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Der Realitätsschock: Als West-Berlin die Notbremse zog

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Nur drei Wochen nach dem Fall der Mauer holte der administrative Alltag die euphorisierte Halbstadt ein. Am 29. November 1989 signalisierte der West-Berliner Senat: „Nichts geht mehr.“ Ein Rückblick auf den Moment, als die Turnhallen voll und die politischen Gräben tief waren.

Von unserem Korrespondenten
Berlin. Es waren Tage des Taumels, der Freudentränen und der Sektkorken. Doch Ende November 1989, kaum 20 Tage nachdem Günter Schabowski jenen berühmten Zettel verlas, wich die Poesie der Revolution der Prosa der Verwaltung. West-Berlin, die Insel der Freiheit inmitten der DDR, stand vor dem Kollaps.

Eine Meldung der Nachrichtenagentur ADN, abgedruckt in der Berliner Zeitung, markierte an jenem Mittwoch, dem 29. November 1989, den Wendepunkt: Der West-Berliner Senat beschloss einen faktischen Aufnahmestopp für DDR-Übersiedler.

„Wir können nicht mehr“
Die Worte von Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) waren an Deutlichkeit nicht zu überbieten: „Wir können nicht mehr.“ Es war ein Hilferuf einer Stadtverwaltung, die von der Geschichte überrollt wurde. Die Zahlen, die Stahmer präsentierte, illustrieren den enormen Druck, der auf der Infrastruktur lastete. Allein im November waren 15.648 Übersiedler in die Stadt geströmt. Die Gesamtzahl des Jahres 1989 belief sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf über 53.000 Menschen.

Die Folgen waren im Stadtbild nicht mehr zu übersehen. Die regulären Wohnheime waren mit 20.000 Plätzen restlos belegt. Wer jetzt noch kam, landete im Provisorium: 8.000 Menschen hausten in Containern, Messehallen oder umfunktionierten Fabrikhallen. Besonders prekär: 2.100 Neuankömmlinge mussten in 34 beschlagnahmten Turnhallen schlafen – Feldbetten statt Schulsport, Massenunterkunft statt Privatsphäre.

Die neue Härte des Senats
Der Beschluss des Senats war drastisch: Ab sofort sollten nur noch jene Übersiedler in West-Berlin aufgenommen werden, die enge familiäre Bindungen in der Stadt nachweisen konnten. Alle anderen – und das war die Mehrheit – sollten in die Bundesrepublik weitergeleitet werden. West-Berlin erklärte sich für voll.

Der politische Grabenkampf
Doch in der aufgeheizten Atmosphäre der Wendezeit blieb dieser administrative Notakt nicht ohne politisches Nachspiel. Die Opposition im Abgeordnetenhaus witterte Verrat an den nationalen Pflichten. Eberhard Diepgen, Fraktionschef der CDU und späterer Regierender Bürgermeister, attackierte den SPD-Senat scharf.

Diepgen bediente dabei ein Narrativ, das auf die emotionale Ungleichbehandlung abzielte: Es könne nicht sein, dass selbst abgelehnte Asylbewerber bleiben dürften, während man „eigene Landsleute“ abweise. Der Streit verdeutlichte das Dilemma jener Tage: Wie viel Pragmatismus verträgt die nationale Euphorie? Für Diepgen war die Antwort klar: Die Zurückweisung von DDR-Bürgern war ein Tabubruch.

Ein Dokument der Zeitgeschichte
Rückblickend erscheint die Meldung vom 29. November wie ein Brennglas der Nachwende-Probleme. Sie zeigt, wie schnell die Ressourcen einer geteilten Stadt erschöpft waren und wie unvorbereitet der Westen auf die massenhafte Abwanderung aus dem Osten tatsächlich war. Während auf dem Kurfürstendamm noch gefeiert wurde, kämpften die Behörden in den Amtsstuben bereits mit dem organisatorischen Kater nach der Party.

Verrat in den eigenen Reihen: Rainer Eppelmann über den Fall Wolfgang Schnur

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Kurz vor den ersten freien Wahlen der DDR im März 1990 erschütterte ein Skandal die Bürgerrechtsbewegung: Wolfgang Schnur, Vorsitzender des „Demokratischen Aufbruch“ (DA), wurde als Stasi-Spitzel enttarnt. In einem Zeitzeugen-Gespräch blickt Rainer Eppelmann zurück auf die Chronologie einer Entlarvung, die nicht nur eine Partei, sondern auch eine tiefe Freundschaft zerstörte.

Es war eine Zeit des Umbruchs und der Hoffnung, doch für Rainer Eppelmann endete sie mit einer der herbsten menschlichen Enttäuschungen seines Lebens. Wenige Tage vor der historischen Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde Gewissheit, was viele nicht wahrhaben wollten: Wolfgang Schnur, der prominente Rechtsanwalt, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Hoffnungsträger für das Amt des Ministerpräsidenten, war ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit – und mehr als das.

„Der hat einen Ruf“ – Die ersten Zweifel
Die Enthüllung begann schleichend. Eppelmann erinnert sich, wie zunächst Gerüchte aus Rostock nach Berlin schwappten. Mitglieder des Demokratischen Aufbruchs warnten: „Hier gibt es Gerüchte, die sehr wichtig sind. Wolfgang Schnur arbeitet für die Staatssicherheit.“

Für Eppelmann, damals eng mit Schnur befreundet, war das zunächst unvorstellbar. Als er Schnur konfrontierte, wies dieser die Vorwürfe weit von sich. „Wenn mir ein Freund sagt, ich arbeite nicht für die Stasi, dann glaube ich ihm doch“, so Eppelmann rückblickend. Er vermutete eher ein Störfeuer der noch immer aktiven Stasi, um die neue politische Kraft zu schwächen.

