Der Dokumentarfilm „Spione unter uns“, der Ende Januar 2026 seine Deutschlandpremiere feierte, stellt einen bemerkenswerten Beitrag zur filmischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte dar. Die Regisseure Jamie Coughlin Silverman und Gabriel Silverman wählen einen Ansatz, der sich von konventionellen historischen Dokumentationen unterscheidet. Anstatt die Geschichte der Staatssicherheit ausschließlich über Archivmaterial oder getrennte Interviews zu rekonstruieren, initiiert der Film eine direkte Begegnung zwischen den Akteuren. Im Mittelpunkt steht der Historiker Peter Keup, ein ehemaliger politischer Häftling, der das Gespräch mit jenen sucht, die das Repressionssystem einst operativ verantworteten: hochrangige Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Diese Inszenierung verzichtet auf dramaturgische Zuspitzung und konzentriert sich stattdessen auf die psychologische Dynamik des Dialogs zwischen einem Opfer des Regimes und dessen Funktionären.
Die Biografie von Peter Keup bildet den narrativen Rahmen für diese Auseinandersetzung. Als Turniertänzer, dessen bürgerliche Existenz durch die Verweigerung staatlicher Konformität zerstört wurde, versuchte er 1981, die DDR zu verlassen. Nach dem Scheitern der Flucht verbrachte er zehn Monate im Zuchthaus Cottbus, einem Ort, der für seine harten Haftbedingungen bekannt war. Ein Schlüsselmoment seiner Biografie ist der Freikauf durch die Bundesrepublik im März 1982. Die Fahrt im Reisebus über die innerdeutsche Grenze wird in seiner Erinnerung durch die Durchsage des Fahrers markiert: „Meine Damen und Herren, Sie atmen jetzt keine gesiebte Luft mehr.“ Dieser Satz symbolisiert den physischen Übergang in die Freiheit, markiert jedoch gleichzeitig den Beginn eines langen Prozesses der psychischen Aufarbeitung, der erst Jahre später durch die Einsicht in die eigenen Akten eine neue Dimension erhielt.
Ein zentraler Aspekt des Films ist die Analyse des Verrats im engsten familiären Umfeld. Keup musste aus seinen Unterlagen erfahren, dass sein eigener Bruder Ulrich ihn an die Staatssicherheit verraten hatte. Da Ulrich bereits kurz nach der Wiedervereinigung verstarb, blieb Peter Keup eine persönliche Klärung verwehrt. Dieser „blinde Fleck“ in der Familiengeschichte dient als Ausgangspunkt für die Gespräche mit den ehemaligen Offizieren. Der Film dokumentiert hierbei die bürokratische Kälte des Apparats: Ein ehemaliger Stasi-Major analysiert die Akte des Bruders und klassifiziert diesen als für das System „völlig entbehrlich“. Diese Einschätzung verdeutlicht die Instrumentalisierung zwischenmenschlicher Beziehungen durch den Staat, der individuelle Schicksale der Systemerhaltung unterordnete.
Die Konfrontation mit den ehemaligen MfS-Offizieren offenbart unterschiedliche Mechanismen der Vergangenheitsbewältigung. Auf der einen Seite steht die Haltung von Heinz Engelhardt, dem letzten Generalmajor im Bezirk Cottbus. Seine Aussage, ein Geheimdienst sei „kein Mädchenpensionat“, und die Behauptung, niemand sei zu Schaden gekommen, stehen exemplarisch für eine ungebrochene ideologische Rechtfertigung. Dem gegenüber steht der ehemalige Offizier Jochen Girke, der durch die physische Rückkehr an den Ort des Geschehens – das Gefängnis in Cottbus – mit den Auswirkungen seiner Tätigkeit konfrontiert wird. Sein Eingeständnis des Scheiterns angesichts der Haftbedingungen bricht mit der sonst oft monolithischen Abwehrhaltung der Tätergeneration und ermöglicht eine differenzierte Betrachtung von Schuld und Verantwortung.
Über die historische Rekonstruktion hinaus verknüpft der Film die Mechanismen der DDR-Diktatur mit aktuellen Fragen der Datensicherheit. Die Filmemacher ziehen Parallelen zwischen der analogen Datensammelwut der Stasi, die selbst banale Details des Alltags erfasste, und den Möglichkeiten digitaler Überwachung in der Gegenwart. Der Film plädiert dafür, das Bewusstsein für den Wert der Privatsphäre zu schärfen. Gleichzeitig verweist er auf die noch immer existierenden gesellschaftlichen Risse zwischen Ost und West, die als Spätfolgen des tiefen Vertrauensverlustes durch die Diktatur gedeutet werden können. Die Aufarbeitung erscheint hier nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als fortlaufender gesellschaftlicher Prozess.