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Hotel Astoria – Wo Macht, Prominenz und Luxus eins wurden

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Leipzig, einst ein pulsierendes Handelszentrum des Deutschen Kaiserreichs, birgt in seinen Mauern Geschichten, die von Glanz, Politik und dekadenter Lebensart erzählen. Das Hotel Astoria, das am 5. Dezember 1915 seine Türen öffnete, verkörpert dabei den Wandel einer Stadt und die bewegte Geschichte eines Hauses, das weit mehr als nur ein Hotelerlebnis bot.

Ein Grand Hotel im Herzen einer Handelsmetropole
Als erstes Grand Hotel Leipzigs war das Astoria von Beginn an ein Ort der Extravaganz. Entworfen von den Architekten Lossow und Kühne, entstand es im Ensemble mit dem angrenzenden Bahnhof – ein Ensemble, das den modernen Geist der Zeit widerspiegelte. Mit innovativen Annehmlichkeiten wie fließendem Wasser in nahezu jedem Zimmer und einem eigenen Postamt war das Hotel ein Magnet für Financiers, wohlhabende Kaufleute und internationale Gäste, die in den prunkvollen Räumen den Luxus des frühen 20. Jahrhunderts genießen wollten.

Transformation zum Regierungshotel der DDR
Mit dem Wandel der politischen Landschaft änderte auch das Gesicht des Astoria. In den 1960er-Jahren avancierte es zum Regierungshotel, in dem die politischen Größen der DDR ihre Spuren hinterließen. Hier empfing Walter Ulbricht – der mächtigste Mann des Landes – 1963 den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin. Die Anekdoten aus dieser Zeit zeugen von einer Mischung aus strenger Protokolltreue und menschlichen Eigenheiten: Ein junger Lehrling namens Ulrich Trampler erinnert sich an skurrile Begebenheiten, etwa als Ulbricht beinahe versuchte, eine aus Zucker gefertigte Rakete anzuschneiden – ein symbolischer Akt, der jedoch von strengem Protokoll und Sicherheitsvorkehrungen verhindert wurde.

Die Kunst der Dienstleistung und das Spiel der Macht
Hinter der Fassade des prunkvollen Empfangs spielte sich täglich ein Tanz der Macht und des Services ab. Mitarbeiter wie Celi Rücker und Ulrich Trampler berichteten von minutiösen Vorbereitungen, bei denen selbst kleinste Details – wie die Vorlieben der Gäste, ob etwa „keine Petersilie für Minister“ oder „niemals Fisch für den Postminister“ – minutiös beachtet wurden. Jede Messe, die Leipzig in Scharen internationaler Besucher erlebte, war ein Fest der Selbstdarstellung der DDR-Regierung: Tagsüber das pulsierende Messegelände, abends exklusive Empfänge im einzigen Regierungshotel der Stadt.

Luxus, Pelzauktionen und gesellschaftliche Inszenierungen
Ein weiterer Glanzpunkt der Astoria-Geschichte waren die legendären Pelzauktionen. Bereits zur Zeit der Hoteleröffnung war Leipzig ein Zentrum des Pelzhandels – ein Geschäft, das auch in DDR-Zeiten florierte. Das Hotel wurde zum bevorzugten Treffpunkt internationaler Händler und spielte eine zentrale Rolle bei gesellschaftlichen Ereignissen, in denen Luxus, Exklusivität und die kunstvolle Inszenierung gesellschaftlicher Netzwerke im Vordergrund standen. In der „Pelzklause“ des Astoria trafen sich nicht nur die wirtschaftlichen Akteure, sondern es wurden auch Traditionen begründet, die noch lange in den Erinnerungen der Gäste nachhallen.

Ein Erbe voller Widersprüche
Heute erzählen die vergilbten Fotografien und die prunkvollen Räume des Hotel Astoria von einer Ära, in der Macht und Dekadenz untrennbar miteinander verwoben waren. Die Mauern des Hauses tragen noch immer die Spuren zahlreicher Geschichten – von skurrilen Anekdoten hinter den glänzenden Fassaden bis hin zu den akribisch geplanten Momenten, die den Alltag der DDR-Elite bestimmten. Das Hotel Astoria bleibt ein faszinierendes Zeugnis der Geschichte Leipzigs, in dem sich der Glanz vergangener Tage und die Schatten der politischen Machtgeschichte untrennbar verbinden.

In einer Zeit, in der der Luxus und die gesellschaftliche Inszenierung eine zentrale Rolle spielten, lässt sich fragen, ob der Glanz der Vergangenheit je wieder lebendig werden kann – oder ob er für immer in den Geschichten und Erinnerungen jener Tage weiterlebt.

Luxusbunker im Nazi-Stollen – Erinnern oder Ausbeuten?

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Halberstadt – Die KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt erzählt von einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs zwangen die Nazis 7.000 KZ-Häftlinge, hier ein Stollensystem für eine geheime Rüstungsfabrik in den Berg zu treiben – mehr als 4.000 überlebten diese Tortur nicht. Heute hat das Areal einen neuen Besitzer: einen Immobilien-Investor, der die »einst nutzlose Anlage« – wie er sie nennt – wieder »zum Leben erwecken« will. Sein Plan? Einen Luxus-Bunker für Superreiche zu errichten, die sich vor der Apokalypse fürchten.

