Die Gänsebraten sind gegessen, die Geschenke ausgepackt, doch die hitzigen Debatten in den ostdeutschen Wohnzimmern klingen nach. „Warum eigentlich nicht?“, fragen viele am Tisch, wenn es um eine Regierungsbeteiligung der AfD geht. Die Unzufriedenheit mit Berlin sitzt tief, und die Umfragewerte in Thüringen oder Sachsen-Anhalt suggerieren, dass ein Machtwechsel nur noch eine Frage der Zeit ist. Doch spielt man dieses Szenario einmal ganz praktisch durch – jenseits der Emotionen –, offenbart sich ein Bild, das gerade für die Stammwählerschaft der Partei ein böses Erwachen bereithalten könnte.
Wer hofft, dass mit der AfD mehr Netto vom Brutto bleibt, muss ins Kleingedruckte schauen. Die Partei verspricht massive Steuersenkungen: Weg mit Soli, Erbschafts- und Vermögenssteuer. Das klingt gut, ist aber eine Mogelpackung für den Normalverdiener. Nach Berechnungen von Wirtschaftsinstituten würde ein typischer Arbeitnehmer mit 30.000 Euro Jahresbrutto – ein realistisches Einkommen in vielen ostdeutschen Regionen – am Ende des Jahres kaum spürbar entlastet. Ganz anders sieht es bei Topverdienern aus: Wer 130.000 Euro verdient, hätte plötzlich 5.000 Euro mehr in der Tasche. Die Politik der „Partei der kleinen Leute“ entpuppt sich als klassische Klientelpolitik für die Elite.
Noch dramatischer wäre die Gegenfinanzierung dieser Geschenke. Die geplanten Steuerstreichungen würden ein Loch von rund 180 Milliarden Euro in den Bundeshaushalt reißen. Um dieses Defizit ohne neue Schulden zu decken, müssten faktisch ganze Ministerien geschlossen werden. Das bedeutet ganz praktisch: Weniger Geld für den Straßenbau in der Prignitz, gestrichene Fördermittel für den Strukturwandel in der Lausitz und ein Ausbluten der Daseinsvorsorge auf dem Land. Der Staat, der sich im Osten ohnehin oft zurückgezogen hat, würde vollends verschwinden.
Ein harter Realitätsschock wartet auch im Sozialsystem. Viele Wähler setzen ihr Kreuz bei der AfD aus Angst vor dem sozialen Abstieg. Doch das Programm der Partei sieht eine „aktivierende Grundsicherung“ vor, die deutlich härter ist als das oft kritisierte Bürgergeld. Konkret: Wer Unterstützung braucht, müsste lange Vorarbeitszeiten nachweisen. Die Idee, dass man Arbeitslosengeld erst nach Jahren der Einzahlung und dann nur kurz erhält, würde gerade Menschen mit den im Osten typischen, gebrochenen Erwerbsbiografien hart treffen. Das soziale Netz würde grobmaschiger, die Fallhöhe tiefer.
Auch der Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt praktische Probleme, die weit über ideologische Debatten hinausgehen. Die Forderung nach strikter „Remigration“ und Abschottung ignoriert die ökonomische Realität ostdeutscher Betriebe. Wer saniert die Altbauten? Wer arbeitet in den Schlachthöfen und Großbäckereien? In vielen Handwerksberufen liegt der Migrantenanteil inzwischen bei fast 50 Prozent. Ein Wegfall dieser Arbeitskräfte würde nicht zu höheren Löhnen für Deutsche führen, sondern zu Betriebsschließungen und Insolvenzen. Der Fachkräftemangel würde zum Wirtschaftskollaps.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser neoliberale Kurs von einer Führungselite gesteuert wird, die so gar nicht zum „Kumpel-Image“ passen will. Während man sich auf den Marktplätzen volksnah gibt, wird die Partei intern von westdeutschen Akademikern, Ökonomen und Adeligen dominiert, finanziert von Großspendern. Alice Weidel, Ex-Goldman-Sachs-Bankerin, steht exemplarisch für eine Ausrichtung, die eher der Wall Street nützt als dem Plattenbau in Marzahn.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der „Denkzettel“, den viele Wähler verteilen wollen, kommt als Bumerang zurück. Eine AfD-Regierung würde nicht die Sorgen der „kleinen Leute“ lösen, sondern deren wirtschaftliche Existenzgrundlage durch eine radikale Marktideologie gefährden. Der Wunsch nach Protest ist verständlich, doch die praktische Umsetzung des AfD-Programms wäre für den Osten kein Aufbruch, sondern ein teures Verlustgeschäft.