Die Diensteinheit 9 – Das geheime Antiterrorensemble der DDR


Während in der Bundesrepublik Deutschland nach den tragischen Ereignissen der Olympischen Spiele 1972 in München das Spezialeinsatzkommando GSG 9 ins Leben gerufen wurde, entstand auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs in aller Stille eine eigene, streng geheime Antiterroreinheit: die Diensteinheit 9 der Deutschen Volkspolizei. Ein Kommando, das für die Öffentlichkeit unsichtbar blieb und dessen Existenz selbst unter Polizeikollegen kaum bekannt war.

Die Geburt einer verdeckten Einheit
Die Initialzündung für die Gründung der Diensteinheit 9 lieferte ebenfalls das Attentat von München im September 1972. Die unzureichende Vorbereitung der Polizei auf Terrorismus und das Scheitern eines Befreiungsversuchs auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck, bei dem alle Geiseln ums Leben kamen, führten in der DDR zu Bestürzung und dem Entschluss, aktiv zu werden. Bereits 1973, anlässlich der Weltfestspiele in Berlin, stand unter der Leitung von Erich Fabian eine provisorische Spezialeinheit mit 30 jungen Polizisten bereit, die ein anderthalbmonatiges Antiterrortraining absolviert hatte. Aus dieser Initiative heraus entstand 1974 durch einen Gründungsbefehl das Kommando, das später den Namen „Diensteinheit 9“ erhielt.

Die Einheit wurde von einer Berliner Zentrale aus geführt und unterhielt schließlich Einsatztrupps in den meisten Bezirken der DDR. Ihre Mitglieder wurden nicht durch Bewerbung ausgewählt, sondern „gefunden“ – sportbegeisterte Polizisten, die ohne Zweifel am Sozialismus und ohne Verwandtschaft im Westen galten. Detlef Prusak, ein früherer Sportler, wurde Anfang der 80er-Jahre rekrutiert, ohne zunächst genau zu wissen, wohin die Reise gehen würde, außer dass viel Sport und Ausbildung auf ihn warteten.

Harte Ausbildung und spezielle Ausrüstung
Die Ausbildung der Diensteinheit 9 war intensiv und fand in schwer bewachten Camps wie dem zentralen Truppenübungsplatz des Innenministeriums bei Belzig und in der Nähe des Dörfchens Verloren Wasser statt. Hier wurden Unterkünfte, Schulungsräume und sogar eine eigens entwickelte Sturmbahn genutzt, die heute kaum noch erkennbar ist. Für das Häuserkampftraining existierte sogar eine „Geisterstadt“, die auf keiner Landkarte verzeichnet war. Das Team half sich gegenseitig beim schnellen Anlegen der Ausrüstung, um umgehend einsatzbereit zu sein.

Angesichts fehlender Fachausstatter wurden Spezialgeräte erfunden und eigene Lehrmittel entwickelt. Die Grundausstattung und Nahkampftechniken orientierten sich lange an den Fallschirmjägern der Nationalen Volksarmee, und sogar Lehrfilme russischer Eliteeinheiten wurden herangezogen. Die Zentrale in Pankow beschaffte immer ausgefeiltere Ausrüstungsgegenstände. Zuletzt war es Schalk Golotkowski, der unter Umgehung des Embargos modernste westliche Waffen für die Einheit besorgte. Doch auch osteuropäische Fabrikate wurden modifiziert, etwa mit einem selbst entwickelten Schalldämpfer und einer Optik, die präzise Schüsse auf 100 Meter ermöglichte. Eine der Standardwaffen war ein rumänischer Dragunov-Lizenzbau, der für seine Präzision bekannt war und auf 100 Meter „Bleistifte wegputzen“ konnte. Ein Nachteil aus polizeilicher Sicht war jedoch seine sehr starke Durchschlagskraft, die sogar das Durchtrennen einer Eisenbahnschiene ermöglichte.

