Militarismus an der Tafel: Die umstrittene Einführung des Wehrunterrichts

Die Schule als Ort der Bildung – in der DDR war sie zugleich ein Raum politischer Formung. Mit der Einführung des Wehrunterrichts im Jahr 1978 erreichte die systematische Durchdringung des Alltags durch militärische Logik einen neuen Höhepunkt. Unter der Leitung von Margot Honecker wurde das Fach für die 9. und 10. Klassen verpflichtend eingeführt – offiziell unbenotet, faktisch jedoch mit erheblichem sozialem Druck verbunden.

Der Wehrunterricht stand im Kontext des Kalten Krieges und orientierte sich an vergleichbaren Konzepten innerhalb des Warschauer Pakt. Ziel war es, Jugendliche frühzeitig auf einen möglichen Verteidigungsfall vorzubereiten. Die offizielle Lesart sprach vom „Schutz des Friedens“ und der Pflicht gegenüber dem sozialistischen Staat. In der Praxis bedeutete dies eine enge Verzahnung von Ideologie und militärischer Vorbereitung – stets mit Verweis auf die Rolle der Nationale Volksarmee als Garant dieses Friedens.

Der Unterricht selbst ging über theoretische Inhalte hinaus. Zentrale Bestandteile waren Übungen der Zivilverteidigung: Verhalten bei Katastrophen, Erste Hilfe, Schutzmaßnahmen bei Angriffen. Besonders prägend waren die obligatorischen Wehrlager für Jungen, in denen militärische Disziplin, Marschübungen und Geländeorientierung vermittelt wurden. Mädchen absolvierten parallel Lehrgänge zur Zivilverteidigung, häufig unter ähnlich straffen Bedingungen.

Doch die Einführung des Wehrunterrichts blieb nicht ohne Widerstand. Viele Eltern empfanden die zunehmende Militarisierung als Eingriff in die Erziehung und als ideologische Überformung der Schule. Unterstützung erhielten sie dabei häufig von kirchlichen Gruppen, die sich kritisch gegenüber staatlicher Bevormundung positionierten. Für einige Jugendliche wurde die Teilnahme zur Gewissensfrage.

Der Staat reagierte mit kontrollierter Härte. Wer sich offen verweigerte oder als politisch unzuverlässig galt, wurde von den Wehrlagern ausgeschlossen – musste jedoch alternative Programme absolvieren, die oft als noch unangenehmer empfunden wurden. Anpassung blieb die Erwartung.

Mit dem Ende der DDR verschwand auch der Wehrunterricht. Was blieb, ist die Erinnerung an ein Schulsystem, in dem Bildung und politische Zielsetzung eng miteinander verwoben waren – bis hinein in die letzte Reihe der Klassenzimmer.