Was ist Jena ein Garten wert? Wessen Stadt ist Jena?


Der Bericht der OTZ Jena über die Diskussion um die Kleingärten in Löbstedt enthält einen bemerkenswerten Satz von Oberbürgermeister Thomas Nitzsche. Es sei „blöd für die, die es trifft“, sagte er mit Blick auf die drohende Umwandlung von Kleingartenflächen in Gewerbegebiet. Aber irgendwo müsse man es eben machen.

Selten wird ein kommunalpolitischer Konflikt so offen beschrieben.
Denn hinter diesem Satz steht eine Grundhaltung, die weit über die Kleingärten von Löbstedt hinausreicht. Die Stadt braucht Flächen für Unternehmen. Unternehmen zahlen Gewerbesteuern. Mit diesen Einnahmen werden öffentliche Aufgaben finanziert. Die Rechnung klingt zunächst logisch.

Doch die Bürger in Löbstedt stellen eine andere Frage. Sie fragen nicht nach Gewerbesteuerprognosen oder Ansiedlungsstrategien. Sie fragen nach dem Wert dessen, was bereits vorhanden ist.

Die Gärten sind für sie keine Reserveflächen auf einer Planungskarte. Sie sind Orte der Erholung, Treffpunkte von Nachbarn und oft Teil einer Familiengeschichte, die Jahrzehnte zurückreicht. Dort werden Obstbäume gepflegt, Beete bestellt und Sommerabende verbracht. Solche Orte lassen sich nicht einfach an anderer Stelle neu errichten.

Interessant ist dabei weniger die konkrete Fläche als die politische Botschaft. Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass Grünflächen, Kleingärten und Freiräume vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, welche wirtschaftliche Nutzung sie künftig noch erfahren könnten. Ihr Wert an sich scheint dagegen schwerer vermittelbar zu sein.

Natürlich braucht eine Stadt Arbeitsplätze. Natürlich muss sie wirtschaftlich handlungsfähig bleiben. Aber eine lebenswerte Stadt definiert sich nicht allein über Gewerbeansiedlungen und Steuereinnahmen. Sie definiert sich auch über die Orte, an denen Menschen gerne leben.
Der OTZ-Bericht macht deutlich, dass hier zwei Vorstellungen von Stadtentwicklung aufeinanderprallen. Auf der einen Seite die Logik von Wachstum, Flächenbedarf und wirtschaftlicher Vorsorge. Auf der anderen Seite die Frage, ob jede verfügbare Fläche irgendwann einer höheren Verwertung zugeführt werden muss.

Die Debatte in Löbstedt ist deshalb mehr als ein Streit um einige Kleingärten. Sie berührt die grundsätzliche Frage, wie Jena in Zukunft aussehen soll – als Stadt, die jeden verfügbaren Quadratmeter für weiteres Wachstum mobilisiert, oder als Stadt, die auch den Wert des Bestehenden verteidigt.

Die Antwort darauf wird nicht allein in Löbstedt gegeben.

Katharina Thalbach bei Gaus: Von der Utopie und der Fremdheit im Westen

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Sie musste sich nie emanzipieren, weil sie gar nicht wusste, dass sie unfrei sein sollte. Teaser: Wenn Katharina Thalbach über ihre Jahre in der DDR spricht, dann fehlt jeder Ton der Bitterkeit. Im Gespräch mit Günter Gaus, geführt 1996, beschreibt sie eine Jugend im Schatten des Berliner Ensembles, geprägt von der Strenge Helene Weigels und dem Geist Bertolt Brechts. Doch viel spannender ist ihr Blick auf das normale Leben: Für Thalbach war die Gleichberechtigung der Frau keine erkämpfte Errungenschaft, sondern gelebter Alltag. Arbeit, Kinder, Unabhängigkeit – das war die Basis, auf der sie stand. Der Kulturschock folgte erst mit dem Wechsel in den Westen im Jahr 1976. Plötzlich traf sie auf eine Gesellschaft, die Emanzipation erst theoretisch diskutieren musste. Thalbachs Beobachtungen sind dabei so scharf wie unaufgeregt. Sie beschreibt das westliche Theater als oft ich-bezogen, während die Kunst im Osten eine politische Dringlichkeit besaß, eine Art geheime Kommunikation zwischen Bühne und Publikum. Sie hat die DDR verlassen, aber die Utopie einer gerechten Gesellschaft, die ihr dort „anerzogen“ wurde, hat sie mitgenommen. Berlin ist für sie Mitte der Neunzigerjahre eine große Baustelle, und genau diesen Zustand liebt sie. Das Unfertige, das Offene ist ihr lieber als der satte Stillstand. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: War Kunst in der DDR wichtiger als im Westen? Teaser: Für Katharina Thalbach ist die Antwort eindeutig. Im Rückblick auf ihre Arbeit in Ost-Berlin und ihren Wechsel in die Bundesrepublik 1976 zeichnet sie einen interessanten Vergleich der Systeme. Im Osten war das Theater politisch aufgeladen, eine „Geheimsprache“, die von oben und unten verstanden wurde. Jedes Wort auf der Bühne hatte Gewicht, weil es Reibung erzeugte. Im Westen dagegen erlebte sie eine Kulturszene, die oft mehr mit sich selbst beschäftigt war als mit gesellschaftlichen Fragen. Die Relevanz, die Schwere der Kunst, sie fehlte ihr. Thalbachs Analyse aus dem Jahr 1996 ist keine Ostalgie, sondern eine kulturelle Bestandsaufnahme: Was geht verloren, wenn Kunst nicht mehr Reibungsfläche sein muss, sondern nur noch Ware sein darf? Die Schauspielerin bleibt skeptisch gegenüber einem System, das allein auf Verkäuflichkeit setzt. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Entmündigung gab es in beiden Systemen, nur die Methoden waren verschieden. Teaser: Katharina Thalbach macht es sich nicht leicht mit dem Urteil über die DDR und die Bundesrepublik. Dem Osten wirft sie vor, die Menschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen – eine klare Entmündigung. Doch auch den Westen spricht sie nicht frei. Hier geschehe die Entmündigung subtiler, verdeckt durch Konsum und scheinbare Freiheit. Ihr Fazit ist das einer Beobachterin, die sich ihre Utopien nicht nehmen lässt, auch wenn die Realität sie selten einlöst.