Gut Gödelitz: Ein Ort des Friedens und der Gegenrede im Geiste Gorbatschows

Am 30. August 2022 verstarb Michail Gorbatschow, der ehemalige sowjetische Staatschef und Friedensnobelpreisträger, der als einer der Väter der Deutschen Einheit und Wegbereiter für das Ende des Kalten Krieges gilt. Sein Vermächtnis des Friedens und der Diplomatie lebt an besonderen Orten weiter, darunter Gut Gödelitz in Sachsen, das als Begegnungsstätte und geistig-politisches Zentrum der Verständigung dient. Der Filmemacher Ralf Eger widmete Gorbatschow und diesem einzigartigen Ort den Film „Gorbatschow und Gödelitz – Frieden“, der im November (vermutlich 2022) erscheinen sollte und zwischenzeitlich online zugänglich gemacht wurde.

Gorbatschows Vision: Frieden durch Abrüstung und neues Denken
Gorbatschows tief verwurzelte Ablehnung des Krieges war persönlich geprägt. Als Teenager erlebte er die deutsche Besatzung, Hunger und Demütigung. Die Zerstörung Stalingrads und anderer Städte, die er auf seinen Reisen sah, prägten seine Einstellung maßgeblich. Mitte der 1950er Jahre, bereits in der Führung des Jugendverbands Komsomol in Stawropol, wurde ihm eine geheime Dokumentation über die Folgen einer Atomexplosion gezeigt, die ihn zutiefst verstörte. Von diesem Moment an war für ihn klar: „So etwas darf niemals Realität werden. Wir… müssen für den Frieden kämpfen“.

Mitten im Kalten Krieg gelang es Gorbatschow, Verträge zur atomaren Abrüstung und Rüstungskontrolle zu schließen. In der Sowjetunion initiierte er mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess. Sein „neues Denken“ mit dem Primat der allgemein menschlichen Werte befreite die Welt von der akuten Atomkriegsgefahr. Er war ein Gesprächspartner, der nicht mit Floskeln, sondern von Anfang an sehr offen seine Meinung vertrat und bereit war, in der Sache zu diskutieren. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn als warmherzig, charmant, gut aussehend und zugewandt. Er opferte nichts auf dem Altar der aktuellen Tagespolitik und nahm sein Gegenüber ernst.

Trotz dieser Erfolge stieß Gorbatschow auch auf Widerstände und Unverständnis. Bundeskanzler Helmut Kohl verglich seine Öffentlichkeitsarbeit mit der von Goebbels, was Gorbatschow als Beleidigung für sich und sein Land empfand und die bilateralen Beziehungen einfrierte. Später jedoch führte ein Besuch Gorbatschows in Deutschland 1989 zu einem Riesenerfolg, bei dem er von der Bevölkerung gefeiert und von Kohls Infrastruktur beeindruckt war, was ihn überzeugte, Deutschland als wichtigsten Partner für die Reformen in der Sowjetunion zu sehen.

Das Vermächtnis und die Herausforderungen
In Russland wurde Gorbatschow oft für negative Entwicklungen verantwortlich gemacht, während seine Leistungen, wie die Möglichkeit, das „Maul aufreißen zu können, ohne dass einem etwas passiert“, als selbstverständlich wahrgenommen wurden. Kritiker bemängelten seine wirtschaftliche Ideenlosigkeit und seine zu große Vertrauensseligkeit, beispielsweise indem er mündliche Zusagen zur NATO-Osterweiterung nicht schriftlich fixieren ließ. Die Einführung der Freiheit in der Sowjetunion wird in den Quellen als „Büchse der Pandora“ beschrieben; viele Menschen waren nach 70 Jahren Diktatur noch nicht reif für die Verantwortung der Freiheit und verbanden sie automatisch mit Wohlstand.

Gut Gödelitz: Ein Familienprojekt für den Frieden
Vor diesem Hintergrund des Gorbatschowschen Vermächtnisses spielt Gut Gödelitz eine zentrale Rolle. Die Familie Schmidt-Gödelitz, deren Gut in der DDR enteignet wurde und die nach der Wiedervereinigung zurückkehrte, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Ort als offene Begegnungsstätte zu erhalten. Barbel Schäfer, die das Gut 1990 erwarb, wurde durch ihre Erlebnisse in der DDR und die Friedenspolitik der SPD geprägt. Ihr politischer Ziehvater, Egon Bahr, lehrte sie die Bedeutung des Perspektivwechsels und die Notwendigkeit, die Interessen des anderen zu sehen und in eigene Entscheidungen einzubauen, sowie die Vorgeschichte von Konflikten zu verstehen. Diese Prinzipien prägen die Arbeit in Gödelitz bis heute.

Das „Gödelitzer Modell der Biografiegespräche“ bringt systematisch Menschen aus Ost und West zusammen, um ihre Lebensgeschichten zu erzählen und sich kennenzulernen. Dieses Modell findet inzwischen auch international Anwendung, beispielsweise in Polen oder Korea. Katrin Schmidt-Gödelitz, die nach Gödelitz zog und dort als Dorfschullehrerin arbeitet, betont die Bedeutung von Toleranz und dem direkten Austausch: „Menschen müssen mit Menschen reden, um sich kennenzulernen, um sich zu akzeptieren, um sich zu tolerieren“.

