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Elbe auf historischem Tiefstand: Magdeburg kämpft mit den Folgen

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Magdeburg – Die Elbe in Magdeburg hat einen historischen Tiefstand erreicht und sorgt für ernste Probleme und Besorgnis. Gestern fiel der Wasserstand an der Strombrücke auf nur noch 44 Zentimeter, ein Wert, der seit Beginn der modernen Messungen und Dokumentationen noch nie erreicht wurde. Zum Vergleich: Der bisherige Tiefstwert im Jahr 2019 lag bei 45 Zentimetern. Heute stieg der Pegel leicht auf 45 Zentimeter, was jedoch für die Schifffahrt weiterhin nicht ausreicht.

Auswirkungen auf die Schifffahrt und alternative Routen Die niedrigen Wasserstände haben drastische Auswirkungen auf die Schifffahrt. Boote mit Flachboden, wie die der „Weißen Flotte“, benötigen mindestens 65 Zentimeter Wasser unter dem Kiel, um sicher navigieren zu können. Unterhalb dieses Wertes wird es gefährlich, da das Flussbett der Elbe uneben ist und Hindernisse birgt. Infolgedessen kann die „Weiße Flotte“ nicht auf der Elbe fahren. Eine Alternative bietet derzeit der Mittellandkanal, der weiterhin beschiffbar ist und eine Wassertiefe von mindestens 4 bis 5 Metern unter dem Kiel bietet. Über diesen Kanal können Schiffe ganzjährig zwischen dem Rhein und der Oder verkehren, es sei denn, Packeis legt im Winter die Schifffahrt still.

Gefahren im Fluss und die Strömung Trotz des geringen Wasserstandes, der die Elbe kniehoch erscheinen lässt, warnen Experten dringend davor, den Fluss zu betreten oder darin zu baden. Das Flussbett der Elbe ist nicht flach, sondern weist viele Vertiefungen und Mulden auf, in denen man plötzlich bis zur Nase im Wasser verschwinden kann. Zudem gibt es an den Buhnen gefährliche Stromschnellen, die Menschen ins Wasser ziehen können. Die Strömung der Elbe ist mit 16 km/h sehr stark und reißt Schwimmer, die in die Fahrrinne geraten, nur schwer wieder heraus. Daher wird dringend davon abgeraten, die Elbe bei Niedrigwasser zum Baden oder Schwimmen zu nutzen.

Gravierende Folgen für die Natur Der niedrige Wasserstand hat auch gravierende Folgen für die Natur. Wenn der Elbpegel sinkt, wirkt sich dies direkt auf die Fischbestände aus. Nach der Wende hatten sich die Fischbestände in der Elbe, nachdem sie sauberer wurde, erfreulich entwickelt, und es gab wieder Elbefischer. Doch nun vertrocknen Fischschwärme in den Flussarmen, da das Wasser dort zurückgeht. Besonders betroffen sind auch Lachse, die im Rahmen eines Ansiedlungsprojekts südlich von Magdeburg in einem Zufluss der Elbe (der Nute) seit 2009 angesiedelt werden. Junge Lachse schwimmen in die Nordsee und den Atlantik, kehren aber im Erwachsenenalter zum Laichen in die Elbe zurück. Bei Niedrigwasser ist es für diese großen Fische jedoch ein erhebliches Problem, ihre Laichplätze zu erreichen, da dort absolut kein Wasser mehr vorhanden ist.

Ursachen und begrenzte Lösungsansätze Die Elbe ist ein Transitfluss, der von Tschechien bis zur Nordsee fließt. Das bedeutet, dass lokaler Regen in Sachsen-Anhalt oder Sachsen kaum Auswirkungen auf den Wasserstand der Elbe hat. Damit der Wasserpegel wieder merklich steigt, muss es in Tschechien mindestens drei oder vier Tage richtig stark regnen. Die erwarteten Gewittergüsse am bevorstehenden Wochenende im Osten Deutschlands werden voraussichtlich nicht ausreichen, und danach wird es wieder warm, was zur Verdunstung führt. Es wird erwartet, dass der Kampf mit dem Niedrigwasser wahrscheinlich die gesamte Saison andauern wird.

Gegen den niedrigen Wasserstand kann man kaum etwas tun. Eine Möglichkeit wäre der Bau von Staustufen, wie sie vor Jahrzehnten am Rhein und an der Mosel realisiert wurden, um die Schifffahrt zu ermöglichen. Dies wird jedoch für die Elbe nicht gewünscht, da an ihren Ufern Biosphärenreservate liegen, die in ihrem natürlichen Zustand erhalten bleiben sollen. Das Aufstauen des Wassers würde dieses sensible Ökosystem zerstören. Auch wenn die Tschechen ihre Talsperren öffnen und Wasser ablassen könnten, wäre dies nur eine temporäre Lösung für wenige Stunden, da das Wasser schnell abfließt und der Wasserstand danach wieder sinkt. Letztendlich bleibt nur das Warten auf ergiebigen Regen – und dieser muss in Tschechien fallen.

Zwischen Tradition und Neuanfang: Junge Hände beleben Görlitzer Kleingärten

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Görlitz und sein Umland beheimaten rund 5500 Kleingärten, die in 107 Vereinen organisiert sind und idyllische Namen wie „Blumenaue“ oder „Friedensblick“ tragen. Die meisten dieser Vereine sind Mitglieder im Niederschlesischen Kleingärtnerverband e.V., einer zentralen Instanz, die als Vermittler zwischen den Grundstückseigentümern und den Pächtern – den eigentlichen Kleingärtnern – fungiert. Sven Umlauft, der erste Vorsitzende des Verbandes seit September 2022, beschreibt die Rolle des Verbandes treffend als eine Art Hausverwaltung, die die Interessen der Kleingärtner umsetzt und sicherstellt, dass die Gärten dem Bundeskleingartengesetz entsprechen.

Die ersten zwei Jahre unter Sven Umlaufts Führung waren intensiv. Er und sein Team investierten viel Zeit, um die Unterlagen aller Sparten auf den aktuellen Stand zu bringen, da zuvor Verträge fehlten. Ziel dieser Anstrengungen war und ist der Schutz aller Beteiligten: der Vereine, der Eigentümer, des Verbandes und nicht zuletzt der Pächter. Der Verband betreibt ein Büro in der Görlitzer Innenstadt und beschäftigt vier festangestellte Mitarbeiter sowie elf ehrenamtliche Vorstandsmitglieder, darunter auch Sven Umlauft selbst. Die Arbeit sei anspruchsvoll, da sich die Geschäftsstelle hauptsächlich mit Problemfällen von Vereinsvorständen oder Pächtern befasst. Umlauft betont die große Dankbarkeit gegenüber seinem Vorstand und seinen Mitarbeitern, die sich weit über die regulären Arbeitszeiten hinaus engagieren. Ohne die Unterstützung seiner Familie, die hinter seinem ehrenamtlichen Engagement steht, wäre dies nicht möglich, so Umlauft.

Herausforderung: Leerstehende Gärten
Ein akutes Problem des Verbandes sind die derzeit rund 300 leerstehenden Parzellen von insgesamt 5500. Während einige Gärten mit wenigen Handgriffen wieder nutzbar gemacht werden könnten, stehen andere seit vielen Jahren leer und werden von den zuständigen Vereinen vernachlässigt. Um dem entgegenzuwirken, hat der Verband im Herbst eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Sven Umlauft macht dabei deutlich, dass die Spenden nicht dem Verband zugutekommen, sondern gezielt in die einzelnen Vereine fließen sollen, um die Sanierung dieser lange leerstehenden Gärten zu finanzieren. Er betont: „Ich will mir das Geld nie in meine eigene Tasche stecken… Ich möchte daraus schöne Projekte machen.“. Dabei sei keine große Spende nötig; auch kleine Beträge von 1 oder 2 Euro von vielen Spendern würden helfen.

Interessenten für Kleingärten zu finden, sei hingegen „unproblematisch“. Täglich erreichen das Büro Anrufe. Der Verband nimmt die Daten der Interessenten auf und leitet sie an die Vereine weiter, je nachdem, in welchem Stadtteil ein Garten gewünscht wird. Die Altersstruktur der neuen Pächter ist dabei gemischt: Neben der Jugend, die zunehmend Interesse zeigt und gefördert werden soll, werden Gärten auch an ältere Menschen verpachtet, die oft überraschend schnell und motiviert die Gärten wiederherrichten.