Einsätze im Schatten der Geheimhaltung
Die Einsätze der Diensteinheit 9 waren vielfältig, aber stets diskret. Der häufigste Einsatzgrund war die Suche nach desertierten sowjetischen Soldaten, die mit ihren Waffen geflohen waren. Detlef Prusak erinnert sich an einen gefährlichen Einsatz in Brandenburg, bei dem ein russischer Soldat gesichtet wurde. Als der Soldat im Keller seine Waffe hob, traf Kommandoführer Fabian blitzschnell die Entscheidung, zwei Warnschüsse in Decke und Boden abzugeben, woraufhin der Soldat aufgab und überwältigt wurde. Der Einschuss im Fußboden ist heute noch zu sehen. Solche Situationen waren von einem Automatismus geprägt; man hatte keine Zeit zum Nachdenken, nur der Auftrag zählte. Angst kam meist erst nach dem Einsatz auf, behinderte aber nie die Durchführung. Der Soldat wurde an die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft übergeben, eine Verhaftung durch die deutsche Polizei gab ihm im Gegensatz zur direkten Konfrontation mit dem eigenen Militär die Chance auf ein Gerichtsverfahren.

Auch bei der Leipziger Messe, einem Aushängeschild der DDR, war die Diensteinheit 9 zweimal jährlich in erhöhter Einsatzbereitschaft, um Terroranschlägen vorzubeugen, die nie eintraten. Das Kommando kam auch bei schwerer Kriminalität zum Einsatz, wie im Fall des „Maske“-Täters im Bezirk Potsdam 1981, der Frauen überfiel. Die Einheit setzte zwei als Frauen verkleidete Kollegen ein, um den Täter zu überführen – eine aufwendige Undercover-Operation.

Trotz ihrer politischen Zuverlässigkeit stand die Einheit stets unter strengster Beobachtung durch die Staatssicherheit. Mitglieder bemerkten Observierungen, nahmen diese aber gelassen hin, wie Detlef Prusak berichtet: „Ich hab mein Leben gelebt, bin beim Fußballspielen gegangen und das war es für mich. Das hat mich auch nicht interessiert.“. Erich Fabian sprach offen mit seinen Mitarbeitern über die Notwendigkeit von Berichten über Einsätze und Personalfragen, die auch an die Staatssicherheit gingen.

Ethik und das Ende der DDR
Die Polizisten der Diensteinheit 9 machten sich während ihrer Einsätze viele Gedanken über das „Handwerkliche“, die „rechtliche Würdigung“ und die „guten Händen“ ihrer dienstlichen Vorgesetzten. Der § 17 regelte die Anwendung der Dienstwaffe, aber der gezielte tödliche Schuss wurde nicht explizit erwähnt – eine Ermessensfrage. Eine psychologische Betreuung nach belastenden Einsätzen war damals „sehr weit weg“ und spielte in ihrer Betrachtungsweise keine Rolle. In der Potsdamer Diensteinheit 9 wurde nie ein tödlicher Schuss abgegeben.

Mit der Wende im Herbst 1989 begann für die Diensteinheit 9 eine aufreibende Zeit. Die Zukunft des Kommandos war ungewiss, gleichzeitig stieg die Gewaltkriminalität enorm an, und die Einsätze nahmen rapide zu. In dieser Zeit versuchte man, die Einheit auch bei Demonstrationen in Potsdam einzusetzen. Doch Kommandoführer Erich Fabian zeigte Mut und weigerte sich, seine Leute für solche Einsätze einzuschicken, sondern ließ sie in der Dienststelle.

Nach dem Ende der DDR wurde die Diensteinheit 9 einer umfassenden Überprüfung durch die GOG-Behörde und Polizeiführung unterzogen. Dem Kommando wurde bestätigt, dass es sich zu DDR-Zeiten keiner Bürgerrechtsverletzungen schuldig gemacht hatte. Viele der Polizisten wurden daraufhin übernommen und bildeten den personellen Grundstock für das neue Spezialeinsatzkommando des Landes Brandenburg. Erich Fabian musste die Einheit verlassen, da seine dienstlichen Berichte an die Staatssicherheit als zu große „Staatsnähe“ betrachtet wurden. Er sah die Notwendigkeit, den Dienst zu kritisieren, und war später am Aufbau des neuen Polizeipräsidiums Potsdam beteiligt.

Der Übergang war schnell und arbeitsintensiv, mit vielen Großeinsätzen und der Zusammenarbeit mit anderen Polizeikräften. Die Diensteinheit 9 ist heute Geschichte, doch ihr Vermächtnis lebt im brandenburgischen SEK weiter, das, je nach Betrachtungsweise, entweder 13 oder 30 Jahre Bestehen feiert – eine Anspielung auf die ununterbrochene Tradition der Spezialkräfte in Brandenburg.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl