Peter Meyer über Puhdys-Geschichte und den Neuanfang nach 1989

Der Keyboarder der Puhdys blickt auf eine Karriere zurück, die politische Systeme überdauerte und deren Brüche oft weniger ideologisch als pragmatisch begründet waren.

Die Geschichte der Rockmusik in der DDR wird oft als ein ständiges Ringen zwischen künstlerischem Freiheitsdrang und staatlicher Gängelung erzählt. Doch betrachtet man die Laufbahn der Puhdys durch die Augen von Peter Meyer, ergibt sich ein pragmatischeres Bild. Es ist die Erzählung einer Band, die weniger durch rebellische Attitüde als durch Anpassungsfähigkeit und handwerkliche Konstanz zu einer Institution wurde. Der Startpunkt dieser Entwicklung lässt sich im sächsischen Freiberg verorten, im Tivoli, wo die Band vor einer überschaubaren Menge von Tanzlustigen begann, internationale Hits von Deep Purple oder Led Zeppelin zu covern.

Der entscheidende Wendepunkt, der die Puhdys von einer bloßen Nachspielband zu einer eigenständigen kulturellen Kraft machte, war nicht primär eine interne künstlerische Entscheidung, sondern eine Reaktion auf externe Anforderungen. Als 1971 das Fernsehen rief, gekoppelt an die Bedingung, eigene deutschsprachige Titel zu präsentieren, vollzog die Band den Schritt, der den sogenannten Ostrock definieren sollte. Die Zusammenarbeit mit Textern wie Wolfgang Tilgner war der Schlüssel, um die angloamerikanischen Vorbilder in eine Form zu gießen, die im sozialistischen Kulturbetrieb nicht nur geduldet, sondern gefördert wurde.

Dieser Pragmatismus zog sich durch die Jahrzehnte. Während andere Künstler an der Zensur zerbrachen oder das Land verließen, etablierten sich die Puhdys in einer Nische, die bald keine mehr war. Die Filmmusik zu „Die Legende von Paul und Paula“ im Jahr 1973 markierte den endgültigen Durchbruch in den Mainstream. Lieder wie „Geh zu ihr“ oder „Wenn ein Mensch lebt“ wurden zu Hymnen einer Generation, die sich in den Texten wiederfand, ohne dass diese den Staat direkt herausforderten. Es war eine Musik, die das Lebensgefühl im Osten spiegelte, ohne es politisch zu überfrachten.

Ein oft diskutiertes Thema in der Retrospektive auf DDR-Biografien ist das Privileg der Reisefreiheit. Meyer ordnet dies nüchtern ein. Die Möglichkeit, bereits Mitte der siebziger Jahre im Westen aufzutreten und Plattenverträge abzuschließen, war für die Band weniger ein politisches Gnadengeschenk als eine ökonomische Notwendigkeit, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese West-Erfahrung erwies sich später als entscheidender Vorteil. Die Band kannte die Mechanismen des freien Marktes bereits, als die Mauer fiel, was sie von vielen anderen ostdeutschen Gruppen unterschied, die 1990 einen Kälteschock erlebten.

Die Wendezeit selbst stellt in der Bandchronologie ein Kuriosum dar. Dass die Puhdys 1989 ihre „Goodbye Tour“ spielten, hatte nichts mit den politischen Umwälzungen zu tun, sondern mit einer internen künstlerischen Erschöpfung. Man drehte sich im Kreis. Dass diese Pause exakt mit dem Zusammenbruch der DDR und dem darauffolgenden kulturellen Vakuum zusammenfiel, war ein historischer Zufall. In den Jahren 1990 und 1991, als das ostdeutsche Publikum vornehmlich Nachholbedarf an westlicher Popkultur hatte, pausierte die Band ohnehin.

Der Neustart im Jahr 1992 zeigte dann, wie tief die Wurzeln der Band im ostdeutschen Bewusstsein verankert waren. Aus einem vorsichtig geplanten Konzert in der Nähe von Dresden wurde ein Triumphzug. Die Menschen, die nach der ersten Euphorie der Einheit und den darauffolgenden Enttäuschungen ihre eigene Identität neu verhandelten, kehrten zu den Puhdys zurück. Es war nicht nur Nostalgie, sondern auch eine Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Sozialisation.