Ein umstrittenes Investitionsprojekt
Peter Jurgel, der umstrittene Investor hinter dem Vorhaben, hat den ehemaligen Nazi-Stollen in Privatbesitz übernommen. Sein Konzept ist ebenso ambitioniert wie provokant: Ein luxuriöser Rückzugsort, der neben einem Wellnessbereich auch ein Theater, ein Krankenhaus und sogar eine Samenbank beherbergen soll. Die Internetseite des Projekts, kurioserweise in Gambia registriert, prahlt mit dem größten privaten Bunkerprojekt der Welt. Doch hinter der Fassade des Glamours und der Exklusivität verbirgt sich ein Erbe, das tief in den Abgründen der Geschichte verankert ist.

Die Schatten der Vergangenheit
Der Ort war einst ein düsterer Schauplatz des NS-Unrechts. Ein Stollen, der unter unvorstellbar grausamen Bedingungen in einen geheimen Rüstungsbau verwandelt wurde, in dem das Leid und Sterben von Tausenden von Menschen zur tragischen Alltäglichkeit wurden. Die geplante Umnutzung in einen Luxusbunker – ein Ort, an dem wohlhabende Persönlichkeiten Zuflucht suchen sollen – wirkt daher wie eine verstörende Relativierung des unermesslichen menschlichen Leids.

Historiker und Zeitzeugen sind sich einig: Ein solches Projekt riskiert, die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes zu verwässern. Es stellt sich die Frage, wie mit einem Ort umzugehen ist, an dem das Grauen so greifbar war, ohne dass die Opfer – und ihr unvergessenes Leid – zum bloßen Geschäftszweck degradiert werden.

Zwischen Erinnerung und Kommerz
Die Debatte um den Luxusbunker im ehemaligen Nazi-Stollen ist ein Spiegelbild eines größeren Konflikts: dem zwischen ökonomischem Profitstreben und der moralischen Verantwortung, die Geschichte wachzuhalten. Während Investoren wie Jurgel neue, lukrative Geschäftsfelder erschließen wollen, mahnen Vertreter der Gedenkstätten und Politiker, dass gerade an solchen Orten der öffentliche Zugang und das Erinnern nicht dem privaten Gewinn geopfert werden dürfen.

„Die Gräueltaten der Vergangenheit dürfen nicht in ein Luxusprojekt umgewandelt werden, bei dem die Erinnerung an unzählige Opfer zu einem finanziellen Spekulationsobjekt degradiert wird“, so kritisieren Zeitzeugen und Historiker. Der Umbau des Stollens in einen exklusiven Rückzugsort für Superreiche – angeblich auch für Größen wie Musk, Bezos, Putin oder Trump vorgesehen – wirft Fragen nach der Wahrung des Gedenkens und dem Respekt gegenüber den Opfern auf.

Politisches Versagen und Zukunftsängste
Die politische Kritik an diesem Vorhaben fällt nicht aus. Vertreter aus Sachsen-Anhalt werfen der Landesregierung Versäumnisse vor, die Warnsignale rechtzeitig zu erkennen und den Zugang zu dieser einzigartigen Gedenkstätte dauerhaft zu sichern. Die Sorge ist groß, dass die historische Authentizität des Ortes verloren gehen könnte, wenn der Investor seinen Plänen freien Lauf lässt.

Der Luxusbunker im ehemaligen Nazi-Stollen steht sinnbildlich für einen moralischen Wettstreit: Auf der einen Seite das Bestreben, historische Orte als Mahnmale zu bewahren, auf der anderen Seite der Drang, selbst aus den düstersten Kapiteln der Geschichte profitabel Kapital zu schlagen. In einer Zeit, in der das Gedenken an das NS-Unrecht immer wieder neu verhandelt wird, muss der Schutz der Erinnerung oberste Priorität haben. Ob das Projekt letztlich als Mahnmal des Versagens oder als misslungener Versuch einer Geschäftsidee in die Geschichte eingehen wird, bleibt abzuwarten – eines steht fest: Der Schatten der Vergangenheit wird in diesem Fall niemals ganz verblassen.

Stasi-Debatte in der DDR-Volkskammer 1990: Ein Parlament ringt mit seiner Vergangenheit

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Die DDR-Volkskammer war vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 das Parlament der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (kurz MfS oder Stasi) war der Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR und zugleich Ermittlungsbehörde (Untersuchungsorgan) für „politische Straftaten“. Das MfS war innenpolitisch vor allem ein Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument der SED gegenüber der DDR-Bevölkerung, das dem Machterhalt diente. Dabei setzte es als Mittel Überwachung, Einschüchterung, Terror und die sogenannte Zersetzung gegen Oppositionelle und Regimekritiker („feindlich-negative Personen“) ein. Das MfS wurde am 8. Februar 1950 gegründet. Der Sprachgebrauch der SED, der das MfS als „Schild und Schwert der Partei“ bezeichnete, beschreibt die ihm zugedachte Funktion im politisch-ideologischen System der DDR. Neben dem MfS gab es auch einen weiteren Nachrichtendienst in der DDR, die Verwaltung Aufklärung der NVA (militärischer Aufklärungsdienst) mit Sitz in Berlin-Treptow. Die Verwaltung Aufklärung wurde ebenso wie die Grenztruppen und die restliche NVA durch die Hauptabteilung I (MfS-Militärabwehr) kontrolliert („abgesichert“).

Am 12. April 1990 kam es in der Volkskammer der DDR zu einer der heftigsten und emotionalsten Debatten der Übergangszeit. Es ging um nichts Geringeres als die Offenlegung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in den eigenen Reihen. Die Bürgerrechtsbewegung, vertreten durch die Fraktion Bündnis 90/Grüne, drängte vehement auf Transparenz und forderte eine namentliche Nennung derjenigen Abgeordneten, die vom Prüfungsausschuss schwer belastet wurden. Doch das Parlament geriet ins Stocken.

Ein Sitzstreik für die Wahrheit
Die Mehrheit der Volkskammer hatte am Vormittag beschlossen, dass die 15 belasteten Abgeordneten öffentlich benannt werden sollten. Doch kurz darauf wurde die Angelegenheit an den Verfassungsausschuss verwiesen, was die Bürgerbewegung in Wut versetzte. Die Abgeordneten von Bündnis 90/Grüne verließen ihre Plätze und blockierten das Rednerpult mit einem Sitzstreik – ein beispielloser Protest in der DDR-Volkskammer.

Schließlich erklärte der Verfassungsausschuss keine rechtlichen Bedenken gegen eine Namensnennung. Doch die CDU-Fraktion stellte daraufhin den Antrag, die Öffentlichkeit von der weiteren Debatte auszuschließen. Dieser Schritt führte zu erneuter Empörung im Saal. Die Befürworter der Offenlegung sahen sich ausgebremst – der Umgang mit der Stasi-Vergangenheit drohte erneut in Geheimverhandlungen zu versinken.

Rücktritte und Rechtfertigungen
Trotz des Ausschlusses der Öffentlichkeit kam es zu dramatischen Wortmeldungen. Der CDU-Politiker und damalige Bauminister Gerhard Viehweger erklärte seinen sofortigen Rücktritt. Er habe zwar als Stadtrat Kontakte zur Stasi gehabt, sei aber nie schuldig geworden. „Ich bitte Sie, diesen Rücktritt nicht als Eingeständnis meiner Schuld zu bewerten“, betonte Viehweger, doch seine Stimme verriet die emotionale Last.

Ein FDP-Abgeordneter erklärte sich ebenfalls, wies jedoch die Vorwürfe entschieden zurück. Er sei selbst ein Opfer der Stasi gewesen und empfinde die Vorwürfe als politisch motiviert. Seine Worte: „Ich bin Opfer geworden von einer bewussten Politkriminalität“, zeigten die aufgeheizte Stimmung und das tiefe Misstrauen innerhalb des Parlaments.

Eine unvollständige Aufklärung?
Am Ende der nichtöffentlichen Sitzung war klar: Schwer belastet waren fünf CDU-Abgeordnete, drei von der FDP, ebenso wie drei von der PDS und zwei von der SPD. Doch eine abschließende Klärung, was den Einzelnen tatsächlich vorzuwerfen war, sollte noch lange dauern. Die Aktenlage der Stasi machte eine vollständige Aufklärung schwierig – ein Erbe der jahrzehntelangen Überwachung und Geheimhaltung.

Diese Debatte war eine der letzten großen politischen Auseinandersetzungen der untergehenden DDR. Sie zeigte, dass die Vergangenheit selbst in den letzten Monaten der Volkskammer untrennbar mit der Gegenwart verwoben blieb. Für viele war es ein ernüchternder Moment: Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte würde nicht mit der ersten und letzten freien Wahl vom März 1990 enden – sie hatte gerade erst begonnen.

Ein technisches Meisterwerk: Die Talsperre Schömbach in Sachsen

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Die Talsperre Schömbach, etwa 50 Kilometer südlich von Leipzig gelegen, spielt eine zentrale Rolle im Hochwasserschutzsystem Sachsens. Sie erstreckt sich entlang der Grenze zwischen Sachsen und Thüringen und wird von der Landestalsperrenverwaltung Sachsen betrieben. Ursprünglich in den Jahren 1967 bis 1972 erbaut, diente sie zunächst dem Schutz der regionalen Braunkohletagebaue vor Überflutungen. Heute erfüllt sie mehrere Funktionen: Neben dem Hochwasserschutz unterstützt sie die Niedrigwasseraufhöhung, die landwirtschaftliche Bewässerung sowie die Fischerei und den Naturschutz.

Ein technisches Meisterwerk im Dienste der Sicherheit
Die Talsperre kann bis zu 6,2 Millionen Kubikmeter Hochwasser aufnehmen und reguliert damit den Abfluss der Wöhre. Besonders bei Extremwetterereignissen zeigt sich ihre Bedeutung: Bei einem statistisch alle 100 Jahre wiederkehrenden Hochwasser kann der Spitzenabfluss von 90 auf 10 Kubikmeter pro Sekunde reduziert werden. Dies schützt die umliegenden Ortschaften vor Überschwemmungen.

