23 Tonnen und das Märchen vom Schrotthaufen DDR

Es gibt diese Geschichte, die wir uns seit über 30 Jahren erzählen. Sie ist einfach, sie ist eingängig, und sie geht so: Die DDR war am Ende ein hohler Zahn, eine marode Baracke, wirtschaftlich wertlos. Dann kam der Westen, der strahlende Ritter, und hat den Laden saniert. Das klingt gut. Das beruhigt das Gewissen. Es hat nur einen Haken: Es stimmt so nicht ganz.

Lassen Sie uns für einen Moment die Emotionen beiseitelegen und ganz trocken auf das schauen, was man im Westen so gerne „Assets“ nennt. Fangen wir beim Gold an.
Wussten Sie, dass die angeblich bankrotte DDR im Jahr 1989 rund 23 Tonnen Gold in ihren Staatsreserven hatte? Das sind nach heutigem Wert, je nach Kurs, gut anderthalb Milliarden Euro. Das ist nicht das Portokassen-Guthaben eines Staates, der nur noch aus Rost und Schulden besteht. Was mit diesem Gold passierte? Nun, es tat das, was viele Ost-Biografien auch tun mussten: Es ordnete sich unter. Die Bestände gingen 1990 „geräuschlos“ in die Bundesbank über. Kein Volksentscheid, keine große Geste, kein „Danke, liebe Brüder und Schwestern für die Mitgift“. Zack, weg. Buchhalterisch sauber, politisch eiskalt.

Aber das Gold ist eigentlich nur das Symbol. Es ist der glänzende Platzhalter für das eigentliche Thema, das vielen Ostdeutschen bis heute sauer aufstößt: Die Legende vom „Nichts“.
Wer heute behauptet, der Osten sei eine wirtschaftliche Wüste gewesen, der ignoriert geflissentlich die Realität der Substanz. Wir reden hier nicht von Parteiparolen, sondern von Bodenschätzen. Eines der größten Braunkohlereviere Europas, gigantische Uranvorkommen bei der Wismut (die strategisch so wertvoll waren, dass Moskau sie direkt kontrollierte), Kupfer, Zinn, Kali.

Und wir reden von einer Industrie, die zwar ineffizient gewirtschaftet haben mag, aber alles andere als imaginär war. 8,1 Millionen Tonnen Rohstahl (1988). Eine chemische Industrie, die den halben Ostblock versorgte. Zeiss Jena, deren Optiken Weltruhm genossen. Das waren keine Potemkinschen Dörfer aus Pappmaché. Das war Volksvermögen. Es gehörte den Bürgern. Nach 1990 gehörte es dann plötzlich der Treuhand, wurde bewertet, oft unterbewertet und dann – das böse Wort muss sein – verscherbelt.

Hier liegt der fundamentale Fehler in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur: Wir verwechseln „illiquide“ mit „wertlos“.
Ja, die DDR war am Ende. Sie war reformunfähig, ihre Maschinen waren oft veraltet, sie war im Wettbewerb mit dem Westen chancenlos und ihr politisches System bankrott. Das bestreitet niemand, der bei Verstand ist. Aber ein Haus, das renoviert werden muss, ist nicht wertlos. Ein Unternehmen, das schlecht geführt wird, hat trotzdem Maschinen, Patente und Lagerbestände.

Dass dieses Vermögen nach der Wende oft als „Schrott“ deklariert wurde, hat eine tiefe Wunde hinterlassen. Denn wenn man die Arbeit von 40 Jahren für null und nichtig erklärt, erklärt man auch die Lebensleistung der Menschen für null und nichtig.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Geschichte etwas ehrlicher zu erzählen. Die DDR war kein wirtschaftliches Wunderland. Aber sie hat eine beachtliche Mitgift in die Ehe eingebracht. Das Gold liegt heute in Frankfurt am Main. Die Bodenschätze wurden genutzt oder stillgelegt. Die Fabriken wurden saniert oder plattgemacht.

Es geht nicht darum, die DDR zurückzuwollen. Es geht um ein Nicken. Ein kurzes Innehalten und die Anerkennung: „Da war was. Ihr habt was mitgebracht. Und wir haben es genommen.“ Das würde die Konten nicht mehr ausgleichen, aber vielleicht die Seele ein wenig beruhigen.

Der Gaukler, der den Minister nicht küssen wollte

MASTER-PROMPT HOOK - Profil Armin Mueller-Stahl und die verweigerte Umarmung der Macht In einer Reihe wartender Menschen steht der Schauspieler, als der Minister für Staatssicherheit auf ihn zutritt und ihn an seine ordensgeschmückte Brust ziehen will. Kurz bevor die Lippen des Politikers sein Gesicht berühren, weicht der Mann mit einem lauten Hinweis auf seinen angeklebten, fusselnden Bart zurück, woraufhin die anwesenden Funktionäre in betretenes Schweigen verfallen. MASTER-PROMPT Teaser JP Die Stille nach dem Scherz Ein Händedruck sollte es sein, doch der Griff an das Revers und die plötzliche, erzwungene körperliche Nähe des Ministers durchbrachen das Protokoll der Ehrung augenblicklich. Manchmal genügt ein einziger, scheinbar harmloser Satz über eine Maskerade, um eine staatlich inszenierte Feierlichkeit in eisiges Schweigen zu verwandeln. Ich sehe in diesem Moment der Weigerung, wie schmal der Grat zwischen dem gefeierten Volksschauspieler und einer unerwünschten Person in einem restriktiven System tatsächlich verlaufen konnte – eine Erfahrung, die den 25. Jahrestag des MfS 1975 prägte. MASTER-PROMPT Teaser Coolis Der Eklat beim Staatssicherheits-Jubiläum Während einer Auszeichnung zum 25. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin kam es zu einer ungeplanten Interaktion zwischen Erich Mielke und dem Darsteller des Agenten Achim Detjen. Armin Mueller-Stahl verhinderte 1975 den demonstrativen Bruderkuss des Ministers durch eine beiläufige Bemerkung über seinen Bart, was die anwesenden Parteifunktionäre sichtlich irritierte. Diese Episode markierte einen Wendepunkt im Verhältnis des Schauspielers zur DDR-Staatsführung, der später in einem faktischen Berufsverbot und der Ausreise in die Bundesrepublik mündete.