Deckname „Irma“: Wie die Stasi im Leipziger Interhotel Merkur eine Informantin suchte


Im März 1989, wenige Monate vor dem Ende der DDR, begann die Leipziger Staatssicherheit mit den Vorbereitungen zur Anwerbung einer jungen Frau. In den Akten erscheint sie als „Elisabeth Q.“. Für den geplanten Einsatz hatte das MfS bereits einen Decknamen vorgesehen: „Irma“.
Der Ort, an dem sie ins Blickfeld der Staatssicherheit geriet, war das Interhotel Merkur am Leipziger Hauptbahnhof. Das moderne Hochhaus gehörte zu den wenigen Orten der DDR, an denen sich regelmäßig Geschäftsleute, Messegäste und Touristen aus dem Ausland begegneten. In der Hotelbar wurde Deutsch, Englisch und manchmal auch Französisch gesprochen. Hier trafen Welten aufeinander, die im Alltag der DDR meist streng voneinander getrennt waren.

Elisabeth Q. hielt sich nach den Akten regelmäßig im Merkur auf. Sie kannte ausländische Gäste, führte Gespräche und erhielt gelegentlich Geldgeschenke. Für die Staatssicherheit waren solche Kontakte von besonderem Interesse. Ein Mitarbeiter der Bezirksverwaltung Leipzig vermerkte, dass die junge Frau als Inoffizielle Mitarbeiterin gewonnen werden könne.

Die Unterlagen zeigen, wonach das MfS damals suchte. Gefragt waren Menschen, die unauffällig Beziehungen zu Ausländern aufbauen konnten. Dabei ging es nicht um kurze Begegnungen an der Hotelbar. Erwartet wurden langfristige Kontakte, aus denen Informationen gewonnen werden konnten. In der internen Sprache des Geheimdienstes wurden Frauen für solche Aufgaben teilweise als sogenannte „Honigfallen“ betrachtet.

Der Fall macht sichtbar, wie genau private Lebensbereiche beobachtet wurden. Nicht politische Äußerungen oder öffentliche Aktivitäten führten dazu, dass Elisabeth Q. aktenkundig wurde. Ausschlaggebend waren ihre Bekanntschaften und ihre Bewegungen in einem Hotel, das für die DDR ein wichtiges Fenster zur Außenwelt war.

Heute lesen sich die Akten wie Momentaufnahmen aus den letzten Monaten eines Staates, der seine Bürger bis in persönliche Beziehungen hinein erfasste. Zwischen Hotelbar, Messebetrieb und privaten Bekanntschaften entstand ein Geflecht von Beobachtungen, Vermerken und Einschätzungen. Aus Begegnungen, die für die Beteiligten zum Alltag gehörten, wurden in den Büros der Staatssicherheit mögliche Ansatzpunkte für nachrichtendienstliche Arbeit.