Das Absperrbauwerk ist ein homogener Sanddamm mit einer Asphaltbetondichtung, die eine stabile Abdichtung gegen eindringendes Wasser gewährleistet. Ein ausgeklügeltes Drainagesystem mit Filterprismen und Entspannungsbrunnen verhindert eine Durchnässung des Dammes und ermöglicht eine ständige Kontrolle der Sickerwassermenge. Ein Grundablassstollen mit zwei Rohrleitungen reguliert die Wasserabgabe, wobei ein modernes Steuerungssystem eine kontrollierte Entlastung ermöglicht.

Von der Braunkohle zur Mehrfachnutzung
Ursprünglich als reines Hochwasserrückhaltebecken geplant, erhielt die Talsperre 1977 eine neue Funktion: Sie wurde auf Dauerstau umgestellt, um landwirtschaftliche Flächen mit Wasser zu versorgen. Der Wasserstand wurde in den folgenden Jahren mehrfach angepasst, bis er sich heute bei rund 1,5 Millionen Kubikmetern im Betriebsraum einpendelte.

Neben ihren technischen Aufgaben hat sich die Talsperre zu einem wichtigen Biotop entwickelt. Sie bietet Lebensraum für zahlreiche Vogelarten und wird als Fischereigewässer genutzt. Auch für Erholungssuchende ist sie ein attraktives Ziel: Die Dammkrone ist für Besucher geöffnet und bietet einen weiten Blick über den Stausee und die umliegende Landschaft.

Kontinuierliche Überwachung für maximale Sicherheit
Um die Funktionsfähigkeit der Anlage zu gewährleisten, werden regelmäßig Messungen und Wartungsarbeiten durchgeführt. Dazu gehören Standsicherheitsprüfungen, Neigungsmessungen des Dammes sowie Analysen der Wasserqualität. Zusätzlich sorgt ein modernes Steuerungssystem dafür, dass der Hochwasserschutzraum im Bedarfsfall optimal genutzt werden kann.

Ein lohnendes Ausflugsziel
Neben ihrer technischen und ökologischen Bedeutung lädt die Talsperre Schömbach auch zur Erholung ein. Spaziergänger und Naturfreunde können entlang des Dammes die Aussicht genießen und die Ruhe des Gewässers erleben. Wer sich für Wasserwirtschaft und Hochwasserschutz interessiert, findet hier ein anschauliches Beispiel für eine moderne und nachhaltige Infrastruktur.

Mit ihrer Vielseitigkeit ist die Talsperre Schömbach ein gelungenes Beispiel dafür, wie technischer Hochwasserschutz, ökologische Belange und Freizeitgestaltung miteinander harmonieren können.

Flucht ins Ungewisse – Der dramatische Ausbruch eines Stasi-Agenten

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Am 18. Januar 1979 vollzog sich in der geteilten Hauptstadt Berlin ein Ereignis, das die Sicherheitswelt der DDR nachhaltig erschütterte: Werner Stiller, ein deutscher Agent und Überläufer, entschied sich zur Flucht in den Westen. Von 1972 bis 1979 war er hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und stieg zuletzt zum Oberleutnant auf. Nachdem er den Decknamen „Machete“ vom Bundesnachrichtendienst (BND) erhalten hatte, bot er sich diesem als Überläufer an. Sein waghalsiger Ausbruch mit zahlreichen geheimen Dokumenten gilt bis heute als einer der spektakulärsten Spionagefälle des Kalten Krieges.

Ein Doppelleben zwischen Geheimnissen und Sehnsüchten
Werner Stiller war tief in die Spionageaktivitäten der DDR eingebunden. Als Agent, der in der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) tätig war, hatte er Zugang zu streng geheimen Informationen und war maßgeblich in die Industriespionage im Bereich Wissenschaft und Technik involviert. Doch während er im Dienste des Staates stand, wuchs in ihm zunehmend der Wunsch nach Freiheit – ein innerer Konflikt, der ihn letztlich dazu brachte, den Weg in den Westen zu wählen.

Eine verbotene Liaison und ein geheimer Plan
Im Wintersportort Oberhof kreuzten sich die Wege von Stiller und der Kellnerin Helga Michnowski. Auch sie litt unter den strikten Reisebeschränkungen der DDR, und zwischen beiden entwickelte sich bald eine intensive Beziehung. Gemeinsam schmiedeten sie einen Plan, um den Fesseln des Regimes zu entkommen. Über Helgas Bruder in Coburg gelang der Kontakt zum BND – dem westdeutschen Geheimdienst, der später Stiller den Decknamen „Machete“ verlieh. Diese geheime Zusammenarbeit sollte nicht nur persönliches Glück bedeuten, sondern auch einen entscheidenden Schlag gegen die staatliche Überwachung darstellen.

