Der Preis der Liebe: Ein Kräutergarten hinter Gittern

Von der West-Berliner Freiheit in die Einzelhaft von Bautzen II: Siegrid Grünewald wollte ihren Verlobten aus der DDR holen und landete im Fadenkreuz der Staatssicherheit. Ein Protokoll über Verrat, Haftalltag und eine bizarre Fahrt in die Freiheit in einem goldenen Mercedes.

Es ist der 13. November 1981, ein Freitag. Am Grenzübergang Bornholmer Straße herrscht eine ungewöhnliche Stille. Als Siegrid Grünewald mit ihrem Wagen in die Kontrollstelle rollt, ist sie allein. Keine Schlange, keine anderen Reisenden. Die West-Berlinerin will nur kurz Freunde in Ost-Berlin besuchen, danach soll es zurück nach Hause gehen. Doch der Schlagbaum bleibt unten.

„Mit Ihren Papieren scheint etwas nicht in Ordnung zu sein“, sagt man ihr. Eine Lüge, die den Auftakt zu einem der dunkelsten Kapitel ihres Lebens markiert. Wenig später baut sich ein Offizier vor ihr auf: „Ich erkläre Sie damit für verhaftet.“

Siegrid Grünewald ist keine politische Aktivistin im klassischen Sinne. Sie ist eine Frau, die liebt. Und diese Liebe ist in der Logik der DDR-Justiz ein Verbrechen. Ihr Verlobter lebt im Osten, sie im Westen. Eine Heirat wird verweigert, ein gemeinsames Leben scheint unmöglich. „Wir wollten natürlich in Freiheit in West-Berlin leben“, erinnert sich Grünewald heute. Der Ausweg scheint nur über professionelle Fluchthilfe möglich.

Der Plan klingt solide, ist aber teuer: 15.000 D-Mark soll die Ausschleusung kosten, 3.000 D-Mark werden angezahlt. Doch das Schicksal – und die Technik – spielen nicht mit. Der Fluchtwagen hat eine Panne, 60 Kilometer vor dem Ziel muss der Versuch abgebrochen werden.

Was das Paar zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) weiß bereits alles. Der Schleuser, der ihren Verlobten in die Freiheit bringen sollte, wurde gefasst und hat ausgepackt. Namen, Pläne, Details. Während Siegrid Grünewald glaubt, das Scheitern sei ihr Geheimnis geblieben, wartet die Stasi nur auf den richtigen Moment. Als sie arglos nach Ost-Berlin einreist, schnappt die Falle zu.

Es folgen Verhöre in der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. Tagelange Befragungen, unterbrochen nur von Mahlzeiten und kurzen Freigängen. Die Strategie der Zermürbung wirkt. Auch ihr Verlobter wird verhaftet, direkt aus einem Zug geholt.

Der Prozess findet fernab der Öffentlichkeit in Gera statt. Das Urteil lautet auf „staatsfeindlichen Menschenhandel“ gemäß § 105 des DDR-Strafgesetzbuches. Das Strafmaß: fünf Jahre und sechs Monate Haft.

Siegrid Grünewald wird nach Bautzen II verlegt, in die berüchtigte Sonderhaftanstalt des MfS. Hier sind politische Gefangene, Spione und „Republikflüchtlinge“ untergebracht.

Der Haftalltag ist geprägt von militärischem Drill und Entindividualisierung. Blaue Bluse, dunkelblaue „Kommandojacke“, Zählappelle. „Es meldet Strafgefangene Grünewald“, muss sie jeden Tag sagen. Privatsphäre gibt es nicht, die eigene Identität wird an der Zellentür abgegeben.

Siegrid entscheidet sich für die Arbeit in der Küche. Es ist schwere körperliche Arbeit, von der Spüle bis zur „warmen Küche“. Doch in dieser tristen Umgebung gelingt ihr ein kleiner, fast subversiver Akt der Selbstbehauptung. Weil in der Großküche frische Zutaten fehlen, schlägt sie der Obermeisterin vor, einen Kräutergarten anzulegen.

Und tatsächlich: Sie darf. Einmal in der Woche, an ihrem freien Tag, tauscht sie die Gefängnismauern gegen ein Stück Erde. „Wir hatten Petersilie, Kopfsalat, Schnittlauch“, erzählt sie, und ihre Stimme hellt sich noch heute auf, wenn sie daran denkt. „Ich war an der frischen Luft, in der Sonne, ohne Bewachung. Das war für mich ein richtiger Feiertag.“ Der Garten wird zu ihrer Insel im Meer aus Beton und Stacheldraht.

Nach zehn Monaten, weit vor Ablauf der fünfeinhalb Jahre, endet ihre Haft so abrupt, wie sie begann. Mitten aus der Gartenarbeit wird sie herausgerufen: „Packen sie ihre Sachen.“ Es geht nach Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), dem Drehkreuz für den Häftlingsfreikauf durch die Bundesrepublik. Ein Staatsanwalt spricht von „guter Führung“, doch in Wahrheit ist es ein Geschäft zwischen Ost und West. Siegrid Grünewald ist freigekauft worden.

