Andreas Zick: Normalisierung rechtsextremer Positionen in der Mitte der Gesellschaft

In einem aktuellen Interview äußert Professor Andreas Zick, der an der Universität Bielefeld lehrt und das Institut für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung leitet, seine tiefgreifenden Bedenken hinsichtlich der wachsenden Bedrohung durch den Rechtsextremismus in Deutschland. Seine Analyse basiert auf den Ergebnissen der von ihm durchgeführten Mitte-Studien, die alle zwei Jahre durchgeführt werden und einen umfassenden Überblick über die gesellschaftlichen Einstellungen in Deutschland bieten. Zick betont, dass diese Studien einen alarmierenden Anstieg rechtsextremer Einstellungen innerhalb der Gesellschaft zeigen.

Laut Zick zeigen die Daten, dass 8 % der Befragten ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild vertreten, während weitere 20 % in einem Graubereich angesiedelt sind, in dem rechtsextreme Gedanken und Ideologien latent vorhanden sind. Dies sei besonders besorgniserregend, da es einen zunehmenden Zuspruch zu politischer Gewalt zur Durchsetzung von Interessen dokumentiere. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass extremistische Ansichten nicht mehr nur am Rand der Gesellschaft zu finden sind, sondern auch in der Mitte Einzug halten.

Ein zentraler Punkt in Zicks Analyse ist die Veränderung des Rechtsextremismus selbst. Er erklärt, dass sich diese Ideologie an den Zeitgeist angepasst hat und daher nicht mehr mit den rechtsextremen Strömungen von vor zehn Jahren gleichzusetzen ist. Eine bemerkenswerte Beobachtung ist, dass rechtsextreme Positionen mittlerweile auch in linken Milieus Zustimmung finden. Diese Entwicklung stellt eine ernsthafte Herausforderung dar, da sie die herkömmlichen Grenzen zwischen politischen Ideologien verwischt und die gesellschaftliche Debatte weiter polarisiert.

Trotz dieser Anpassungsfähigkeit sieht Zick stabile Kernelemente im Rechtsextremismus, die unverändert bleiben. Dazu gehören die Ideologie der Ungleichwertigkeit, die Menschen in verschiedene Kategorien einteilt und damit eine Hierarchisierung vornimmt. Diese Denkweise geht oft einher mit einer Akzeptanz für eine aggressive Durchsetzung eigener Interessen, was zu einem weiteren Anstieg von Konflikten und Spannungen in der Gesellschaft führen kann.

Zick warnt außerdem vor der schleichenden Normalisierung rechtsextremer Positionen innerhalb der Mitte der Gesellschaft. Diese Normalisierung äußert sich nicht nur in der politischen Debatte, sondern auch in der alltäglichen Sprache und im Umgang mit Themen wie Migration und Integration. Die Akzeptanz rechtsextremer Äußerungen in der Öffentlichkeit ist ein Indiz dafür, dass solche Ansichten zunehmend legitimiert werden, was die Gefahr birgt, dass sie Teil des gesellschaftlichen Konsenses werden.

Eine der gravierendsten Entwicklungen, die Zick anspricht, ist das Versagen der politischen Klasse, angemessen auf diese Veränderungen zu reagieren. Er kritisiert die etablierten Parteien scharf dafür, dass sie die gravierenden Verschiebungen in den politischen Orientierungen der Bevölkerung nicht ernst genommen haben. Stattdessen klammerten sie sich an überholte Konzepte, die nicht mehr den aktuellen Herausforderungen gerecht werden. Diese Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen und Ängsten der Bürger trägt dazu bei, dass sich extremistische Bewegungen weiter etablieren können.

Um den rechtsextremen Tendenzen entgegenzuwirken, fordert Zick massive Investitionen in Bildung. Er sieht Bildung als einen Schlüssel zur Förderung eines kritischen Bewusstseins, das notwendig ist, um extremistische Ideologien zu hinterfragen und abzulehnen. Darüber hinaus betont er die Notwendigkeit, Räume für politische Diskurse zu schaffen, in denen unterschiedliche Meinungen gehört und diskutiert werden können. Politische Reflexivität ist dabei essenziell; die Gesellschaft sollte sich nicht in Gemütlichkeit einrichten, sondern die aktuellen Herausforderungen als Chance begreifen, neue Allianzen zu schmieden und sich von überholten Vorstellungen von Normalität zu verabschieden.

Abschließend appelliert Zick eindringlich an die Bürger, die gegenwärtige Situation ernst zu nehmen und den eigenen Bequemlichkeiten zu widerstehen. Er betont, dass aktives Engagement und die Bereitschaft, sich mit den eigenen Überzeugungen auseinanderzusetzen, unerlässlich sind, um den rechtsextremen Entwicklungen wirksam entgegenzutreten. Nur durch eine bewusste Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen und ein gemeinsames Eintreten für die Werte von Demokratie und Toleranz kann der zunehmenden Radikalisierung und dem Aufstieg extremistischer Bewegungen Einhalt geboten werden.

Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf

Bärbel Bohley und die Entstehung der Opposition in der DDR

Journalistischer Text - Seite (Teaser) Die Entscheidung zur Rückkehr in ein geschlossenes System Ein schmuckloses Dokument und der Wille einer einzelnen Frau standen gegen den Apparat eines ganzen Staates. Ich betrachte diesen Lebensweg und sehe, wie Bärbel Bohley im August 1988 eine Entscheidung traf, die für viele Außenstehende kaum nachvollziehbar war. Anstatt im sicheren Westen zu bleiben, kehrte sie in die DDR zurück, wohlwissend, dass dort erneute Überwachung und Gängelung auf sie warteten. Diese individuelle Haltung, im Land zu bleiben, um es zu verändern, erscheint mir als der eigentliche Kern des späteren Umbruchs. Es fällt auf, dass die Gründung des Neuen Forums im Herbst 1989 kein spontaner Akt war, sondern die Folge dieser beharrlichen Vorarbeit. Wenn ich auf den 9. November blicke, sehe ich nicht nur die jubelnde Masse an der Grenze, sondern auch die Pressekonferenz in einem Hinterhof, bei der Bohley die Legalität der Opposition verkündete. Es waren diese kleinen, fast unsichtbaren Momente der Organisation, die das Fundament für die friedliche Revolution legten.
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x