stralsunds Reise von einer fast verlorenen Altstadt zu einem blühenden Weltkulturerbe gleicht einem verborgenen Schatz, der unter Schichten von Staub und Verfall begraben lag. Mit behutsamer Hand und großem Einsatz wurde dieser Schatz nicht nur freigelegt, sondern auch restauriert und neu ins Licht gerückt. Heute strahlt er in neuem Glanz und zieht Menschen aus aller Welt an, die seine Schönheit und die Geschichte seiner Wiederentdeckung bewundern möchten.

Wustrow: Die Verbotene Insel im Dornröschenschlaf

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Rerik, Mecklenburg-Vorpommern. Nur wenige hundert Meter hinter dem idyllischen Urlaubsparadies Rerik, malerisch zwischen Salzhaff und Ostsee gelegen, verbirgt sich eine Halbinsel voller Geheimnisse und Gefahren: Wustrow. Seit über 30 Jahren unbewohnt, ist sie ein gefährliches Sperrgebiet und eine Geisterstadt mitten in Deutschland. Doch warum bleibt diese wunderschöne Halbinsel, die einst als „Leben wie im Paradies“ beschrieben wurde, unbebaut, und welche düsteren Geheimnisse birgt sie?

Eine militärische Vergangenheit: Vom Reichsadler zur Roten Armee
Die Geschichte Wustrows ist tief in zwei entscheidende Abschnitte deutscher Geschichte eingebettet. Ein in einem Keller entdeckter Reichsadler, jahrelang hinter Fliesen verborgen, liefert einen unmissverständlichen Hinweis auf die wahre Vergangenheit der Häuser. Ab den 1930er-Jahren befand sich hier die größte Flakschule des Hitlerdeutschlands. Etwa 1500 Soldaten übten hier den Abschuss von Flugzeugen mit Flakgeschützen. Die Häuser dienten als Wohnraum für die Familien der Wehrmachtssoldaten – eine Nazimilitärstadt mit traumhaftem Meerblick, die bereits damals ein Sperrgebiet war. Trotz des militärischen Zwecks wurde das Leben auf Wustrow von den damaligen Bewohnern als paradiesisch empfunden, mit einer eigenen Schule und einem Kindergarten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Sieg über Hitlerdeutschland übernahm die Rote Armee die paradiesische Halbinsel. Die Sowjetsoldaten zerstörten die Nazimilitärbauten, nutzten jedoch die Wohnhäuser und zivilen Gebäude weiter. Für normale DDR-Bürger blieb das Betreten der Insel strikt verboten.

Das sowjetische „Paradies“ und seine Schattenseiten
Von 1945 bis 1993 lebten etwa 4000 sowjetische Soldaten und ihre Familien völlig autark auf Wustrow. Kontakte zur DDR-Bevölkerung gab es kaum. Die russische Militärstadt war umfassend ausgestattet und verfügte über alles Nötige zum Leben: ein Krankenhaus, eine Sporthalle, sogar ein großes Kino, in dem Filme aus der sowjetischen Heimat gezeigt wurden. Hinweise wie Notenblätter in einem Musikzimmer des ehemaligen Kindergartens sowie Schulbücher und Kinderzeichnungen in der Stützpunktschule zeugen vom Leben der russischen Kinder. Soldaten mit höherem Dienstgrad lebten vergleichsweise komfortabel in Drei- oder Vier-Zimmer-Wohnungen, in denen sogar noch Fernseher erhalten sind. Die prächtige Villa des Stützpunktkommandanten, von den Nazis erbaut, ist jedoch heute so zerfallen, dass ein Betreten zu gefährlich wäre.

Für die einfachen russischen Soldaten sah das Leben auf Wustrow allerdings ganz anders aus. Sie waren in Massenunterkünften untergebracht, mit bis zu 100 Mann pro Schlafsaal, meist in Doppel- oder Dreistockbetten, und hatten nur einen kleinen Holzschemel für ihre Kleidung. Trotz riesiger Backöfen und zahlreicher Mehlsäcke in der ehemaligen Stützpunktbäckerei mussten die einfachen Soldaten oft hungern und bettelten auf Ausfahrten regelmäßig bei den Einheimischen nach Brot, Äpfeln und Birnen. Ihre Ernährung wurde durch die Haltung von Schweinen verbessert, deren Nachkommen, die einzigartigen gefleckten „Russenschweine“, noch heute auf der Insel leben.

Wustrow war für viele einfache Soldaten eher ein kleines Gefängnis unter voller Überwachung. Deserteure versuchten, von der Halbinsel zum heutigen Urlaubsort Rerik zu schwimmen, wurden jedoch von Wachtürmen aus scharf beschossen. Eine bemerkenswerte Täuschungsstrategie der Sowjets war der Bau eines „Fake-Flughafentowers“ und das Aufstellen von Flugzeugattrappen ohne Motor, die nachts verschoben wurden, um dem westdeutschen Militär eine größere Militärpräsenz vorzugaukeln. Gerüchten zufolge diente der „Tower“ auch als Saunaclub für höhere Dienstgrade.

Ein gefährliches Erbe: Munition, Müll und Ruinen
Als die russischen Soldaten 1993 samt ihren Familien abzogen, ließen sie vieles zurück. Die Halbinsel ist bis heute tonnenweise mit scharfer und verschossener Munition belastet. Der Grund: Die Russen hatten den Auftrag, die Munition nach Hause zu exportieren, entschieden sich jedoch, diese vor Ort zu vergraben und stattdessen auseinandergenommene Westautos in die Container zu packen. So finden sich heute nicht nur dutzende Hülsen verschossener Flakmunition, sondern auch Autoteile und ein hektarweiter Müllhügel auf der Insel. Da es nie eine Müllabfuhr gab, wurde der Abfall von über 4000 Menschen einfach in die Natur gekippt.

Hinzu kommt die extreme Einsturzgefahr der Gebäude. Decken stürzen ein, Böden drohen einzubrechen, was die Halbinsel zu einem lebensgefährlichen Ort macht. Dies schreckt jedoch leichtsinnige „Lost Place“-Fans nicht ab, die sich illegal auf das Gelände schleichen. Um dies zu verhindern, drehen Sicherheitskräfte wie Norbert regelmäßig Kontrollrunden.

Wächter der Geisterstadt und ihre Zukunft
Einer der wenigen Menschen, die das Sperrgebiet jederzeit betreten dürfen, ist der Inselförster Marius Hein. Er kontrolliert das 10 Quadratkilometer große Gebiet regelmäßig. Als studierter Forstwirt kümmert er sich um vielfältige Aufgaben: das Fällen morscher Bäume, die Überwachung des Wildbestands (inklusive Jagd), die Pflege der Ziegenherde, die den Rasen zwischen den Häusern kurz hält, und die Begleitung von Fernsehteams – Marius ist hier eine Art „Lebensversicherung“.

Die Halbinsel Wustrow, von Marius als seltene savannenartige Landschaft beschrieben, fasziniert auch Investoren. 1998 erwarb der Immobilienunternehmer Ano August Jagdfeld das Gelände mit dem Plan, Teile der historischen Geisterstadt wieder aufzubauen sowie ein Hotel und Wohnungen zu errichten. Doch die Stadt Rerik wehrt sich seit Jahrzehnten gegen diese Pläne, vor allem aus Furcht vor erhöhtem Verkehrsaufkommen, und hat mehrere Bebauungspläne abgewiesen.

So verbleibt die Halbinsel Wustrow in einem Dornröschenschlaf. Müll und Munition bleiben vorerst liegen. Lediglich Spezialeinheiten der Polizei nutzen das Gelände regelmäßig für Übungsszenarien wie Häuserkampf und Geiselnahmen, wobei Sprengstoff und Munition zum Einsatz kommen. Während dieser Übungen ist die Insel komplett für die Öffentlichkeit gesperrt.

Obwohl die aktuelle Situation für viele schade ist, bleibt die Halbinsel Wustrow eine faszinierende Zeitkapsel, die zwei entscheidende Abschnitte deutscher Geschichte bewahrt. Sie ist wie ein uraltes Schiffswrack am Meeresgrund, gefüllt mit verborgenen Schätzen und Gefahren, dessen Geheimnisse langsam an die Oberfläche drängen, während die Zeit über seine rostenden Hüllen hinwegzieht, und dessen Bergung noch aussteht.

Bernd Brückner über Honeckers Isolation und den politischen Stillstand im Sommer ’89

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Bernd Brückner, Jahrgang 1948 und ehemaliger persönlicher Leibwächter Erich Honeckers von 1976 bis zum Ende der DDR 1989, gibt im Gespräch tiefe Einblicke in seine 13-jährige Karriere im Herzen des ostdeutschen Staates. Aufgewachsen in einem kommunistischen Elternhaus, dessen Großeltern bewusste Sozialisten waren, beschreibt er sich als überzeugten DDR-Bürger, der bis zum Schluss kein Oppositioneller war.

Vom Motorradenthusiasten zum Personenschützer Brückners Weg zum Personenschutz begann mit seiner Begeisterung für Motorräder und die koordinierte Fahrweise der Begleitfahrzeuge bei internationalen Delegationen. Er trat in die Verkehrspolizei ein und wurde aufgrund guter Leistungen zur Hauptabteilung Personenschutz, Abteilung 3, delegiert. Seine Ausbildung umfasste ein Jahr als Wachsoldat mit „allen Schikanen“ und eine Polizeischule, die er als einer der wenigen Absolventen einer „Polizeiakademie“ anstelle der MfS-Schule in Potsdam besuchte. Das Auswahlverfahren für Honeckers Schutz war äußerst gründlich und zog sich über ein halbes Jahr hin, wobei auch seine Westverwandtschaft überprüft wurde. Seine offizielle Funktion war „Oberkommando Leiter Sicherungskommando Personenschutz Honecker“.

