Im Jahr 1986 gelang zwei Männern auf dramatische Weise die Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in den Westen. Ein Fernmeldemonteur überwand den Checkpoint Charlie in Berlin, während ein Grenzsoldat die thüringisch-hessische Grenze nutzte, um sich in die Bundesrepublik abzusetzen. Beide erreichten die Freiheit wie durch ein Wunder unverletzt. Diese Ereignisse unterstreichen eindrucksvoll, dass selbst das nahezu lückenlose Grenzregime der DDR den menschlichen Drang nach Freiheit nicht vollständig unterbinden konnte.
Die waghalsige Flucht am Checkpoint Charlie
Am 17. Januar 1986 nutzte der damals 21-jährige Andreas Bratke, ein Fernmeldemonteur aus Ost-Berlin, einen unbeobachteten Moment am Grenzübergang Checkpoint Charlie, um seine Flucht zu wagen. Bratke war an diesem Nachmittag mit der Installation sicherungstechnischer Anlagen beschäftigt, als ihm die Flucht um 14:30 Uhr gelang. Er rannte von einem Altbau los, da er die beiden Grenzsoldaten nicht in Sichtweite wähnte. Sein Ziel: der Grenzturm und der Schlagbaum. Nur zwei Meter vor der Demarkationslinie versuchte ein Hauptmann der DDR, ihn noch aufzuhalten, rief „Dich Schwein kriege ich noch!“, doch Bratke erreichte unversehrt West-Berlin.
Seine Beweggründe waren tiefgreifend: Bratke lehnte den DDR-Wehrdienst mit der Waffe ab, engagierte sich jahrelang in der evangelischen Friedensbewegung und verspürte einen starken Wunsch nach Freiheit. Für ihn gab es nur die Alternative, die DDR illegal zu verlassen.
Der Grenzsoldat, der „die Welt kennenlernen“ wollte
Wenige Monate später, im Juni 1986, spielte sich eine weitere spektakuläre Flucht ab – diesmal an der hessisch-thüringischen Grenze entlang des Flusses Werra. Zufällig nahm ein Filmteam des Bundesgrenzschutzes, das für Heribert Schwans Dokumentation „Entlang der Grenze“ mit einem Hubschrauber unterwegs war, einen DDR-Grenzsoldaten aus der Luft auf. Dieser war gerade mit seinem Postenführer vor dem Grenzzaun 1, dem letzten Sperrelement, unterwegs.
Nur einen Tag später überlistete dieser Soldat seinen Postenführer. Als Fahrzeugführer fuhr er mit einem LKW direkt an den letzten Zaun heran, stieg aus dem Fahrerhaus, überwand den Zaun und setzte sich erfolgreich in die Bundesrepublik ab – ohne Verletzungen und ohne seinen Postenführer zu verletzen. Auch er begründete seine Flucht mit Unzufriedenheit über die politischen und wirtschaftlichen Umstände in der DDR, dem Drang nach mehr Freiheit, einem besseren Leben und dem Wunsch, „auch mal was von der Welt kennenzulernen“ und mehr zu erleben.
Ein ausgeklügeltes und tödliches Grenzregime
Die Fluchten fanden trotz eines hochkomplexen und gefährlichen Grenzsicherungssystems statt. Die DDR hatte ein „ausgefeiltes Sperrsystem“ installiert, das die Grenze nahezu lückenlos machte. Es gab kein Niemandsland; das Gelände zwischen Grenzsteinen und Sperranlagen war Staatsgebiet der DDR.
Zu den Grenzanlagen gehörten der Metallgitterzaun (Grenzzaun 1), ein etwa anderthalb Meter tiefer Kraftfahrzeugsperrgraben, ein sechs Meter breiter Spurensicherungsstreifen und der betonierte Kolonnenweg für Grenzstreifen und Alarmgruppen. Wachtürme mit Grenzsoldaten sowie größere Grenzführungspunkte, ausgestattet mit elektronischem Überwachungsgerät, säumten das Gelände. Hinzu kamen demontierte Alarm- und Signalgeräte am Hinterlandzaun, der 500 bis 5000 Meter parallel zur eigentlichen Grenzlinie verlief, und ein weiterer Metallgitterzaun mit Stacheldraht und Isolatoren als elektrische Signalträger. Bei Berührung lösten diese Alarm aus und setzten Rundumleuchten in Gang. Betonbunker mit Schießscharten, Lichtsperren und Lampen vervollständigten das System.
Seit Oktober 1985 waren die letzten Selbstschussanlagen abgebaut worden, was die Grenze zwar nicht durchlässiger, aber „weniger blutig“ machte. Ein fast lückenloses Frühwarnsystem war auf DDR-Seite installiert, und der als Grenzsignalzaun bezeichnete Schutzstreifenzaun wurde seit 1983 erheblich verdichtet.
Umweltzerstörung und ideologische Widersprüche
Die Dokumentation beleuchtete auch die massiven Umweltbelastungen, insbesondere die starke Verschmutzung des Grenzflusses Werra durch Kalilauge aus der DDR. Die Umweltverschmutzung war grenzüberschreitend und ließ sich durch Grenzen und Sperrgitter nicht aufhalten, was nach den atomaren Wolken von Tschernobyl noch sinnloser erschien.
Ein ironischer Kontrapunkt zum real existierenden Sozialismus wurde vom Schriftsteller Adolf Endler gesetzt: Trotz aller ideologischen Vorgaben war die US-Serie „Dallas“, die in der ARD ausgestrahlt wurde, die erfolgreichste Fernsehsendung der DDR. Endler sah dies als Sinnbild für die vielen Widersprüche im Alltag des „anderen Deutschlands“, wo Menschen tagsüber „richtige Sozialisten“ waren, abends aber anteilnehmend den Schicksalen der Millionärsfamilie in „Dallas“ folgten.
Diese Geschichten von Flucht, einem unnachgiebigen Grenzregime und alltäglichen Widersprüchen zeichnen ein eindrückliches Bild der DDR in den 1980er Jahren und des unerschütterlichen Wunsches nach Freiheit, der selbst die undurchdringlichsten Barrieren überwinden konnte.