Gegenrede und Dialog in Gödelitz
Ein besonderes Ereignis war ein Gorbatschow-Abend auf Gut Gödelitz, der von der Journalistin Bettina Schaefer – Herausgeberin eines preisgekrönten Buches über Gorbatschow – zusammen mit Gabriele Krone-Schmalz gestaltet wurde. Krone-Schmalz, einst Moskaukorrespondentin der ARD und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, wird heute von vielen Medien als „Putin-Versteherin“ ignoriert oder angegriffen. Ihr Auftritt in Gödelitz war bemerkenswert: Der Saal war voll, und das Publikum spendete ihr stehenden Applaus, der lange anhielt. Bemerkenswert war auch, dass die lokalen Zeitungen, die zuvor regelmäßig über Gödelitz berichtet hatten, an diesem Abend nicht anwesend waren, was als Reaktion auf die „Gegenrede“ interpretiert wurde.

Trotz inhaltlicher Differenzen zwischen den Veranstaltern, etwa Barbara Schäfer und der Schwester von Axel Schmidt-Gödelitz, wird in Gödelitz der respektvolle Streit gepflegt. Man haue sich die Argumente „um die Ohren, aber wir machen das auf zivilisierte Weise und irgendwie nahe zu liebevoll“. Dieser Ansatz steht im Kontrast zu einer Medienlandschaft, in der die Diskussion sich zunehmend auf den „Mainstream“ verengt und Gegenreden kaum noch stattfinden.

Die Lehren für die Gegenwart
Gorbatschows Vermächtnis – Frieden ist möglich, nicht durch Aufrüstung und Feindbilder, sondern durch Diplomatie, Annäherung, Verständnis und Vertrauen – bleibt hochaktuell. Das Gut Gödelitz steht beispielhaft für den Mut, diesen Geist in die Tat umzusetzen und einen Raum für den Austausch zu schaffen, in dem Toleranz und der Perspektivwechsel gelebt werden. Es ist eine Aufgabe, die von der Familie Schmidt-Gödelitz als „Selbstausbeutung für den guten Zweck“ verstanden wird und die sich dem Erhalt eines politisch und regional offenen Ortes widmet. In einer Welt, die sich wieder in Richtung Konfrontation bewegt, bietet Gödelitz einen wichtigen Kontrapunkt und die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen und gemeinsam an einer friedlicheren Zukunft zu arbeiten.

Katharina Thalbach bei Gaus: Von der Utopie und der Fremdheit im Westen

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Sie musste sich nie emanzipieren, weil sie gar nicht wusste, dass sie unfrei sein sollte. Teaser: Wenn Katharina Thalbach über ihre Jahre in der DDR spricht, dann fehlt jeder Ton der Bitterkeit. Im Gespräch mit Günter Gaus, geführt 1996, beschreibt sie eine Jugend im Schatten des Berliner Ensembles, geprägt von der Strenge Helene Weigels und dem Geist Bertolt Brechts. Doch viel spannender ist ihr Blick auf das normale Leben: Für Thalbach war die Gleichberechtigung der Frau keine erkämpfte Errungenschaft, sondern gelebter Alltag. Arbeit, Kinder, Unabhängigkeit – das war die Basis, auf der sie stand. Der Kulturschock folgte erst mit dem Wechsel in den Westen im Jahr 1976. Plötzlich traf sie auf eine Gesellschaft, die Emanzipation erst theoretisch diskutieren musste. Thalbachs Beobachtungen sind dabei so scharf wie unaufgeregt. Sie beschreibt das westliche Theater als oft ich-bezogen, während die Kunst im Osten eine politische Dringlichkeit besaß, eine Art geheime Kommunikation zwischen Bühne und Publikum. Sie hat die DDR verlassen, aber die Utopie einer gerechten Gesellschaft, die ihr dort „anerzogen“ wurde, hat sie mitgenommen. Berlin ist für sie Mitte der Neunzigerjahre eine große Baustelle, und genau diesen Zustand liebt sie. Das Unfertige, das Offene ist ihr lieber als der satte Stillstand. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: War Kunst in der DDR wichtiger als im Westen? Teaser: Für Katharina Thalbach ist die Antwort eindeutig. Im Rückblick auf ihre Arbeit in Ost-Berlin und ihren Wechsel in die Bundesrepublik 1976 zeichnet sie einen interessanten Vergleich der Systeme. Im Osten war das Theater politisch aufgeladen, eine „Geheimsprache“, die von oben und unten verstanden wurde. Jedes Wort auf der Bühne hatte Gewicht, weil es Reibung erzeugte. Im Westen dagegen erlebte sie eine Kulturszene, die oft mehr mit sich selbst beschäftigt war als mit gesellschaftlichen Fragen. Die Relevanz, die Schwere der Kunst, sie fehlte ihr. Thalbachs Analyse aus dem Jahr 1996 ist keine Ostalgie, sondern eine kulturelle Bestandsaufnahme: Was geht verloren, wenn Kunst nicht mehr Reibungsfläche sein muss, sondern nur noch Ware sein darf? Die Schauspielerin bleibt skeptisch gegenüber einem System, das allein auf Verkäuflichkeit setzt. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Entmündigung gab es in beiden Systemen, nur die Methoden waren verschieden. Teaser: Katharina Thalbach macht es sich nicht leicht mit dem Urteil über die DDR und die Bundesrepublik. Dem Osten wirft sie vor, die Menschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen – eine klare Entmündigung. Doch auch den Westen spricht sie nicht frei. Hier geschehe die Entmündigung subtiler, verdeckt durch Konsum und scheinbare Freiheit. Ihr Fazit ist das einer Beobachterin, die sich ihre Utopien nicht nehmen lässt, auch wenn die Realität sie selten einlöst.