Das Personenschutzsystem der DDR war laut Brückner international auf hohem Niveau und hatte sogar ausländische Kräfte ausgebildet, darunter die erste Generation von Arafats Personenschützern und eine ganze Gruppe von Gorbatschows Leuten. Das oberste Credo im Personenschutz war, dass der Schutz als Ganzes etwas falsch gemacht hatte, wenn ein Personenschützer sein Leben opfern musste. Stattdessen wurden Szenarien trainiert, wie die Evakuierung eines verletzten Honeckers, auch unter Einsatz des Lebens.

Honeckers „Blase“ und die Realität der DDR Rückblickend stellt Brückner fest, dass Honecker in einer „Blase“ lebte, „weit abgeschirmt von den realen Problemen des Landes in einer eigenen Welt“. Brückner selbst, der in einem Neubaugebiet wohnte, nahm diese „Blase“ nicht so hin und bemerkte mit zunehmendem Dienstalter eine wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Er sah Diskrepanzen zwischen den offiziellen Jubelmeldungen über Wohnungsbau und der Realität vor Ort. Obwohl seine Loyalität zum Staat dadurch nicht erschüttert wurde, sorgte er bei Parteiveranstaltungen manchmal für „starke Unruhe“, indem er sagte, „es kann nicht so sein“.

Honeckers erste Reaktion auf seinen Personenschutz war Distanz. Er sprach Brückner lange Zeit nicht mit Namen an. Erst nach den Attentaten auf Indira Gandhi und Olof Palme im selben Jahr, die Honecker als nahestehende Persönlichkeiten empfand, nahm er seinen Personenschutz ernster und kooperierte mehr. Brückner beschreibt, wie Honecker zeitweise „überheblich“ wirkte und Meinungen hatte, die keiner zu widersprechen wagte. Bei seiner letzten Reise in die Sowjetunion zeigte Honecker jedoch eine selten gesehene sentimentale Seite, indem er sich über gemeinsame Bekannte und seine Jugendzeit erkundigte.

Begegnungen und Beziehungen im System Brückner erlebte kuriose Situationen, wie einen nicht abgesprochenen „Freudentanz“ mit Vorderlader-Schüssen in Algerien oder physische Gewaltanwendung, um Honecker vor einer enthusiastischen Menschenmenge zu schützen. Eine besonders unerwartete Erfahrung waren Demonstrationen in Karl-Marx-Stadt, wo Menschen still und friedlich Transparente zeigten, was für das Sicherheitsteam völlig neu war.

Die Beziehung zwischen Erich und Margot Honecker war komplex. Margot Honecker, im Volksmund auch als „lila Drache“ bekannt, war eine „bewusste Persönlichkeit“, die sich ihrer Position und Funktion bewusst war. Sie bestand darauf, Ministerin für Volksbildung zu bleiben, anstatt nur die Rolle der First Lady auszufüllen, was sie als bewundernswert bezeichnete. Sie war ideologisch gefestigt und eine „Revolutionärin mit Leib und Seele“, die sich auch nach der Wende in Chile zu ihren Überzeugungen bekannte. Sie hatte eine angespannte Beziehung zu Stasi-Chef Erich Mielke, den sie öffentlich kritisierte. Mielke selbst empfand Personenschützer als „Sklaven“ und ließ sie Gartenarbeiten verrichten, selbst nach langen Diensten.

Honecker pflegte trotz ideologischer Differenzen gute Beziehungen zu einigen westdeutschen Politikern, darunter Franz Josef Strauß und Heinz Galinski. Brückner erlebte, wie Honecker sich in Strauß‘ Anwesenheit wohlfühlte und sogar eine persönliche Ansprache von Honecker bei Strauß‘ Beerdigung verhindert werden musste.

Der Fall der DDR und ein neues Leben Der Herbst 1989 kam für Brückner nicht völlig überraschend, aber stufenweise. Er spürte, dass es „voll gegen Baum gehen“ würde, wenn sich nichts änderte. Honecker war im Sommer 1989 krank und wurde im Regierungskrankenhaus von Informationen über die Flüchtlingswelle aus Ungarn abgeschirmt, was zu einem „absoluten politisch geistigen Stillstand“ führte. Brückner empfand die DDR in dieser Zeit als ein „führerloses Schiff“. Nach dem Machtwechsel erlebten die Personenschützer von Honeckers Vorgänger Ulbricht Hausarrest, was für Brückner eine beunruhigende Parallele war. Auch Brückners Familie erlebte Anfeindungen und Schikanen nach dem Fall der Mauer.

Der Übergang in die Bundesrepublik war anfänglich schwierig, da sein Lebenslauf als Personenschützer nicht die besten Startchancen bot. Doch er fand seinen Weg, gab Seminare und gründete ein eigenes Unternehmen im Bereich Arbeitsvermittlung, mit besonderen Beziehungen zu Vietnam, einem Land, in das er sich bereits 1977 bei einem Staatsbesuch Honeckers verliebt hatte. Heute lebt Brückner in Bayern und stellt fest, dass der Osten Deutschlands ihm nicht fremd geworden ist, auch wenn er Unterschiede in den Einstellungen, beispielsweise gegenüber Flüchtlingen, wahrnimmt.

Bernd Brückner zweifelt heute nicht an seiner Loyalität zum Staat, dem er diente, räumt jedoch ein, dass er manchmal „dummes Zeugs“ hörte und im Rückblick konstanter und lauter hätte sein müssen. Er teilt die Einschätzung, dass die jüngere Generation heute kaum noch weiß, wer Erich Honecker war. Doch er blickt auch auf positive Aspekte des damaligen Lebens zurück, wie die Sicherheit, die seine Frau nachts allein auf der Straße empfand, da „ein Sexualdelikt zum Beispiel … nicht so [war]“.

Brückners Karriere ist ein Spiegelbild der Geschichte: Er war ein Mann, dessen Leben untrennbar mit einem Regime verbunden war, das am Ende in sich zusammenfiel. Er war wie ein Kapitän auf einem Schiff, das auf Kurs gehalten werden sollte, während der Kompass des Steuermanns immer mehr versagte.

Der Fall einer Wirtschaft: Wie die DDR unter Honecker ins Trudeln geriet

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Die Deutsche Demokratische Republik (DDR), einst als sozialistisches Vorzeigeland konzipiert, sah sich in ihren letzten Jahrzehnten mit einer Reihe von wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, die letztlich zu ihrem Ruin führten. Besonders die Ära Erich Honeckers ab 1971 war geprägt von politischen Versprechen, die wirtschaftlich nicht haltbar waren und das Land in eine tiefe Krise stürzten.

Die fatale „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“
Als Erich Honecker 1971 an die Spitze der Partei trat, versprach er den Bürgern eine unmittelbare Verbesserung des Lebensstandards, anstatt sie auf eine bessere Zukunft zu vertrösten. Sein Kernkonzept war die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Formal bedeutete dies eine Stärkung der Sozialpolitik gegenüber der Wirtschaftspolitik, doch in der Praxis führte es zu tiefgreifenden Widersprüchen. Die Bürger erhielten höhere Sozialleistungen, mehr Konsumangebote und bessere Wohnungen. Als Gegenleistung erwartete Honecker politisches Einverständnis und erhöhte Produktivität, um die hohen Subventionen refinanzieren zu können. Die Losung änderte sich von „so wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“ zu „ich leiste was, ich leiste mir was“.

Diese Politik war stark von Honeckers persönlichen Erfahrungen der Entbehrung geprägt. Er wollte, dass die Arbeiterklasse aus ihrer damaligen Elendsrolle befreit wird, mit einem Dach über dem Kopf, genug zu essen und erschwinglicher Bildung für die Kinder. Ein gigantisches Wohnungsbauprogramm wurde als Kernstück der Sozialpolitik beschlossen, das den Vorkriegszustand der Wohnverhältnisse für die Hälfte der Bevölkerung verbessern sollte. Doch die wirtschaftlichen Realitäten wurden dabei ignoriert.

Das Ende des Mittelstands: Ideologie vor Vernunft
Honeckers Politik schlug auch gnadenlos gegen die verbliebenen Privatbetriebe zu. Unternehmen wie die Damastweberei Aue der Familie Bauer oder die Feinkartonagenproduktion der Nestler KG wurden zur staatlichen Beteiligung gezwungen oder kurzerhand enteignet. Während in der Bundesrepublik Millionen Mittelstandsbetriebe eine entscheidende Wirtschaftsgröße bildeten, schrumpfte ihre Zahl in der DDR dramatisch: Von 17.000 Privatbetrieben, die 1950 noch 25% der industriellen Produktion erwirtschafteten, blieben 1972 nur noch etwa 5.700 halbstaatliche und knapp 2.700 reine Privatbetriebe übrig.

Die Enteignungen waren ein Sieg der Ideologie über die wirtschaftliche Vernunft. Parteifunktionäre sahen ihre Macht durch Unternehmer eingeschränkt, die ein Vielfaches ihrer Gehälter verdienten. Honecker selbst feierte die „Vernichtung des Bürgertums“ als Sieg der sozialistischen Revolution. Die Zerschlagung dieser flexiblen kleinen und mittleren Unternehmen beseitigte jedoch den letzten Rest an Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft an Mangelerscheinungen und Nachfragen. Infolgedessen verschlechterte sich das Angebot an Konsumgütern, da nun die großen staatlichen Kombinate diese Produktion übernehmen mussten.