Unsicherheit durch Eigentümerwechsel und KommWohnen
In den letzten drei Jahren gab es eine gewisse Unruhe unter den Kleingärtnern in Görlitz, da die Stadt nach und nach ihre Kleingartenanlagen an KommWohnen überträgt. Viele Pächter äußerten die Sorge, ihre Gärten zu verlieren. Arne Mückert, Geschäftsführer von KommWohnen, hat diese Befürchtungen jedoch mehrfach zerstreut. Er stellt klar, dass KommWohnen lediglich in die Fußstapfen der Stadt tritt und die Verwaltung der Parzellen lediglich einen Wechsel des Sachbearbeiters bedeutet, nicht aber eine Änderung der Widmung der Grundstücke. Eine Umwidmung der Parzellen, etwa zu Bauland, ist nicht ohne Weiteres möglich und erfordert einen Stadtratsbeschluss. Da KommWohnen eine kommunale Gesellschaft ist, bestehe keinerlei Gefahr, dass eigene Wege gegangen werden, so Mückert.

Auch Sven Umlauft, der anfangs zwiegespalten war, blickt der Situation nun positiv entgegen. Er betont, dass die Kommunikation mit KommWohnen und der Stadt sich deutlich verbessert hat und die Befürchtung der Pächter, aus Gartenland werde Bauland, unbegründet ist. Er erklärt: „Nein das hat die Komwon nie vor und jetzt muss ich einfach mal drei sagen sie kann es doch einfach nie so Es muss durch den es muss durch den Stadtrat es muss durch unseren Kleingartenbeirat es muss durch so viele Institutionen durch wo Menschen die auch selber einen Garten haben ja sagen müssen In meinen Augen ist das einfach mal so nicht möglich.“.

Mit dem Beginn der Saison nimmt das Kleingärtnerleben in Görlitz wieder Fahrt auf. Es wird gepflanzt, gegraben und gestrichen, und es ist wahrscheinlich, dass sich unter den altgedienten Kleingärtnern auch einige neue Gesichter finden werden. Die Gemeinschaft und die grünen Oasen in Görlitz scheinen trotz aller Herausforderungen eine lebendige Zukunft vor sich zu haben.

Dessau, 7. März 1945: Eine Stadt im Inferno des Bombenkriegs

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Der 7. März 1945 ist ein Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis Dessaus eingebrannt hat. Was für manche als ein vermeintlich „schönster Tag“ begann, endete in einer Nacht der brennenden Zerstörung und tiefgreifenden Verluste, die das Stadtbild und das Leben ihrer Bewohner unwiderruflich veränderte.

Die Nacht des Schreckens
Ein Zeitzeuge beschreibt die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht als eine „fürchterliche halbe Stunde“ des Schreckens. Der Angriff kündigte sich mit den berüchtigten „Christbäumen“ an, Leuchtmarkierungen, die den nachfolgenden Bombenhagel einleiteten. Die Intensität des Bombardements war so immens, dass sich der Luftschutzkeller, in dem Menschen Schutz suchten, „richtig bewegte“ – ein beängstigendes Erlebnis, das keine Einbildung war. Inmitten des Chaos und der Angst hielt eine Person ihren Sohn Peter fest und dachte in ihrer Not nur: „wenn es uns trifft, dann sind wir wenigstens viereckig“.

Ein Bild der Verwüstung
Nach der ersehnten Entwarnung offenbarte sich den Überlebenden ein Bild der totalen Zerstörung: „rechts und links brannte“ es überall, und in der Ferne brannte auch das Haus des Fleischermeisters weiter. Ein Blick auf das eigene Zuhause zeigte die verheerenden Auswirkungen: „alle Fenster raus“ und das Haus auf der Rückseite „eingedrückt“. Ein weiteres erschreckendes Detail war eine 20-Zentner-Bombe, die ungezündet im Garten lag. Trotz des umgebenden Chaos hatte die Mutter des Berichterstatters Glück im Unglück und überlebte unverletzt im „kaputten Keller“.

Persönliche Tragödie und menschlicher Verlust
Die Tage des 7. und 8. März 1945 brachten nicht nur materielle Zerstörung, sondern auch tiefgreifende persönliche Tragödien mit sich. Eine besonders bewegende Geschichte ist die des jungen Manfred, eines vernünftigen Jungen, der das Goethe-Gymnasium besuchte. Nachdem er vom Fleischermeister Schmelzer Essen erhalten hatte, wurde ihm geraten, nicht zurückzukehren. Doch auf seinem Heimweg versuchte Manfred, ein „kleines Feuer auszumachen“. Diese scheinbar kleine, mutige Tat endete tödlich; ein Nachbar berichtete später, dass Manfred dabei ums Leben kam und „in einer Decke nach Hause getragen“ werden musste. Diese Geschichte verdeutlicht den unmittelbaren und tragischen menschlichen Preis des Bombenkriegs.

Kriegskontext und Propaganda
Die Ereignisse in Dessau waren Teil eines umfassenderen Krieges, der auch im Quellenmaterial angesprochen wird. Es wird von der Entwicklung „neuer Flugzeug- und Motorenmuster“ berichtet, die für eine „neue deutsche Luftwaffe“ eine „gewaltige Aufgabe“ darstellten. Die Ideologie der Zeit betonte die Notwendigkeit von „Tapferkeit und Einsatzbereitschaft“, da jeder seine „Pflichten“ zu erfüllen habe. Auch die deutschen Luftangriffe gegen England werden erwähnt, wobei „deutsche Kampfflugzeuge in geschlossener Formation“ über den Kanal flogen, um „Großangriffe auf Industriezentren“ durchzuführen und dabei auf „englische Jäger“ trafen. Eine persönliche Aussage in der Quelle, dass man „vom Nationalsozialismus überhaupt nichts gespürt“ habe, kann verschiedene Interpretationen zulassen, sei es eine Form der Verdrängung, Unwissenheit oder eine Konzentration auf den Alltag inmitten des Krieges.

Der 7. März 1945 bleibt ein dunkles Kapitel in der Geschichte Dessaus, das von Zerstörung, Verlust und unermesslichem Leid geprägt war. Die Erinnerungen an diesen Tag verdeutlichen die Brutalität des Krieges und die tiefen Narben, die er in den Herzen der Überlebenden hinterließ.

Das sterbende Herz Berlins: Wie das SED-Regime die historische Seele der Stadt zerstörte

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Berlin, einst das pulsierende Zentrum einer Weltstadt, verliert zunehmend seine historische Identität. Ein erschreckendes Bild zeichnet sich ab: Nach den Verwüstungen des Krieges setzte das SED-Regime in Ost-Berlin eine systematische Zerstörungswelle in Gang, die das kulturelle Erbe der Stadt unwiederbringlich auslöschte und Alt-Berlin zum Sterben verurteilte.

Das Stadtschloss: Symbol einer bewussten Zerstörung
Im Herzen Berlins stand einst das Stadtschloss, ein Bauwerk, das fünf Jahrhunderte Kunst und Geschichte präsentierte und von Baumeistern wie Andreas Schlüter geprägt wurde, wodurch es zu einem der bedeutendsten Kunstwerke der Welt avancierte. Am 3. Februar 1945 brannte das Schloss bei einem Tagesangriff aus, doch der monumentale Torso, insbesondere der Schlüterhof mit seiner intakten Fassade, blieb erhalten. Fachleute waren sich einig: Ein Wiederaufbau zur alten Schönheit wäre möglich gewesen.

Doch die „Pankower Regierung“ (gemeint ist die SED-Regierung) beschloss im August 1950 trotz des noch vorhandenen Schlüterhofs und der Möglichkeit des Wiederaufbaus die Sprengung des Schlosses. Das Politbüro der SED begründete diese Entscheidung damit, den „Imperialismus Preußens bekämpfen“ zu müssen. Eine absurde Begründung, da der Wert von Kunstwerken nicht an gesellschaftliche Verhältnisse gebunden ist, aus denen sie stammen. Vielmehr ordneten die Totalitären alles ihren politischen Absichten unter: Der Wunsch nach Massenaufmärschen führte nicht nur zur Zerstörung des Schlosses, sondern auch der einzigartigen Platzanordnung, an deren Gestaltung Schlüter und Schinkel mitgewirkt hatten.

Ironischerweise versuchte Ulbricht später, mit dem neuen Staatsratsgebäude, in das Reste der Schlüterfassade (von deren Balkon Karl Liebknecht 1918 die Republik ausgerufen hatte) eingebaut wurden, eine neue Tradition zu konstruieren. Von den vielen architektonischen Plastiken des Schlosses, die vor der Sprengung dokumentiert wurden, ist laut einem Katalog lediglich ein einziger Kopf erhalten geblieben, obwohl der Ministerrat einst verbindlich versprochen hatte, „alles zu bewahren“.

Eine systematische Auslöschung des Alten Berlin
Die Sprengung des Stadtschlosses war nur der Auftakt einer weitreichenden Zerstörungswelle:

• Das barocke Reichspräsidentenpalais, einst Amtssitz Friedrich Eberts, wurde nach Kriegsschäden und jahrelanger Vernachlässigung 1960 gesprengt.

• Das Schloss Monbijou, ein Kleinod Berliner Architektur, wurde trotz vieler Restaurierungspläne bis 1960 zugunsten einer Grünfläche abgerissen.

