Der Tod von Karl Marx am 14. März 1883 in London markiert das Ende einer Biografie, die das 20. Jahrhundert maßgeblich prägen sollte, sich in dem konkreten Moment jedoch in tiefer privater Abgeschiedenheit vollzog. Die Rekonstruktion dieser letzten 48 Stunden stützt sich vor allem auf die detaillierten Briefe und Aufzeichnungen seines engsten Weggefährten Friedrich Engels. Es zeigt sich das Bild eines Mannes, dessen körperliche Konstitution nach Jahrzehnten im Exil, geprägt von prekären Lebensverhältnissen und intensiver intellektueller Arbeit, weitgehend erschöpft war. In der Maitland Park Road Nummer 41 im Norden Londons verdichteten sich im Frühjahr 1883 medizinische, klimatische und persönliche Faktoren zu einem Prozess, der schließlich zum Tode führte.
Medizinisch betrachtet litt Marx an einer Kombination aus chronischer Bronchitis, einer Rippenfellentzündung und einer Kehlkopfentzündung. Diese Leiden waren im 19. Jahrhundert, lange vor der Entwicklung von Antibiotika, für einen 64-jährigen Mann oft lebensbedrohlich. Die Einflüsse des Londoner Klimas jener Zeit spielten eine wesentliche Rolle; der dichte Kohlesmog griff die Atemwege massiv an. Das Haus im Londoner Norden bot zwar Schutz, doch die Luftqualität blieb für einen Lungenkranken prekär. Hinzu kam eine tiefe psychische Erschöpfung durch den Verlust seiner Frau Jenny und seiner ältesten Tochter. Diese biografischen Einschnitte schwächten den Lebenswillen eines Mannes, der Zeit seines Lebens für seine Überzeugungen gekämpft hatte.
Am Dienstag, dem 13. März, schien sich der Zustand von Marx noch einmal stabilisiert zu haben, was Engels in seinen Korrespondenzen zunächst vorsichtig optimistisch stimmte. Aus heutiger medizinischer Sicht wird dieser Zustand oft als Phase vor dem endgültigen Organversagen gedeutet, in der eine Kohlenmonoxid-Anreicherung im Blut eine sedierende Wirkung entfaltet. Marx verbrachte seine letzte Zeit nicht im Bett, sondern in seinem gewohnten Umfeld, seinem Arbeitszimmer. Umgeben von den Stapeln unvollendeter Manuskripte, insbesondere der Fortsetzungen zum „Kapital“, blieb er bis zuletzt in der Sphäre seiner intellektuellen Tätigkeit verhaftet, auch wenn die physische Kraft zur aktiven Arbeit bereits erloschen war.
Der eigentliche Wendepunkt trat am Nachmittag des 14. März ein. Als Friedrich Engels das Haus betrat, wurde er von der langjährigen Haushälterin Helene Demut empfangen, die bereits das nahende Ende ahnte. Marx war in seinem Lehnstuhl in einen Halbschlaf gesunken, ein Symptom für den fortschreitenden Sauerstoffmangel. In einer Zeitspanne von nur zwei Minuten, in der er allein im Raum war, hörte er auf zu atmen. Dieser Moment der Stille steht im Kontrast zu den späteren heroischen Inszenierungen seiner Person. Es gab keine dramatischen letzten Worte; die Legende über seine Äußerung gegenüber Narren lässt sich historisch nicht belegen und widerspricht seinem physischen Zustand durch die Kehlkopfentzündung.
Nach dem Tod trat die Bedeutung der intellektuellen Hinterlassenschaft sofort in den Vordergrund. Engels übernahm die Rolle des Exekutors und ordnete die Manuskripte, die später als Band 2 und 3 des „Kapital“ veröffentlicht wurden. Die Nachricht vom Tod verbreitete sich über die damaligen Telegrafenwege an die Zentren der internationalen Arbeiterbewegung. In Deutschland und dem späteren Osteuropa wurde dieses Ereignis zum Gründungsmythos einer Bewegung, doch die Beisetzung auf dem Highgate Cemetery fand in einem bescheidenen Rahmen vor nur elf Trauernden statt. Erst Jahrzehnte später wurde das heute bekannte monumentale Grabmal errichtet, das die schlichte Grabstätte im Erdügel ersetzte.
Die Betrachtung dieser letzten Stunden erlaubt eine Entmystifizierung der historischen Figur. Für die Rezeption in der DDR und anderen sozialistischen Staaten war das Bild des unermüdlichen Denkers zentral, während die menschliche Hinfälligkeit und die Stille seines Abgangs oft in den Hintergrund traten. Die Sachlichkeit der Aufzeichnungen von Engels zeigt jedoch, dass hier ein Leben endete, das durch die Härte des Exils und den Verlust von Angehörigen gezeichnet war. Die politische Wirkungsgeschichte des Marxismus begann in diesem Moment der Stille, als die theoretische Arbeit am Werk faktisch in die Hände von Friedrich Engels überging, der die Deutungshoheit über die Fragmente übernahm.