Spurensuche in der Normannenstraße
Um die Vorwürfe zu entkräften, unternahmen Schnur und Eppelmann einen ungewöhnlichen Schritt: Gemeinsam mit einem weiteren Anwalt verschafften sie sich Einsicht in erste Akten in der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße – zu einer Zeit, als es noch keine geregelte Akteneinsicht gab.

Was sie fanden, war zunächst dürftig: Eine Karteikarte, aber keine Verpflichtungserklärung. Doch da war auch ein Brief aus den 1970er Jahren, adressiert an Stasi-Chef Erich Mielke. „Sehr geehrter Herr Minister, ich bitte Sie um ein Gespräch, ich hätte Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, zitierte Eppelmann den Inhalt.

Das Kuriose: Die Handschrift stimmte nicht mit der überein, die Eppelmann von Schnur kannte. Heute weiß Eppelmann, dass sich Handschriften über Jahrzehnte ändern können oder Schnur möglicherweise eine „Zweitschrift“ nutzte. Damals jedoch bestärkte die Diskrepanz Eppelmanns Glauben an die Unschuld seines Freundes.

Die erdrückende Beweislast
Der Wendepunkt kam durch externe Intervention. Akten, die im Büro von Bundeskanzler Helmut Kohl landeten, zeichneten ein vernichtendes Bild. Schnur war nicht nur ein einfacher Zuträger, sondern ein „OibE“ – ein Offizier im besonderen Einsatz. „Ein besonders fleißiger, besonders wichtiger und besonders schlimmer Mitarbeiter“, resümiert Eppelmann.

Unter dem Druck dieser Beweise und vermutlich auch auf Drängen aus Bonn brach Schnur zusammen. Er gestand – allerdings nicht gegenüber seinen Parteifreunden, sondern gegenüber dem Büro Kohl. Eppelmann und der DA erfuhren es über Umwege, nur vier oder fünf Tage vor der Wahl.

Der Slogan des Demokratischen Aufbruchs lautete damals: „Wir sind die Sauberen“. Mit Schnur an der Spitze war dieser Anspruch Makulatur. „Der haut uns so weit von innen in die Pfanne“, dachte Eppelmann damals. Der Vorstand handelte sofort und schloss Schnur in dessen Abwesenheit aus der Partei aus.

Eine Pressekonferenz mit Folgen
Eppelmann übernahm den amtierenden Vorsitz. Ihm fiel die schwere Aufgabe zu, den Skandal der Öffentlichkeit zu erklären. An seiner Seite: die damalige Pressesprecherin des DA, Angela Merkel. Sie eröffnete die Pressekonferenz vor einem Wald aus Kameras und Mikrofonen. Eppelmann musste verkünden, dass der Mann, der sich in Magdeburg bereits als zukünftiger Ministerpräsident hatte feiern lassen, ein langjähriger Stasi-Mitarbeiter war.

Der persönliche Verrat
Für Rainer Eppelmann wog der menschliche Verrat schwerer als der politische Schaden. Schnur gehörte zum engsten Kreis, kannte alle Kontakte, auch die zu westlichen Journalisten und Politikern. „Das kannte der alles, hat da natürlich alles aufgeschrieben und weiterberichtet“, sagt Eppelmann mit bitterer Stimme.

Ein Besuch im Krankenhaus, wo Schnur nach einem Zusammenbruch lag, markierte den endgültigen Bruch. Schnur ließ Eppelmann fast zwei Stunden warten und offenbarte dann, er habe dem „Stern“ ein Interview gegeben – gegen Geld. Seine Begründung: Da seine politische Karriere vorbei sei und er als Anwalt kaum noch arbeiten könne, müsse er sehen, wo er bleibe.

„Eine solche Schmuddel-Verratsgeschichte auch noch für Geld zu verkaufen“, das war für Eppelmann der Punkt, an dem das Mitleid endete.

Ein letztes Wiedersehen
Jahre später begegneten sich die beiden noch einmal vor Gericht. Es ging um eine Auseinandersetzung zwischen Joachim Gauck und Peter-Michael Diestel, bei der Schnur als Zeuge auftrat. Im Gerichtsflur in Rostock kam Schnur auf Eppelmann zu, lächelnd, die Hand ausgestreckt, als sei nichts geschehen.

Eppelmanns Reaktion war eindeutig. Er verweigerte den Handschlag. „Sie müssten mir eine Menge erklären“, sagte er. Wolfgang Schnur hat es danach nie wieder versucht.

Der Verrat des Vaters: Ein Leben im Schatten der Stasi

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Hannover, 1979. Thomas Raufeisen führt das Leben eines ganz normalen westdeutschen Teenagers. Er geht zur Schule, trifft Freunde und wächst behütet in bürgerlichen Verhältnissen auf. Was er nicht weiß: Sein Vater Armin ist kein gewöhnlicher Angestellter der Preussag, sondern ein Top-Agent des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Ein Familienausflug wird für den damals 16-Jährigen zum Albtraum, der sein Leben für immer verändern sollte.

Es ist eine Geschichte, die klingt wie aus einem Agententhriller, doch für Thomas Raufeisen ist sie bittere Realität. In einem Interview mit Frank Elstner schilderte Raufeisen eindrücklich, wie seine heile Welt von einem Moment auf den anderen zerbrach.