Absurditäten der Planwirtschaft: Teddys aus der Braunkohle
Die erzwungene Konsumgüterproduktion führte zu kuriosen und ineffizienten Zuständen. Industriebetriebe des Schwermaschinenbaus, deren Fachkenntnis im Bau von Fräsmaschinen lag, mussten plötzlich Elektroboiler herstellen. Braunkohlebergwerke, deren Personal für den Umgang mit Abraum und Kohle ausgebildet war, produzierten Plüschtiere. Ein Stahlwerk stellte Karnickelställe her, und das Schiffbaukombinat Rostock baute neben Schiffen auch Schrankwände und Gartenmöbel.

Diese Umstellung führte zwangsläufig zu Qualitätsmängeln und Kundendiensten, die mit den neuartigen Produkten überfordert waren. Es war ein klares Zeichen, dass die Wirtschaft am Ende war.

Das Subventionsdesaster: Scheinbar billig, tatsächlich teuer
Ein zentraler Pfeiler der Honecker’schen Sozialpolitik war die Politik stabiler Verbraucherpreise. Grundnahrungsmittel, Mieten und Verkehrstarife blieben extrem niedrig – ein Brötchen kostete immer fünf Pfennig, obwohl die Getreidepreise um über 300% stiegen. Um diese Preise zu halten, zahlte der Staat massive Subventionen, deren Volumen von 1,1 Milliarden Mark im Jahr 1960 auf 60 Milliarden Mark im Jahr 1989 anstieg, bei einem Nationaleinkommen von rund 300 Milliarden Mark. Ein Lebensmittelkorb im Wert von 100 Mark wurde 1989 mit 85 Mark subventioniert.

Diese Subventionen führten zu paradoxen Situationen und enormer Verschwendung: Lebensmittel wurden als Tierfutter verwendet, ineffizient geheizte Wohnungen verschwendeten Energie, und es gab kaum Anreize zum sparsamen Umgang mit Ressourcen. Fachleute schlugen vor, Subventionen abzuschaffen und durch direkte Zahlungen wie Kindergeld auszugleichen, aber Honecker lehnte dies ab, um sein Image als „Sozialvater des Landes“ nicht zu gefährden. Die Bevölkerung gewöhnte sich an die niedrigen Preise und empfand keine Dankbarkeit, sondern ärgerte sich über Mangelerscheinungen bei hochwertigeren Konsumgütern.

Export um jeden Preis: Die Schuldenspirale
In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erhöhte die Sowjetunion die Ölpreise und drosselte ihre Rohölexporte, was die DDR ihrer wichtigen Einnahmequelle für Westgeld beraubte. Eine neue Strategie zur Devisenbeschaffung wurde notwendig: Kredite von westlichen Banken für den Bau neuer Industrieanlagen, um Produkte für den Export in den Westen zu produzieren und damit die Kredite zu bedienen.

Das führte zum „Export um jeden Preis“, bei dem die DDR ihre Produkte oft unter Herstellungskosten verkaufte, um überhaupt Devisen zu generieren. Dies hatte nicht nur wirtschaftlich negative Folgen, da es ein Zuschussgeschäft war, sondern auch gesellschaftlich: Die besten Produkte und Lebensmittel gingen in den Westen, während der eigenen Bevölkerung qualitativ minderwertigere Güter blieben. Der ikonische Designersessel von Rudolf Horn beispielsweise wurde ausschließlich für den Export gefertigt. Die Auslandsverbindlichkeiten der DDR stiegen dramatisch von 8,9 Milliarden Mark im Jahr 1975 auf 19,9 Milliarden Mark im Jahr 1989. Eine Senkung des Lebensstandards, die zur Reduzierung der Schulden nötig gewesen wäre, war politisch nicht durchsetzbar.

Der unvermeidliche Zusammenbruch
Die wirtschaftliche Lage der DDR verschlechterte sich zusehends. Großinvestitionen wie der Bau eines Warmwalzwerks mussten wegen Unfinanzierbarkeit abgebrochen werden. Die bevorzugte Förderung der Mikroelektronik brachte keine nennenswerten wirtschaftlichen Effekte. Die Entmündigung der Wirtschaftskader durch die Partei führte zu Resignation und einem Verlust des Glaubens an das eigene System.

Der Zusammenbruch der DDR war eine unauflösbare Verflechtung von wirtschaftlichem und politischem Versagen. Das Ende der Planwirtschaft eröffnete jedoch auch neue Chancen. Während manche Betriebe wie das Schuhkombinat Weißenfels in der Marktwirtschaft scheiterten, gelang es anderen, wie der Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) oder reprivatisierten Familienunternehmen, sich erfolgreich neu zu positionieren. Diese Beispiele zeigten, dass die Menschen in Ostdeutschland durchaus über wirtschaftlichen Verstand und Geschick verfügten – wenn sie nicht durch ideologische Vorgaben behindert wurden.

Wie Reparationen und ein politisches Nein die DDR von Anfang an lähmte

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland in Trümmern. Während der Westen mit dem Marshallplan den Grundstein für einen beispiellosen Aufschwung legte, wurde im Osten eine andere Vision verfolgt: die Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild. Ein System, das mehr als nur Wirtschaftsfragen umfasste – es sollte alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen. Doch gute Fachleute und Ideen allein reichten nicht aus, um ein Land, das auf einem „Schutthaufen“ errichtet wurde, vor dem Ruin zu bewahren.

Ein schwerer Start: Reparationen und verlorene Chancen
Die Ausgangslage für die 1949 gegründete DDR war desaströs: Der Kapitalstock betrug lediglich 40% des Westniveaus. Ein Hauptgrund dafür waren die massiven Reparationsleistungen an die Sowjetunion. Während die Westalliierten 668 Werke demontierten, was zu einem Kapazitätsverlust von etwa 5% führte, wurden in der sowjetischen Besatzungszone rund 3000 Betriebe abgebaut, was mindestens 30% der industriellen Kapazitäten zerstörte. Die ostdeutsche Bevölkerung trug 90% der gesamtdeutschen Reparationen und wies die höchste Pro-Kopf-Belastung des 20. Jahrhunderts auf – 60 Mal höher als in der Bundesrepublik Deutschland. Ganze Industrieanlagen verrosteten ungenutzt in der Sowjetunion, weil dort die Voraussetzungen für den Wiederaufbau fehlten.

Hinzu kam die Ablehnung des Marshallplans durch die Sowjetunion, die fürchtete, mit der westlichen Wirtschaftshilfe auch die politische Vorherrschaft über ihre Satellitenstaaten zu verlieren. Besonders die Tschechoslowakei wurde zur Ablehnung gezwungen.

Ein weiterer Aderlass war die Flucht des mittelständischen Unternehmertums. Tausende Betriebe, darunter viele Weltmarktführer aus Sachsen und Thüringen, verließen die Sowjetische Besatzungszone und trugen im Westen maßgeblich zum Wirtschaftswunder bei. Firmen wie Chlorodont, die Zahnpasta erfunden hatten, oder die Universal Dresden (Zigarettenmaschinen) setzten ihre Erfolgsgeschichten im Westen fort, während ihre volkseigenen Pendants im Osten international an Bedeutung verloren.

Das Korsett der Planung: Vom Fünfjahrplan zum Stillstand
Das Herzstück der DDR-Wirtschaft war der Plan. Nach einem Zweijahresplan startete 1950 der erste Fünfjahrplan, der detaillierte Wirtschaftsziele für jeden Industriezweig und Betrieb zentral festlegte. Prestigeobjekte wie das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), das in nur vier Jahren fünf Hochöfen errichtete, wurden zu Symbolen des wirtschaftlichen Aufschwungs und galten als „reifes Günesbuch der Rekorde“.
Doch die Planwirtschaft hatte eine fatale Eigendynamik: Jährlich wurden höhere Steigerungsraten vorgegeben, die sogenannten „Planaufgaben“.

Dieses System führte zu einer Tragik: Wenn Betriebsleiter wussten, dass sie im nächsten Jahr 3% mehr produzieren sollten, versuchten sie, die aktuelle Produktion so niedrig wie möglich zu halten, um die spätere Steigerung „beherrschbar“ zu machen. Sonderverpflichtungen, etwa zum Geburtstag Stalins, bei denen statt 30.000 40.000 Fernsehapparate geliefert werden sollten, führten zu hektischer Produktion und erheblichen Ausfällen, sodass ein Großteil der Geräte vom sowjetischen Abnehmer zurückgewiesen wurde.

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 und der „Neue Kurs“
Die schlechte Versorgungslage und politische Gängelei führten am 17. Juni 1953 zum Arbeiteraufstand. Als Reaktion darauf wurden nicht nur der Sicherheitsapparat massiv ausgebaut, sondern auch wirtschaftliche Ursachen angegangen. Die Partei schwenkte um: Normen wurden gesenkt und die Leichtindustrie sollte mehr Aufmerksamkeit erhalten, um die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern zu verbessern. Dieser „Neue Kurs“ zeigte jedoch zunächst kaum Wirkung, der Mangel blieb vorherrschend. Kampagnen gegen „Schieber und Spekulanten“, die Lebensmittel über die offene Grenze nach West-Berlin brachten, zeugen von der Verzweiflung und muten aus heutiger Sicht „sehr bizarr“ an.

Zwischen Stagnation und Innovation: Das Auf und Ab der 60er Jahre
Nach dem Bau der Mauer im August 1961, der die Abwanderung von Fachkräften eindämmte, konsolidierte sich die DDR-Wirtschaft zunächst. Unter Walter Ulbricht wurde das „Chemieprogramm“ vorangetrieben, basierend auf billigem sowjetischem Erdöl, das zu modernen Produkten veredelt und exportiert werden sollte – „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“ war die Parole.

Mitte der 60er Jahre wurden auch sichtbare Fortschritte auf Messen präsentiert: Der Trabant 601, Geschirrspülmaschinen, elektrische Zahnbürsten und leistungsfähige Kräne vom Kirowwerk Leipzig zeigten, dass die DDR in einigen Bereichen „Weltniveau“ erreichte. Das Bruttosozialprodukt stieg zwischen 1960 und 1969 um durchschnittlich 5% jährlich, und die Ausstattung der Haushalte mit Waschmaschinen, Kühlschränken und Fernsehapparaten verbesserte sich deutlich, wenn auch nicht immer auf Westniveau.

Um die Wirtschaft effektiver zu gestalten, wurde 1963 das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖS) eingeführt. Es sollte „ein bisschen Markt mitten in der Planwirtschaft“ schaffen, indem Betriebe für ihre Produktion und Finanzen selbst verantwortlich gemacht und nach Gewinn orientiert wurden. Erich Apel, der Chef der Plankommission, war die treibende Kraft hinter dieser Reform. Seine Ideen, die auch im Westen wahrgenommen wurden, zielten darauf ab, den Lebensstandard zu erhöhen und die Bevölkerung enger an das System zu binden. Apel wollte „Wertkategorien ins Zentrum der Politik stellen“, was auch bedeuten sollte, dass ein sozialistischer Betrieb „bankrott gehen kann, aber eben planmäßig abwickeln“. In Wirtschaftskreisen herrschte „Aufbruchstimmung“. Doch Apels Reformansätze stießen auf Widerstand im Apparat. Nach seinem Tod im Jahr 1965 (vermutlich Selbstmord) wurde das NÖS schnell wieder eingestellt, da es die Kontrolle und Machtkompetenz der SED in Frage stellen könnte.

Trotz des Scheiterns des NÖS entstanden in den 60er Jahren weiterhin innovative Produkte. Rafena aus Radeberg produzierte Fernsehgeräte auf internationalem Niveau, die sich in Bildqualität nicht von westlichen Geräten unterschieden. Auch im Möbelbau gab es Fortschritte: Rudolf Horn entwickelte für die Werkstätten Hellerau ein Modulsystem zum Selbstaufbau, eine „berühmte Ikea-Idee vorweggenommen“. Diese Möbel waren international gefragt, aber für den normalen DDR-Bürger kaum erhältlich; es gab nur „Beratungsmuster“ im Laden, und man musste „Jahre oder Monate darauf warten“.

Das Ende einer Illusion: Kybernetik und Realität
Walter Ulbricht setzte in seinen letzten Jahren auf ein weiteres Großprojekt: die Kybernetik. Er hoffte, mit riesigen Rechenmaschinen alle wirtschaftlichen Prozesse bis ins Kleinste berechnen und einen optimalen Plan erstellen zu können. Doch die Realität holte die Planer ein. Eine Anekdote besagt, dass ein Computer am Institut für Wirtschaftsführung in Ransdorf, dem alle Wirtschaftsdaten der DDR eingegeben wurden, schließlich die Empfehlung ausgab: „Politbüro absetzen!“. Der Computer hatte „kein Klassenbewusstsein“ und entschied „rational“.

Die Erzählung mag übertrieben sein, doch sie spiegelt das Dilemma der Planwirtschaft wider: Sie kostete Kraft, verschliss Menschen und konnte trotz aller Anstrengungen und temporärer Erfolge die grundlegenden Probleme einer nicht marktwirtschaftlich organisierten Ökonomie nicht überwinden. Mit dem Abgang Ulbrichts und dem Antritt Erich Honeckers im Jahr 1971 kündigte sich ein neues Wirtschaftsprogramm an, doch die grundlegenden Strukturprobleme blieben bestehen.

Die entscheidende Rolle von ARD und ZDF im geteilten Deutschland

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In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab es eine Region, die man das „Tal der Ahnungslosen“ nannte, da sie zu DDR-Zeiten unerreichbar für die Sender von ARD und ZDF war – der Weg nach Sachsen war zu weit. Doch selbst dort, in Dresden-Hellerau, regte sich erfinderischer Geist: Schon 1985 stellte ein Verein einen Antrag auf Genehmigung zum Bau einer Antenne, die offiziell dem besseren Empfang des DDR-Fernsehens dienen sollte. Zwei Jahre später, 1987, erhielten sie die Genehmigung für eine 3 Meter hohe Antenne, die sie geschickt auf einem Wasserturm anbrachten. So öffnete diese Antenne für ganz Dresden-Hellerau tatsächlich die Kanäle von ARD und ZDF. Dieser „Erfindergeist und Schlitzohrigkeit“ war bezeichnend für den Umgang vieler DDR-Bürger mit dem Westfernsehen.

Technischer Trick und Alltags-Risiko
Das Beschaffen des Materials war oft die größte Herausforderung, insbesondere Kabel für die Verteilung, während Antennen handelsüblich erhältlich waren und Verstärker selbst gebaut werden konnten. Man holte Kabelreste aus dem Kabelwerk Facha im Grenzgebiet zur Bundesrepublik, wofür sogar Reisegenehmigungen der Polizei erforderlich waren. Der Verein Antenne Hellerau schloss Hunderte von Haushalten an, und alle hielten bei Fragen der Staatssicherheit (Stasi) dicht. Die Anlage wurde am Neujahrstag 1989 eingeweiht, pünktlich zur Wende für besten Westfernsehempfang.

Doch der Empfang von Westfernsehen war nicht ohne Risiko. Bis in die 1970er Jahre war es politisch gefährlich. Viele bauten drehbare Antennen, die tagsüber nach Görlitz (Osten) ausgerichtet wurden, um eine Alibifunktion zu erfüllen, da von der Straße aus sichtbar war, was die Leute sahen. Bei Dunkelheit wurden die Antennen dann zum Westen gedreht – und das jeden Tag. Diese Vorsicht war begründet: Die Stasi war über Westantennen bestens informiert und führte Listen mit Adressen von Bürgern, die von Spitzeln oder „lieben Nachbarn“ als Westfernsehzuschauer ausspioniert worden waren. Während das Ostprogramm in vielen Haushalten abgedreht wurde, hatten die DDR-Sender kaum eine Chance gegen ARD und ZDF. Der „Schwarze Kanal“ mit Karl Eduard von Schnitzler, der westliche Sendungen zerschnitten und verfälscht zeigte, führte meist zum Abschalten. Nur Shows wie „Kessel Buntes“ waren beliebt.

Der Kampf der Stasi gegen die „feindliche Einflussnahme“
Seit 1974 hatten ZDF und ARD Korrespondentenbüros in Ost-Berlin. Die Arbeit der Korrespondenten wurde jedoch durch Verbote und Behinderungen der DDR-Bürokratie erschwert. Das Regime fürchtete die „freie Information“. Die Staatssicherheit brach mehrfach nachts in das ZDF-Büro ein, fotografierte heimlich alles, öffnete die Westgeldkasse und untersuchte sie. „Unabhängige Recherche und kritische Fragen“ wurden von der Stasi als „Agententätigkeit“ eingestuft. Die DDR hatte keine wirkliche Opposition, doch durch Fernsehen und Rundfunk wurden „die Vorzüge der anderen Ordnung“, das „ganze Wirtschaftswunder“ und die Werbung übertragen. Die Korrespondenten fungierten als Sprecher für Missstände, die in den DDR-Medien weniger vorkamen.

Die Stasi beobachtete die Büros von ARD und ZDF von ihrem „Leitstützpunkt Banner“ aus per Monitor. Sechs rot markierte Beobachtungsposten garantierten nahtlose Kontrolle rund um die Friedrichstraße. Die Ergebnisse dieser Überwachung wurden im Operationsvorgang „Bagage – Feindobjekt“ gesammelt, dem Decknamen, den die Stasi dem ZDF gab. Adressen, verdächtige Kontakte und Visitenkarten wurden bei Einbrüchen in Büros oder Wohnungen der Korrespondenten fotografiert. Die Stasi schickte sogar Spitzel als „Bittsteller“ getarnt in die Büros oder Privatwohnungen der Korrespondenten, um zu testen, ob diese bei Ausreiseanträgen behilflich wären – ein klarer Bruch der Journalistenvereinbarung, der zur Ausweisung geführt hätte.

Journalisten als „Dolmetscher“ und „Anstifter“
ZDF-Korrespondent Peter van Loeven wurde nach nur zehn Wochen Arbeit in der DDR ausgewiesen. Er hatte über die Drangsalierung des kritischen Schriftstellers Stefan Heym berichtet. Heyms Bücher erschienen im Westen, da ihm in der DDR ein Berufsverbot auferlegt war, und seine kritischen Aussagen gelangten über westliche Medien zurück in die DDR. Van Loeven drehte eine Erklärung Heyms ohne die dafür notwendige Genehmigung, da Heyms Wohnung abgehört wurde und die Stasi so über alles Bescheid wusste. Diese „klare“ Verletzung der Regeln führte zu seiner sofortigen Ausweisung.

Die Stasi sah die Westkorrespondenten als „vorgeschobene Posten des Feindes im Kampf gegen den Sozialismus“. Tatsächlich aber waren sie „Dolmetscher von Ost nach West und umgekehrt“, die sowohl für die Bundesrepublik als auch gleichzeitig für die DDR selbst berichteten. Dieser „Rückkopplungseffekt“ hatte eine große Bedeutung für die innere Entwicklung der DDR. Die Stasi-Führung beschuldigte die Westkorrespondenten, „Anstifter und Akteure“ der inneren Opposition zu sein – eine Rolle, in die sie „zwangsläufig gerieten“.

Peter Pragal, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, lebte mit seiner Familie Tür an Tür mit Ost-Nachbarn in der DDR. Er hatte es als schreibender Journalist oft leichter, da er ohne offizielle Genehmigung mit vielen DDR-Bürgern sprechen konnte. Hochinteressante Informationen erhielt er sogar direkt von Stasi-Mitarbeitern in der Sauna, die ihn nicht als „Klassenfeind“ erkannten.

Die Unterstützung der Opposition und das „ZDF Magazin“
Westliche Medienpräsenz bot Schutz für Regimekritiker wie Robert Havemann. Ihm gelang es, seine Schriften in den Westen zu schmuggeln, und er wurde durch das Westfernsehen in der DDR-Bevölkerung nicht vergessen. Auch als Wolf Biermann 1976 nach 11 Jahren Stasi-Isolation im Westen sein legendäres Köln-Konzert gab, schauten in der DDR Hunderttausende zu, sogar „Bonzen der Partei“. Die SED schlug zurück und bürgerte Biermann aus, was zu massiver Empörung in der Parteiführung führte. Auch Havemanns fast prophetisches Testament wurde heimlich von seiner Frau gefilmt und noch Jahre vor dem Mauerfall im ZDF ausgestrahlt, trotz Bewachung durch 200 Stasi-Spitzel.

Kontakte zu Westkorrespondenten waren per Gesetz strafbar. Heinz Niels, ein Regimekritiker, der kritische Schriften verfasste, wurde von der Stasi systematisch verfolgt, nachdem ein Treffen mit Pragal vereinbart war. Er wurde in eine inszenierte Falle gelockt und in Untersuchungshaft genommen.

Das ZDF Magazin setzte sich lautstark mit Hilferufen für Flüchtlinge ein und stritt gegen die innerdeutsche Grenze. Es prangerte die DDR-Grenze als „Tötungsmaschine“ an. Andreas Schmidt kam mit 19 Jahren ins Gefängnis, weil er „Solidarität mit Biermann“ demonstriert hatte. Er hatte das ZDF-Büro in Ost-Berlin besucht, um seinen Ausreisewunsch zu hinterlegen. Die Stasi sah dies als Beihilfe zur „Vorbereitung des Dritten Weltkriegs“. Trotz Zuchthausstrafen ist Schmidt dem ZDF Magazin dankbar, da es ihm half, seine Ausreise zu erzwingen.

Bilder, die die Welt veränderten
Das Westfernsehen zeigte das wahre Gesicht der DDR, wie verfallende Altbauten in Leipzig, die das Scheitern der Planwirtschaft aufzeigten, während das DDR-Fernsehen nur Fassaden und organisierte Begeisterung zeigte. Keine Ost-Kamera hätte beispielsweise Parteifunktionäre oder Stasi bei informellen Anlässen gezeigt, während West-Kameras sogar Feste der DDR-Opposition dokumentierten.

Ein Wendepunkt war der 2. Mai 1989, als Ungarn seine Grenze öffnete. Das ZDF zeigte die Bilder live. Dies wurde von DDR-Zuschauern sofort als „echte Chance zur Flucht“ begriffen. Die Stasi registrierte ein „explosionsartiges Ansteigen von Reiseanträgen nach Ungarn“. Für Zehntausende wurde Ungarn zum Symbol für die Freiheit. Die Westfernsehpräsenz schützte die Flüchtlinge in den Lagern, wie dem der ungarischen Malteser in Budapest, vor Einschüchterungen durch DDR-Behörden. Als Ungarns Außenminister Gyula Horn am 10. September 1989 live im Fernsehen verkündete, dass die Ausreise über Österreich in die Bundesrepublik frei sei, war dies der Anfang vom Ende der DDR.

Die Stasi versuchte, die Fluchtbewegungen zu verhindern, dokumentierte Verhaftungen und sah sich mit Massenanstürmen auf Botschaften konfrontiert. Doch die Fernsehbilder aus Ungarn und Prag machten den Daheimgebliebenen Mut. Trotz Drehverboten für Korrespondenten in Leipzig gelangten Filmaufnahmen der Montagsdemonstrationen in den Westen und wurden in die ganze DDR gesendet. Die Stasi als „Schwert und Schild“ der Partei, die ungezählte Menschen inhaftierte, konnte weder Bild noch Ton abschalten. Das Fernsehen war auf Dauer nicht unter Kontrolle zu bringen.

Die fehlende Organisation der Opposition wurde durch das Westfernsehen und dessen Informationen ersetzt. Es gab einen „Ermutigungs- und Nachahmungseffekt“, der sich bis zu den Parolen der Demonstranten erstreckte. Zwei Tage vor Weihnachten fiel die Mauer am Brandenburger Tor, und das ZDF war live dabei. Die Menschen konnten sich nun ein eigenes Bild vom jeweils anderen Deutschland machen und waren nicht mehr auf den „elektronischen Botschafter Fernsehen“ angewiesen, an dem selbst die Stasi gescheitert war.

Wie ein Experte resümiert: „Was wäre gewesen … wenn es 40 Jahre DDR und 40 Jahre deutscher Zweistaatlichkeit gegeben hätte ohne dieses grenzüberschreitende Medium Fernsehen dazu reicht meine Fantasie nicht aus ich glaube die würden noch jetzt an der Macht sein“. Das Westfernsehen war somit ein entscheidender, vielleicht sogar der wichtigste Faktor für den Fall der Mauer und das Ende der DDR.

Tschüss Genossen! – Als Mut, Frechheit und Cleverness die Mauer überwanden

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Die Berliner Mauer, von der DDR-Führung einst als „antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet, sollte die Bürger im Land halten. Doch gegen den unbändigen Wunsch nach Freiheit erwiesen sich Beton, Stacheldraht und Minen als zu schwach. Menschen riskierten ihr Leben, um dem System ein Schnippchen zu schlagen, und bewiesen dabei außergewöhnlichen Mut, Frechheit und Cleverness. Ihre Geschichten, die oft wie aus einem Spionagefilm anmuten, zeugen von einem unbezwingbaren Freiheitsdrang.

Der gewagte Fotograf: Horst Bayers Mauer-Shooting Am 9. Oktober 1961, dem 12. Jahrestag der DDR, wählte ein Mann den wohl dreistesten Weg in die Freiheit: der Fotograf Horst Bayer. Bayer, bekannt als Lebemann mit lockeren Sprüchen, passte ohnehin nicht ins System. Ausgerechnet er wurde auserkoren, Fotos von der Mauer für die Jubelfeiern zu machen, was ihm den Zutritt zum Grenzbereich ermöglichte – eine Einladung zur Flucht, die er nicht ignorieren konnte.

Mit seiner Kamera und einigen jungen Sportlerinnen des SV Rotation Berlin, die er die Mauer als „Freund“ und „Beschützer“ preisen ließ, inszenierte er ein scheinbar harmloses Fotoshooting. Während er Aufnahmen von den jungen Frauen machte, die sich an der Mauer räkelten und Blumen an die „heldenhaften Grenzsoldaten“ überreichten, führte er diese geschickt ab. In einem unbeobachteten Moment wechselte er die Seite. Die Grenzer bemerkten den Schwindel erst, als es zu spät war. Horst Bayer hatte es geschafft – ein cleverer Bürger weniger für die DDR. Im Westen fotografierte er später für die Bildzeitung und blieb ein lebenslustiger Mensch.

Mutterliebe im Einkaufstrolley: Annelise Trauzettels List 26 Jahre später, 1987, bewies Annelise Trauzettel, eine Frührentnerin, dass Mutterliebe die höchste Mauer ist. Obwohl sie als Frührentnerin jederzeit nach West-Berlin durfte, musste ihr vierjähriger Sohn Mike immer in der DDR bleiben. Die Behörden drohten sogar mit Zwangsadoption. Doch Annelise gab nicht auf.

Ihr Plan war ebenso einfach wie genial: Sie wollte Mike in einem Einkaufswagen durch alle Kontrollschleusen des Grenzbahnhofs Friedrichstraße schmuggeln. Wochenlang trainierte sie mit Mike das Versteckspiel im Wagen und sorgte sogar für Beruhigungsmittel, damit die Flucht für ihn „wie im Schlaf“ ablief. Um die Spürhunde der Grenzposten zu täuschen, sprühte sie Mike zuvor mit Deospray ein. Auf dem belebten Bahnhof, einem Labyrinth aus Kontrollen und Soldaten, navigierte sie den Trolley geschickt durch die Massen. Als ein Stasi-Mann ihren Wagen kontrollieren wollte, rief sie laut: „Spinnt du, du Depp! Weg!“ und wurde von einem Passanten geschützt. Die Notbremse einer U-Bahn gab ihr schließlich die entscheidende Zeit, um zu entkommen. Annelise Trauzettel, ausgestattet nur mit Mut, Mutterliebe und einem alten Trolley, überlistete das System.