Der Schatten der Staatssicherheit
Doch das Netz der Stasi zog sich unaufhaltsam zusammen. Unter der Führung von General Günther Kratsch und Major Hannes Schröder fiel die Behörde den verdächtigen Aktivitäten schnell auf. Abgefangene Postsendungen und eine sorgfältige graphologische Analyse der Briefe rückten Helga Michnowski ins Visier der Staatssicherheit. Die drohende Gefahr, von den allgegenwärtigen Sicherheitsapparaten der DDR entdeckt zu werden, ließ den Druck ins Unermessliche steigen.

Der kühne Ausbruch in den Westen
Schließlich setzte Stiller am Abend des 18. Januar 1979 seinen Fluchtplan in die Tat um. Über die Grenzstation Friedrichstraße in Westberlin gelang ihm nicht nur der physische Übertritt in den Westen, sondern auch die Entwendung geheimer Dokumente aus seinem früheren Dienstbereich. Dieser Akt, der den BND mit wichtigen Einblicken in die Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage der DDR versorgte, machte seinen Überlauf zu einem der spektakulärsten Spionagefälle des Kalten Krieges.

Helgas verzweifelter Kampf und die Rettung in Warschau
Während Werner Stillers waghalsiger Ausbruch bereits in vollem Gange war, wartete Helga Michnowski mit ihrem Sohn in Warschau auf ihre Chance zur Flucht. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten bei der Ausstellung gefälschter Pässe konnten dank der Kontakte zum BND über die westdeutsche Botschaft in Warschau schließlich neue, gültige Reisedokumente beschafft werden. Der Weg führte über Helsinki in den Westen und bescherte Helga und ihrem Sohn die ersehnte Freiheit.

Ein neues Leben – doch der Schatten der Vergangenheit bleibt
Nach mehr als einem Jahr, in dem sie unter dem Schutz des BND lebten, trennten sich die Wege von Werner Stiller und Helga Michnowski. Beide fanden in den USA neue Anfänge, doch der Schatten ihrer Vergangenheit – der Verrat an einem repressiven Regime und die dramatischen Ereignisse der Flucht – blieb unvergessen. Die spektakuläre Flucht und die damit verbundenen politischen Konsequenzen zeigten eindrucksvoll, wie weit Menschen bereit waren zu gehen, um die Fesseln der Überwachung zu sprengen.

Werner Stillers Überlauf ist mehr als nur ein persönlicher Ausbruch: Er steht sinnbildlich für den unbändigen Drang nach Freiheit und den Kampf gegen staatliche Unterdrückung. Seine Entscheidung, dem MfS den Rücken zu kehren und sich dem BND anzuschließen, veränderte nicht nur sein eigenes Schicksal, sondern hatte weitreichende Auswirkungen auf die Spionageaktivitäten der DDR. Dieser dramatische Spionagefall bleibt ein beeindruckendes Kapitel der Geschichte des Kalten Krieges.

Eine Spurensuche in den Industriebrachen der DDR 1990/91

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Der Putz blättert von den Mauern, rostige Zahnräder stehen still, Hallenfenster sind geborsten. Auf den ersten Blick wirken die Aufnahmen wie Szenen aus einer längst vergangenen Epoche – doch sie stammen aus den Jahren 1990 und 1991. Aufgenommen in Sachsen und Thüringen, dokumentieren sie einen Moment des Umbruchs: das stille Ende der volkseigenen Betriebe (VEBs) der DDR.

35 Jahre sind seitdem vergangen. Die Orte auf den Bildern sind heute oft verschwunden, umgebaut oder längst dem Verfall preisgegeben. Und doch erzählen diese Fotos mehr als bloß von Industrie – sie erzählen vom Aufbruch und vom Verlust, von Arbeitswelten und Identität, von einer Ära, die mit der Wende ein abruptes Ende fand.

Ein fotografisches Zeitdokument
Die Dias, auf denen diese Momentaufnahmen festgehalten sind, lagen jahrzehntelang in einer Kiste – unbezeichnet, unkommentiert, aber voller Geschichte. Ohne GPS, ohne Social Media, nur mit Kamera und Blick für das Wesentliche unterwegs, entstand eine eindrucksvolle Bildserie über die Industriearchitektur der Gründerzeit – zu einem Zeitpunkt, als die DDR bereits Geschichte war, aber ihre materielle Substanz noch stand.

Die Aufnahmen zeigen Werkstore mit verblassten Losungen, stillgelegte Förderanlagen, endlose Backsteinfassaden und verlassene Kantinen. Manche Fabriken wirken wie aus der Zeit gefallen, als sei die Industrialisierung gerade erst abgeschlossen. Andere lassen noch erkennen, dass hier bis vor Kurzem Menschen arbeiteten – im Schichtbetrieb, im sozialistischen Wettbewerb, für die „Planerfüllung“.

