Die Vergessenen der DDR – Ein Leben jenseits von Stasi und Widerstand

Wenn heute über die DDR gesprochen wird, dann meist in den klaren Rollenverteilungen von Tätern und Opfern. Auf der einen Seite die Überwacher, die Spitzel, die Apparate der Macht. Auf der anderen Seite die Verfolgten, die Dissidenten, die Mutigen, die sich dem System entgegenstellten. Doch dazwischen – da war das Leben. Und dieses Leben wird heute kaum noch erzählt.

Es gab jene, die einfach nur lebten. Die ihren Beruf machten, Kinder großzogen, Gärten pflegten, Urlaubsplätze tauschten und Nachbarn halfen. Menschen, die nie aneckten, nicht aus Angst, sondern weil sie keinen Grund sahen, es zu tun. Für sie war die DDR kein Gefängnis, sondern die Welt, in der sie geboren waren. Sie haben sich arrangiert, ohne sich zu verkaufen. Sie waren die Stillen, die Unauffälligen – und heute sind sie die Vergessenen.

Denn das gängige DDR-Narrativ kennt fast nur Extreme. Es lebt von der Spannung zwischen Unterdrückung und Widerstand, zwischen Heldenmut und Schuld. Wer aber sagt: „Ich wurde nie überwacht, ich konnte gut leben“, wird schnell belächelt oder gar verdächtigt, systemnah gewesen zu sein. Dabei erzählen diese Menschen keine Lüge, sondern eine andere Wahrheit – eine, die nicht ins große Schema passt.

Die Erinnerungskultur der Gegenwart neigt dazu, Geschichte moralisch zu sortieren. Aber das Leben war selten so eindeutig. Zwischen Mut und Angst, zwischen Schweigen und Mitmachen lag die eigentliche Wirklichkeit der DDR. Und diese Wirklichkeit gehörte den Vielen, nicht den Lauten.

Vielleicht wäre es an der Zeit, auch ihnen zuzuhören – jenen, die nichts Besonderes taten, aber das Leben am Laufen hielten. Ohne sie hätte es den Alltag, den so viele heute nostalgisch verklären oder politisch verdammen, gar nicht gegeben. Sie waren keine Helden, keine Täter. Sie waren Menschen. Und das sollte eigentlich reichen, um nicht vergessen zu werden.

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