• Schinkels Bauakademie, sein „kühnstes und modernstes Werk“, wurde zunächst aufwendig restauriert, nur um kurz vor Fertigstellung dem geplanten Neubau des Außenministeriums weichen zu müssen.

• Auch die Nationalgalerie, deren Abteilung für zeitgenössische Kunst von den Nazis als „entartet“ geschmäht wurde und unter Denkmalschutz stand, wurde 1959 niedergerissen – es blieb eine Baugrube.

Das Schicksal vieler weiterer Denkmäler war besiegelt: Geplante oder erwogene Wiederaufbauten wie das Wachgebäude am Potsdamer Tor, die Palais für Prinz Alexander und Georg, sowie das Kronprinzenpalais wurden stattdessen zerstört.

Selbst weniger monumentale, aber geschichtsträchtige Orte fielen der Abrissbirne zum Opfer:

• Der Niki Keller und der klassizistische Bau von Lutter & Wegner, inklusive der weltberühmten Weinstube Eta Hoffmanns, hätten erhalten bleiben können, wurden aber 1962 beseitigt.

• Die Ostberliner Garnisonkirche und das älteste Bürgerhaus Berlins am Hohen Steinweg verschwanden ebenfalls.

• Die Raabe-Diele, die Stammkneipe des Schriftstellers, wurde nach dem Krieg mit erheblichen Mitteln und Propaganda restauriert, westliche Abrissmeldungen wurden empört dementiert, nur um dann 1963 doch beseitigt zu werden.

Moderne Visionen auf den Trümmern der Geschichte
Das neue städtebauliche Konzept für das Berliner Stadtzentrum, vom Politbüro der SED und dem Ministerrat bestätigt, sah das Verschwinden weiterer historischer Substanz vor. Neben dem 200 Meter hohen Fernsehturm und neuen Regierungsgebäuden wurden 10.000 neue Wohnungen geplant, darunter Hochhäuser im Fischerkiez.

Dies bedeutete das Ende für die letzten halbwegs intakten Straßen im Fischerkiez mit ihren Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dabei hatte man 1959 noch das gesamte Viertel sanieren, die Häuser restaurieren und Neubauten dem historischen Stil anpassen wollen, sogar eine Künstlerkolonie war geplant. Dieser Plan wurde verworfen, obwohl Künstler wie Zille und Otto Nagel dieses romantische Stück Berlin liebten und malten.

Auch die Brüderstraße, in der Nicolai einst die Allgemeine Deutsche Bibliothek herausgab, sollte das gleiche Schicksal erleiden. Die Petrikirche ist bereits der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Besorgniserregend ist auch die Praxis, historische Substanz zu zerstören und an einem anderen Ort lediglich eine Kopie aufzubauen, wie es beim Kommandantenhaus in der Rathausstraße geschah. Auf den neuen Stadtmodellen sucht man auch vergeblich nach dem Knoblauch-Haus und der Heilig-Geist-Kapelle.

Berlin ist durch Krieg und die nachfolgenden politischen Entscheidungen arm an historischen Gebäuden, Straßen und Plätzen geworden. Was vom alten Berlin bleibt, kann man nur noch durch das Lesen seiner Dichter wie Theodor Fontane oder Wilhelm Raabe kennenlernen. Es ist dringend an der Zeit zu erfahren, was wirklich gerettet wurde. Angesichts dieser verheerenden Verluste appellieren die Quellen an die Notwendigkeit, das Wenige, was geblieben ist, im Interesse der gesamten deutschen Nation zu schützen und gegen immer wieder wechselnde Opportunitätserwägungen zu verteidigen. Denn wer wollte ernstlich, dass unsere Jugend in einem geschichtslosen Raum aufwächst.

Das Bauhaus in Dessau: Wie eine Kunstschule die Welt veränderte

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Dessau – Das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius gegründet, gilt heute weltweit als die bedeutendste Schule für Kunst, Design und Architektur des 20. Jahrhunderts. Seit 1996 gehören die Bauhausstätten zum UNESCO-Welterbe, und ein überwiegender Teil dieser historischen Orte befindet sich hier in Dessau, jener Stadt, die ab 1925 zum Sitz des Bauhauses wurde.

Das Herzstück: Das Bauhaus Gebäude
Das zentrale Denkmal des Dessauer Bauhauserbes ist das Bauhaus Gebäude selbst, das von 1925 bis 1926 nach Plänen von Walter Gropius errichtet wurde. Ursprünglich diente es als Schulgebäude für die avantgardistische Kunst-, Design- und Architekturschule. Hier entstanden Designklassiker wie der Vassili Sessel von Marcel Breuer. Die Architektur des Gebäudes spiegelt die Prinzipien des Bauhauses wider: Es vereint Technik und Gestaltung als Einheit und zielte darauf ab, nicht nur neue Maßstäbe im Design zu setzen, sondern auch gesellschaftliche Unterschiede zu beseitigen. Hauptelemente des Schulgebäudes sind der Werkstattflügel mit seiner markanten Glasfassade, der Trakt für die Berufsschule und das Ateliergebäude, in dem die Studenten lebten. Heute beherbergt es die Stiftung Bauhaus Dessau, die sich der Pflege, Erforschung und Vermittlung der Bauhaus-Ideen widmet.

Wohnen in der Moderne: Die Meisterhäuser
Künstler und Gestalter von Weltrang wie Paul Klee, Wassily Kandinsky und Marcel Breuer lehrten am Bauhaus. Viele von ihnen lebten in den Meisterhäusern, die ebenfalls von Walter Gropius entworfen wurden und unweit des Schulgebäudes liegen. Diese Häuser sind charakteristisch für ihre kubischen Formen mit Flachdächern und Glasfassaden. Während die Außengestaltung kaum Unterschiede aufwies, gab es im Inneren bemerkenswerte Variationen. Besonders das Doppelhaus Kandinsky-Klee sticht hervor, da seine farbliche Gestaltung einen starken Kontrast zur Architektur Gropius‘ bildete. Die Meisterhäuser waren nicht nur Wohnsitze, sondern auch Musterhäuser für modernes Wohnen, die sich allerdings an eine eher vermögende Klientel richteten.

Bezahlbarer Wohnraum: Die Bauhaussiedlung Törten
Im Gegensatz dazu zielte die Bauhaussiedlung Törten im Süden Dessaus darauf ab, breiteren Bevölkerungsschichten bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Zwischen 1926 und 1928 entstanden hier 314 Reihenhäuser in industrieller Bauweise. Das Haus Anton wurde originalgetreu restauriert und 2012 inklusive der ursprünglichen Glasbausteinfassade wiedereröffnet. Es ist mit Bauhaus-Mustermöbeln ausgestattet, und die Küche mit integriertem Wannenbad ist im Originalzustand erhalten. Neben den Reihenhäusern wurden in der Siedlung auch fünf Laubenganghäuser und das sogenannte Konsumgebäude errichtet. Letzteres dient heute als Informationspunkt, von dem aus geführte Rundgänge starten, die unter anderem zum Haus Anton und einer Wohnung in den Laubenganghäusern führen.

Weitere Zeugnisse der Bauhaus-Architektur
Dessau bietet weitere faszinierende Bauhaus-Bauten. Dazu gehören das Stahlhaus, ein Experimentalbau von 1927, das ehemalige Arbeitsamt und das Kornhaus, eine Ausflugsgaststätte an der Elbe. Diese Bauwerke sind in der Regel ebenso für Besucher geöffnet wie das Bauhausgebäude mit seiner Dauerausstellung. Das Erbe des Bauhauses in Dessau ist somit nicht nur in seinen ikonischen Gebäuden greifbar, sondern auch in seinem fortwährenden Einfluss auf Design, Architektur und das Verständnis von modernem Leben.

Bauhaus: Eine Utopie, die 100 Jahre später relevanter ist denn je

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Vor über einem Jahrhundert, im Jahr 2019, feierte die berühmte deutsche Kunstschule, das Bauhaus, ihr großes Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen. Die Ideale dieser innovativen, freigeistigen und bisweilen chaotischen Kunstschule sind 100 Jahre später relevanter als sie es damals waren. Das Bauhaus stellte vor einem Jahrhundert grundlegende Fragen nach einer anderen Zukunft: Wie werden wir lernen? Wie werden wir leben?. Obwohl das Bauhaus historisch nur eine kurze Episode war, reichen seine Strahlkraft und Magie bis in unsere Gegenwart und definieren bis heute die moderne Welt. Mit seinen gesellschaftlichen Ideen und Design-Prinzipien kann das Bauhaus auch heute noch Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit geben.