Von der Wiege des Sozialismus zum Abstellgleis der Marktwirtschaft
Die volkseigenen Betriebe waren das Rückgrat der DDR-Wirtschaft. Sie entstanden häufig aus enteigneten Privatfirmen nach dem Zweiten Weltkrieg und wurden in der zentralen Planwirtschaft zu Großbetrieben ausgebaut. Ob Maschinenbau in Zwickau, Textilindustrie in Plauen oder Chemie in Leuna – VEBs waren mehr als nur Produktionsstätten. Sie waren soziale Räume, boten Betriebskindergärten, Kulturhäuser, Ferienplätze. Sie waren Teil des Alltags.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik kam die Treuhandanstalt – und mit ihr das wirtschaftliche Aus für viele VEBs. Zwischen 1990 und 1994 wurden Tausende Betriebe abgewickelt oder verkauft. Die Folgen: Massenarbeitslosigkeit, Entwurzelung, Strukturbrüche – gerade in den Regionen, aus denen diese Fotos stammen.

Was blieb, ist der Blick zurück
Heute sind es nur noch wenige Relikte, die an diese Welt erinnern. Manche Hallen wurden umgenutzt, andere abgerissen. Die Spuren verlieren sich, die Namen der Betriebe verblassen. Umso wertvoller sind diese Bilder – nicht als bloße Nostalgie, sondern als visuelles Gedächtnis eines verschwundenen Landes und seiner Industrie.

Die Orte, die auf diesen Dias zu sehen sind, lassen sich nicht alle auf Anhieb identifizieren. Doch vielleicht kennt jemand aus der Region den einen Schornstein, die typische Fensterreihe, die Form des Portals. Vielleicht erkennt jemand seine ehemalige Arbeitsstätte, seinen VEB, sein Stück Geschichte.

Denn die Geschichte der VEBs ist auch die Geschichte von Millionen Menschen. Und vielleicht liegt der Wert dieser Bilder genau darin: Dass sie uns erinnern, bevor alles vergessen ist.

Erfurt im Film: Die Wiederentdeckung eines historischen Stadtporträts

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Ein Zeppelin über Erfurt – dieses Bild aus längst vergangenen Zeiten fasziniert noch heute. Ein Dokumentarfilm aus den 1920er/30er Jahren zeigt die thüringische Landeshauptstadt in bewegten Bildern und gewährt einen seltenen Einblick in das Stadtleben jener Epoche. Jahrzehntelang schlummerte das wertvolle Filmdokument im Archiv des „Filmstudio Lustermann“ und wurde nur zu besonderen Anlässen im wohl kleinsten Kino der DDR vorgeführt. Heute ist der Film dank der Initiative des Stadtarchivs Erfurt digital gesichert und damit für die Nachwelt erhalten.

Ein vergessenes Kleinod der Filmgeschichte
Der historische Film, dessen Urheber und einstige Auftraggeber nicht mehr bekannt sind, lag über viele Jahre im Besitz des „Filmstudio Lustermann“. In der Gartenstraße 20 – später in der Grafengasse – betrieben die Brüder Walter und Erich Lustermann ein kleines, aber bedeutendes Filmstudio. Ihr Kino, ein winziger Zuschauerraum mit edler Ausstattung, bot Auftraggebern und Gästen exklusive Filmvorführungen. Neben DEFA- und UFA-Filmen zählte auch der Erfurt-Dokumentarfilm zu den Höhepunkten des Programms.

Die Filmvorführungen waren nicht ohne Risiko. Da das Material auf hochbrennbarem Nitrofilm gedreht wurde, bestand jederzeit die Gefahr eines Brandes. Ein Eimer Wasser stand stets griffbereit, und eine Hand verweilte sicherheitshalber am Hauptschalter des Projektors. Doch das Publikum ahnte nichts von diesen Sicherheitsvorkehrungen – es amüsierte sich stattdessen über die humorvollen und informativen Kommentare von Erich Lustermann, während sein Bruder Walter als Vorführer im Hintergrund schwitzte.

Bewahrung eines historischen Erbes
Nach dem Tod der Lustermanns geriet der Film beinahe in Vergessenheit. Erst 2015 wurde er dem Stadtarchiv Erfurt überlassen. Die Direktorin des Archivs, Dr. Antje Bauer, erkannte den unschätzbaren Wert des Filmdokuments und ließ das hochgradig zerfallgefährdete Nitrofilmmaterial digitalisieren. Diese Maßnahme rettete nicht nur die historischen Aufnahmen, sondern macht sie auch für zukünftige Generationen zugänglich. Denn selbst unter besten Lagerbedingungen wäre ein fortschreitender Zerfall nicht aufzuhalten gewesen.

Was zeigt der Film?
Konkrete Details über den Inhalt des Films sind nur bruchstückhaft überliefert. Doch die Erwähnung eines Zeppelins über Erfurt lässt vermuten, dass spektakuläre Aufnahmen der Stadt aus der Luft zu sehen sind. Neben historischen Straßenszenen könnten auch bedeutende Gebäude und Alltagsmomente der damaligen Zeit festgehalten worden sein. Falls das Stadtarchiv den Film eines Tages öffentlich zugänglich macht, könnte dies ein bedeutender Moment für die Stadtgeschichte Erfurts sein.

Die Digitalisierung des Films ist ein Glücksfall für die Geschichtsforschung und Filmkunst. Sie bewahrt nicht nur ein seltenes Zeugnis aus der Weimarer Republik oder frühen NS-Zeit, sondern ermöglicht es, das alte Erfurt in einer Weise zu erleben, die über Fotografien hinausgeht. Wer weiß – vielleicht wird der Film bald in einer Ausstellung oder einem historischen Filmabend einem breiteren Publikum präsentiert.

