Das sozialistische Traumschiff der DDR – die MS Völkerfreundschaft

Schon zu Zeiten der DDR stachen von der Hansestadt Rostock Urlauberschiffe in See. An Bord gingen die werktätige Bevölkerung und verdiente Aktivisten, die in den Ostseeraum oder zum Schwarzen Meer reisten. Auch Sportler der Olympiamannschaft der DDR nutzten die Gelegenheit, an Bord zu gehen. Die MS Völkerfreundschaft war das erste dieser sozialistischen Traumschiffe.

Gemeinsam mit der Fritz Heckert, dem einzigen Neubau eines Kreuzfahrtschiffes für die DDR, wurde die Völkerfreundschaft ab 1960 eingesetzt. Später kam noch die MS Arkona hinzu, die vielen als TV-Traumschiff des ZDF bekannt war. Doch die Völkerfreundschaft hatte schon vor ihrer ersten Fahrt unter DDR-Flagge im Februar 1960 eine traurige Berühmtheit erlangt. Am 25. Juli 1956 kollidierte das Schiff, damals noch als Stockholm unter schwedischer Flagge unterwegs, in einer Nebelbank vor der US-Ostküste mit dem doppelt so großen Liner Andrea Doria. Während das italienische Schiff sank, kamen 51 Menschen bei dem Unglück ums Leben, davon fünf auf der Stockholm. Der beschädigte Havarist erreichte New York und wurde repariert. 1960 kaufte die DDR das Schiff für 20 Millionen Kronen.

Vor ihrer Jungfernfahrt am 24. Februar 1960 ins Mittelmeer wurde das Schiff von der damaligen Deutschen Seereederei Rostock (DSR) betrieben und umfassend umgebaut. Es sollte in puncto Luxus den Bauten des „Klassenfeindes“ in nichts nachstehen. An Bord gab es ein Außen- und Innen-Schwimmbad, einen Frisiersalon, Rauchsalon und ein verglastes Kaffee mit großer Tanzfläche. In einem Kinosaal für 180 Besucher wurden die neuesten Filme aus DEFA-Produktionen gezeigt. Wer sportlich aktiv sein wollte, konnte Tischtennis spielen oder auf dem Oberdeck Volleyball spielen, wobei der Ball an einer Sehne befestigt war, damit er nicht über Bord ging. Allerdings, so erinnert sich Reinh Brand, der von 1975 bis 1981 als Steward auf dem Schiff arbeitete, gab es das heutige Entertainment moderner Kreuzfahrtschiffe noch nicht.

Brand erinnert sich gerne an die Zeit zurück. Es sei eine „sehr interessante Zeit Seefahrt zu den Bedingungen der DDR“ gewesen. Es war die „einzige Möglichkeit, das Land legal zu verlassen“. Als Steward war es Brands Aufgabe, sich um die Gäste zu kümmern, eine von morgens bis abends schwere Arbeit.

Im Frühjahr und Herbst standen Reisen für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) auf dem Programm. Im Winter wurde das Schiff zeitweilig an die schwedische Stena Line verchartert. Dies geschah, weil die DDR chronisch unter Devisenmangel litt und die Westkundschaft gut zahlte. Anfang Mai begann die Hauptsaison. Eine Reise dauerte stets zwei Wochen und führte in Häfen der befreundeten sozialistischen „Bruderstaaten“. So ging es von Rostock über die Ostsee bis ins frühere Leningrad und zurück. Als Besatzung war man sechs bis acht Wochen mitgefahren und hatte danach etwa vier Wochen frei. Im September und Oktober steuerte das Schiff südlichere Gefilde an. Rundreisen durch das Schwarze Meer führten von Varna über Jalta nach Sotschi und zurück. Später wurden diese Fahrten verkürzt, da die Fahrten durch das Mittelmeer nicht mehr so häufig stattfanden.

Auf diesen Fahrten durften nur ganz bestimmte Leute mitfahren. Denn stets fuhr bei den Staatsrepräsentanten ein Politoffizier der Staatssicherheit mit an Bord. Die Stasi war immer präsent, aus Sorge, dass Passagiere oder Besatzungsmitglieder die Gelegenheit zur Flucht nutzen könnten. Dies geschah tatsächlich in einigen Fällen. Deshalb hielten bei engen Passagen wie etwa der Durchfahrt durch den Bosporus immer Leute von der Besatzung Wache, damit keiner über Bord sprang.