Die Reise ohne Wiederkehr
Alles begann mit einer Lüge. Thomas Raufeisens Vater behauptete, der Großvater in der DDR läge im Sterben. Es sei vielleicht die letzte Möglichkeit, ihn lebend zu sehen. Die Familie – Mutter, Vater, Thomas und sein älterer Bruder – brach sofort auf. Doch die rührende Sorge um den Großvater war nur ein Vorwand.

„Als wir dort ankamen, hat mein Vater die Wahrheit erzählt“, berichtet Raufeisen. In einem Gästehaus, flankiert von zwei fremden Männern, die sich später als Stasi-Offiziere entpuppten, ließ Armin Raufeisen die Bombe platzen. Er habe nicht nur für den westdeutschen Konzern Preussag gearbeitet, sondern dort gezielt Wirtschaftsinformationen für den DDR-Geheimdienst beschafft. Seine Tarnung im Westen drohte aufzufliegen, die Verhaftung stand kurz bevor. Die Flucht in die DDR war sein einziger Ausweg – und er hatte seine Familie mitgenommen.

Für den 16-jährigen Thomas brach eine Welt zusammen. „Das war ein absoluter Vertrauensbruch“, erinnert er sich. Der Vater, eine Respektsperson, wurde plötzlich zu einem Fremden.

Gefangen im System
Die Konsequenzen waren brutal. Während der volljährige Bruder sich weigern und nach einer zermürbenden Wartezeit in den Westen zurückkehren durfte, saßen Thomas und seine Mutter in der Falle. Thomas, als Minderjähriger, wurde ungefragt DDR-Bürger.

Doch Armin Raufeisen, der überzeugte Kommunist, der in den 1950ern von der Stasi angeworben wurde und im Auftrag des Staates Karriere im Westen machte, wurde von seinem eigenen Auftraggeber enttäuscht. Das Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ entsprach nicht seinen Vorstellungen. Er plante, was die Stasi als unverzeihlichen Verrat ansah: die Flucht zurück in den Westen.

Der Versuch scheiterte. Die Familie wurde verhaftet.

Die Hölle von Hohenschönhausen
Was folgte, war eine Odyssee durch die Gefängnisse der Staatssicherheit. Thomas Raufeisen verbrachte drei Jahre in Haft, seine Mutter sogar sieben. Ihr wurde absurderweise vorgeworfen, sie hätte bei einer Ordensverleihung hochrangige Spione wie Markus Wolf identifizieren können – ein hypothetisches Vergehen, das schwer bestraft wurde.

Der Vater überlebte die Haft nicht. Armin Raufeisen starb unter mysteriösen Umständen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. „Er ist dort drinnen gestorben“, sagt Thomas Raufeisen heute nüchtern. Eine Versöhnung gab es nie.

Aufklärung statt Verbitterung
Heute, Jahrzehnte später, ist Thomas Raufeisen an den Ort seines Leidens zurückgekehrt. Er arbeitet als Referent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, jenem ehemaligen Stasi-Gefängnis, in dem er und seine Familie inhaftiert waren.

Er führt Besucher, insbesondere Schulklassen, durch die Zellen und Verhörräume. Seine Geschichte macht die abstrakte Historie der DDR-Diktatur greifbar. „Es ist sehr eindringlich und glaubhaft, wenn man von persönlichen Erlebnissen erzählen kann“, erklärt er seine Motivation.

Trotz des traumatischen Erlebens wirkt Raufeisen nicht verbittert. Es geht ihm um politische Bildung und darum, jungen Menschen den Wert von Freiheit und kritischem Hinterfragen zu vermitteln. Auch mit seiner Mutter, die heute 83 Jahre alt ist, hat er einen Weg gefunden, über die Vergangenheit zu sprechen.

Thomas Raufeisens Geschichte ist ein mahnendes Beispiel dafür, wie politische Ideologien Familien zerstören können. Sein Vater opferte für seine Überzeugung nicht nur seine eigene Freiheit, sondern auch die Zukunft und das Vertrauen seiner Kinder.

Drahtseilakt vor Malta: Wie Kohl Bush für die Einheit gewann

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Ein historisches Dokument vom 28. November 1989 enthüllt die diplomatische Meisterleistung von Helmut Kohl wenige Tage vor dem Weltgipfel.

Bonn/Washington. Es sind genau drei Wochen seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen. Die Euphorie auf den Straßen Berlins und Leipzigs ist ungebrochen, doch in den Kanzleien der Weltmachtpolitik herrscht nervöse Anspannung. Ein Brief, datiert auf den 28. November 1989, gewährt nun einen faszinierenden Einblick in den Maschinenraum der deutschen Wiedervereinigung. Absender: Bundeskanzler Helmut Kohl. Adressat: US-Präsident George H.W. Bush.

Das Dokument, intern als „Dokument Nr. 2“ geführt, ist weit mehr als eine höfliche Korrespondenz unter Verbündeten. Es ist ein dringender strategischer Appell kurz vor dem entscheidenden Gipfeltreffen zwischen Bush und dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow vor der Küste Maltas.

Die Angst vor einem neuen Jalta
Kohls größte Sorge, die wie ein roter Faden durch das Schreiben verläuft, ist das Gespenst der Geschichte. Er fürchtet ein „Jalta 2.0“ – eine Situation, in der die Supermächte über die Köpfe der Deutschen hinweg den Status quo in Europa zementieren könnten, um die geopolitische Lage zu beruhigen.

„Ich bin Dir sehr verbunden, George“, schreibt Kohl, „für die Klarheit, mit der Du jede Parallele zwischen Jalta und Malta zurückgewiesen hast.“ Es ist ein Satz, der Erleichterung verrät, aber auch Mahnung ist. Kohl drängt darauf, dass der kommende Gipfel keinesfalls den Anschein erwecken darf, die Teilung Europas erneut festzuschreiben.

