Die dramatische Flucht, eine zerrissene Familie und ein letzter Wunsch

Berlin – Mehr als 50 Jahre lang litt Anita unter der Last, ihre jüngste Tochter Gabriele zurückgelassen zu haben. Eine Geschichte von einer verzweifelten Flucht aus der DDR, einer unfreiwilligen Trennung und einem späten Wiedersehen, das von einem tragischen Abschied überschattet wurde.

Im Frühjahr 1960 lebte die junge Anita mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Töchtern, der zweijährigen Kerstin und der einjährigen Gabriele, in Ost-Berlin. Ihre Ehe war von Gewalt geprägt, und Anita wusste, dass sie und ihre Kinder diesem Leben entfliehen mussten. Am 23. Juni 1960 wagte sie den ersten Versuch. Nur ein Jahr vor dem Bau der Berliner Mauer packte sie ihre Koffer und stieg mit ihren Kindern in einen Zug Richtung Grenze. Doch am Bahnhof Berlin-Treptow wurde sie entdeckt und festgenommen.

Eine Mutter im Zuchthaus Bautzen
Was folgte, war eine furchtbare Zeit für die damals erst 20-jährige Anita. Sie kam in das berüchtigte Zuchthaus in Bautzen, über 200 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Ihre Töchter Kerstin und Gabriele wurden in das Berliner Kinderheim Königsheide gebracht. Sieben Monate voller Verhöre, Schläge und Schlafentzug bestimmten ihren Alltag, ohne dass sie erfuhr, wie es ihren Kindern ging.

Im Januar 1961 wurde Anita entlassen, doch der Gedanke, ihre Kinder in der DDR zurückzulassen, war unerträglich. Sie fasste den Entschluss, es erneut zu versuchen – dieses Mal mit ihren Töchtern. In der Nacht zum 1. Mai 1961 brach sie gemeinsam mit einem Bekannten in das Kinderheim Königsheide ein und fand die kleine Kerstin in ihrem Bettchen. Doch der Einbruch wurde entdeckt, und in Panik mussten Anita und ihr Begleiter fliehen. Anita drückte Kerstin fest an sich, doch Gabriele musste sie zurücklassen. Die Flucht über die damals größtenteils nur mit Stacheldraht gesicherte Grenze gelang unter dramatischen Umständen und Schusswechseln. Die drei retteten sich auf westdeutschen Boden – ohne die kleine Gabriele.

In West-Berlin baute sich Anita ein neues Leben auf. Sie ließ sich mit Kerstin nieder, lernte 1963 einen neuen Mann kennen und bekam ein Jahr später ihren Sohn Michael. Sie zog ihre Kinder alleine groß und gab ihnen ein gutes Zuhause, doch der Gedanke an Gabriele ließ sie nie los. Für ihren Sohn Michael war es eine „unheimliche Last“, dass seine Mutter ihre Tochter seit über 50 Jahren nicht gesehen hatte. Er bat Julia Leischik um Hilfe, die vermisste Schwester zu finden.

Die Suche nach Gabriele und eine schockierende Diagnose
Nach dem Aufruf in der Sendung gab es eine enorme Resonanz. Doch kurz vor der Ausstrahlung überschlugen sich die Ereignisse: Anita wurde plötzlich bewusstlos und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die schockierende Diagnose lautete: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Sechs Wochen lang kämpfte sie auf der Intensivstation um ihr Leben. Trotz der dramatischen Lage stabilisierte sich ihr Gesundheitszustand nach und nach.

Während Anita im Krankenhaus lag, gingen bei Julia Leischik dank der Zuschauer mehr als 100 Hinweise zu Gabrieles Aufenthaltsort ein. Ein entscheidender Tipp führte nach Hohen Neuendorf in Brandenburg, direkt angrenzend an Berlin. Dort sollte Gabriele angeblich noch ihren Geburtsnamen tragen. Julia Leischik traf Gabriele Pauli und stellte die alles entscheidenden Fragen: Geburtsdatum, Aufenthalt in einem Kinderheim.

Gabrieles Leben und die verschwiegene Wahrheit
Gabriele, die sich heute „Gabi“ nennt, lebt in einer gemütlichen Zweizimmerwohnung, hat einen Mini Yorkshire Terrier und arbeitet seit 14 Jahren als Altenpflegehelferin. Ihr Leben schien geordnet, doch ihre Kindheit war von Brüchen geprägt. Sie wusste, dass sie von Pflegeeltern aufgezogen wurde, nachdem sie als kleines Mädchen aus einem Heim geholt worden war. Der erste Pflegevater misshandelte sie, woraufhin sie wieder ins Heim kam. Mit viereinhalb Jahren holten sie ihre späteren Pflegeeltern aus dem Heim.

Das Schockierendste für Gabi war jedoch die völlige Unkenntnis über ihre leibliche Mutter. Man hatte ihr im Heim und in der Vergangenheit erzählt, ihre Mutter sei „besitzlos“ gewesen und mit einem Mann abgehauen, und ihr Vater sei Alkoholiker gewesen und sie ihm weggenommen worden. Von Anitas Fluchtversuchen, ihrer Gefangenschaft in Bautzen und dem verzweifelten Versuch, ihre Kinder aus dem Heim zu holen, wusste Gabi nichts. Als sie die Wahrheit hörte – dass ihre Mutter sie zutiefst vermisst hatte und so hart für sie gekämpft hatte – war sie tief gerührt und konnte es kaum fassen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass doch ja und einmal gibt’s doch noch Mutter und das muss man erst verarbeiten“.