Die Betke-Brüder: Schwimmen, Seil und Luftschlag Die Brüder Ingo, Holger und Egbert Betke wurden zu einer wahren „Plage für das DDR-System“. Ihre Fluchten sind ein Paradebeispiel für Zusammenhalt und Einfallsreichtum.

  • Ingos Elbe-Flucht: Als ältester der Brüder und Anführer der „Gang“, nutzte Ingo sein Wissen aus dem Militärdienst über Grenzbefestigungen, um eine lebensgefährliche Flucht durch Stacheldraht, Minenfeld und die Elbe zu planen. Mit einem „Stampfer“ bahnte er sich einen Weg durch das Minenfeld und überwand die Elbe auf einer Luftmatratze, obwohl die Strömung viele in den Tod gerissen hatte. Er paddelte „wie ein Geisteskranker“, während Patrouillenboote die Gefahr erhöhten. Nach seiner erfolgreichen Flucht sollte es 15 Jahre dauern, bis er seine Eltern wiedersah.
  • Holgers Drahtseilakt: Acht Jahre später folgte der jüngste, Holger, ein Mann des Nervenkitzels. Seine Idee war es, die Mauer aus einer „ganz anderen Perspektive“ zu betrachten: von oben. Zusammen mit seinem Freund Michael Becker wählte er ein Haus an der Ostseite der Mauer und planten einen Drahtseilakt. Ihr Plan war, mit einem Flitzebogen eine dünne Angelschnur über die Mauer zu schießen, um daran das dickere Drahtseil zu befestigen. Nach mehreren Fehlversuchen gelang es schließlich. Ingo spannte das Seil von der Westseite aus, und Holger rutschte in die Freiheit. Die Grenzer waren auf einen solchen „Drahtseilakt“ einfach nicht gefasst.
  • Der Luftschlag für Egbert: Die Betkes ließen nicht locker. Um ihren dritten Bruder Egbert zu befreien, ersannen sie einen weiteren spektakulären Plan: Sie wollten ihn mit einem Ultraleichtflugzeug ausfliegen. Das Problem: Sie konnten noch nicht fliegen. Zwei Jahre lang übten sie das Starten und Landen in der Eifel. Am 25. Mai 1989 war es so weit. Holger und Ingo flogen mit getarnten Flugzeugen, versehen mit Russensternen, um nicht sofort beschossen zu werden, von West-Berlin nach Treptow, um Egbert abzuholen. Nach einer holprigen Landung und einem schnellen Einstieg starteten sie zu dritt, wobei die Maschine nun 80 kg schwerer war. Sie landeten direkt vor dem Reichstag. Egbert war zutiefst gerührt über das, was seine Brüder für ihn riskiert hatten. Die Betkes haben die DDR „locker überlebt“, denn „Einigkeit macht eben stark“.

Der Zug in die Freiheit: Harry Detterlings Coup Ebenfalls zu den spektakulären Fluchten gehört der Coup von Lokführer Harry Detterling und Heizer Hartmut Lichi. Am 5. Dezember 1961 durchbrachen sie mit dem Vorortzug „Lok 234“ die Absperrungen an der Grenze zu West-Berlin und brachten 25 Menschen in die Freiheit. Detterling, der sich weigerte, die Teilung Deutschlands zu unterschreiben, bereitete seine Flucht akribisch vor. Er täuschte einen Sinneswandel vor, meldete sich zu Sonderschichten an und überzeugte seine Vorgesetzten, ihn auf die gesicherte Strecke fahren zu lassen. Ohne die Fahrgäste zu informieren, beschleunigte der Zug kurz vor der Grenze. Obwohl es bei einer Kontrolle im Zug Probleme gab und Rufe wie „Anhalten, anhalten, wohin wollt ihr!“ erklangen, reagierten Detterling und Lichi nicht. Sie durchbrachen alle Sperren und erreichten Spandau. Die „Lok 234“ machte Harry Detterling zu einem Helden der 60er Jahre.

Das Erbe der Frechheit Diese Geschichten zeigen, dass die höchste Mauer gegen eine gute Idee Mut, Frechheit und Cleverness sind. Die Menschen, die dem System ein Schnippchen schlugen, ob durch einen Zug, einen Einkaufswagen, eine Elbe-Durchquerung, einen Drahtseilakt oder ein Ultraleichtflugzeug, demonstrierten, dass der menschliche Wille zur Freiheit nicht eingesperrt werden kann. Ihre Taten bleiben unvergessen und sind ein Zeugnis außergewöhnlichen Einfallsreichtums im Angesicht der Unterdrückung.

Die Geheimnisse des Diktators: Erich Honeckers verborgene Welt

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Erich Honecker, der 18 Jahre lang an der Spitze der DDR stand, galt als unscheinbar, unnahbar und undurchschaubar. Ein Machtmensch, der sein Innerstes verhüllte und nur ungern über sich selbst sprach, besonders wenn es viel zu verbergen gab. Nach der Wende wurde im Tresor der Stasi ein roter Koffer entdeckt, der brisante, auch private, Details über Honecker enthielt und das Bild des „Traumpaares der DDR“ als bloße Fassade entlarvte, hinter der sich jahrelange Eheprobleme verbargen. Diese „Geheimakte Honecker“ beleuchtet eine Persönlichkeit, die zwischen öffentlicher Fassade und privatem Chaos changierte.

Die formative Zeit: Widerstand, Verrat und eine rätselhafte Liebe
Honeckers Leben vor seiner Zeit als Staatschef war von prägenden Erlebnissen gezeichnet. Im Dezember 1935 wurde der damals 23-Jährige von der Gestapo verhaftet, da er Mitglied der verbotenen KPD war und im Widerstand gegen Hitler aktiv. Der Berliner Volksgerichtshof verurteilte ihn zu zehn Jahren Zuchthaus. Während Honecker sich später als unbeugsamen Kämpfer gegen den Faschismus stilisierte, deckten Unterlagen im Roten Koffer widersprüchliche Details auf: Ein Gutachten aus der Stasi-Zeit entlastete ihn vollständig, während ein anderes sehr präzise feststellte, dass seine Aussagen in den ersten Verhören der Gestapo durchaus geeignet waren, andere zu belasten – ein Vorwurf, der ihm erheblich geschadet hätte. Diese zwei unterschiedlichen Gutachten waren Teil einer Sicherungsstrategie des Machtapparates der SED, um die Biografien führender Kader zu schützen oder bei Schwachstellen Druckmittel in der Hand zu halten.

Ein weiterer heikler Punkt in Honeckers Leben im Dritten Reich war seine Beziehung zu Charlotte Schanuel, einer Wärterin aus dem Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße, in das er während des Krieges verlegt worden war. Honecker, ein gelernter Dachdecker, nutzte die Reparatur von Bombenschäden zur Flucht, fand aber in seiner verzweifelten Lage Unterschlupf bei Charlotte, die neun Jahre älter war und über gute Kontakte zur NSDAP verfügte. Dank ihrer Hilfe konnte er straffrei ins Gefängnis zurückkehren. Nach Kriegsende heiratete er diese Gefängniswärterin sogar, ein Umstand, den er später selbst engsten Freunden gegenüber verschwieg. Honecker bezeichnete diese Ehe als die „große Liebe seines Lebens“ und sein „größtes Geheimnis“. Es bleibt eine erstaunliche Tatsache, dass seine erste Ehefrau aus diesem nationalsozialistischen Umfeld stammte und er sie erst Ende 1946 heiratete, als er bereits Vorsitzender der von ihm gegründeten FDJ war. Er riskierte seine Karriere aus Liebe oder Dankbarkeit; Charlotte starb kurz nach der Hochzeit.

Aufstieg zur Macht: Ambition, Intrigen und private Turbulenzen
Nach dem Krieg machte Erich Honecker steil Karriere. Er war rhetorisch gewandt, durchsetzungsfähig und „außerordentlich charmant“ – Eigenschaften, die ihm in seiner Parteikarriere zugutekamen. Das Geheimnisvolle an ihm war, dass er sein Inneres kaum jemandem offenbarte, was ein Vorteil für eine Parteikarriere war.

Doch auch sein Privatleben war von komplexen Beziehungen geprägt. Während seine erste Frau noch lebte, begann er vermutlich eine Affäre mit Edith Baumann, seiner Stellvertreterin bei der FDJ. Obwohl er diese Beziehung später als pragmatisch schilderte – sie habe ihm stark bei der politischen Arbeit geholfen und gut Schreibmaschine schreiben können – heiratete er Edith Baumann im Dezember 1949, als sie schwanger war.

Doch die Ehe währte nicht lange: Nur kurz darauf kehrte Honecker von einer Moskau-Reise mit einer neuen Geliebten zurück: Margot Feist, ebenfalls eine FDJ-Funktionärin, aber 15 Jahre jünger und attraktiv. Margot sei „unheimlich klug“ und eine „unheimlich kluge Taktikerin“ gewesen, die ihn „voll im Griff“ hatte und eine geeignete Partie für seinen Machtwillen darstellte.

Diese Affäre sorgte in den höchsten Kreisen für Unruhe. Edith Baumann kämpfte um ihren Ehemann und schrieb sogar an Walter Ulbricht, Honeckers Mentor, um die Konkurrentin auszuschalten. Obwohl Edith Baumanns Brief in Mielkes Rotem Koffer landete, verließ Honecker seine Frau und heiratete Margot, die jugendliche Rivalin hatte gesiegt.