Die Schule, gegründet 1919 im deutschen Weimar und 1925 nach Dessau umgezogen, existierte nur 14 Jahre, bevor sie 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten in Berlin geschlossen wurde. Doch in dieser Zeit wurde alles – Architektur, Malerei, Typografie, Design, Tanz, Pädagogik – am Bauhaus gelehrt, erforscht und gelernt. Es war ein Aufbruch und ein Experiment mit dem Anspruch, Gestaltung von Grund auf neu zu denken. Renommierte Künstler wie Walter Gropius, Hannes Meyer, Mies van der Rohe, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Paul Klee, László Moholy-Nagy, Anni Albers, Josef Albers und Gunta Stölzl folgten dem Ruf Gropius‘. Das Bauhaus hatte den Anspruch, eine universelle Gestaltungsbauweise zu formulieren, die sicherstellen sollte, dass alles seine perfekte Höhe und Größe hatte und optimal für den Menschen nutzbar war. Ihr Ziel war es, die Trennung zwischen Handwerkern, Designern und Künstlern zu überwinden. Mit der Machtergreifung Hitlers und der Schließung der Schule emigrierten die Bauhäusler und verbreiteten so die Ideen und Visionen des Bauhauses in der ganzen Welt.

Der Traum vom besseren Leben: Gropiusstadt und die Realität
Anfang der 1960er-Jahre sollte in Deutschland, 30 Jahre nach dem Ende des Bauhauses, die große Utopie, das Leben der Menschen besser zu machen, Wirklichkeit werden. Walter Gropius, der zu dieser Zeit bereits lange in den USA lebte, plante vor den Toren Berlins eine Großsiedlung, um die Wohnungsnot mit Methoden des modernen Städtebaus zu bekämpfen. Fast alle Wohnungen waren für sozial Schwächere gedacht, und der Einzug in die Gropiusstadt galt als „absoluter Luxus“, da warmes Wasser aus der Wand kam. Ziel war es, neuen Wohnraum im Grünen zu schaffen, da in Berlin bereits vor dem Zweiten Weltkrieg Hinter- und Seitenhäuser in dicht bebauten Vierteln abgerissen worden waren, um mehr Licht, Luft und Sonne zu ermöglichen. Gropius plante seine Siedlung als eine Utopie, eine große Stadtlandschaft. Er wollte keine Reste von Grünflächen, sondern eine Stadtlandschaft, die sich frei zwischen den Gebäuden hindurchbewegte, eine Natur, die nicht gekappt wurde, sondern durch den neuen Stadtteil hindurchfloss.

Doch die Umsetzung scheiterte an den Sachzwängen der Zeit. Der Bau der Berliner Mauer 1961 teilte die Stadt und führte zu plötzlichem Platzmangel. Aus ursprünglich geplanten 1.400 bis 1.500 Wohneinheiten wurden schließlich 19.000, viele davon in bis zu 30 Geschossen hohen Wohntürmen, was Gropius‘ grüner Stadtlandschaft entgegenstand. Obwohl Gropius zur Grundsteinlegung kam, blieb er bei der Fertigstellung außen vor und konnte am Endergebnis nichts ändern. Er wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass sein Name für die Stadt genutzt wurde, und war zutiefst darüber „erzürnt“, auch dass die Stadt nach seinem Tod seinen Namen erhielt.

Spätestens seit den 1980er-Jahren galt die Gropiusstadt als Problemviertel – zu viel Beton, dunkle Ecken, Anonymität. Es gab häufige Mieterwechsel und viel Leerstand, und die Gropiusstadt geriet wegen Verwahrlosung und Kriminalität in die Schlagzeilen. Viele Bewohner verstanden die negative Berichterstattung jedoch nicht und waren glücklich. Heute ziehen wieder Familien hierher, und Quartiersmanagement, Gemeinschaftsangebote und Sanierungen sollen den Stadtteil aufwerten. Die Utopie von damals bleibt jedoch eine „Dauerbaustelle“, ebenso wie die Suche nach einem besseren Leben für viele.

Bauhaus-Ideale weltweit: Lateinamerika als Gestaltungsfeld
In anderen Teilen der Welt besteht weiterhin ein großer Bedarf an „größeren Utopien“. Besonders in Lateinamerika besteht vor allem beim Wohnen und in der Infrastruktur in Großstädten großer Gestaltungsbedarf. Was Lateinamerika mit den Ideen des Bauhauses verbindet, ist die Vorstellung, dass der Architekt nicht nur Künstler, sondern vor allem der Gesellschaft verpflichtet ist. Es geht bei der Arbeit von Architekten und Stadtplanern um die Menschen.

• Kolumbien: Infrastruktur als sozialer Katalysator Die kolumbianische Großstadt Medellín stand vor großen Herausforderungen: verstopfte Straßen, ausufernde Favelas und ein unmöglicher Busverkehr in den schmalen, steilen Gassen. Die Stadt hatte eine Idee: Sechs Freiluft-Rolltreppen erleichtern nun den 384 Meter langen Aufstieg in entlegenste Bezirke und verbinden die Nachbarschaft, in der rund 140.000 Menschen leben. Die Kommune 13, die einst als das gefährlichste Stadtviertel der Welt galt und in Gewalt versank, hat sich durch diese Rolltreppen verändert. Sie ziehen Touristen an, wovon die Nachbarschaft profitiert, und lösen bei den Bewohnern ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Stolzes und des Glücks aus. Mehr als 30 Familien leben inzwischen von kleinen Geschäften an den Rolltreppen. Auch Gondeln auf der anderen Seite der Stadt machen die Favelas am Hang zugänglich. 2013 wurde Medellín sogar zur innovativsten Stadt der Welt gekürt. Doch hinter dieser „schönen Stadt“, die fotogen und freundlich erscheint, steckt eine Geschichte, die verschiedene Versionen hat: Hinter den beeindruckenden Infrastrukturprojekten steckt auch der Wunsch, die Stadt als Marke zu verkaufen, wobei die Bedürfnisse der Anwohner manchmal untergehen. Insgesamt drohen mehr als 600 Familien durch solche Projekte verdrängt zu werden, was die Frage aufwirft, ob die Stadt für Touristen oder für ihre Bewohner ist. Stadtplaner wie Carolina Salgado setzen sich dafür ein, dass Infrastrukturmaßnahmen vor allem das Leben der Menschen vor Ort verbessern.

• Mexiko: Soziales Wohnen und Hannes Meyers Erbe In Mexiko fanden die Visionen des Bauhauses bereits in den 1920er-Jahren erste Anhänger. Noch populärer wurde das Bauhaus, als sein zweiter Direktor, Hannes Meyer, 1939 einem Ruf der damals sozialistischen mexikanischen Regierung folgte und Direktor am neu gegründeten Institut für Stadtplanung in Mexiko-Stadt wurde. Obwohl Meyer in Mexiko keine Gebäude im klassischen Bauhaus-Stil hinterließ, beeinflusste er mit seinen Ideen eine ganze Generation mexikanischer Architekten, wie beispielsweise Mario Pani. Die Architektin Tatiana Bilbao beschäftigt sich mit sozialem Wohnungsbau, da die Wohnsituation in Mexiko äußerst kritisch ist mit hoher Nachfrage und großen Mängeln. Sie wollte eine Sozialwohnung entwerfen, die mehr bietet als die staatlich vorgeschriebene Mindestfläche von 43 Quadratmetern, da man mit 43 Quadratmetern „nichts anfangen kann“. Das Haus sollte flexibler und erweiterbar sein und sich an die klimatischen Bedingungen anpassen. Ähnlich wie bei Meyers Wohnungen in Dessau war es ihr wichtig, einen einfachen Grundtyp für ein überall reproduzierbares Haus zu entwerfen. Das mexikanische Modellhaus ist für die ärmsten Bevölkerungsteile gedacht und kostet in der günstigsten Variante, die von der Regierung bezuschusst wird, 8.000 Dollar. Der Kern besteht aus Betonblöcken, aber der Clou ist, dass das Haus mit flexiblen Modulen vergrößert werden kann. Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums in Mexiko könnte mit Bilbaos Häusern umgesetzt werden, was am Bauhaus noch eine Utopie war: mit Kreativität, Mut und guter Gestaltung ein gutes Leben für viele zu schaffen. Für Bilbao bedeutet das Bauhaus eine Vision von der Zukunft und die Vorstellung, wie Architekten einen Beitrag dazu leisten können.

• Yucatan: Tradition trifft Technologie – Inspiriert von Anni Albers Auch die Bauhäusler Josef und Anni Albers brachten die Ideen der Kunstschule nach Latein- und Südamerika. Anni Albers erlangte Bekanntheit durch ihren Vorkurs, den sie auf Reisen durch Mexiko, Kuba, Peru und Chile abhielt. In Mexiko war Anni Albers von Webtechniken und traditionellen Mustern begeistert, die sie später als Lehrerin am Black Mountain College weitergab, indem sie natürliche und industrielle Materialien verband. Die mexikanische Künstlerin Amor Muñoz ist von Anni Albers‘ Textilkunst inspiriert und gründete auf der Halbinsel Yucatan „Yucat“, ein Zukunftslabor für Technologie und Tradition in einem alten Maya-Dorf. Näherinnen, die zuvor in einer Textilfabrik arbeiteten und nach deren Schließung von ihrem Kunsthandwerk leben mussten, fertigen hier handgewebte Unterlagen aus Agavenfaser (Henequén). Diese sind mit leitendem Stahldraht und Solarpanelen verbunden, um elektrisches Licht zu spenden. Dieses Projekt, das auf Zusammenarbeit und Partizipation setzt, verbindet traditionelles Kunsthandwerk mit dem „Do-it-yourself-Spirit“ und dem Wissen über Solarenergie und LEDs. Es eröffnet ökonomische Zukunftsperspektiven, da neue Produkte auf dem Markt angeboten werden können. Amor Muñoz ist überzeugt, dass Technologie helfen kann, Kunsthandwerk und seine Traditionen zu bewahren, wenn die traditionelle Agavenfaser in Yucatan, die heute kaum noch angebaut wird, nicht in Vergessenheit geraten soll.

Bauhaus heute: Neue Herausforderungen, neue Antworten
Das Bauhaus war vor allem eine Schule, deren Ziel die Ausbildung eines „neuen Menschen“ war; deshalb hatte die Pädagogik einen besonderen Stellenwert. Diese Lehre ist bis heute lebendig und der Ausgangspunkt in der Ausbildung von Designern. Ein Beispiel ist die Deutsche Schule in Madrid, deren Architektur – gekennzeichnet durch Weißbeton, Glas und Aluminium – eine neue, aufgeschlossene Pädagogik unterstützt. Die Innenhöfe bestehen aus wabenartigen, miteinander verbundenen Einzelbaukörpern mit schützenden Nischen, und große Fenster öffnen den Blick auf die Landschaft, was zur Ruhe und Gelassenheit in der Bildung beiträgt. Das Gebäude inspiriert und stiftet Identifikation mit der Schule.
Die zentrale Frage des historischen Bauhauses – „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ – ist auch 100 Jahre später aktuell und wird heute weiter erforscht. Rasantes Städtewachstum, Überbevölkerung, zunehmender Platz- und Wohnungsmangel bei schwindenden Ressourcen sowie Klimawandel sind die Herausforderungen für die Gestalter von heute.

• Human Centered Design und Urban Farming in Detroit In Chicago, der Geburtsstadt der Wolkenkratzer, wurde 1937 das Institute of Design als „New Bauhaus“ gegründet. Der heutige Forschungsschwerpunkt ist „Human Centered Design“, das die Lebenswirklichkeit von Menschen gestaltet. Ein Beispiel ist das Projekt „Recovery Park“ in Detroit, wo auf alten Industriebrachen Gewächshäuser entstehen. In Detroit, wo die Automobilindustrie zusammenbrach und die Stadt 2013 den Bankrott erklärte, gibt es viel Platz in innerstädtischen Gebieten. „Recovery Park“ schafft Arbeitsplätze für Menschen, die schwer einen Job finden, wie ehemalige Häftlinge oder Suchtabhängige. Das Projekt bietet nicht nur Arbeit, sondern auch Ausbildung, Krankenversicherung und Unterstützung bei Unterkunft, Transport, Kleidung und Essen. Die Vision ist, das größte „Stadtfarming-Business“ der USA aufzubauen und Detroit als „Food City“ oder „Social City“ bekannt zu machen. Dies ist ein Beispiel für die „soziale Gestaltung von menschlichem Alltag“, die ebenfalls als Design verstanden wird.

• Grenzen der Architektur: Jürgen Mayer H. und das Skulpturale Bauen Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. liebt das Experiment und lotet die Grenzen der Architektur neu aus, indem er innovative Planung, neue Materialien und Konstruktionsmethoden nutzt, die organische und skulpturale Architekturen ermöglichen. Sein Metropol Parasol in Sevilla ist ein Beispiel dafür, der zum größten Holzbau der Welt wurde. Was zur Bauhaus-Zeit technisch undenkbar war, setzt Mayer H. heute in die Tat um: serielles und 3D-basiertes Bauen mit vorfabrizierten Elementen, die zugleich künstlerische Formen erlauben. Gropius experimentierte am Bauhaus mit neuen Materialien, doch die Formen waren damals noch gerade und rechteckig. Vielleicht, so wird spekuliert, sähe das Bauhaus heute so aus wie die Gebäude von Mayer H..

• Minimalismus und Nachhaltigkeit: Die Tiny House University Die Zeit des Überflusses ist vorbei; es zieht eine neue Zeit mit neuen Herausforderungen herauf. Nachhaltigkeit war etwas, das das Bauhaus durchaus auch beschäftigte, da es eine sehr arme Zeit war und sparsam mit Ressourcen und Materialien umgegangen werden musste. Statt „höher, schneller, weiter“ lautet das Motto der Tiny House University auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs in Berlin: „verkleinert euch“. Dieses soziale Experiment, initiiert vom deutsch-russischen Architekten Van Bo Le-Mentzel, fragt, wie Räume ohne Grundstück geschaffen werden können. Die Mini-Häuser auf Rädern sind als Module konzipiert, leicht zu transportieren, einfach nachzubauen und recycelbar. Sie bieten flexible und günstige Wohnlösungen für digitale Nomaden. Dieses Konzept ist eine Antwort auf drängende Fragen wie Hunger, Wasser, Energie und Migration, die auf einem Campingplatz nicht gelöst werden können. Es steht für ein Umdenken weg vom Konsumieren hin zum Konstruieren. Das Bauhaus selbst fragte vor 100 Jahren, in einer Zeit des Systemwechsels von Monarchie zur Demokratie, wie eine Welt aussieht, in der alle gleiche Rechte haben, oder eine Wohnung, wo jeder eine Küche und einen Balkon verdient.

• Der Blick ins All: Norman Foster und Mars-Siedlungen Der britische Architekt Sir Norman Foster, einer der bekanntesten Architekten der Gegenwart, entwirft sogar Häuser für den Mars. Sein Projekt mit der NASA erforscht, was aus dem auf dem Mars vorgefundenen Material gebaut werden kann – Roboter mischen den roten Marssand mit einem Zusatzstoff, um Schalen zu bauen, die auf Knochenstrukturen von Tieren und Menschen basieren. Dies ist notwendig, da es nicht effizient ist, Stahlträger und Dämmstoffe in großen Mengen ins All zu fliegen. Diese „kühne und radikale“ Idee, neue Planeten zu erschließen, steht im Einklang mit der menschlichen Natur, immer höher anzustreben und Grenzen zu überschreiten. Dennoch wird betont, dass es vernünftiger ist, zunächst die Dinge auf der Erde in Ordnung zu bringen und das Leben der vielen in den Blick zu nehmen.

Eine anhaltende Vision für die Zukunft
Die Quellen zeigen, dass die Ideale des Bauhauses 100 Jahre später sogar relevanter sind als sie es damals waren. Wir brauchen einfallsreiches Design, um die großen Herausforderungen unserer Zeit wie rasantes Städtewachstum, Umweltverschmutzung und Klimawandel zu bewältigen. Das Bauhaus hatte eine „sehr optimistische, sehr utopische und gleichzeitig bodenständige Auffassung von Design im weitesten Sinne“. Bei der Arbeit von Architekten, Designern und Stadtplanern geht es um Lebensqualität. Die feste Überzeugung ist, dass sich die Qualität des Lebens verbessert, wenn die Qualität des Designs verbessert wird. Niemand weiß, wie die Zukunft aussehen wird, aber wir werden sie gestalten – denn die einzige Konstante ist die Veränderung.

Anklam feiert Baufortschritt: Nikolaikirche wird zum Ikareum

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Die Stadt Anklam hat am 19. Juni 2025 einen bedeutenden Baufortschritt bei einem ihrer herausragendsten Projekte gefeiert: der Umgestaltung der historischen Nikolaikirche. Diese ehrwürdige, jahrhundertealte Kirche wird zu einem modernen Museum namens Ikareum umgewandelt.

Das Projekt hat eine tiefgreifende Bedeutung für Anklam und die gesamte Region, da es die Kirche von einem sakralen Bauwerk zu einem Ausstellungsort mit internationalem Anspruch transformiert. Es handelt sich um ein ambitioniertes Vorhaben, das die historische Substanz des Gebäudes bewahrt, während es gleichzeitig für eine zukunftsweisende Nutzung adaptiert wird.

Aktuell befindet sich das Großprojekt im dritten Bauabschnitt. Dieser Abschnitt ist besonders hervorzuheben, da er als das bislang größte Teilprojekt innerhalb der Gesamtumgestaltung der Kirche gilt. Die Arbeiten in diesem Bereich sind intensiv und entscheidend für die finale Gestalt des Ikareums. Ein wesentlicher Bestandteil dieses dritten Bauabschnitts ist der Ausbau der Emporen. Diese Baumaßnahme markiert einen zentralen architektonischen Übergang, der die Vision des neuen Museumsgebäudes als einen Ort der Präsentation und Bildung unterstreicht.