Stabilität neu definiert
Der vielleicht brillanteste Schachzug des Kanzlers in diesem Brief ist semantischer Natur. Er weiß, dass Gorbatschow in Malta das Argument der „Stabilität“ nutzen wird, um den rasanten Wandel in der DDR zu bremsen. Kohl liefert Bush daher eine neue Definition des Begriffs, sozusagen Munition für das Gespräch mit dem Kreml-Chef.

Wahre Stabilität, so argumentiert Kohl, entstehe nicht durch das Stützen maroder Regime, sondern durch Reformen und Selbstbestimmung. „Destabilisierung“, schreibt er, komme vielmehr aus der Unterdrückung und der Verweigerung von Reformen – ein direkter Verweis auf die Unruhen in der Tschechoslowakei und Rumänien.

Der 10-Punkte-Plan als Fahrplan
Herzstück des Briefes ist jedoch Kohls Erläuterung seines berühmten „10-Punkte-Plans“, den er kurz zuvor im Bundestag vorgestellt hatte. Gegenüber Bush tritt er hier als Architekt einer neuen Ordnung auf. Von humanitärer Soforthilfe über konföderative Strukturen bis hin zur endgültigen staatlichen Einheit skizziert er einen Weg, der für Washington und Moskau gleichermaßen akzeptabel sein soll.

Besonders brisant ist Kohls Bitte an Bush bezüglich der Sowjetunion: Der Präsident solle verhindern, dass Gorbatschow eine Art „Containment“ (Eindämmung) der deutschen Frage durchsetzt. Die Einheit sei eine Frage der Selbstbestimmung, und die Demonstranten in der DDR riefen nicht mehr nur „Wir sind das Volk“, sondern zunehmend „Wir sind ein Volk“.

Der Blick nach Moskau
Kohls Analyse der Lage in der Sowjetunion ist nüchtern und präzise. Seine Berater melden ihm, dass Gorbatschow zwar politisch noch fest im Sattel sitze, die wirtschaftliche Lage der UdSSR jedoch katastrophal sei – schlimmer als bei dessen Amtsantritt. Dies, so das Kalkül, mache Moskau abhängig von westlicher Hilfe und damit kompromissbereit.

Dieser Brief vom 28. November 1989 ist ein Zeugnis dafür, wie eng die Abstimmung zwischen Bonn und Washington in diesen schicksalhaften Tagen war. Er zeigt einen Kanzler, der nicht nur auf die Ereignisse reagiert, sondern sie aktiv gestaltet – mit dem festen Ziel der Einheit vor Augen und dem Wissen, dass er dafür den mächtigsten Mann im Weißen Haus an seiner Seite braucht.

Was geschah wirklich in Schwedt? Ehemalige Insassen berichten

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Für Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) war der Name „Schwedt“ ein Synonym für Angst. Es war das einzige Militärgefängnis der DDR – ein Ort, der nicht nur bestrafen, sondern brechen sollte. Jahrzehnte später brechen ehemalige Insassen wie Detlef Fahle ihr Schweigen und kämpfen gegen das Vergessen.

Wer in der DDR seinen Wehrdienst leistete, kannte die Drohung. Sie hing wie ein Damoklesschwert über den Kasernen: Schwedt. In der brandenburgischen Industriestadt befand sich die einzige militärische Strafvollzugsanstalt der gesamten DDR. Wer hier landete, war oft nicht nur ein Krimineller im klassischen Sinne, sondern hatte sich dem System verweigert oder war schlichtweg angeeckt.

Detlef Fahle, heute Vorsitzender des Vereins „DDR Militärgefängnis Schwedt e.V.“, erinnert sich an die beklemmende Einzigartigkeit des Ortes: „Das Militärgefängnis hier in Schwedt war sozusagen das einzigste Militärgefängnis auf dem ganzen Gebiet der DDR“ [00:17]. Während es in der Bundesrepublik nichts Vergleichbares gab, wurden hier straffällig gewordene Armeeangehörige hergebracht – für Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren, Arreststrafen oder den gefürchteten Dienst in der Disziplinareinheit.

Ein System der psychischen Zermürbung

Was Schwedt so berüchtigt machte, waren nicht nur die physischen Entbehrungen, sondern die gezielte psychische Gewalt. „Das war nicht die körperliche Qual, das war die seelische Qual“, berichtet Fahle [00:30]. Das Ziel der Anstalt war explizit: „Man hat uns versucht zu brechen und wollte uns zu neuen sozialistischen Vorzeigesoldaten neu erziehen“ [00:46].

Der Alltag war geprägt von absolutem Drill. Um 4:00 Uhr morgens wecken, Frühsport, Revier reinigen und dann in die Arbeitskommandos – etwa in die Papierfabrik oder zur Montage von Handlampen im Leuchtenbau [06:59]. Begleitet wurde dies von ständiem Gebrüll, Einschüchterung und Schikanen wie Essensentzug.

Verfolgt wegen Homosexualität: Ein persönliches Schicksal

Die Gründe für eine Inhaftierung waren vielfältig: Von Diebstahl und Schlägereien bis hin zu militärspezifischen Delikten wie Befehlsverweigerung, unerlaubter Entfernung von der Truppe oder Alkoholmissbrauch [02:08]. Doch oft trafen die Strafen jene, die schlicht nicht in das Weltbild der sozialistischen Wehrmacht passten.

Detlef Fahles eigener Weg nach Schwedt begann 1982 mit systematischer Diskriminierung. Während seines Grundwehrdienstes wurde er wegen seiner Homosexualität massiv schikaniert. Die Situation eskalierte, als ein betrunkener Fähnrich ihn mit einer Waffe bedrohte, weil er fürchtete, Fahle könnte andere Soldaten „anstecken“ [05:29].