Auch in der gesamtdeutschen Realität fanden die Puhdys ihren Platz, exemplarisch verdeutlicht durch den Erfolg von „Hey, wir wollen die Eisbären sehen“. Der Song entwickelte ein Eigenleben weit über die Grenzen der ehemaligen DDR hinaus und wurde zu einem festen Bestandteil der Sportkultur. Meyer selbst, der sich als „harmoniesüchtig“ beschreibt, blickt auf diese Jahrzehnte ohne Groll zurück. Seine Erzählung ist die eines Musikers, der die Gegebenheiten nahm, wie sie waren, und daraus eine Karriere formte, die Bestand hatte.

Es bleibt das Bild einer Band, die funktionierte. Peter Meyer, der sich am Telefon traditionell nur mit „Eingehängt“ meldet, verkörpert diese Unaufgeregtheit. Während Historiker und Soziologen noch immer über die Deutungshoheit der DDR-Geschichte streiten, haben die Puhdys Fakten geschaffen, die sich in Verkaufszahlen und Zuschauerreaktionen messen lassen. Ihre Geschichte ist ein Beleg dafür, dass kulturelle Identität auch in Zeiten radikaler politischer Umbrüche eine Konstante bleiben kann, wenn sie authentisch bleibt und sich den Veränderungen nicht verschließt, sondern sie integriert.

Steinernes Schweigen und politische Wende: Das Ehrenmal Treptow 1989

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Es gibt Orte, die speichern Geschichte nicht nur, sie atmen sie aus. Wenn man heute durch den Treptower Park läuft, zwischen den riesigen Pappelreihen und dem roten Granit, spürt man eine seltsame Ruhe. Aber 1989 war dieser Ort alles andere als ruhig. Er war ein Brennglas. Ich habe mir noch einmal angesehen, was in diesem einen Jahr dort alles passiert ist. Im Mai standen dort noch die alten Männer in ihren Mänteln und feierten eine Wahl, die keine war. Im Oktober stand dort Gorbatschow, und alle Blicke ruhten auf ihm, voller Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt. Und im Dezember, als die Mauer schon offen war, kippte die Stimmung in Wut und Farbe. Es ist faszinierend, wie schnell sich die Bedeutung von Symbolen ändern kann, wenn die Gesellschaft drumherum aufwacht. Steine verändern sich nicht, aber unser Blick auf sie wandelt sich jeden Tag. B) SEITE 1 (Kontext) Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow gilt oft als zeitloser Ort des Gedenkens. Doch ein Blick in die Chronik des Jahres 1989 zeigt, wie sehr das Monument in die politischen Kämpfe der Wendezeit verstrickt war. Innerhalb weniger Monate wandelte sich die Funktion der Anlage radikal. Im Mai 1989 diente es noch der SED-Führung zur Inszenierung ihrer Macht nach den gefälschten Kommunalwahlen. Im Oktober wurde es durch den Besuch Michail Gorbatschows zur Kulisse für das Ende der alten Doktrinen. Ende Dezember schließlich markierten Schmierereien mit Parolen wie "Besatzer raus" das endgültige Ende der staatlich verordneten Unantastbarkeit. Die darauf folgende Instrumentalisierung der Vorfälle durch die PDS zeigt, wie sehr Geschichte gerade in Umbruchzeiten als politische Waffe dient. Ein Lehrstück über Deutungshoheit. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Der "Befreier" aus Bronze blickt seit 1949 über Berlin. Aber wen oder was er beschützt, das definierte das Jahr 1989 neu. Erst war er der Garant der SED-Herrschaft, dann im Oktober die Kulisse für Gorbatschows Reformversprechen, und im Dezember plötzlich Zielscheibe von Wut und Vandalismus. Symbole bleiben nur so lange stabil, wie die Macht, die sie stützt. Wenn diese Macht zerfällt, werden aus Denkmälern Fragen.