Ein W50-Möbelwagen rangiert in Berlin-Marzahn rückwärts an einen Hauseingang. Über provisorische Holzbohlen tragen Männer schwere Schrankteile durch den Matsch des noch unfertigen Außenbereichs. Im fünften Stock klebt eine Frau Prilblumen an die weißen Kacheln einer standardisierten Küche, während draußen die Fernwärmerohre in der kalten Luft dampfen.
Das 1973 beschlossene Wohnungsbauprogramm war das zentrale sozialpolitische Projekt der DDR-Führung. Ziel war die Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem durch den industriellen Plattenbau. Diese neuen Stadtteile, die oft auf der „grünen Wiese“ entstanden, boten mit Fernwärme, Innen-WC und fließend warmem Wasser einen enormen Modernisierungsschub gegenüber dem oft maroden, ofenbeheizten Altbaubestand der Innenstädte. Die standardisierten Grundrisse, etwa der Typ WBS 70, prägten fortan das bauliche Gesicht ganzer Regionen.
Die Vergabe dieser begehrten Neubauwohnungen unterlag jedoch keiner Marktlogik, sondern einer strengen staatlichen Wohnraumlenkung. Die Zuteilung erfolgte über kommunale Räte und betriebliche Kommissionen nach einem komplexen Punktesystem. Kriterien wie der Familienstand, die Kinderzahl, aber auch Schichtarbeit oder gesellschaftliches Engagement entschieden über die Dringlichkeitseinstufung. Die Wartezeiten auf eine Zuweisung konnten dennoch mehrere Jahre betragen, was junge Paare oft zwang, lange bei den Eltern zu wohnen.
Der Einzug in den Plattenbau bedeutete für viele eine gravierende Verbesserung der materiellen Lebensqualität. Die uniforme Architektur der Außenhülle stand dabei oft im bewussten Kontrast zur individuellen Ausgestaltung des privaten Innenraums. Die Wohnung wurde zum wichtigsten Rückzugsort, zur „Wohnwabe“ fernab der staatlichen Öffentlichkeit, wo man sich der permanenten Mobilisierung entziehen konnte. Hier fand das eigentliche Leben statt, geschützt durch die Anonymität der Großsiedlung.
Gleichzeitig erzwang die dichte Bauweise eine spezifische Form der Nachbarschaft. Die hellhörigen Wände und die gemeinsam genutzten Funktionsräume wie Wäschekeller oder Treppenhaus schufen eine enge soziale Kontrolle, aber auch pragmatische Hilfsnetzwerke. Man hörte das Familienleben der anderen und arrangierte sich in den Hausgemeinschaften. Die soziale Dichte des Hausaufgangs war ein prägendes Element des Alltags im Neubaugebiet.
Wer sich für weitere strukturgeschichtliche Einblicke in die Lebenswelten der DDR interessiert, findet auf dieser Seite regelmäßig neue analytische Beiträge.