Gerichtlicher Kampf um „Jüdisches Vermögen“

Teltow-Seehof, Brandenburg. Einst ein privilegiertes Quartier im Berliner Speckgürtel, wo Staatsgetreue und Besserverdienende der DDR wohnten, ist Teltow-Seehof heute Schauplatz eines erbitterten Rechtsstreits um jüdisches Vermögen aus der NS-Zeit. Die idyllische Ruhe des Ortes wird gestört durch die Rückkehr einer längst verdrängt geglaubten Nazivergangenheit. Ein amerikanischer Jude, dessen Vorfahren das Land einst gehörte, fordert Gerechtigkeit und finanzielle Entschädigung.

Die Familie Sabersky, die das Gut am Rande der damaligen Reichshauptstadt zur Gründung des Deutschen Reiches kaufte, teilte es später in 850 Parzellen auf und verkaufte diese zwischen 1933 und 1939. Strittig ist, ob die Familie die Grundstücke und den Landsitz unter den Nazis zwangsweise abgeben musste.

Erben fordern Wiedergutmachung
Die jüdische Erbengemeinschaft beruft sich auf akribisch geführte Nazi-Unterlagen, die belegen, dass die Familien Sabersky und Sonnental nicht nur die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ und „Reichsfluchtsteuer“ an die Nazis zahlen mussten. Das gesamte Vermögen von Sophie Sonnental beispielsweise verfiel an Nazi-Deutschland; Bankkonten wurden konfisziert, Wertpapierdepots aufgelöst. Anwälte der Erben können nachvollziehen, dass „nicht eine einzige Reichsmark mit den Erben gemeinsam Deutschland verlassen hat“.

Die Erbengemeinschaft, deren Sprecher in Begleitung eines Anwalts die Bewohner informierte, bietet den derzeitigen Eigentümern an, die Ansprüche für 10.000 bis 15.000 Mark abzukaufen. Bewohner erhielten Merkblätter mit einer dreimonatigen Bedenkzeit. Der Anwalt der Erben betont die Notwendigkeit von Wiedergutmachung, insbesondere in Ostdeutschland, da es „nie wieder Gutmachung geleistet für die Verfolgung der Juden durch die Nazis“ habe. Westdeutschland sei seiner Verantwortung gerecht geworden, jetzt sei Ostdeutschland an der Reihe.

Bewohner mobilisieren sich
Auf der anderen Seite mobilisiert sich die Bürgerinitiative Seehof zur „Selbstverteidigung der vermeintlichen Rechte“. Die Bewohner argumentieren, dass für Haus und Grund „schon einmal bezahlt worden“ sei. Ein Bewohner zeigte als Beleg einen Einlieferungsschein aus dem Jahr 1935, der belegen soll, dass Geld an Herrn Artur Sonnental gegangen sei. Andere Bewohner äußern Unverständnis und den Vorwurf, hier würden „mit derartigen linken Methoden versucht Millionen noch mal zu schäffeln die die Vorfahren schon gekriegt haben“. Das Mitgefühl reiche „nicht bis an den Gartenzaun“. Einige Bewohner sehen in den Ansprüchen der Erben ein Klischee bedient. Ein Bewohner betonte, „ich habe keine antisemitische Einstellung ich habe aber etwas gegen Menschen die dummerweise dumme Klischees bedienen“. Ein anderer meinte: „Das kann doch nicht wahr sein, ich mit den Juden nie was gehabt, nie im Gegenteil, mein Schwiegervater ist noch für diese Leute ins KZ gegangen und jetzt da kaputt gegangen für diese Leute und die wollen mich heute vom Hof Haus holen, das ist wohl das letzte“.

Amt lehnt ab, Rechtsstreit geht weiter
Das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hat den Antrag der Erben auf Rückübertragung der 850 Grundstücke pauschal abgelehnt. Begründet wurde dies damit, dass der Verkauf der Parzellen nicht auf den Verfolgungsmaßnahmen beruhe, sondern auch „ohne Naziregime und ohne Naziverfolgung stattgefunden“ hätte, weshalb es an der Kausalität zwischen Vermögensschaden und Verfolgung fehle.

Rechtsanwalt Sonnental, dessen Familie in den 30er Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschland floh, will diese Begründung nicht hinnehmen. Er wird vor das Verwaltungsgericht Potsdam ziehen, um die Ansprüche seiner Familie durchzusetzen. Seine Eltern, Arthur und Sophie Sonnental, sind in Amerika beerdigt, obwohl sie eigentlich in Teltow-Seehof begraben werden wollten – ihre Gräber dort sind leer. Erst der Sohn wagte es, ins „Land der Täter“ zurückzukehren.

Der Konflikt in Teltow-Seehof zeigt, dass der Kampf um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und um Wiedergutmachung in Ostdeutschland noch lange nicht beendet ist.

Das Fest zwischen den Welten: Weihnachten 1989 in der DDR

Teaser 1. Persönlich Plötzlich standen sie vor der Tür: Ein Kamerateam aus dem Westen, einfach so, an Heiligabend. Was heute undenkbar wäre, wurde 1989 bei Familie Häring in Zwickau zur schönsten Erinnerung ihres Lebens. Die Wohnzimmertür öffnete sich nicht nur für fremde Gäste, sondern für eine neue Zeit. Tränen der Rührung, improvisierte Geschenke und eine Gastfreundschaft, die keine Grenzen kannte. Dieses Weihnachten war mehr als ein Fest – es war das emotionale Tauwetter nach Jahrzehnten der Kälte, ein Moment, in dem wildfremde Menschen zu Brüdern wurden. 2. Sachlich-Redaktionell Mangelwirtschaft trifft auf Konsumrausch: Das Weihnachtsfest 1989 markiert eine historische Zäsur. Während die D-Mark in den Osten flutet und das Begrüßungsgeld in den grenznahen Städten für leere Regale sorgt, bricht die Währung der DDR zusammen. Unser Rückblick beleuchtet die ökonomischen und gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Tage – vom Sturm auf die West-Kaufhäuser über die Enthüllung der Privilegien in der Waldsiedlung Wandlitz bis hin zum staatlich organisierten Postraub der Stasi. Eine Analyse der chaotischen Übergangszeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. 3. Analytisch und Atmosphärisch Niemandsland zwischen Gestern und Morgen. Weihnachten 1989 ist ein Tanz auf dem Vulkan, eine Zeit der anarchischen Freiheit. Die alte Ordnung hat ihre Macht verloren, eine neue ist noch nicht etabliert. In der Luft liegt der Geruch von Zweitaktgemisch und West-Orangen, während in den Wohnstuben krumme Kiefern mit viel Fantasie zu Tannenbäumen umgebaut werden. Es ist eine Atmosphäre von fragiler Euphorie, die in der gefährlichen Eskalation der Silvesternacht am Brandenburger Tor ihren dramatischen Höhepunkt findet. Ein Fest der Extreme, das den Takt für das Schicksalsjahr 1990 vorgab.