Ein letztes Wiedersehen am Sterbebett
Der Gedanke, ihre Mutter kennenzulernen, erfüllte Gabi mit großer Freude. Doch Anitas Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Als Julia Leischik Michaels kontaktierte, um ihm von Gabriele zu berichten, überschattete die Sorge um Anita die Freude. Zwei Tage später trafen sich Gabi und Michael vor dem Auguste Viktoria Klinikum in Berlin-Friedenau und gingen gemeinsam zu ihrer Mutter. Anita lag im Koma.
Gabi trat ans Bett, nahm Anitas Hand und sprach sie an. Für einen kurzen Moment kam Anita aus dem Koma, blickte ihre Tochter an und sagte: „Mein Kind“. Kurz darauf schlief sie wieder ein. Einen Tag später verstarb Anita. Doch ihr sehnlichster Wunsch, ihre geliebte Gabriele noch einmal zu sehen, hatte sich erfüllt. „Meine Mutter hat ja meine Schwester erkannt“, sagte Michael, „und insofern bin ich froh, dass er die Möglichkeit hatte, nochmal ihre Tochter zu sehen, bevor sie halt dann gegangen ist“.

Eine neue Familie findet zusammen
Einige Monate später trafen sich Gabi und Michael mit Julia Leischik in Köln. Es war ihre erste gemeinsame Reise und die erste Gelegenheit, nach dem dramatischen Kennenlernen, Zeit miteinander zu verbringen. Gabi empfindet heute viel Liebe und Zuneigung für ihre Mutter, als wäre sie „immer schon da gewesen“, und die „schlechten Gefühle sind weg“. Sie ist überglücklich, einen Bruder gefunden zu haben: „wir sind auf uns zugerannt und am Abend und hat einfach gestimmt“.

Für Gabi, die lange keine Familie hatte, ist es nun „ganz toll“, eine zu haben. Beide Geschwister sind den Zuschauern zutiefst dankbar, denn „ohne den Zuschauern mit manager kennengelernt“. Auch wenn Gabriele ihre geliebte Mutter nur kurz kennenlernen durfte, bleibt Anita für immer in ihrem Herzen. Michael und Gabriele lassen sich nicht mehr los und haben eine echte Familie gefunden.

Das Sicherheitsgefühl in der DDR als soziale und biografische Erfahrung

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL: Hook: Sicherheit ist für viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kein abstrakter Begriff aus der Kriminalstatistik, sondern eine Erinnerung an ein Lebensgefühl der Vorhersehbarkeit. Teaser: Wer heute zuhört, wenn Ostdeutsche über ihre Vergangenheit sprechen, stößt oft auf eine Diskrepanz zwischen der historischen Realität einer Diktatur und dem persönlichen Erleben eines geschützten Alltags. Diese Wahrnehmung basiert stark auf der Erfahrung einer fast lückenlosen sozialen Absicherung. Der Arbeitsplatz war garantiert, die Miete festgeschrieben, und der Lebensweg verlief oft in geregelten Bahnen, die kaum individuelle Risiken bargen. Diese staatlich garantierte Statik nahm dem Alltag eine existenzielle Schärfe, die erst mit den Umbrüchen der Nachwendezeit in das Leben vieler Menschen trat. Hinzu kam ein öffentlicher Raum, der durch eine hohe soziale Kontrolle und geringe Mobilität geprägt war. Man blieb oft über Jahrzehnte im gleichen Wohnviertel, kannte das Umfeld und bewegte sich in einer homogenen Gesellschaft, in der Fremdheit die absolute Ausnahme bildete. Die staatliche Ordnungsmacht sorgte zudem rigoros dafür, dass Konflikte selten sichtbar im Straßenbild ausgetragen wurden. In der Rückschau verschmelzen diese Faktoren – die soziale Planbarkeit, die vertraute Umgebung und die sichtbare Ruhe – zu einem Sicherheitsbegriff, der sich fundamental von heutigen Definitionen unterscheidet. Er beschreibt weniger den Schutz vor Verbrechen als vielmehr die Abwesenheit von unvorhersehbaren Veränderungen. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Wenn Ostdeutsche sagen, früher sei es sicherer gewesen, vergleichen sie die Gegenwart oft nicht mit dem politischen System der DDR, sondern mit einer spezifischen Form der sozialen Stabilität. Teaser: Die Analyse dieses Gefühls zeigt, dass Sicherheit in diesem Kontext vor allem als Planbarkeit des eigenen Lebens verstanden wird. In der DDR waren Erwerbsbiografien und Wohnsituationen langfristig gesichert, was eine mentale Entlastung von existenziellem Wettbewerb bedeutete. Der abrupte Wegfall dieser Strukturen nach 1990 und die Erfahrung massiver Unsicherheit prägen den rückblickenden Vergleich bis heute. Verstärkt wird dies durch den Kontrast zwischen der damaligen medialen Filterung, die Konflikte ausblendete, und der heutigen Informationsdichte, die Risiken permanent sichtbar macht. Sicherheit erscheint in dieser Lesart als ein Zustand, in dem die Komplexität der Welt noch überschaubar war. QUELLE Basis: Video-Analyse „Warum viele Ostdeutsche sagen: ‚In der DDR war es sicherer‘“