Das gesamte Investitionsvolumen für die Umgestaltung der Nikolaikirche zum Ikareum beläuft sich auf beträchtliche 10,5 Millionen Euro. Die Stadt Anklam plant, dass der Umbau bis zum Jahr 2027 vollständig abgeschlossen sein soll. Nach Fertigstellung wird das Otto-Lilienthal-Museum seinen neuen Sitz in dem umgestalteten Gebäude finden und dort seine Ausstellungen präsentieren. Es sind auch aktuelle Ausstellungstipps vom Otto-Lilienthal-Museum in Anklam verfügbar.

Die Stadt Anklam betrachtet das Ikareum als ein wahres Leuchtturmprojekt. Die Vision ist es, dass dieses Museum als eine „Kathedrale der Luftfahrt“ weit über die regionalen Grenzen hinausstrahlen und Besucher aus nah und fern anziehen wird. Es soll nicht nur ein Museum sein, sondern ein Symbol für Innovation, Geschichte und die Verbindung von Technik und Kultur. Die Umwandlung der Nikolaikirche in das Ikareum stellt somit einen wesentlichen Schritt in der kulturellen und touristischen Entwicklung der Region dar und verspricht, Anklam als wichtigen Standort für Luftfahrtgeschichte und moderne Museumskultur zu etablieren.

Autos in der DDR: Eine Reise durch den ostdeutschen Fuhrpark

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Der Straßenverkehr der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wird oft als grau und eintönig wahrgenommen, dominiert von den bekannten Trabanten und Wartburgs. Doch die Realität war weitaus vielfältiger und faszinierender, wie ein Blick auf die Fahrzeuggeschichte zeigt. Von heimischen Kleinwagen über Importe aus befreundeten sozialistischen Staaten bis hin zu westlichen Luxuslimousinen – die DDR-Bürger und ihre Funktionäre bewegten sich in einem erstaunlich breiten Spektrum von Fahrzeugen.

Die Ikonen aus heimischer Produktion: Trabant und Wartburg
Das wohl bekannteste Geräusch des DDR-Straßenverkehrs war das Knattern des Trabant 601 mit seinem 26 PS starken Zweitaktmotor. Der Trabant, liebevoll auch „Kugelporsche“ genannt, entwickelte sich über die Jahre zum wohl bekanntesten DDR-Pkw. Seine Geschichte begann mit Übergangslösungen wie dem P70, der bereits Mitte der 50er Jahre bis zu 100 km/h schnell war und als Coupé, Kombi oder Limousine erhältlich war. Nachfolgemodelle wie der P50 (anfänglich 18 PS, später 20 PS) und der P60 (23 PS) ebneten den Weg für den kantigeren und moderner aussehenden Trabant 601, der ab Juli 1964 in Serie ging. Obwohl die Produktion 1991 mit dem Trabant 1.1 mit Viertaktmotor eingestellt wurde, sind die robusten Zweitakter dank zahlreicher Liebhaber und sparsamer Gemeinden wie Lohmen immer noch auf den Straßen unterwegs. Eine Besonderheit war der „Hycomat“, eine elektrohydraulische Kupplung, die seit 1965 vor allem für Behinderte produziert wurde.

Der Wartburg, benannt nach dem Eisenacher Wahrzeichen, stand im DDR-Fahrzeugbau für „etwas mehr Luxus“. Die Produktion des Wartburg 311 startete 1956 in den Automobilwerken Eisenach, wo zuvor BMW- und F9-Modelle gefertigt wurden. Der Dreizylinder-Zweitaktmotor des 311 erzeugte 37 PS und erreichte Höchstgeschwindigkeiten jenseits der 100 km/h. Besonders bekannt ist der geräumige Wartburg 311 Camping, auch „Schneewittchen Sarg“ genannt. Bis Mitte der 60er Jahre wurde der 311 stetig weiterentwickelt, wobei überarbeitete Motoren bis zu 50 PS leisteten. Ein praktischer Trick zur Schonung der Kupplung war der Freilauf. Ab den frühen 60er Jahren wurden Wartburgs, einschließlich der Nachfolger 353er, auch nach England exportiert und erfreuten sich großer Beliebtheit. Der Wartburg 353 kam ab 1967 mit einer völlig neuen, kantigeren Karosserie und vollsynchronisiertem Getriebe daher, spätere Modelle verfügten über Knüppelschaltung und Scheibenbremsen.

Ein wahres Universalgenie im DDR-Fahrzeugbau war der Barkas B1000. Angetrieben vom Wartburg-Motor, musste dieser jedoch wesentlich höhere Lasten bewegen (bis zu 750 kg erlaubte Nutzlast). Der Motor war so nah am Fahrer platziert, dass sogar während der Fahrt Feinheiten der Zündungseinstellung vorgenommen werden konnten. Auch die Produktion des Barkas endete 1991, da ein Viertaktmotor (B1000-1) das Überleben auf dem gesamtdeutschen Automarkt nicht sichern konnte.

Importe aus dem „Bruderstaat“: Vielfalt aus Osteuropa
Neben den heimischen Produktionen prägten zahlreiche Importfahrzeuge aus anderen sozialistischen Ländern das Straßenbild der DDR:

• Skoda (Tschechoslowakei): Ab 1964 begann in Mladá Boleslav die Ära der Heckmotor-Modelle von Skoda. Der Skoda 1000 MB war der erste, der serienmäßig in die DDR exportiert wurde, insgesamt etwa 60.000 Stück. Er galt als zuverlässiger Reisebegleiter mit leichtgängiger Lenkung. Nachfolger wie der S100 (ab 1969) und später die Modelle S105 und S120 (bis Ende der DDR importiert) behielten den Heckmotor bei, wodurch der Kofferraum vorn platziert war. Ein Unterschied bei den späteren Modellen war die links angeschlagene Kofferraumklappe, die ein Hochschlagen während der Fahrt verhinderte.

• Lada (Sowjetunion): Der russische Lada, ein Lizenzbau des Fiat 124, wurde zum heimlichen Star der DDR-Kriminalserie „Polizeiruf 110“ und kam größtenteils „von der Stange“. Für die harten russischen Winter wurde die Konstruktion modifiziert, unter anderem mit einer besseren Heizung. Ab 1972 wurden Ladas in die DDR exportiert und waren sehr begehrt, da sie westlichem Standard nahe kamen. Ab 1976 punktete Lada auch mit dem Geländewagen Niva, der jedoch Privatpersonen vorenthalten blieb und vor allem in der Forstwirtschaft und bei der Volkspolizei zum Einsatz kam.

• Polski Fiat 125 P (Polen): Ebenfalls eine Fiat-Lizenzproduktion, teilte er viele Gemeinsamkeiten mit dem Lada 1500, zeigte aber auch Unterschiede in Front, Heck und Motor.

• Zastava (Jugoslawien): Basierend auf dem Fiat 128, galt der jugoslawische Fiat als Geheimtipp in Sachen Verarbeitungsqualität. Aufgrund geringer Importzahlen war er jedoch sehr selten auf den Straßen der DDR anzutreffen und dementsprechend begehrt.

• Dacia (Rumänien): Seit Mitte der 70er Jahre wurde der rumänische Dacia 1300 in die DDR exportiert. Die Fabrik in Pitești wurde in Kooperation mit Renault ausgebaut. Der Dacia 1300 war spartanisch ausgestattet, aber dennoch ein Oberklasse-Auto. Er galt als sehr reparaturanfällig, mit Schwächen wie müden Hinterfedern und Vergaservereisung, was zu kreativen Bastellösungen wie Bierdeckeln als Kälteschutz führte. Der Nachfolger Dacia 1310 bot etwas mehr Komfort und ein moderneres Aussehen.

• Moskwitsch (Sowjetunion): Der „Moskauer Pkw“, dessen Produktion 1947 startete, fand 1963 seinen Weg in die DDR und war vor allem als Firmenwagen oder Taxi unterwegs. Sein 1500 Kubikzentimeter Motor mit 75 PS machte ihn attraktiv. Ein großer Nachteil war jedoch die „minderere Blech Qualität“, die schnell zu Rost führte. Trotz seiner Beliebtheit wurde der Export in die DDR ab 1979 eingestellt.

• Zaporozhets (Ukraine): Der winzige Ukrainer, nur 3,70 m lang und 1,30 m breit, war extrem preiswert, bot aber kaum Komfort. Er bekam zahlreiche Spitznamen wie „Russenpanzer“, „Taiga Trommel“ oder „Zappelfrosch“. Sein luftgekühlter V4-Motor wurde stetig weiterentwickelt und erreichte 45 PS. Eine kuriose Besonderheit war die Möglichkeit, ihn mit einer Kurbel zu starten. Der Kofferraum befand sich vorn und war meist mit Werkzeug statt Gepäck gefüllt.