„Bei mir sind dann alle Sicherungen durchgebrannt und ich wollte einfach nur noch weg“, erzählt Fahle. In einer Verzweiflungstat stahl er einen Armee-LKW, um sich damit am Kap Arkona die Klippen hinunterzustürzen [05:58]. Er wurde gefasst, verhört und schließlich zu drei Monaten Dienst in der Disziplinareinheit verurteilt.

Das verordnete Schweigen

Das vielleicht grausamste Instrument des Systems griff erst bei der Entlassung: das Schweigen. Die Insassen mussten unterschreiben, über das Erlebte „Stillschweigen zu bewahren“ [07:46]. Die Androhung, bei Zuwiderhandlung sofort wieder ins Gefängnis zu kommen, wirkte oft ein Leben lang nach – auch noch lange nach der Wende.

Viele ehemalige Inhaftierte tragen dieses Trauma bis heute mit sich herum, unfähig, selbst mit ihren Ehepartnern darüber zu sprechen. Fahle berichtet von Frauen, die den Verein kontaktieren, weil sie spüren, dass ihre Männer unter einer Last leiden, die sie nicht benennen können [08:37].

Späte Aufarbeitung

Der Verein, der sich 2013 über ein Internetforum gründete, versucht heute, diese Lücke zu schließen. Es gab lange keine Gedenkstätte, kein Museum, keinen Anlaufpunkt für die Opfer [03:09]. Heute bietet der Verein Hilfe bei der Rehabilitation an – ein wichtiger Schritt für viele, die durch die Haft Nachteile im Erwerbsleben hatten und nun auf eine kleine Rente oder Entschädigung hoffen [09:13].

Doch wichtiger als das Geld ist oft das Brechen des Schweigens. „Das ist nicht die körperliche Qual, das war die seelische Qual, darüber nicht reden zu können“, wiederholt Fahle [08:05]. Schwedt war mehr als ein Gefängnis; es war eine Lektion in Angst, die viele Männer der DDR bis heute nicht vergessen haben.

Wenn die DDR plötzlich nach Freiheit schmeckt: Bullshit-Bingo der Erinnerung

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Wenn die DDR plötzlich nach Kaffeeduft und Freiheit schmeckt: Warum Lieder wie „Ostalgie“ so gefährlich gemütlich sind.

Es riecht nach Bohnenkaffee im Plattenbau. Draußen knattert verlässlich eine Simson Schwalbe vorbei, und auf dem Tisch steht, wie ein heiliger Gral der Gemütlichkeit, die Vita Cola. Die Welt ist klein, die Sorgen sind weit weg, und die Nachbarn sind noch echte Freunde.

Klingt schön, oder?
Genau dieses Gefühl verkauft der YouTube-Kanal Eichenblut mit seinem Song „OSTALGIE“. Es ist ein musikalisches Schaumbad für die ostdeutsche Seele. Und wenn man sich durch die Kommentare scrollt oder die eingängigen, schlageresken Zeilen hört, merkt man schnell: Das hier ist mehr als nur ein Lied. Es ist eine kollektive Therapie – mit Risiken und Nebenwirkungen.

Das Bullshit-Bingo der Erinnerung
Der Text funktioniert wie ein perfekt kuratiertes „Ost-Identitäts-Bingo“. Holzbaukasten? Check. Monchhichi? Check. Konsum? Check. Wer hier nickt, gehört dazu. Das Lied drückt Knöpfe, die tief im emotionalen Gedächtnis einer ganzen Generation verankert sind. Es validiert eine Biografie, die nach 1990 oft als „falsch“, „iniffizient“ oder „belastet“ abgewertet wurde.

Die Kernbotschaft des Songs lautet: „Nicht viel gehabt, doch irgendwie war alles echt.“ Das ist der zentrale Satz der Ostalgie. Er deutet den Mangel der Planwirtschaft zur moralischen Überlegenheit um. Weil wir nichts hatten, waren wir die besseren Menschen. Weil es keine Bananen gab, war unsere Freundschaft tiefer. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber er ist auch eine Falle.

Die große Stille hinter dem Beat
Was diese musikalische Weichzeichnung so problematisch macht, ist nicht das, was sie zeigt, sondern das, was sie ohrenbetäubend laut verschweigt. In den vier Minuten „Ostalgie“ gibt es keine Stasi. Es gibt keine Bautzener Gefängniszellen, keine Zensur, keine Schüsse an der Mauer und keine Kinder, die zwangsadoptiert wurden, weil ihre Eltern „Republikflucht“ begingen.

Die DDR wird hier auf das private Wohnzimmer reduziert. Das ist verständlich – niemand möchte sich erinnern, wie er in einer Diktatur gelebt hat. Man erinnert sich lieber an den ersten Kuss, das Mopedfahren und den Geschmack von Brause. Das Problem beginnt dort, wo diese privaten Glücksmomente als Beweis dafür herhalten müssen, dass das System gar nicht so schlimm war.

Das Video betreibt eine Entpolitisierung der Geschichte. Es trennt den Alltag radikal vom Staat. Als hätten die gemütliche Nische und die Diktatur nichts miteinander zu tun gehabt. Dabei war der Rückzug ins Private – das „Draußen sitzen mit den Nachbarn“, das im Lied so gefeiert wird – oft keine freie Wahl, sondern die einzige Möglichkeit, unbehelligt zu bleiben.

Trotz als Heimat
„Ostdeutschland im Herzen bis zum letzten Tag“, singt die Stimme. Das klingt fast kämpferisch. Es ist eine Trotz-Identität. Nach dem Motto: Ihr habt uns unsere Betriebe genommen, aber unsere Erinnerungen kriegt ihr nicht.

Das Lied ist ein kulturelles Beruhigungsmittel. Es schmeckt süß und klebt ein bisschen, genau wie die besungene Vita Cola. Man darf das genießen, man darf sich an seine Kindheit erinnern, das ist ein Menschenrecht. Aber man sollte aufpassen, dass man vor lauter Rührung über den Holzbaukasten nicht vergisst, dass das „Reich“, das man sich damals am Tisch baute, von einer Mauer umgeben war, die für viele tödlich endete.

Wer die DDR auf „Herz und Klang“ reduziert, verwechselt Geschichte mit Folklore. Und das wird denjenigen nicht gerecht, für die diese Zeit eben nicht nach Kaffee duftete, sondern nach Angst roch.

Aufbruch in der Bekenntniskirche: Als die DDR-Umweltbewegung politisch wurde

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Berlin, November 1989. Während auf den Straßen noch der Freudentaumel über den Mauerfall herrscht, wird in einer Kirche in Treptow bereits die politische Zukunft verhandelt. Es geht um mehr als Reisefreiheit – es geht um die Freiheit zu atmen.

Es ist ein Sonntag in Berlin-Treptow, und die Luft in der Bekenntniskirche ist geladen. Nicht mit Weihrauch, sondern mit dem Drang nach Veränderung. Das 6. Berliner Ökologie-Seminar geht zu Ende, doch der eigentliche Anfang steht erst bevor. An einem improvisierten Präsidiumstisch sitzen sie zusammen: die Vertreter einer Bewegung, die jahrelang im Untergrund, unter dem Schutz der Kirche, über saurem Regen und vergifteten Flüssen brütete. Jetzt treten sie ins Rampenlicht.

Der doppelte Weg: Partei und Liga
Die Szene an diesem Nachmittag markiert eine historische Zäsur. Die DDR-Umweltbewegung spaltet sich auf – nicht im Streit, sondern arbeitsteilig. Auf der einen Seite formiert sich die Grüne Partei. Ihr Ziel ist klar: raus aus der Nische, rein ins Parlament. Sie wollen politische Verantwortung übernehmen, Programme schreiben, Gesetze ändern.

Auf der anderen Seite steht die Grüne Liga. Sie versteht sich als das dringend benötigte Netzwerk, das die unzähligen verstreuten Umweltgruppen der Republik bündelt. Ihr Gründungstreffen ist bereits für den 3. Februar avisiert. „Kein Widerspruch“, heißt es vom Podium. Man brauche beides: den parlamentarischen Arm und den außerparlamentarischen Druck der Basis.

Schluss mit „Sündern“ – her mit den Straftätern
Die Sprache der Aktivisten hat sich gewandelt. Jahrelang sprach man in kirchlichen Kreisen vorsichtig von „Umweltsündern“. Damit ist es vorbei. In Treptow wird Klartext geredet: Wer die Umwelt zerstört, ist kein Sünder, sondern ein „Umweltstraftäter“.

Die Forderungen sind konkret und radikal pragmatisch. Ein Umweltfonds soll her, gespeist aus den Strafgeldern der Verschmutzer. Und man hat auch schon eine Idee, wo die Ressourcen für den Umweltschutz herkommen sollen. Die maroden Kläranlagen in Dresden und Wittenberg – Städte, die ökologisch am Abgrund stehen – brauchen sofortige Hilfe. Der Vorschlag der Grünen klingt wie eine Ironie der Geschichte: Die Bautechnik der Staatssicherheit, jene Kapazitäten, die einst Mauern und Bunker bauten, sollen nun für den Bau von Klärwerken umgeleitet werden. Schwerter zu Pflugscharen, Beton zu Filteranlagen.

Die Abrechnung mit Minister Reichelt
Der Zorn der Versammelten richtet sich personalisiert gegen einen Mann: Hans Reichelt, den Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft. Ihm wird die Verantwortung für die katastrophalen Meliorationsmaßnahmen zugeschoben, die riesige Gebiete der DDR ökologisch ruiniert haben.

Der Ruf nach einem neuen Ministerium wird laut. Ein Ressort für „ökologische Sicherheit“, das nicht mehr, wie bisher, der Wirtschaft dienen muss, sondern die Natur vor der Ökonomie schützt. Ein Zwischenruf eines ungarischen Gastes sorgt für bitteres Gelächter und Hoffnung zugleich: „Unser Umweltminister ist vergangene Woche zurückgetreten. Wie wäre es mit einem Erfahrungsaustausch?“

Vision einer grünen Metropole
Zum Abschluss des Seminars richten die Teilnehmer den Blick über die noch existierenden Staatsgrenzen hinweg auf Berlin als Ganzes. Die Stadt steht am Scheideweg: Wird sie eine Betonwüste mit noch mehr Autos, oder wagt sie den „ökologischen Umbau“?

Das Manifest, das an diesem Sonntag verabschiedet wird, liest sich wie eine Blaupause für das 21. Jahrhundert: Gemeinsame Müllkonzepte für Ost und West, Vorrang für den Nahverkehr, Alternativen zum Flugverkehr. Und die Finanzierung? Die soll durch eine radikale Entmilitarisierung beider deutscher Staaten gesichert werden. Die „Grünen“ in der Bekenntniskirche haben an diesem Novembertag nicht weniger vor, als die DDR nicht nur zu demokratisieren, sondern sie zu sanieren – bevor es zu spät ist.

