Aufstand gegen Hermann Kant: Berliner Autoren fordern Wandel

Der Zigarettenrauch hängt tief im Klub der Kulturschaffenden, doch die Luft ist klarer denn je. Es ist der 15. Dezember 1989 in Berlin. Während auf den Straßen das Machtmonopol der SED längst Geschichte ist, klammern sich in den Amtsstuben der Kulturfunktionäre die alten Kader noch immer an ihre Sessel. Vierundzwanzig Autoren haben genug von diesem Stillstand und verfassen ein Dokument, das die literarische Landschaft der DDR erschüttern wird.

Im Zentrum der harschen Kritik steht Hermann Kant. Der gefeierte Autor von „Der Aufenthalt“ und langjährige Präsident des Schriftstellerverbandes gilt den Unterzeichnern längst nicht mehr als ihr legitimer Vertreter. Seine jüngste Bestätigung durch den Vorstand empfinden sie als offene Provokation. Kant hatte zuvor gegen eine wichtige Resolution gestimmt, die Veränderungen in der DDR einforderte, und damit seinen Rückhalt verspielt.

Der Ton des verfassten Papiers ist schneidend scharf und duldet keinen Widerspruch mehr. „Wir haben weder Zeit noch Lust“, heißt es in der Erklärung, sich durch veraltete Statuten bremsen zu lassen. Die Geduld für taktische Spielchen ist am Ende. Es geht den Verfassern nicht mehr um kleine kosmetische Korrekturen, sondern um gravierende, strukturelle Veränderungen im Berufsverband, die keinen Aufschub mehr dulden.

Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Querschnitt durch die unangepasste Literaturlandschaft. Neben der Lyrikerin Elke Erb und der später gefeierten Helga Schubert finden sich auch Science-Fiction-Autoren wie das Ehepaar Steinmüller. Sie alle eint an diesem Dezembertag die Weigerung, sich weiter von einer funktionärshörigen Führung bevormunden zu lassen. Es ist ein Bündnis quer durch alle Genres gegen den Apparat.

Der Bruch hatte sich bereits im Frühherbst angekündigt. Schon am 14. September, noch vor den entscheidenden Leipziger Demonstrationen, hatte der Berliner Verband eine mutige Resolution verfasst. Dass Kant diese damals ablehnte, zerschnitt das letzte Band des Vertrauens. Nun, drei Monate später, vollziehen die Berliner Autoren die logische Konsequenz und kündigen dem Präsidenten öffentlich die Loyalität auf.

Dieses Dokument markiert einen Akt der ultimativen Selbstermächtigung einer Berufsgruppe. Lange Zeit galt Literatur in der DDR als „Waffe im Klassenkampf“ oder staatlich gelenktes Erziehungsinstrument. Mit ihrer Unterschrift erklären diese Schriftsteller ihre Unabhängigkeit und degradieren die alten Machtstrukturen zu bedeutungslosen Hüllen, die den Geist der neuen Zeit nicht mehr repräsentieren können.

Die Erklärung ist der Anfang vom Ende des zentralistischen Schriftstellerverbandes der DDR. Nur wenige Monate später wird sich die Organisation in ihrer alten Form auflösen. Was an diesem Dezembertag im Klub der Kulturschaffenden begann, war der entscheidende Schritt hin zu einer freien, demokratisch organisierten Interessenvertretung ohne ideologische Fesseln und staatliche Gängelung.

Die Waisen der Freiheit: Wenn Eltern gehen und Kinder bleiben

3 Teaser 1. Persönlich Verlassen, vergessen, verraten. Christine sitzt in der leeren Wohnung, neben sich der Säugling, auf dem Tisch das Fotoalbum. Sie ist elf Jahre alt und wartet. „Morgen holen wir euch nach“, hatten die Eltern gesagt, bevor sie in den Westen gingen. Doch morgen kam nie. Christine wurde zur Waise wider Willen, eine Geisel des Kalten Krieges. Wie lebt es sich mit dem Wissen, dass die eigene Freiheit für die Eltern weniger zählte als die Flucht in den goldenen Westen? Eine Geschichte über das Warten. 2. Sachlich-Redaktionell Tausendfaches Schicksal. Die Flucht aus der DDR ist ein historisch gut aufgearbeitetes Thema, doch ein Aspekt blieb lange ein Tabu: Die "republikflüchtigen" Eltern, die ihre Kinder zurückließen. Zwischen 1958 und 1989 wurden Tausende Minderjährige in staatliche Heime eingewiesen, weil ihre Erziehungsberechtigten das Land verließen. Waren es politische Zwänge oder niedere Motive? Der Beitrag analysiert die rechtlichen und sozialen Folgen für die zurückgelassenen Kinder der DDR-Diktatur. 3. Analytisch und Atmosphärisch Kalter Rauch und leere Versprechen. Die Luft in den verwaisten Wohnungen roch nach überstürztem Aufbruch. Der Riss, der durch Deutschland ging, verlief nicht nur entlang der Mauer, sondern direkt durch die Herzen der Familien. Die Analyse seziert die Ambivalenz des Freiheitsbegriffs: Während die Eltern im Westen von "Selbstverwirklichung" träumten, erlebten ihre Kinder im Osten die Kälte der staatlichen Fürsorge. Ein psychologisches Psychogramm einer Gesellschaft, in der die Flucht oft auch eine Flucht vor der Verantwortung war.