Historische Einblicke in den Alltag der sozialistischen Stadtverwaltung

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Karl-Marx-Stadt, 1982 – In einem seltenen O-Ton von Addi Jacobi wird der Alltag des VEB Stadtwirtschaft eindrucksvoll dokumentiert. Der Beitrag gewährt einen detaillierten Blick auf die umfassenden Aufgaben eines Betriebes, der weit mehr leistete als nur den Unterhalt der Stadt.

In der einstigen Arbeitermetropole Karl-Marx-Stadt, heute bekannt als Chemnitz, war der VEB Stadtwirtschaft ein zentraler Akteur bei der Gestaltung sozialistischer Lebensbedingungen. Mit rund 1.100 Beschäftigten stellte der Betrieb sicher, dass 560 Kilometer Straße in Schuss gehalten, 600 Hektar Grünanlagen gepflegt und zahlreiche weitere Dienstleistungen erbracht wurden – von der Straßenreinigung bis hin zur Abfallentsorgung.

Vielfältige Aufgaben im Dienst der Gemeinschaft

Der Bericht zeichnet ein facettenreiches Bild des Betriebsalltags:

  • Instandhaltung und Sauberkeit: Im Frühjahr und Herbst unterzogen die Mitarbeiter das Hauptstraßennetz einer Generalreinigung. Moderne Geräte wie die neueste Kehrmaschine des VEB Spezialfahrzeugbau Berlin kamen zum Einsatz, um ein Höchstmaß an Ordnung zu gewährleisten.
  • Grünanlagen und Umweltpflege: Über 190 Mitarbeiter des Direktorats Grünanlagen kümmerten sich um die Stadtwälder, Parks und Brunnen. Sogar jugendliche Arbeitskollektive wurden in Projekte zur Pflege öffentlicher Erholungsstätten eingebunden – etwa in der Anlage Pelzmühle oder am Schlossteich.
  • Innovative Arbeitsorganisation: Der Betrieb setzte auf Rationalisierungslösungen, etwa bei der Optimierung von Touren für die Abholung von Papierkörben und Containern. Dabei wurden nicht nur Ressourcen geschont, sondern auch die Arbeitsbelastung der Beschäftigten verringert.
    Sozialistische Gemeinschaftsarbeit und technische Raffinesse

Addi Jacobi erinnert in seinem O-Ton daran, wie eng die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Direktoraten organisiert war. Vom technischen Dienst, der Reparaturen an Straßenbeleuchtung und Spezialfahrzeugen vornahm, bis hin zur Abteilung für Siedlungsabfallbeseitigung, die auch rechnergestützte Tourenplanoptimierung nutzte – der Betrieb war ein Musterbeispiel für die sozialistische Planwirtschaft.
Besonders eindrucksvoll sind die Zahlen: So wurden in nur einem Jahr rund 1,3 Millionen Mülltonnen und 530.000 Container erfasst, was den enormen logistischen Aufwand unterstreicht. Auch in speziellen Projekten, wie der Umstellung von Gas- auf elektrische Straßenbeleuchtung, zeigte sich der Innovationsgeist der Zeit.

Zwischen Tradition und Fortschritt
Der Beitrag vermittelt eindrucksvoll, wie der VEB Stadtwirtschaft nicht nur für die Erhaltung der urbanen Infrastruktur sorgte, sondern auch als sozialer Ort fungierte. So dienten Einrichtungen zugleich als Jugendclubs und Treffpunkte, in denen täglich etwa 500 Gespräche vermittelt wurden. Die enge Verknüpfung von Arbeit und sozialer Verantwortung prägte das Selbstverständnis der Beschäftigten – ein Selbstverständnis, das auch in der harten Realität des sozialistischen Alltags seinen Ausdruck fand.

Ein Erbe, das nachhallt
Heute blicken Historiker und Zeitzeugen auf diese Ära zurück, um das komplexe Zusammenspiel von Technik, Organisation und sozialer Verantwortung im sozialistischen System zu verstehen. Der Bericht über den VEB Stadtwirtschaft Karl-Marx-Stadt aus dem Jahr 1982 liefert dabei nicht nur Zahlen und Fakten, sondern auch emotionale Eindrücke aus einer vergangenen Epoche – ein Erbe, das den Diskurs über städtische Organisation und Gemeinwohl auch in der Gegenwart prägt.

Mit diesem facettenreichen Porträt wird deutlich: Hinter den nüchternen Verwaltungszahlen verbarg sich ein lebendiger Organismus, der das tägliche Leben von Hunderttausenden prägte und den Anspruch verfolgte, für alle Bürger eine saubere und lebenswerte Umgebung zu schaffen.