Honeckers Karriere schritt voran. Er war ehrgeizig und kampfbereit, wie seine Anstiftung der FDJ-Mitglieder zu einem Marsch nach West-Berlin bei den Weltfestspielen 1951 zeigte, der zu Zusammenstößen mit der Polizei führte. Er wusste, wo die Macht lag und wie er für sich persönlich das Beste herausholen konnte, und orientierte sich stark an Walter Ulbricht. 1958 machte Ulbricht Honecker zum Vollmitglied des Politbüros. Im Krisenjahr 1961, als täglich Hunderte die DDR verließen, übernahm Honecker die logistische und methodische Organisation des Mauerbaus – sein „Gesellenstück“. Er nahm das Leid der Menschen in Kauf, um die Stabilisierung der DDR und seine eigene Macht zu sichern.

Der Sturz des Mentors und der „Machtmensch“ Honecker
In den folgenden Jahren stieg Honecker zum Kronprinzen und zweiten Mann hinter Ulbricht auf. Doch Ulbricht dachte nicht daran, seine Macht abzugeben. Im Juli 1970 kam es zur Machtprobe: Ulbricht forderte in einer Rede in Rostock Reformen und mehr Marktwirtschaft. Honecker nutzte die Gunst der Stunde, da Ulbricht durch Alleingänge die Sympathien Leonid Breschnjews, des sowjetischen Parteichefs, verloren hatte, indem er sich wiederholt arrogant über die Überlegenheit der DDR-Wirtschaft gegenüber der Sowjetunion äußerte. Honecker suchte Kontakt zum Sowjetführer und stürzte Ulbricht 1971 mit Breschnjews Zustimmung in einem „kalten Putsch“. Für Honecker bedeuteten alte Loyalitäten nichts mehr. Die Monate zwischen Honeckers Machtübernahme und Ulbrichts Tod waren „eigentlich eine Zeit der öffentlichen Hinrichtung von Walter Ulbricht“. Honecker, ein überzeugter Stalinist, für den Befehle kompromisslos ausgeführt wurden, ging dabei „über Leichen“.

An der Spitze angelangt, veränderte sich Honecker. Er wurde noch kontrollierter und unnahbarer, und private, gesellige Runden gehörten der Vergangenheit an. Er schottete sich immer weiter ab, das Symbol dafür war Wandlitz, die Wohnsiedlung des Politbüros. Obwohl die Honeckers dort angeblich „bescheiden“ lebten, besaßen sie luxuriöse Einrichtungen, Westernware in der Küche und ließen sich Südfrüchte und Kosmetik aus dem Westen liefern. Margot Honecker schien dabei die Realität der einfachen DDR-Bürger völlig auszublenden; sie wusste nicht, wie die Wirklichkeit aussah und schimpfte, wenn Leute in langen Schlangen standen. Selbst auf der Ferieninsel Hiddensee wurden Brötchen täglich aus dem 300 km entfernten Wandlitz geliefert – eine „überspitzte Sicherheitsmaßnahme“. Es wird auch berichtet, dass sich Honecker Pornofilme aus dem Westen besorgen ließ.

Eine zerrüttete Ehe und die Illusion des Glücks
Die Ehe der Honeckers war angeblich völlig zerrüttet. Dem Bundesnachrichtendienst war 1981 bekannt, dass Honecker zahlreiche außereheliche Beziehungen hatte und gerne in Gesellschaft junger Frauen war. Auch Margot soll eigene Wege gegangen sein, wie Stasi-Chef Mielke Honecker informierte, was diesen „sehr enttäuschte“. Margot führte jahrelang ein Doppelleben. Doch Honecker war gegen seine Frau machtlos, auch politisch, da sie seit 1963 Ministerin für Volksbildung war. Ihre offiziellen Briefe an ihn, die Überschriften wie „werter Staatsratsvorsitzender, wie ich Ihnen schon wiederholt mitgeteilt habe, Sie aber offensichtlich nicht begriffen haben“ trugen, zeugen von einer „Hölle“ dieser Ehe. Trotz aller Krisen blieb das Paar unzertrennlich; er habe sie „sehr sehr geliebt“. Das gemeinsame Lebenswerk und die gemeinsame Tochter Sonja schweißten sie zusammen. Für Honecker waren Tochter und Enkelkinder (Roberto, geboren 1974, und Mariana) ein Ruhepol. Bei ihnen gab es „kein böses Wort“, er war „ganz Opa“ und freute sich, wenn sie Fahrradfahren lernten. Enkel Roberto wurden alle Wünsche erfüllt, sein Spielzeugzimmer war voller Spielzeug aus dem Westen.

Obwohl Honecker in der Politik auf Macht und notfalls Gewalt setzte, zeigte er sich selten menschlich. Die spätere Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld beschrieb ihren ersten Eindruck von ihm bei einem Besuch als „eine kleine graue, verhuschte Maus“ – ein Bild, das nicht zum „allmächtigen Diktator“ passte.

Der Niedergang: Starrsinn, Schicksalsschläge und das Ende einer Ära
Honeckers Haltung zur Gewalt zeigte sich 1980, als in Polen die Solidarność-Bewegung gegründet wurde. Er ließ Pläne für eine militärische Intervention ausarbeiten und probte 1981 mit sowjetischen Verbündeten den Ernstfall, bereit, bewaffnete Gewalt zur Sicherung seiner Macht einzusetzen.

Seine Fähigkeit, sich zu verstellen, wurde deutlich, als er 1981 Bundeskanzler Helmut Schmidt empfing: Je zurückhaltender und ärgerlicher Schmidt wurde, desto aufgekratzter zeigte sich Honecker, präsentierte Normalität und Nettigkeit. Er wusste sich zu verstellen und behielt seine wahren Gefühle für sich. Anerkennung durch das Westfernsehen war ihm besonders wichtig.

1987 schien er auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen zu sein, als er zu einem Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland von Bundeskanzler Kohl mit allen Ehren empfangen wurde. Er war aufgeregt wie „ein kleiner Junge“ und wollte eine gute Figur machen. Als er sein Elternhaus im saarländischen Wiebelskirchen besuchte, wurde der kühle Funktionär sentimental und für einen Moment leichtsinnig, als er sagte: „dann wird auch der Tag kommen, in dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern Grenzen uns vereinen“. Dieser Alleingang irritierte seine Genossen in Ost-Berlin und Moskau und markierte den Höhe- und Wendepunkt seiner Karriere.

Ab 1988 ging es abwärts. Im Januar 1988 traf ihn der Tod seiner zweijährigen Lieblingsenkelin Mariana, die an einer Virusinfektion, verstärkt durch Luftverschmutzung, erstickte. Dieser Schicksalsschlag erschütterte ihn tief; nie zuvor war ihm der Tod eines Menschen so nahegegangen. Er veränderte sich, wurde müde und starr, auch bedingt durch seine fortschreitende Arteriosklerose. Ende der 80er Jahre war er ein „vorzeitig gealterter Mann, dessen Welt zerbröckelte“.

Honecker verweigerte sich der Realität. Als Ungarn 1989 die Grenze zum Westen öffnete, sprach er von einer „grenzkosmetischen Maßnahme“. Wenige Monate später brach er mit Gallenkoliken zusammen und musste operiert werden. Während seiner Genesung, in einem informationsfreien Raum, bekam er wenig von den Massendemonstrationen im Land mit. Trotz der Wut der Straße dachte er nicht an Rücktritt, da dies seinem Selbstverständnis als KP-Chef eines kommunistischen Landes widersprach.

Am 17. Oktober 1989, nur wenige Tage nach der 40-Jahr-Feier der DDR, wurde er im Politbüro zum Rücktritt aufgefordert. Er wehrte sich, drohte auszupacken – womöglich spielte er auf den Roten Koffer an – doch gab schließlich auf. Chefverschwörer und Nachfolger war sein Kronprinz Egon Krenz. Honecker widerfuhr dasselbe Schicksal, das er einst Ulbricht angetan hatte – „der Fluch der bösen Tat“.

In seinen letzten Lebensjahren, todkrank an einem Nierentumor leidend, fand er in der Krise wieder zu Margot. Sie erhielten Asyl bei einem Pfarrer in Lobetal, Brandenburg. Selbst in dieser Zeit zeigte er bis zum Ende weder Reue noch Einsicht. Er resümierte stundenlang über seine Stellung als Staatschef der souveränen DDR, aber für die Toten an der Mauer, für die er angeklagt war, fand er kein Wort. Alte Gesinnungsfreunde wie PLO-Chef Jassir Arafat hielten noch zu ihm und unterstützten ihn finanziell. 1993 durfte er nach Chile ausreisen, wo er 1994 starb.

Bis zum Schluss hielt Honecker starrsinnig an seiner Sicht der Dinge fest. Er war ein „reiner Machttautomat“ mit wenig menschlicher Ausstrahlung, der sich in eine „Scheinwelt des erfolgreichen Sozialismus“ einspinnen ließ, die mit der Wirklichkeit im Lande immer weniger zu tun hatte. Diese Naivität befähigte ihn, aber er hatte auch eine „Hornhaut auf der Seele“. Er kam sich vor als „ein kleiner Weltführer des Proletariats“, doch handelte er nie im Sinne des Proletariats.

In Deutschland zurück blieb der rote Koffer mit Honeckers Akten, darunter zwei abgelehnte Gnadengesuche seines Vaters aus den Jahren 1939 und 1942, mit der Begründung, Honecker sei ein „unbelehrbarer Anhänger des Kommunismus“ – darauf war er zeitlebens stolz.