Später folgten auch Reisen nach Kuba, bevor wieder die Charterreisen der Schweden anstanden. Im Frühjahr nahm das Schiff in der Regel eine mehrwöchige Werftzeit in Wismar in Anspruch, denn es war „schon etwas betagter“. Die Charterfahrten, meist mit skandinavischen Gästen an Bord, gefielen Brand besonders gut. Dabei gab es sehr interessante Häfen zu sehen: die gesamten Kleinen Antillen, die Karibik von Grenada bis zu den Jungferninseln, die Kanarischen Inseln und das gesamte Mittelmeer. Brand erinnert sich: „Es war jeder Tag ein Highlight. Wir haben es uns schon schön gemacht.“. Gelegentlich durfte die Besatzung beim Volleyball gegen die Gäste antreten, und wenn einmal sämtliche Passagiere von Bord gegangen waren, feierte die Besatzung auch mal eine kleine Party, wie einen „bayerischen Abend“.

Doch das eisige Klima des Kalten Krieges war auch an Deck spürbar. Auf ihren Fahrten zwischen Ostsee und Westindischen Inseln geriet die Völkerfreundschaft mehrmals zwischen die Fronten des Ost-West-Konflikts. Auf dem Weg nach Kuba im Oktober 1962 durchfuhr das mit FDGB- und tschechischen Urlaubern besetzte Schiff die amerikanische Blockadelinie. Drei Stunden lang wurde es von einem US-Zerstörer in zwei Seemeilen Abstand begleitet, bevor das Kriegsschiff abdrehte und die Völkerfreundschaft unversehrt Havanna erreichte. Sechs Jahre später kam es in der Ostsee zu einem Zwischenfall, als das Kreuzfahrtschiff mit einem westdeutschen U-Boot-Jäger kollidierte, der gerade einen Republikflüchtling aufnehmen wollte. Ebenfalls in der Ostsee stieß die Völkerfreundschaft 1983 mit einem U-Boot der Bundesmarine zusammen. Die Vorfälle gingen glimpflich aus.

Doch der Zahn der Zeit nagte unverkennbar an dem Schiff. Zudem rentierte sich der Betrieb des Schiffes nicht mehr, die Völkerfreundschaft wurde zum Zuschussgeschäft für die klamme DDR-Staatskasse. Kurz vor ihrer Außerdienststellung wurde ihr noch eine besondere Ehre zuteil: Das Urlauberschiff diente als Kulisse für die Außenaufnahmen des DFF-Streifens „Die Rache des Kapitäns Mitchel“.

Im Januar 1985 wurde die renovierungsbedürftige Völkerfreundschaft nach 25 Jahren auf den Weltmeeren verkauft. In dieser Zeit hatte sie 117 Häfen in 51 Ländern angelaufen und eine Strecke zurückgelegt, die acht Erdumrundungen entspricht. In den Jahren darauf folgten mehrfache Umbauten unter wechselnden Namen und Eigentümern. Bis heute ist sie das am längsten im Dienst befindliche Transatlantikschiff der Welt. Die MS Völkerfreundschaft bleibt damit ein faszinierendes Kapitel der DDR-Geschichte auf See.

Henry Hübchen über die DDR und die Arroganz des Überlebens

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn Henry Hübchen über die DDR spricht, vergleicht er das Land mit Atlantis – einem versunkenen Kontinent, dessen Konturen im Nebel der Geschichte langsam unscharf werden. Teaser: In der Rückschau auf sein Leben, das er zu gleichen Teilen in zwei verschiedenen Systemen verbracht hat, verweigert sich der Schauspieler den einfachen Kategorien von Täter und Opfer. Vielmehr beschreibt er eine Haltung der „Renitenz“, die sich nicht in politischem Widerstand, sondern in einer spezifischen Arbeitshaltung ausdrückte. Besonders eindrücklich ist seine soziologische Beobachtung der Machtverhältnisse: Während er den Westdeutschen als Souverän in der Freizeit, aber als angepasst im Berufsleben wahrnahm, war es im Osten genau umgekehrt. Der Mangel zwang im Privaten zur Unterordnung, doch im Betrieb herrschte oft eine anarchische Gleichheit, in der der Arbeiter dem Meister die Stirn bot. Diese Erfahrung eines Zusammenbruchs und Neuanfangs hat bei Hübchen keine Unsicherheit hinterlassen, sondern eine „große Arroganz“ des Überlebenden. Wer das Scheitern eines Staates erlebt hat, blickt mit anderen Augen auf die Krisen der Gegenwart. Seine Skepsis gegenüber aktuellen politischen Narrativen ist keine bloße Laune des Alters, sondern das Resultat einer Biografie, die gelernt hat, hinter die Kulissen der Macht zu schauen. Es ist der Blick eines Mannes, der weiß, dass keine Ordnung für die Ewigkeit gebaut ist. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Der Systemwechsel 1989 war für viele Ostdeutsche ein Schock, für Henry Hübchen jedoch eher die Bestätigung eines Erfahrungsvorsprungs. Teaser: Der Schauspieler spricht von einer inneren Unabhängigkeit, die weit vor dem Mauerfall begann. Interessant ist dabei seine Analyse der Anpassungsleistungen nach der Wende: Während man sich ökonomisch und beruflich in die Bundesrepublik integrierte, blieb eine kulturelle und mentale Differenz bestehen. Hübchen identifiziert dies nicht als Defizit, sondern als Ressource. Die Erfahrung, dass gesellschaftliche Verhältnisse fragil sind und Ideologien wechseln können, schützt vor einer allzu naiven Haltung gegenüber der Gegenwart. Diese ostdeutsche Skepsis, die sich heute oft in politischen Dissonanzen zeigt, wurzelt tief in der Erkenntnis, dass Wahrheit oft eine Frage der Perspektive und des Zeitgeistes ist. Die Geschichte lehrt hier nicht Eindeutigkeit, sondern Vorsicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Im Osten war der Arbeiter im Betrieb oft der König, während er in der Mangelwirtschaft der Freizeit zum Bittsteller wurde – eine Umkehrung der westlichen Verhältnisse. Teaser: Henry Hübchen analysiert präzise, wie diese spezifische Sozialisation bis heute nachwirkt. Die im Arbeitsleben der DDR erlernte Respektlosigkeit gegenüber Hierarchien und die Fähigkeit, Autoritäten infrage zu stellen, sind geblieben. Es ist eine Form der Renitenz, die sich schwer in gesamtdeutsche Strukturen einfügen lässt, weil sie aus einer völlig anderen Logik von Abhängigkeit und Freiheit entstanden ist. Das Verständnis für diese feinen Unterschiede schwindet, je weiter das Land in der Vergangenheit versinkt. https://www.ardmediathek.de/video/suite-der-kulturtalk-mit-serdar-somuncu/muessen-wir-uns-an-die-ddr-erinnern-henry-huebchen/rbb/Y3JpZDovL3JiYl83YzUyNmMwYy00MzZmLTQyNzItOWYzMi04NDMyNjE0ODFiN2NfcHVibGljYXRpb24