• Tatra (Tschechoslowakei): Die luxuriösen Pkw von Tatra, benannt nach dem höchsten slowakischen Gebirge, gehörten zu den ältesten Automarken der Welt. Modelle wie der kantige Tatra 613 und sein Vorgänger 603 waren mit luftgekühlten V8-Heckmotoren ausgestattet, die 160 PS leisteten. Nur knapp 3000 Stück des Modells 603 wurden in die DDR exportiert, weshalb der Tatra fast ausschließlich der sozialistischen Elite aus Politik und Wirtschaft vorbehalten war – ein wahrer „Funktionärsschlitten“. Er wird nicht umsonst als „Ferrari des Ostens“ bezeichnet.

• Wolga (Sowjetunion): Seit 1932 wurden in Nischni Nowgorod Autos unter dem Namen GAS gebaut, später ergänzt um den Zusatz Wolga. Der erste echte Wolga, der M21, war bekannt für seine Dreigang-Lenkradschaltung, durchgehende vordere Sitzbank und viel Chrom. Trotz seines Gewichts von 1,4 Tonnen erreichte er bis zu 135 km/h. Er galt als „Spritfresser“ (12-14 Liter/100km). Später wurde der Wolga GAS 24 eingeführt, der bis zu 150 km/h schnell war und einen noch höheren Benzinverbrauch hatte, weshalb einige Modelle auf Gasbetrieb umgerüstet wurden. Wolgas wurden in der DDR hauptsächlich als Taxis, Behördenfahrzeuge und Einsatzfahrzeuge der Volkspolizei eingesetzt.

• Chaika (Sowjetunion): Der Chaika, was auf Russisch „Möwe“ bedeutet, war das chromblitzende Regierungsfahrzeug der DDR. Diese Luxuskarossen waren extrem selten (nur sehr wenige Exemplare in der DDR) und den Normalbürgern nur bei offiziellen Anlässen zu Gesicht. Mit über zwei Tonnen Leergewicht und einem kräftigen 5,8-Liter-V8-Motor (195 PS) war der Chaika eine imposante Erscheinung, aber auch extrem durstig (geschätzte 20-25 Liter/100km). Es gab ihn in verschiedenen Varianten, darunter als Limousine, gepanzertes Fahrzeug, Kombi und Krankenwagen.

Exoten aus dem Westen: Wenn der Klassenfeind chauffiert
Die Rohstoffknappheit und neue Bedürfnisse führten dazu, dass ab den 80er Jahren auch Fahrzeuge des „Klassenfeindes“ ihren Weg in die DDR-Führungsriege fanden. Ein Beispiel hierfür ist der Volvo 760 GLE, der im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als Regierungsfahrzeug eingesetzt wurde. Diese Volvos waren für die besonderen Bedürfnisse der Funktionäre umgebaut und 30 cm länger als die Serienmodelle, ausgestattet mit Features wie einer Klimatronic (im Jahr 1984 eine Seltenheit) und Sonderbeschleunigung. Die abenteuerliche Erklärung für diesen Import war, dass der Kauf von Tatras aus der Tschechoslowakei aufgrund hoher Entwicklungskosten zu teuer gewesen wäre, während die Volvos aus Schweden wesentlich günstiger zu erwerben waren. Neben Volvo fanden auch andere westliche Importfahrzeuge wie einige Tausend Citroën, VW Busse (für Selbstständige), Mazda (im Rahmen eines Joint Ventures mit Japan) und wenige Peugeot ihren Weg in die DDR.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der DDR-Straßenverkehr keineswegs nur „grau und trist“ war. Unzählige Sammler sind auch heute noch von der Vielfalt und der Geschichte des Pkw-Baus in den ehemaligen sozialistischen Bruderländern begeistert. Und so mancher Trabant, Wartburg oder Lada rollt auch heute noch, ein lebendiges Zeugnis einer vergangenen Ära.

Der Schinkelplatz in Berlin: Geschichte und Wiederaufbau

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Berlin birgt viele Orte, die Geschichten erzählen, und der Schinkelplatz ist zweifellos einer davon. Südwestlich der Schlossbrücke, hinter der Alten Kommandantur gelegen, ist dieser Platz ein Zeugnis tiefgreifender städtebaulicher und gesellschaftlicher Transformationen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Begrenzt von Wohn- und Geschäftshäusern im Westen, dem Spreekanal im Osten und dem Bereich für den Wiederaufbau der Bauakademie im Süden, präsentiert sich der Schinkelplatz heute als eine sorgfältig rekonstruierte historische Fläche.

Von Packhof zu Prachtplatz: Die Anfänge
Ursprünglich befand sich an dieser Stelle der Alte Packhof, Berlins Hauptzollstelle für den Schiffsverkehr, ausgestattet mit einer Bucht als Anlegestelle für Frachtschiffe. Seine zentrale Bedeutung für die Berliner Wirtschaft war immens, da hier alle Waren für den Import nach oder Export aus Berlin entladen, zwischengelagert und behördlich kontrolliert wurden. Um 1830 wurden die Packhof-Gebäude abgerissen, nachdem der Neue Packhof auf der Museumsinsel nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel modernisiert und ausgebaut worden war.

An der Stelle des Alten Packhofs entstand bis 1832, ebenfalls nach Schinkels Entwürfen, die Berliner Bauakademie. Schon in einer Entwurfszeichnung von 1831 war Schinkels Vision eines von Bäumen umstandenen Platzes vor der nördlichen Fassade der Bauakademie erkennbar. Tatsächlich wurde der Platz 1837 nach Plänen von Peter Josef Lenné in Form eines schmalen Dreiecks als Schmuckplatz angelegt und „Platz an der Bauakademie“ genannt.

Helden ohne Degen: Das Denkmal-Ensemble
Eine entscheidende Wende erlebte der Platz in den 1860er Jahren mit der Aufstellung von Denkmälern für Albrecht Daniel Thaer (1860), Peter Christian Wilhelm Beuth (1861) und Karl Friedrich Schinkel (1869). Dieses Denkmalensemble, ein Werk der Berliner Bildhauerschule, genauer der Rauchschule, war ein Novum in der Geschichte Berlins. Christian Daniel Rauch selbst entwarf das Thaer-Denkmal, sein spätestes Werk, das jedoch erst nach seinem Tod im Jahr 1857 vollendet wurde.

Die Aufstellung dieser Denkmäler spiegelte das erstarkte Selbstbewusstsein des preußischen Bürgertums wider, da es sich hierbei erstmals nicht um Vertreter des Königshauses oder des Militärs handelte. Christian Daniel Rauch bezeichnete sie als „die ersten Helden auf öffentlichem Platze ohne Degen“. König Friedrich Wilhelm IV. stimmte der Aufstellung zu, da alle drei Männer maßgeblich zur Entwicklung und Modernisierung Preußens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatten.

• Albrecht Daniel Thaer gilt als Begründer der wissenschaftlichen Landwirtschaft in Deutschland. Seine Theorien zur Bodennutzung, zum Pflanzenanbau und zur Tierhaltung führten zu einer erheblichen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität.

• Peter Christian Wilhelm Beuth war 25 Jahre lang der leitende Beamte für die Gewerbepolitik in Preußen und spielte eine entscheidende Rolle beim Wandel Preußens von einem militärisch-feudalen Agrarstaat zu einem modern organisierten bürgerlichen Industriestaat.

• Karl Friedrich Schinkel, zweifellos der bekannteste der drei, war preußischer Baubeamter, Baumeister, Architekt, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Maler, Grafiker und Bühnenbildner. Sein Wirken prägte die Stadtplanung und das Bauen in Berlin und Preußen weit über seine Lebenszeit hinaus, und zahlreiche seiner Bauten, wie das Alte Museum, die Schlossbrücke, die Neue Wache, die Bauakademie, die Friedrichswerdersche Kirche und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, befinden sich rund um den Schinkelplatz.

Zerstörung und Wiederaufbau: Eine wechselvolle Geschichte
In den Jahren 1886/1887 wurde der Platz erneut umgestaltet: Die Fläche vor den Denkmälern erhielt ein farbig ornamentiertes Mosaikpflaster und einen Springbrunnen, während hinter den Denkmälern eine 18 Meter lange, halbrunde Sitzbank aus poliertem Granit aufgestellt wurde.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt der Schinkelplatz, wie auch die umliegenden Gebäude, schwere Beschädigungen. Die Schinkel-Statue stürzte vom Sockel, und die Denkmäler von Beuth und Thaer trugen Einschüsse und Splitterschäden davon. Nach dem Krieg, im Jahr 1949, wurden die vier Karyatiden vom Sockel des Schinkel-Denkmals sowie fünf Reliefs vom Thaer-Denkmal gestohlen.

