Wege der Heilung – Biografiearbeit und das „Nachnähren“

Die Erkenntnis, dass die eigene Biographie Brüche aufweist, kommt oft spät. Viele Betroffene sind jenseits der 40 oder 50, wenn sie merken: Irgendetwas stimmt nicht. Die Depressionen kehren wieder, die Partnerschaft scheitert an der immer gleichen Mauer, oder eine unerklärliche Erschöpfung zwingt in die Knie. Der erste Schritt zur Heilung ist oft der schwerste: Sich einzugestehen, dass die „glückliche Kindheit“ Schattenseiten hatte und dass der Schmerz real ist.

Das Schweigen brechen: Biografiearbeit
Da die Traumatisierung in der Krippe oft in einer präverbalen Phase stattfand (vor dem Spracherwerb), fehlen häufig konkrete Erinnerungen. Es bleibt nur ein diffuses Gefühl von Unbehagen, Angst oder Einsamkeit. Hier setzt die Biografiearbeit an. Es geht darum, das „Geworden-Sein“ zu erforschen und die Lücken im Lebenslauf mit Fakten zu füllen.
Methoden der Biografiearbeit helfen, die fragmentierte Geschichte zu rekonstruieren. Das kann bedeuten, alte Fotos genau anzusehen (Weint das Kind? Lacht es? Schaut es leer?), die eigene Stasi- oder Patientenakte anzufordern oder – das Schwierigste – das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Oft wissen diese gar nicht mehr genau, wann und wie lange das Kind weg war. Das Rekonstruieren der Fakten hilft, das diffuse Leid einzuordnen: „Ich bin nicht falsch, mir ist etwas passiert.“ Vereine wie „Wochenkinder e.V.“ bieten hierbei unverzichtbare Unterstützung, indem sie Betroffene vernetzen und den Austausch ermöglichen. Die Erfahrung „Ich bin nicht allein“ in einer Selbsthilfegruppe ist oft der erste Moment der Entlastung.

Den Körper heilen
Weil das Trauma im Körper gespeichert ist („The Body Keeps the Score“), reichen reine Gesprächstherapien oft nicht aus. Der Verstand kann begreifen, dass keine Gefahr mehr droht, aber das Nervensystem ist immer noch im Alarmzustand oder in der Erstarrung (Freeze). Körperorientierte Therapieverfahren (wie Somatic Experiencing oder körperorientierte Psychotherapie) versuchen, diese im Nervensystem gebundene Überlebensenergie behutsam zu lösen.
Ein zentrales Konzept ist dabei das „Nachnähren“. In der therapeutischen Beziehung oder in einer verständnisvollen Partnerschaft können Betroffene vorsichtig die Erfahrung machen, dass ihre Bedürfnisse heute beantwortet werden. Dass Rufen eine Antwort bringt. Dass man sich anlehnen darf, ohne fallen gelassen zu werden. Dies ist ein langsamer Prozess, da das Vertrauen erst neu gelernt werden muss.

Vom Überleben zum Leben
Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen. Es bedeutet, die Überlebensstrategien von damals (Härte, Rückzug, Schweigen, Perfektionismus) zu würdigen – sie haben das kleine Kind damals gerettet! – und sie dann behutsam abzulegen, weil sie heute als Erwachsener nicht mehr gebraucht werden. Es ist ein Weg der Selbstfürsorge. Wer versteht, warum er so streng mit sich ist, kann anfangen, gnädiger zu werden. Die Transformation der „Härte gegen sich selbst“ in Selbstmitgefühl ist der Schlüssel, um endlich Frieden mit dem kleinen Kind von damals zu schließen und Beziehungen im Heute freier zu gestalten.