Moskau zieht die Zügel an: Veto gegen Einheit, Ultimatum für DDR-Wirtschaft

Sowjetunion kündigt Ende der Subventionen an – Ryschkow: Konföderation „darf nicht zugelassen werden“

Moskau, 5. Dezember 1989 – Knapp vier Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer wurden die Hoffnungen auf eine schnelle deutsch-deutsche Annäherung in Moskau abrupt gedämpft. Bei gestrigen Unterredungen zwischen der DDR-Führung um Ministerpräsident Hans Modrow und dem Kreml wurden die politischen und wirtschaftlichen Realitäten für Ost-Berlin auf dramatische Weise neu definiert. Während KPdSU-Chef Michail Gorbatschow der taumelnden SED noch einmal Solidarität versprach, zog der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Ryschkow nicht nur eine unmissverständliche rote Linie gegen die Wiedervereinigung, sondern setzte der DDR-Planwirtschaft auch ein de facto Ultimatum.

Politisches Veto: Eine Konföderation ist tabu
Die wichtigste politische Botschaft der Treffen, über die die Agentur TASS berichtete, ist Moskaus entschiedene Ablehnung jeglicher Schritte zur deutschen Einheit.

Sowjet-Ministerpräsident Ryschkow stellte unmissverständlich klar, dass eine Konföderation zwischen der DDR und der BRD „nicht zugelassen werden darf“. Die sowjetische Führung sieht in einer solchen Entwicklung eine „ernsthafte Destabilisierung nicht nur der DDR, sondern auch ganz Europas“. Die UdSSR bekräftigte zwar die Absicht, gutnachbarliche Beziehungen mit allen Ländern, inklusive der Bundesrepublik, pflegen zu wollen. Dies habe jedoch auf der Grundlage der „vorbehaltlosen Achtung der bestehenden politischen und territorialen Realitäten“ – sprich: der Existenz zweier deutscher Staaten – zu geschehen.

Modrow selbst schien die Linie Moskaus zu stützen, indem er die These bekräftigte, dass vor der Grenzöffnung mit der BRD hätte verhandelt und Wirtschaftsabkommen hätten geschlossen werden müssen. Dies unterstreicht die Sorge der Ost-Berliner Führung vor einem unkontrollierten Übergang.

Wirtschaftlicher Schock: Das Ende der Subventionen
Noch brisanter als das politische Nein ist die Ankündigung Ryschkows zum zukünftigen bilateralen Handel. Die Sowjetunion plant demnach, den gegenseitigen Handel ab 1991 auf Weltmarktpreise und die Verrechnung in frei konvertierbarer Währung umzustellen. Vorgesehen ist eine Übergangszeit von nur ein bis zwei Jahren.

Diese Entscheidung markiert das faktische Ende des alten, subventionierten Wirtschaftssystems des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Bisher profitierte die DDR massiv von künstlich niedrigen Preisen für Rohstoffe, insbesondere Öl und Gas, aus der UdSSR. Die Umstellung auf Devisen und Weltmarktpreise würde die ohnehin marode DDR-Industrie schlagartig mit massiv höheren Importkosten konfrontieren und sie ohne die schützenden RGW-Mauern dem globalen Wettbewerb aussetzen.

Ryschkow begründete den Schritt mit der Notwendigkeit, „sich aktiv an der Weltwirtschaft zu beteiligen“ und nicht mehr „von einem abgeschlossenen Block auszugehen“. Für die DDR ist dies eine existentielle Bedrohung, die den Druck auf eine schnelle Währungsunion mit der BRD exponentiell erhöhen dürfte.

Modrows schwierige Mission
Vor diesem Hintergrund musste Ministerpräsident Hans Modrow die „ausgesprochen komplizierte Situation in der DDR“ darlegen. Er informierte Gorbatschow über die Vorbereitungen auf den außerordentlichen SED-Parteitag, der eine neue Führung formieren soll, „die fähig ist, der Partei Autorität zu verleihen.“

Während die sowjetische Führung der SED verbal noch volle Solidarität zusicherte und sie als „wichtigen Garanten“ für Europa bezeichnete, stellen die getroffenen Entscheidungen Modrow vor ein nahezu unlösbares Dilemma: Er muss die DDR auf Geheiß Moskaus politisch stabil halten, während Moskau gleichzeitig durch den Abbau der Wirtschaftssubventionen das finanzielle Fundament der DDR entzieht.