Der letzte Traum von der besseren DDR

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Im November 1989 versuchten Intellektuelle und Künstler mit dem Aufruf „Für unser Land“, die DDR als eigenständige sozialistische Alternative zu retten. Über eine Million Menschen unterschrieben. Doch was als moralischer Kompass begann, wurde im Strudel der Ereignisse zur tragischen Fußnote – erstickt durch die falsche Unterstützung und die ökonomische Realität.

Berlin, 26. November 1989. In der Wohnung der Schriftstellerin Christa Wolf herrscht angespannte Konzentration. Draußen, auf den Straßen der Republik, hat sich der Wind gedreht. Die Euphorie des Mauerfalls weicht langsam der harten Frage: „Was nun?“ An diesem Tag entsteht ein Text, der das Schicksal der DDR noch einmal wenden soll. Er trägt den Titel „Für unser Land“.

Es ist der Versuch, die revolutionäre Energie des Herbstes `89 in geordnete Bahnen zu lenken – weg von einer schnellen Wiedervereinigung, hin zu einem „Dritten Weg“. Die Autoren, darunter der Ökonom Dieter Klein, der Kirchenmann Günter Krusche, der Bürgerrechtler Konrad Weiß und Christa Wolf selbst, formulieren eine Schicksalswahl. Ein „Entweder – Oder“, das die Nation spalten und zugleich einen soll.

Die Angst vor dem „Ausverkauf“
Der Text appelliert an den Stolz und die Angst der DDR-Bürger. Die Vision: Eine solidarische Gesellschaft, Frieden, soziale Gerechtigkeit und ökologische Bewahrung – eine „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“. Die Warnung: Wer sich dem Westen öffnet, droht einem „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ zum Opfer zu fallen. Man fürchtet die „Vereinnahmung“ durch die Bundesrepublik, getrieben durch harte ökonomische Zwänge.

Als Stefan Heym den Aufruf zwei Tage später, am 28. November, auf einer internationalen Pressekonferenz verliest, trifft er einen Nerv. Die Unterstützung ist gewaltig. Prominente Erstunterzeichner geben sich die Klinke in die Hand: Die Rocksängerin Tamara Danz, der Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der Regisseur Frank Beyer. Es ist das „Who is Who“ der kritischen DDR-Intelligenz.

Der Kuss des Todes
Die Resonanz ist überwältigend. Bis zum offiziellen Ende der Aktion im Januar 1990 werden 1.167.048 Bürger ihre Unterschrift unter das Dokument setzen. Kein anderer Aufruf der Wendezeit mobilisiert solche Massen. Selbst aus der Bundesrepublik kommt Solidarität durch die Partner-Aktion „Für Euer Land, für unser Land“.

Doch der Erfolg trägt bereits den Keim des Scheiterns in sich. Denn nicht nur die Reformer unterschreiben. Auch die Täter von gestern greifen nach dem Strohhalm. Als Egon Krenz, Generalsekretär der SED, seine Unterschrift unter das Papier setzt, und kurz darauf Hans Modrow sowie Stasi-Nachfolger Wolfgang Schwanitz folgen, kippt die Stimmung.

Für die Initiatoren ist es eine Katastrophe. Sie wollten das Land retten, die Heimat – nicht den Staat der SED. „Eine Unterschriftenaktion ja, aber bitte keine Unterschriften der SED-Oberen!“, notiert Krenz später die Proteste in seinem Tagebuch. Die Umarmung durch die alte Machtelite entwertet den moralischen Anspruch der Bürgerrechtler. Konrad Weiß, einer der Verfasser, wird Jahre später selbstkritisch bilanzieren: „Im Nachhinein hätte ich auch nicht unterschrieben.“ Der Unterschied zwischen der Intention der Verfasser und der Rezeption durch die Bevölkerung sei „fatal“ gewesen.

Die Realität schlägt die Utopie
Während in Berlin noch über sozialistische Ideale debattiert wird, schaffen andere Fakten. Der Aufruf provoziert Gegenwind. Mitarbeiter des Forschungsinstituts Manfred von Ardenne und Dresdner Künstler verfassen einen Gegenaufruf. Ihre Botschaft ist pragmatisch und hart: „Wir haben genug von den Utopien!“

Sie argumentieren ökonomisch: Die Planwirtschaft sei gescheitert, der „sozialen Marktwirtschaft Westeuropas unterlegen“. Der Blick richtet sich nicht mehr auf Experimente, sondern nach Bonn und Straßburg. Auch der „Leipziger Aufruf“ positioniert sich gegen Christa Wolfs Vision.

Selbst in der CDU, deren Vorsitzender Lothar de Maizière den Aufruf zunächst begrüßt und unterschrieben hatte, rumort es an der Basis. Vielen ist klar: Ohne die D-Mark und die Wirtschaftskraft des Westens ist die DDR nicht zu sanieren. Der Traum von der Eigenständigkeit zerplatzt an den leeren Regalen und maroden Fabriken.

Ein Dokument des Übergangs
Die Geschichte ging über den Aufruf hinweg. Die Rufe auf den Straßen wandelten sich schnell von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“. Am 19. Januar 1990 endete die Unterschriftenaktion. Wenige Monate später war die D-Mark da, im Oktober die Einheit.

Was bleibt, ist ein historisches Dokument von seltener Ambivalenz. „Für unser Land“ war der letzte große Versuch, eine DDR-Identität zu wahren, die sich nicht über die Mauer, sondern über humanistische Werte definierte. Es war eine Abstimmung mit den Füßen – oder vielmehr mit dem Stift – in einem Moment, als alles möglich schien, bevor die Realität die Tür zur Utopie endgültig schloss.

Wenn Erinnerung zur Richtung wird

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Manchmal frage ich mich, wie man Vergangenheit eigentlich richtig betrachtet. Ob man sie nüchtern ansehen kann wie ein altes Foto – oder ob sie uns immer näher ist, als wir glauben. Vergangenheit ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie sitzt mit am Tisch. Still manchmal. Manchmal laut. Und manchmal bestimmt sie mehr, als uns lieb ist.

Ich merke, wie sehr Wahrnehmung dabei trügt. Was ich erinnere, ist nicht das, was war. Es ist das, was geblieben ist. Gefühle, Brüche, Sehnsüchte, Enttäuschungen. Und doch spreche ich oft so über die Vergangenheit, als hätte ich sie objektiv greifen können. Als wäre sie eindeutig. Das ist sie nicht. Sie ist vielstimmig. Und sie widerspricht sich – je nachdem, wer erzählt.

In der Gegenwart zeigt sich, welche Rolle wir ihr zugestehen. Für manche ist sie Last, für andere Heimat, für wieder andere ein stiller Maßstab. Ich selbst schwanke. Es gibt Tage, da zieht mich das Früher zurück. Da wirkt alles klarer, einfacher, geordneter – vielleicht auch nur, weil ich das Schwierige ausgeblendet habe. Und dann gibt es Tage, da spüre ich, wie sehr gerade diese Verklärung den Blick nach vorn verstellt.

Vergangenheit kann trösten, aber sie kann auch festhalten. Sie kann erklären, aber sie kann auch entschuldigen. Sie kann warnen, wenn man ihr zuhört. Oder lähmen, wenn man sich in ihr vergräbt. Die Frage ist nicht, ob Vergangenheit wirkt. Sie wirkt immer. Die eigentliche Frage ist, ob wir sie bewusst in unser Denken holen – oder ob sie uns unbemerkt lenkt.

Für die Zukunft liefert sie keine fertigen Antworten. Aber sie zeigt Spuren. Bruchlinien. Wiederholungen. Und sie stellt uns leise die unbequeme Frage, was wir eigentlich weitertragen wollen – und was wir endlich loslassen müssten.

Vielleicht ist das der schwierigste Teil: die eigene Geschichte nicht als Schutzschild zu benutzen, sondern als offenen Raum. Für Zweifel. Für Erkenntnis. Und für die Möglichkeit, es anders zu machen.

Vergangenheit ist kein Ort der Rückkehr. Sie ist ein Spiegel. Und manchmal zeigt er mehr von unserer Gegenwart, als uns lieb ist.

Zwischen Umbruch und Selbstbehauptung – eine Suche nach Zukunft

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Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Ein großes Wort dafür lautet „Transformation“. Es klingt technisch, fast beruhigend – und ist doch kaum greifbar. Was sich dahinter verbirgt, spüren viele eher als dass sie es benennen könnten: Unsicherheit, Beschleunigung, Überforderung. In einer Welt, die sich gefühlt schneller verändert, als wir innerlich folgen können, suchen Menschen nach einem Heimathafen. Nach etwas Verlässlichem. Nach Halt.

Viele ziehen sich zurück. Gefühle werden wieder offen gezeigt. Erinnerungen an frühere Formen von Heimat werden wach – im Osten wie im Westen. Nicht als politisches System, sondern als Gefühl: Überschaubarkeit, Zugehörigkeit, ein vermeintliches „Wir“. Rückblickend wissen wir, dass dieses „Wir“ ideologisch konstruiert war, dass es aus vielen einzelnen Ichs bestand, die sich anpassen mussten. Und doch bleibt die Sehnsucht danach – vielleicht gerade deshalb, weil heute fast nur noch das einzelne Ich sichtbar ist.

Diese Ichs sind offener geworden, roher, verletzlicher. Wie eine Wunde liegen sie nach außen. Und wir haben verlernt, mit diesen offenen Lebensentwürfen tolerant umzugehen. Dabei wäre der Grundsatz so einfach: Du darfst dein Leben leben, wie du es für richtig hältst – solange du mir das Gleiche zugestehst. Freiheit funktioniert nur gegenseitig.

Gleichzeitig erleben wir eine extrem individualisierte Welt. Jeder trägt sein eigenes Universum in der Hosentasche. Orientierung entsteht nicht mehr kollektiv, sondern fragmentiert. Und während wir 1989 einem gesellschaftlichen System beigetreten sind, das vielen zunächst Sicherheit und Aufstieg ermöglichte, zeigen sich heute unübersehbar seine Risse. Das politische Ringen um neue, tragfähige Lösungen wirkt schwerfällig. Zu oft wird der Status quo verwaltet statt Zukunft gestaltet. Die Angst, etwas zu verlieren, scheint größer als die Hoffnung, etwas Neues zu gewinnen.

Dieses Gefühl der Erschöpfung kennen wir aus der Geschichte. Es war auch 1989 da: das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann. Heute ist es wieder spürbar. Aber löst sich dieses Gefühl, wenn man einfach „etwas anderes“ wählt? Wahrscheinlich nicht. Zukunft entsteht nicht allein aus Protest, sondern aus Verantwortung – für sich selbst und für die Freiheit insgesamt.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe dieser Zeit: Bei sich selbst zu bleiben, ohne sich von der Welt abzuwenden. Die eigene Lösung zu suchen, ohne die der anderen zu negieren. Freiheit nicht als Besitz, sondern als gemeinsame Verpflichtung zu begreifen. Zukunft ist kein Versprechen. Sie ist eine tägliche Entscheidung.