Der Abzug der Westgruppe der Truppen (WGT) im Jahr 1994 markierte das Ende einer 49-jährigen Präsenz sowjetischer und später russischer Streitkräfte auf deutschem Boden. Es handelte sich um die größte Truppenverlegung zu Friedenszeiten in der Geschichte, bei der rund 340.000 Soldaten sowie deren Familienangehörige und zivile Angestellte nach Russland zurückkehrten. Dieses logistische Großprojekt war eine direkte Folge des Zwei-plus-Vier-Vertrags und symbolisierte geopolitisch das endgültige Ende des Kalten Krieges sowie die vollständige Souveränität des wiedervereinigten Deutschlands.
Für die ostdeutsche Bevölkerung war die Präsenz der „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (GSSD) über Jahrzehnte eine prägende Realität. Die Kasernen und Sperrgebiete waren fester Bestandteil der geografischen und sozialen Struktur der DDR. Der Abzug veränderte somit nicht nur die militärische Landkarte, sondern auch das lokale Gefüge vieler ostdeutscher Städte. Wo einst militärische Infrastruktur den Alltag bestimmte, entstanden Konversionsflächen, die neue städtebauliche Chancen, aber auch ökologische und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich brachten.
Die Rückkehr der Soldaten vollzog sich vor dem Hintergrund des politischen und ökonomischen Zerfalls der Sowjetunion. Während auf diplomatischer Ebene zwischen Bonn und Moskau Milliardenbeträge für den Wohnungsbau ausgehandelt wurden, trafen viele Rückkehrer auf eine desaströse Realität. Die russische Föderation der 1990er Jahre war von Instabilität geprägt, sodass die versprochene soziale Absicherung oft ausblieb. Tausende Offiziersfamilien fanden sich im russischen Winter in provisorischen Zeltstädten oder auf freiem Feld wieder, was einen drastischen sozialen Abstieg bedeutete.
Diese Diskrepanz zwischen dem geordneten diplomatischen Akt und dem menschlichen Chaos vor Ort hinterließ tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Betroffenen. Soldaten, die sich als Garanten der Sicherheit verstanden hatten, empfanden die Umstände ihrer Rückkehr oft als Demütigung und mangelnde Wertschätzung ihrer Lebensleistung. Diese Erfahrung des sozialen Abstiegs und der Entwurzelung wurde später Teil eines Narrativs, das die 1990er Jahre als eine Zeit der nationalen Schwäche interpretierte und das politische Selbstverständnis Russlands nachhaltig beeinflusste.
Trotz der erheblichen humanitären Härten und der administrativen Mängel bleibt die Tatsache bestehen, dass dieser gigantische Abzug friedlich und ohne militärische Zwischenfälle vollzogen wurde. Dies zeugt von einer bemerkenswerten Disziplin der beteiligten Akteure in einer Zeit höchster politischer Spannungen. Der friedliche Charakter dieser historischen Zäsur bietet heute eine Basis, um die komplexen Biografien aller Beteiligten differenziert zu betrachten und dient als Erinnerung daran, dass Dialog und Kooperation auch unter schwierigsten Bedingungen möglich sind.