Die Ereignisse in Moskau zeigen, dass die Sowjetunion zwar die politische Kontrolle über die Entwicklungen in Deutschland behalten will, aber nicht mehr bereit ist, die DDR ökonomisch durchzufüttern. Die neue Realität für Ost-Berlin ist eine knallharte: Die politische Existenz wird verteidigt, aber die wirtschaftliche Stütze entfällt. Die Krise der DDR hat gerade erst begonnen.

Eigeninitiative statt Jugendgesetz: Freizeitgestaltung in Milkel 1986

A) PROFIL AP: Hook: Im März 1986 reiste eine Delegation der Volkskammer in den Landkreis Bautzen, um die Umsetzung des Jugendgesetzes in der ländlichen Peripherie zu überprüfen. Teaser: Was die Abgeordneten in Milkel vorfanden, war keine Szenerie des offenen Widerstands, sondern ein funktionierendes System der Improvisation. Die gesetzlich garantierte Freizeitgestaltung stieß in dem 1.000-Seelen-Dorf auf harte infrastrukturelle Grenzen. Es fehlte an Busverbindungen in die Kreisstadt, an einer winterfesten Spielstätte für Filme und vor allem an Personal in der Gastronomie. Die Jugendlichen des Ortes hatten sich in dieser Situation eingerichtet, indem sie staatliche Aufgaben in Eigenregie übernahmen. Der Bericht über diesen Besuch legt die Mechanismen der späten DDR-Gesellschaft offen. Um die Frequenz der Tanzveranstaltungen zu erhöhen, gingen die Jugendlichen einen pragmatischen Deal mit der örtlichen Gastronomie ein. Da Personal fehlte, wurde das Kellnern zur Voraussetzung für das Tanzen. Die Freizeit wurde zur Arbeitsschicht, um überhaupt stattfinden zu können. Diese Bereitschaft zur Selbstorganisation zog sich durch alle Bereiche, vom eigenhändigen Ausbau des Jugendklubs bis zur Schlichtung von Lärmkonflikten mit der Nachbarschaft. Es zeigt sich ein Bild einer Jugend, die nicht auf Zuteilung wartete, sondern den Mangel verwaltete. B) SEITE AP: Hook: Der Paragraf 30 des Jugendgesetzes der DDR garantierte jedem jungen Bürger das Recht auf Geselligkeit und kulturelle Angebote, doch die Realität sah in kleinen Gemeinden oft anders aus. Teaser: Eine Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1986 im Dorf Milkel bei Bautzen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen gesetzlichem Anspruch und der ökonomischen Machbarkeit. Infrastrukturelle Engpässe prägten den Alltag der rund 200 Jugendlichen vor Ort. Kinos blieben im Winter geschlossen, Turnhallen existierten nur auf dem Papier, und der öffentliche Nahverkehr bot kaum Mobilität. Die staatliche Lenkung stieß hier an ihre Grenzen, was eine Verlagerung der Verantwortung auf die Betroffenen zur Folge hatte. Die Reaktion der Jugendlichen in Milkel ist ein historisches Beispiel für die Kompensationsstrategien innerhalb der DDR-Mangelwirtschaft. Statt auf staatliche Abhilfe zu warten, wurden Tauschgeschäfte zur Basis des kulturellen Lebens. Die Erhöhung der Tanzabende wurde durch den Arbeitseinsatz der Gäste als Kellner erkauft. Der Jugendklub entstand durch materielle Eigenleistung und bürokratischen Druck von unten. Die Umsetzung des Jugendgesetzes erfolgte somit nicht durch die Institutionen, sondern paradoxerweise durch die Selbstausbeutung derer, die das Gesetz eigentlich schützen sollte. C) SEITE JP: Hook: Wenn im Winter 1986 in Milkel die Leinwände dunkel blieben und die Busse nach Bautzen selten fuhren, war die Jugend auf sich selbst zurückgeworfen. Teaser: Ein Bericht über einen Besuch der Volkskammer in der Lausitz zeichnet das Bild einer Generation, die den Mangel an Infrastruktur durch pragmatische Lösungen ausglich. Wo der Staat keine Turnhalle baute und kein Servicepersonal stellen konnte, griffen die Jugendlichen selbst ein. Der Erhalt von Freizeitangeboten war in der ländlichen DDR oft direkt an Gegenleistungen geknüpft. Die Lösung in Milkel war bezeichnend: Wer tanzen wollte, musste arbeiten. Um mehr Veranstaltungen im einzigen verfügbaren Saal durchzusetzen, übernahmen die Jugendlichen den Service. Das Jugendgesetz wurde hier nicht als staatliche Vollversorgung interpretiert, sondern als Rahmen für genehmigte Eigeninitiative. Es entstand eine Kultur, in der Freizeitgestaltung untrennbar mit Organisationstalent und Arbeitsbereitschaft verbunden war.