Das Massaker von Rüsselsheim 1944: Ein Kriegsverbrechen und seine juristische Aufarbeitung

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Am 26. August 1944 ereignete sich in Rüsselsheim ein brutales Kriegsverbrechen, das die Grausamkeit und Radikalisierung der letzten Kriegsjahre widerspiegelt. Eine Gruppe amerikanischer Kriegsgefangener, die nach einem Bombenangriff durch die Stadt geführt wurde, geriet in das Visier aufgebrachter Bürger. Von Rachegelüsten getrieben, griff die Menge die Wehrlosen an und tötete sechs der Soldaten.

Die Eskalation der Gewalt
Der Bombenkrieg hatte viele deutsche Städte in Schutt und Asche gelegt. Auch Rüsselsheim war schwer getroffen. Am Morgen des 26. August befanden sich acht amerikanische Flieger in deutscher Gefangenschaft und wurden durch die Stadt geführt, als sie auf einen wütenden Mob trafen. Irrtümlicherweise hielten die Einwohner die Gefangenen für britische Piloten, denen sie die vorangegangene Bombardierung anlasteten.

Mit Stöcken, Steinen und anderen Waffen wurden die Soldaten attackiert. Einigen wurde der Schädel eingeschlagen, andere erlagen ihren Verletzungen. Die Überlebenden konnten erst gerettet werden, als deutsche Soldaten eingriffen und die Menge auseinandertrieb.

Das Gerichtsverfahren
Nach Kriegsende stand Rüsselsheim im Fokus der alliierten Justiz. Ein US-Militärtribunal untersuchte die Vorgänge und identifizierte elf Haupttäter. Sechs von ihnen wurden zum Tode verurteilt, darunter Josef Hartgen, der als Hauptinitiator des Massakers galt. Die Todesurteile wurden vollstreckt, während die anderen Beteiligten Gefängnisstrafen erhielten.

Dieses Urteil war Teil der alliierten Bemühungen, Kriegsverbrechen konsequent zu ahnden. Dennoch war die gesellschaftliche Aufarbeitung in Deutschland lange Zeit zögerlich. Erst später wurde das Massaker als Mahnung gegen die Verrohung in Kriegszeiten in das kollektive Gedächtnis aufgenommen.

Historische Bedeutung
Das Massaker von Rüsselsheim zeigt, wie Hass und Verzweiflung in blindwütige Gewalt umschlagen können. Es wirft Fragen zur Verantwortung der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten auf und bleibt ein mahnendes Beispiel für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs.

Bis heute erinnert eine Gedenktafel in Rüsselsheim an die Opfer und mahnt an die Notwendigkeit, auch in schwierigen Zeiten die Menschlichkeit zu bewahren.

Holger Biege – Eine musikalische Legende

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Holger Biege war ein Ausnahmekünstler, ein begnadeter Sänger, Pianist und Komponist, der mit seinen poetischen Liedern eine ganze Generation bewegte. Auch nach seinem Tod im Jahr 2018 lebt seine Musik weiter – und mit ihr die Erinnerung an einen Künstler, der sich nie in eine Schublade stecken ließ.

Am 15. Januar 2020 wurde Biege in Schwerin auf besondere Weise gewürdigt: Der Musikjournalist Wolfgang Martin stellte bei einer Veranstaltung in der Thalia-Buchhandlung seine Biografie „Sagte mal ein Dichter“ vor, die 2019 im „Bild und Heimat“-Verlag erschienen ist. Das Buch zeichnet mit persönlichen Erinnerungen von Weggefährten, darunter Bieges Bruder Gerd Christian und seine Witwe, ein eindrucksvolles Porträt des Musikers.

Gerd Christian, selbst ein bekannter Sänger, begleitete die Lesung musikalisch und ließ mit seinen Interpretationen die Lieder seines Bruders wieder lebendig werden. „Holger war einzigartig – ein Künstler, der Musik nicht nur gemacht, sondern gelebt hat“, sagte er über den verstorbenen Musiker.

Biege, 1952 in Greifswald geboren, begann seine Karriere Ende der 1970er Jahre in der DDR. Sein Debütalbum „Wenn der Abend kommt“ (1978) und der Nachfolger „Circulus“ (1979) machten ihn schnell zu einem der populärsten Liedermacher des Landes. Doch die staatlichen Restriktionen und seine eigenen hohen künstlerischen Ansprüche führten dazu, dass er 1983 während eines Gastspiels in West-Berlin blieb. Dort setzte er seine Karriere fort, konnte aber nicht mehr an den großen Erfolg in der DDR anknüpfen.

Trotz gesundheitlicher Rückschläge arbeitete Biege bis zuletzt an neuer Musik. 2011 bereitete er ein großes Comeback vor, das jedoch nie Realität wurde – eine schwere Erkrankung zwang ihn zur Aufgabe. Sein letztes Studioalbum „Zugvögel“ erschien 1997 und zeigte ihn erneut als kompromisslosen Künstler, der sich der kommerziellen Popmusik konsequent entzog.

Mit der Biografie von Wolfgang Martin erhalten Fans nun einen tiefen Einblick in das Leben und Schaffen von Holger Biege. Die Veranstaltung in Schwerin zeigte eindrucksvoll, dass seine Lieder auch heute noch berühren und weiterleben – in den Erinnerungen seiner Fans, in der Stimme seines Bruders und in den Zeilen, die er einst schrieb.