
An den Bars der Interhotels herrschte in den Abendstunden ein anderes Leben als auf den Straßen der DDR. Während draußen der Alltag von Betrieben, Plattenbauten und festen Regeln bestimmt wurde, trafen sich hier Diplomaten, Geschäftsleute, Journalisten und Besucher aus dem Westen. Es wurde gegessen, getrunken, geflirtet und über Geschäfte gesprochen. Doch manche Begegnung war weniger zufällig, als sie erschien.
Offiziell bekämpfte die DDR die Prostitution konsequent. Frauen, die anschafften, mussten mit Ermittlungen und strafrechtlichen Folgen rechnen. Gleichzeitig erkannte das Ministerium für Staatssicherheit in einigen dieser Frauen einen Nutzen für die eigene Arbeit. Besonders in den Interhotels kamen sie zum Einsatz, wo sich viele ausländische Gäste aufhielten.
Die Staatssicherheit suchte Frauen, die sich sicher in dieser Umgebung bewegen konnten. Sie sollten gepflegt auftreten, Fremdsprachen beherrschen und in der Lage sein, Kontakte aufzubauen. Aus einem Gespräch an der Hotelbar konnte ein gemeinsamer Abend werden, aus einer Bekanntschaft ein vertraulicher Austausch. Für die Staatssicherheit waren solche Kontakte interessant, wenn die betreffende Person über politische, wirtschaftliche oder diplomatische Informationen verfügte.
Manche Frauen gerieten über Umwege in diese Rolle. Wer wegen Prostitution oder unerlaubten Devisenbesitzes auffiel, konnte in das Blickfeld der Sicherheitsorgane geraten. Die Aussicht, Schwierigkeiten mit den Behörden zu vermeiden oder bestimmte Vorteile zu erhalten, spielte bei manchen Anwerbungen eine Rolle. Die persönlichen Motive waren unterschiedlich: Einige hofften auf mehr Bewegungsfreiheit, andere auf materielle Vorteile oder eine Möglichkeit, Konflikten mit den Behörden aus dem Weg zu gehen.
Die Interhotels boten dafür ideale Bedingungen. Viele Zimmer standen unter Beobachtung. Versteckte Mikrofone und Kameras gehörten zum Instrumentarium der Staatssicherheit. Was bei einem Abendessen begann, konnte auf Tonband oder Film enden. Die Aufnahmen verschwanden anschließend in Akten und Archiven, wo sie für spätere Operationen genutzt werden konnten.
Für die betroffenen Frauen bedeutete dies häufig ein Leben in mehreren Wirklichkeiten zugleich. Nach außen führten sie ihren Alltag, gingen einer Arbeit nach oder bewegten sich im Umfeld der Hotels. Im Hintergrund standen Berichte, Treffs mit Führungsoffizieren und die Erwartung, Informationen zu liefern. Persönliche Beziehungen konnten dabei Teil einer geheimdienstlichen Strategie werden.
Die Geschichte der sogenannten „Honigfallen“ erzählt deshalb nicht nur von den Methoden der Staatssicherheit. Sie handelt auch von Menschen, die sich in einem eng kontrollierten System bewegten und deren persönliche Kontakte, Hoffnungen und Entscheidungen Teil eines größeren Apparates wurden. In den Hotelbars von Ost-Berlin, Leipzig oder Dresden verschwammen dabei mitunter die Grenzen zwischen privater Begegnung und geheimer Operation.