Zwischen Warteliste und Zuteilung: Das System der Wohnungsvergabe in der DDR

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Die Geschichte des Wohnens in der DDR beginnt meist nicht mit dem Einzug, sondern mit dem jahrelangen Warten. Teaser: Wer sich heute an die großen Neubaugebiete des Ostens erinnert, denkt oft zuerst an den Komfortsprung durch Fernwärme und Innenbad. Doch der Weg dorthin war geprägt von einem undurchsichtigen Verteilungskampf. Offiziell sollte die Dringlichkeit entscheiden, doch in der Praxis wurde Wohnraum zu einem Instrument der Arbeitskräftepolitik. Große Betriebe nutzten eigene Kontingente, um Mitarbeiter zu binden, während andere Antragsteller oft über Jahre in maroden Altbauten ausharren mussten. Die Plattenbauwohnung war in diesem System mehr als nur ein Dach über dem Kopf; sie war eine Zuteilung, die man sich durch berufliche Relevanz oder Beziehungen erarbeiten musste. Diese Erfahrung einer politisierten Mangelverwaltung prägt den Blick auf das eigene Zuhause bei vielen Ostdeutschen bis heute, weit über das Ende der DDR hinaus. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Hinter der ideologischen Programmatik des Wohnungsbaus verbarg sich eine harte ökonomische Selektion. Teaser: Das Wohnungsbauprogramm der DDR war das zentrale sozialpolitische Versprechen der Ära Honecker. Doch die Umsetzung folgte oft weniger sozialen als wirtschaftlichen Kriterien. Da Arbeitskräfte in der Planwirtschaft knapp waren, erhielten volkswirtschaftlich wichtige Kombinate direkten Zugriff auf Wohnungskontingente. Dies führte dazu, dass die Zuteilung von Wohnraum faktisch oft an die Betriebszugehörigkeit gekoppelt war. Parallel dazu verschob sich der Fokus so stark auf den industriellen Neubau, dass die historischen Innenstädte einem massiven Verfall preisgegeben wurden. Die Ambivalenz zwischen modernem Komfort in der Platte und dem Verlust städtischer Substanz im Altbau ist eine städtebauliche Erbschaft, die die ostdeutschen Städte bis in die Gegenwart hinein strukturell definiert. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Wer für den falschen Betrieb arbeitete, wartete oft Jahre länger auf den ersehnten Mietvertrag. Teaser: Die Gleichheit der Lebensverhältnisse war ein Postulat, das an der Wohnungstür oft endete. Das System der AWG (Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft) und die Betriebskontingente schufen eine Hierarchie, die offiziell kaum thematisiert wurde. Wohnraum war ein Hebel zur Steuerung von Biografien: Er belohnte Konformität und Leistung im Sinne des Staates. Die Platte war somit nie nur Beton, sondern immer auch ein politisch aufgeladener Raum, dessen Zuteilungsmechanismen tief in die persönliche Lebensplanung eingriffen. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=vT0V0y-JDgc