Die Bauakademie wurde 1962 abgerissen, und die drei Denkmäler wurden an Standorte innerhalb der Humboldt-Universität und an andere Stellen im Stadtgebiet gebracht. Auf der Fläche des Schinkelplatzes entstand ein Neubau des DDR-Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten. Dieses Gebäude wurde jedoch bereits 1996, keine 30 Jahre später, aus städtebaulichen Gründen wieder abgerissen, um den historischen Stadtgrundriss rekonstruieren zu können.

Die Rekonstruktion und die Zukunft
Der Schinkelplatz wurde zunächst als Rasenfläche neu angelegt, und Schinkel kehrte auf seinen angestammten Platz zurück. 1999 folgten Beuth und Thaer, letzterer allerdings nur als Kopie, da die Landwirtschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität das Original nicht wieder herausgeben wollte.

In den Jahren 2007 und 2008 erfolgte unter maßgeblicher Mitwirkung des Berliner Bildhauers Hans Starcke eine umfassende Rekonstruktion des Platzes in der Form von 1887. Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die verschollenen und beschädigten Sockelreliefs an den Denkmälern für Thaer und Beuth sowie die Karyatiden am Sockel des Schinkel-Denkmals nachgebildet und angebracht worden waren.

Bei der Einweihung des Platzes hofften die Senatsverantwortlichen, dass die aufwendige gartendenkmalpflegerische Wiederherstellung des Schinkelplatzes in der historischen Mitte Berlins sich positiv auf die Gestaltung des umliegenden Bereichs auswirken würde. Der Platz bewirkt zumindest eine größere Geschlossenheit und bietet einen Blick auf das wiederhergestellte Eosander-Portal des Berliner Schlosses.

Was noch fehlt, ist die Bauakademie. Ob, wann und wie der vom Bund bereits 2016 beschlossene Wiederaufbau erfolgt, ist leider immer noch nicht klar. Der Schinkelplatz bleibt somit ein lebendiges Denkmal, das die tiefen Narben der Geschichte trägt, aber auch die unermüdliche Kraft des Wiederaufbaus und die Ehrung wegweisender Persönlichkeiten Berlins verkörpert.

Top-Ökonom Professor Sinn warnt vor Strukturbruch und fordert radikale Kehrtwende

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Die deutsche Wirtschaft steckt in der längsten Rezession seit 20 Jahren, doch für Professor Hans-Werner Sinn, Deutschlands Top-Ökonom, ist dies mehr als eine gewöhnliche Konjunkturflaute. Im Gespräch mit BÖRSE ONLINE spricht Sinn von einem und einem schleichenden Niedergang seit 2018. Seine Analyse ist eine scharfe Kritik an der aktuellen Politik und dem mangelnden ökonomischen Verständnis in weiten Teilen der Bevölkerung und den Medien.

Mangelndes Verständnis und Investitionsaversion Professor Sinn diagnostiziert Deutschland als „Land der ökonomischen Analphabeten“ im Vergleich zur angelsächsischen Welt, wo wirtschaftliches Grundwissen stärker verbreitet sei. Diese mangelnde Einsicht trage dazu bei, dass notwendige Kehrtwenden in der Politik nicht rechtzeitig eingeleitet werden. Seit 2018 sei ein „großer Adventismus der privaten Investoren in Deutschland“ zu verzeichnen, da Wirtschaftsbosse Deutschland auf dem falschen Weg sehen. Dieser Investitionsrückgang erkläre den wirtschaftlichen Abstieg.

Kritik an Energie- und Sozialpolitik Als Hauptursachen für diesen Strukturbruch nennt Sinn politische Weichenstellungen, allen voran die Energiepolitik. Er kritisiert eine „verheerende Verbotspolitik“ im Bereich Energie und Klima, die alles abwürge und unrealistische Hoffnungen auf Wachstum zulasse. Als Beispiel führt er das Verbrennerverbot an, das er schon früh als Fehlentwicklung bezeichnete und dessen negative Auswirkungen auf die Autoindustrie sich nun bestätigen. Laut Sinn werde der Umstieg auf E-Autos in Europa durch Flottenverbrauchsformeln der EU erzwungen, die E-Autos mit einem CO2-Ausstoß von Null ansetzten – eine „aberwitzige Schummelei“, da die Stromproduktion überwiegend noch auf fossiler Energie basiere. Die Folgen sind bereits spürbar: Nach Volkswagen sieht Sinn auch die Chemieindustrie, wie BASF, auf dem Abzug begriffen, da Unternehmen kein Interesse mehr hätten, in einer zunehmend „dirigistischen“ und regulierten Welt zu investieren.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Sozialstaat, der in den Merkel-Jahren die Schröder’schen Reformen rückabgewickelt habe. Sinn kritisiert insbesondere das Bürgergeld, das Menschen ohne Arbeitsleistung unterstütze. Er betont, dass jeder Mensch arbeiten müsse, um Wohlstand zu finanzieren, und schlägt vor, das Bürgergeld in einen „Lohn für Arbeit“ umzuwandeln, eventuell auch für einfache Tätigkeiten in den Gemeinden.

Demografische Zeitbombe und Rentensystem Das Versäumnis, auf den langfristigen Trend der Alterung der Bevölkerung und die „Kinderarmut“ zu reagieren, sei ebenfalls gravierend. Die Babyboomer-Generation, die kurz vor dem Renteneintritt stehe, wolle Renten von Kindern, die nicht da seien – eine Rechnung, die „schiefgeht“. Sinn warnt davor, dass die Sozialsysteme bei Beibehaltung des Status quo nur noch wenige Jahre aufrechterhalten werden können. Er fordert, dass die Menschen länger arbeiten und das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung geknüpft werden müsse.

Das aktuelle Umlagesystem der Rente sei nicht nachhaltig. Sinn kritisiert Bismarcks Einführung der Rentenversicherung 1889, die zwar das Los alter Menschen ohne Kinder verbesserte, aber auch einen Bewusstseinswandel einleitete, der das Kinderkriegen weniger notwendig erscheinen ließ. Er sieht darin eine „Versicherung gegen Kinderlosigkeit“, die die Investition der Eltern in ihre Kinder „sozialisiert“ und somit die Anstrengung zur Familiengründung vermindert habe. Sinn plädiert für weniger Staatseingriffe in dieser Hinsicht, anstatt eine „doppelte Intervention“ durch Kindergeld und Kitas zu betreiben.

Vorschläge für eine Kehrtwende Für eine potenzielle neue Bundesregierung formuliert Sinn klare Forderungen:
• Stopp der Energiewende, bis andere Länder ebenfalls mitziehen, und Konzentration auf Maßnahmen, die unilateral wirken, wie die Abscheidung und Speicherung von CO2 (Sequestrierung) und der Verzicht auf den Abbau eigener fossiler Brennstoffe. Er plädiert für eine Wiederbelebung der Atomkraft, deren Comeback weltweit zu beobachten sei.
• Mobilisierung der 3 Millionen Bürgergeld-Bezieher durch Umwandlung des Bürgergeldes in einen „Lohn der Kommunen für kommunale Arbeit“.
• Sofortiges Angehen des Rententhemas durch Abschaffung frühzeitiger Verrentungsmöglichkeiten und die Einführung eines flexiblen Rentensystems, das längeres Arbeiten belohnt. Sinn warnt zudem davor, die Wirtschaft durch weitere Schulden zu beleben, da Deutschland keine freien Kapazitäten, sondern Fachkräftemangel und zu wenig Energie habe, was nur die Inflation anheizen würde.

Globale Einflüsse und ein Funken Hoffnung Die Politik der USA unter Donald Trump, die auf Zölle und die Stärkung des Dollars abzielt, werde Deutschland und Europa weiter unter Druck setzen. Sinn prognostiziert, dass Trumps Politik, die auch eine Rückkehr zu traditionellen Werten und eine Abkehr von Konzepten wie „Work-Life-Balance“ oder „Wokeness“ bedeute, auf Europa ausstrahlen werde. Deutschland müsse sich nach alternativen Märkten umschauen und Freihandelsabkommen abseits der USA entwickeln, um sich zu behaupten.

Trotz seiner pessimistischen Einschätzung äußert Professor Sinn einen Funken Hoffnung. Er sieht einen „allmählichen Bewusstseinswandel“ in der deutschen Bevölkerung, der sich auch im Aufkommen neuer, „rechtsradikaler“ Parteien am politischen Rand zeige. Dies zwinge die etablierten Parteien der Mitte, ihre Programme zu ändern und sich wieder stärker an der Realität zu orientieren. Die Rückbesinnung auf Eigentumsrechte und das Verständnis einer Nation als „Club“, in den man nicht einfach so einwandern könne, seien notwendige Schritte für eine funktionierende Gesellschaft.