In der „Warteschleife“: Die Säuberung des öffentlichen Dienstes der DDR

Mit dem 3. Oktober 1990 standen hunderttausende Staatsbedienstete der DDR vor einer ungewissen Zukunft. Ihr Dienstherr existierte nicht mehr. Der Einigungsvertrag (Artikel 13, 20 und Anlage I) musste das Unmögliche regeln: Eine ideologisch geprägte Verwaltung in eine rechtsstaatliche Bürokratie zu verwandeln, ohne dabei die Funktionsfähigkeit des Staates komplett kollabieren zu lassen.

Das Instrument der „Warteschleife“

Um Massenentlassungen abzufedern, führte der Vertrag ein sozialpolitisches Novum ein: Die „Warteschleife“. Angestellte von aufgelösten Behörden (z.B. DDR-Ministerien) wurden nicht sofort gefeuert, sondern erhielten für sechs Monate (bei Älteren neun Monate) ein „Wartegeld“ in Höhe von 70 % ihres letzten Gehalts. In dieser Zeit sollten sie sich neu bewerben oder qualifizieren. Wer keine Stelle fand, schied aus. Dies betraf tausende Verwaltungsmitarbeiter, Diplomaten und Offiziere. Es war ein „sanfter“ Übergang in die Arbeitslosigkeit, der den sofortigen sozialen Absturz verhinderte, aber vielen Ostdeutschen klar machte: Im neuen Staat werden wir nicht gebraucht.

Die „Regelanfrage“ und die Stasi

Für diejenigen, die in den neuen öffentlichen Dienst übernommen werden wollten (z.B. Lehrer, Polizisten), errichtete der Vertrag hohe moralische Hürden. Die „außerordentliche Kündigung“ war möglich, wenn ein Arbeitnehmer für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig war oder gegen „Grundsätze der Menschlichkeit“ verstoßen hatte. Dies führte zur Praxis der „Regelanfrage“ bei der neu geschaffenen Gauck-Behörde. Jeder Bewerber wurde durchleuchtet.

Diese Überprüfung war notwendig, um das Vertrauen in den Rechtsstaat herzustellen. Doch sie führte auch zu Härten, wo einfache IM-Tätigkeiten ohne Differenzierung zum Berufsverbot führten. Gleichzeitig wurden Führungspositionen in den neuen Ministerien massiv mit „Leihbeamten“ aus dem Westen besetzt. Was als Aufbauhilfe begann, führte zu einer dauerhaften West-Dominanz in der Verwaltungselite des Ostens. Der Einigungsvertrag organisierte so einen fast vollständigen Austausch des administrativen Personals – eine „Säuberung“ im Namen der Demokratie, die jedoch das Gefühl der Fremdverwaltung im Osten verstärkte.

Egon Krenz und die Legende vom verratenen Staat

MASTER-PROMPT HOOK - Profil Egon Krenz und die Deutung der Geschichte Ein älterer Herr im dunklen Anzug tritt ans Mikrofon, die Hände fest am Pult, der Blick fest in den Saal gerichtet, wo Menschen sitzen, die auf ein bestätigendes Wort warten. Er spricht von 1989, von Entscheidungen im Zentralkomitee und von einer Ordnung, die seiner Meinung nach nicht von innen zerbrach, sondern von außen zerstört wurde. MASTER-PROMPT Teaser JP (Reflective) Erinnerung an den Herbst 1989 Wenn ich die Stimme von Egon Krenz heute höre, vermischen sich die Bilder des aktuellen Auftritts mit den verblassten Fernsehaufnahmen jenes Abends im November vor vielen Jahren. Damals herrschte eine Ungewissheit, die sich in den Gesichtern meiner Eltern spiegelte, während auf dem Bildschirm Weltgeschichte geschrieben wurde. Egon Krenz spricht auf dem "Nationalen Denkfest" über seine Sicht auf die Wende, verteidigt die Rolle der Sicherheitsorgane und zieht Parallelen zur heutigen Russlandpolitik, die mich irritieren. Für mich klingt das nicht nach der Befreiung, die ich damals als Kind in der Euphorie der Erwachsenen zu spüren glaubte. MASTER-PROMPT Teaser Coolis (Neutral) Egon Krenz äußert sich zur DDR-Geschichte Der ehemalige SED-Generalsekretär Egon Krenz hat auf dem "Nationalen Denkfest" eine Rede zur Geschichte der DDR und den Ereignissen von 1989 gehalten. Vor dem Publikum verteidigte er die politischen Entscheidungen der damaligen Führung und wies die Verantwortung für den Zusammenbruch des Staates externen Faktoren zu. Krenz thematisierte in seinem Vortrag auch den aktuellen Konflikt in der Ukraine und kritisierte die Rolle der NATO, wobei er für eine Annäherung an Russland plädierte. Er betonte die seiner Ansicht nach friedenssichernde Funktion der DDR-Sicherheitskräfte während der friedlichen Revolution im November 1989.