Das Sicherheitsgefühl in der DDR als soziale und biografische Erfahrung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Sicherheit ist für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kein abstrakter Begriff aus der Kriminalstatistik, sondern eine Erinnerung an ein Lebensgefühl der Vorhersehbarkeit. Teaser: Wer heute zuhört, wenn Ostdeutsche über ihre Vergangenheit sprechen, stößt oft auf eine Diskrepanz zwischen der historischen Realität einer Diktatur und dem persönlichen Erleben eines geschützten Alltags. Diese Wahrnehmung basiert stark auf der Erfahrung einer fast lückenlosen sozialen Absicherung. Der Arbeitsplatz war garantiert, die Miete festgeschrieben, und der Lebensweg verlief oft in geregelten Bahnen, die kaum individuelle Risiken bargen. Diese staatlich garantierte Statik nahm dem Alltag eine existenzielle Schärfe, die erst mit den Umbrüchen der Nachwendezeit in das Leben vieler Menschen trat. Hinzu kam ein öffentlicher Raum, der durch eine hohe soziale Kontrolle und geringe Mobilität geprägt war. Man blieb oft über Jahrzehnte im gleichen Wohnviertel, kannte das Umfeld und bewegte sich in einer homogenen Gesellschaft, in der Fremdheit die absolute Ausnahme bildete. Die staatliche Ordnungsmacht sorgte zudem rigoros dafür, dass Konflikte selten sichtbar im Straßenbild ausgetragen wurden. In der Rückschau verschmelzen diese Faktoren – die soziale Planbarkeit, die vertraute Umgebung und die sichtbare Ruhe – zu einem Sicherheitsbegriff, der sich fundamental von heutigen Definitionen unterscheidet. Er beschreibt weniger den Schutz vor Verbrechen als vielmehr die Abwesenheit von unvorhersehbaren Veränderungen. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Wenn Ostdeutsche sagen, früher sei es sicherer gewesen, vergleichen sie die Gegenwart oft nicht mit dem politischen System der DDR, sondern mit einer spezifischen Form der sozialen Stabilität. Teaser: Die Analyse dieses Gefühls zeigt, dass Sicherheit in diesem Kontext vor allem als Planbarkeit des eigenen Lebens verstanden wird. In der DDR waren Erwerbsbiografien und Wohnsituationen langfristig gesichert, was eine mentale Entlastung von existenziellem Wettbewerb bedeutete. Der abrupte Wegfall dieser Strukturen nach 1990 und die Erfahrung massiver Unsicherheit prägen den rückblickenden Vergleich bis heute. Verstärkt wird dies durch den Kontrast zwischen der damaligen medialen Filterung, die Konflikte ausblendete, und der heutigen Informationsdichte, die Risiken permanent sichtbar macht. Sicherheit erscheint in dieser Lesart als ein Zustand, in dem die Komplexität der Welt noch überschaubar war. QUELLE Basis: Video-Analyse „Warum viele Ostdeutsche sagen: ‚In der DDR war es sicherer‘“