Schwerin 1990: Zwischen maroder Realität und dem Ruf nach „einem neuen Leben“

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Schwerin, 1990. Während vor 40 Jahren – also 1949 – noch Lieder der Freien Deutschen Jugend von einem „Aufbruch in ein neues Leben“ und dem Wunsch nach Einheit der Millionen erklangen, offenbart sich heute, nach der Grenzöffnung, eine ernüchternde Realität, die viele Bürger in tiefes Nachdenken und Erschütterung versetzt. Die Stadt, einst Schauplatz von Liedern über den Aufbruch, kämpft nun mit massiven Alltagsproblemen, die überhandgenommen haben und den Verdruss der Bürger stetig vergrößern.

Ein Atemzug voller Rauch und Asche: Umwelt und Infrastruktur am Limit
Offiziell mag es in Schwerin keinen Smog geben, wie der zuständige Stadtrat erklärt. Doch der tägliche Blick aus dem Hotelfenster während der Dreharbeiten zeichnet ein anderes Bild: Die Schweriner klagen häufig über schlechte Luft, eine drückende Atmosphäre und zu wenig Sauerstoff. Rauch, Auspuffgase, Kohlenstaub und Asche schlagen sich täglich in der Stadt nieder, besonders im Winter, und die Bewohner haben sich an diesen Schmutz gewöhnt.

Die Ursachen sind oft hausgemacht und in der maroden Infrastruktur verwurzelt. Ein Besuch auf dem Hof der Stadtwirtschaft enthüllt das Ausmaß des Verfalls: Müllfahrzeuge sind bis zu 17 Jahre alt und längst abgeschrieben, obwohl sie spätestens nach fünf Jahren ausgemustert werden müssten – aus verkehrstechnischen Gründen und zur Sicherheit. Ironisch bemerken die Arbeiter, sie hätten dieser alten Technik ein „zweites und drittes Leben eingehaucht“, weil „es die Partei so wollte“. Von sieben Müllfahrzeugen ist aktuell nur eines einsatzbereit. Der Grund? Defekte wie eine Kopfdichtung, für die ein Wagen bereits zwei Wochen in der Werkstatt steht, da Ersatzteile fehlen. Ein erst ein Jahr alter Wagen wartete wegen einer Kopfdichtung sogar drei Jahre auf Reparatur. Diese Zustände führen dazu, dass Müll nicht abgeholt werden kann und Bürger zunehmend schimpfen, woraufhin die Mitarbeiter nur vertrösten können. Auch bei der Arbeitskleidung hapert es: Produktionsarbeiter erhalten nur einmal im Jahr einen Anzug, der oft nur ein halbes Jahr hält; Winterhandschuhe gibt es im Sommer und umgekehrt.

Wohnungsnot und undurchsichtige Vergabe: Ein Kampf um die eigenen vier Wände
Die Wohnungssituation in Schwerin ist katastrophal. Während das SED-Wohnungsbauprogramm seit 1972 „sicher, trocken und warm“ als Devise ausgab und offiziell für jeden zweiten Schweriner erfüllt wurde, kämpfen unzählige Menschen weiterhin um eine angemessene Bleibe. Ein 22-Jähriger lebt mit seinem 25-jährigen Bruder und den Eltern in einem halben Zimmer, da es „aussichtslos“ ist, eine eigene Wohnung zu finden – man müsse angeblich mindestens 27 Jahre alt sein, um eine Chance zu haben.

Die Probleme sind vielschichtig: Neben einem absoluten Mangel an Wohnraum beklagen Bürger „Schiebereien“ und Vetternwirtschaft bei der Wohnungsvergabe. Es wird berichtet, dass ehemalige Arbeitskollegen innerhalb weniger Wochen Wohnungen erhielten, während andere jahrelang warten. Viele Wohnungen in Schwerin stehen leer, werden aber angeblich als „vergeben“ deklariert, obwohl sie unbewohnt bleiben. Eine Soldatin äußert ihre Frustration über die Inkompetenz der Verantwortlichen, die einfache Lösungen blockieren, obwohl mit nur einer frei gewordenen Wohnung (z.B. durch Ausreise) gleich drei Wohnungsprobleme gelöst werden könnten. Eigeninitiative ist oft der einzige Weg, doch auch hier stoßen Bauherren auf unüberwindbare Hindernisse: Es fehlen Nägel, Mauersteine, Dachziegel, Zement und vor allem Holz. Beziehungen über Bekannte sind entscheidend, um überhaupt Fortschritte zu erzielen. Der Staat stellt zwar großzügig Geld für Material und Arbeitszeit zur Verfügung, doch wenn die Materialien nicht lieferbar sind, hilft das wenig. Städtische Bauprojekte sind oft von langen Verzögerungen betroffen, da zum Beispiel Dachziegel wochenlang auf dem Bürgersteig lagern, weil das Holz für den Dachstuhl fehlt. Die Planwirtschaft der DDR konzentrierte sich auf Neubauten, während die Renovierung alter Bausubstanz als „zu teuer, zu aufwendig und langwierig“ galt.

Gesundheitswesen in Not: Unvollendete Bauten und fehlende Grundversorgung
Auch das Gesundheitswesen ist schwer angeschlagen. Versprechungen, die in anderen Bereichen nur zu Vertröstungen führten, bedeuten hier für Patienten monate- bis jahrelange Wartezeiten bei notwendigen Operationen. In der Klinik für Orthopädie wird seit Jahren an einem neuen Operationstrakt gebaut, doch seit zwei Jahren fehlen drei Fenster, die eigentlich geliefert werden sollten. Ein Handwerker, der seit 28 Jahren in der Klinik arbeitet, berichtet von extremen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Medikamenten, selbst gewöhnliche Präparate sind oft nicht erhältlich.

Auf einer weiteren Baustelle im Krankenhaus, die seit sechs Jahren ruht und ein „gut gehütetes Geheimnis“ war, sollten Patientenzimmer entstehen, die bis heute dringend benötigt werden. Die Zustände sind teils prekär: Patienten müssen für Röntgenaufnahmen oder Spezialuntersuchungen bei Wind und Wetter über das freie Gelände transportiert werden, da seit 21 Jahren ein dringend benötigter Fahrstuhl fehlt. Es mangelt an grundlegenden Dingen wie Tellern, Töpfen und Warmhaltegeschirr. Der Personalmangel zwingt dazu, ungelernte Hilfskräfte aus der Armee einzusetzen.

Die „Gängelei“ der Planwirtschaft und eine neue Transparenz
Die tiefgreifenden Probleme der Stadt spiegeln die Dysfunktion der zentralen Planwirtschaft wider. Waren des täglichen Bedarfs, wie frischer Käse aus Holland, kommen unangekündigt an und stehen stunden- oder tagelang im Regen, da Lagerräume fehlen oder überfüllt sind. Der Transportweg von Lebensmitteln ist absurd: Der Käse wird zunächst in ein Außenlager transportiert, dann wird entschieden, welcher Laden wie viel Käse erhält, und erst dann kommt er zurück zur Einlagerung und schließlich in die Geschäfte. Produkte, die kaum nachgefragt werden, wie bestimmte Spirituosen und Süßigkeiten, werden weiterhin in unverminderter Menge produziert, da es kaum Bedarfsforschung gibt.

Ein Lagerleiter beklagt seit Jahren Desorganisation, Fehlplanungen und mangelnde Sauberkeit und Hygiene. Vorschläge zur Verbesserung werden aus „Kapazitätsgründen“ abgelehnt. Er berichtet, dass das Gesundheitsamt unregelmäßig kontrolliert und dass neu eingestellte Mitarbeiter oft keinen Gesundheitspass vorlegen müssen. Der Fachdirektor für Warenbewegung bezeichnet die Lebens- und Arbeitsbedingungen für seine Mitarbeiter als „katastrophal“. Er hofft auf Veränderungen, aber nur, wenn Betriebe eigenverantwortlich wirtschaften und von jeder „Gängelei“ abgehalten werden. Die starren Pläne und Verträge der Planwirtschaft hätten zu dieser Situation geführt; das Wort „Gängelei“ sei neu im Sprachgebrauch, aber die Realität habe gezeigt, wohin es führt.

Die Medien, die jahrelang „nur die guten Seiten dieser Gesellschaft“ zeigten und sich hinter einer Medienpolitik versteckten, die das Positive hervorhob, sehen sich nun einer Flut von Problemen gegenüber. Nachrichten, die früher unterdrückt wurden, wie die der Behindertenbewegung, kommen jetzt ans Licht. Journalisten, die die Schere zwischen Realität und Darstellung wahrnahmen, beginnen nun, die Dinge „mit anderen Augen zu sehen“, was eine „Erschütterung“ auslöst.

Die Schweriner sind geplagt von „Versprechungen, Versprechungen, immer nur Versprechungen“, die zu nichts führten. Viele Menschen, wie ein Busfahrer, der 30 Jahre in Schwerin gelebt hat, ziehen nun die Konsequenzen und verlassen die Stadt für Arbeit und Wohnraum in Westdeutschland, etwa in Kassel oder Lübeck. Doch inmitten dieser schwierigen Realität bleibt die Hoffnung bestehen, die man „nicht aufgeben darf“. Das Leben muss anders werden – ohne Hunger, ohne das, was diese Zeit prägt. Es kommt auf jeden Einzelnen an, um in ein neues Leben aufzubrechen.