Der letzte Akt ihrer Gefangenschaft wirkt wie eine Szene aus einem Film. Sie wird Anwälten aus der Kanzlei von Wolfgang Vogel übergeben, dem berühmten Unterhändler der DDR. Die Fahrt über die Grenze zurück nach West-Berlin tritt sie nicht in einem Gefangenentransporter an, sondern in einem privaten, goldenen Mercedes. Von der Zelle in die Luxuskarosse, vom Zählappell zurück in die Arme ihrer Schwester. „Ich würde es wieder tun“

Blickt man heute auf Siegrid Grünewald, sieht man keine gebrochene Frau. Die Zeit in Bautzen, sagt sie, gehöre zu ihrem Leben dazu. Mehr noch: Sie bereut nichts. „Ich würde das auch wieder tun. Gar keine Frage, da würde ich gar nicht überlegen müssen.“

Für sie ist Bautzen II heute kein Ort des Schreckens mehr, sondern ein Ort der Mahnung. Eine Stätte, die zeigt, was Menschen unter der SED-Diktatur aushalten mussten. Ihre Geschichte ist ein Zeugnis dafür, dass Mauern und Gitter vieles einsperren können – den Willen zur Freiheit und die Liebe jedoch nicht.

Hermann Henselmann und der architektonische Wandel der DDR

A) PROFIL AP Der Weg von der radikalen Moderne in die repräsentative Staatsarchitektur ist selten geradlinig. Hermann Henselmanns Biografie zeigt exemplarisch, wie stark architektonisches Schaffen im 20. Jahrhundert von politischen Rahmenbedingungen abhängig war. Er begann als Vertreter des Neuen Bauens, der Funktionalität über Dekoration stellte, doch die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1945 erforderten eine andere Sprache. Die Adaption des sozialistischen Klassizismus war für ihn kein reiner Pragmatismus, sondern der Versuch, dem neuen Staat ein Gesicht zu geben. Diese Phase der Monumentalität währte jedoch nur kurz. Mit der ökonomischen Notwendigkeit, Wohnraum schnell und industriell zu fertigen, geriet der individuelle Entwurf ins Hintertreffen. Henselmann, der die "Arbeiterpaläste" der Stalinallee entworfen hatte, musste zusehen, wie die Baukräne der sechziger Jahre eine standardisierte Stadtlandschaft formten. Seine Kritik an der Uniformität des Plattenbaus wurde in den Fachgremien zwar gehört, hatte jedoch gegen die ökonomischen Sachzwänge kaum eine Chance. Er blieb eine öffentliche Figur, doch seine gestalterische Handschrift verschwand zunehmend aus dem Stadtbild. Die Bauten der frühen Jahre stehen heute als steinerne Zeugen einer Zeit, in der Architektur noch den Anspruch hatte, mehr zu sein als reine Bedarfsdeckung. B) SEITE AP Die Architekturgeschichte der DDR lässt sich an den Brüchen in Hermann Henselmanns Werk ablesen. Als Chefarchitekt Ost-Berlins prägte er die Phase des nationalen Aufbaus, in der repräsentative Boulevards und aufwendig gestaltete Fassaden den Anspruch des Staates auf kulturelle Geltung untermauerten. Die Karl-Marx-Allee ist das gebaute Ergebnis dieser Doktrin, die bewusst den Gegensatz zum westlichen Funktionalismus suchte. Der Übergang zur industriellen Bauweise in den sechziger Jahren markierte jedoch eine Zäsur. Die Abkehr von handwerklicher Individualität hin zur seriellen Fertigung drängte Henselmanns architektonisches Verständnis an den Rand. Während er weiterhin für städtebauliche Qualität und differenzierte Stadträume plädierte, forderte die Planwirtschaft messbare Effizienz. Diese Entwicklung spiegelt den generellen Wandel der DDR-Gesellschaft wider, in der utopische Entwürfe zunehmend pragmatischen Sachzwängen wichen. Henselmanns Werk bleibt als Dokument dieser Spannung erhalten, sichtbar im Kontrast zwischen den Prachtbauten der fünfziger Jahre und den funktionalen Großsiedlungen der späteren Jahrzehnte. C) SEITE JP Hermann Henselmann steht wie kaum ein anderer Architekt für die visuelle Identität der frühen DDR. Seine Entwürfe für die Stalinallee definierten, wie eine sozialistische Hauptstadt auszusehen hatte: monumental, traditionsbewusst und repräsentativ. Diese Architektur war ein politisches Statement, das weit über die reine Schaffung von Wohnraum hinausging. Mit dem Einzug der Plattenbauweise verlor dieser Ansatz jedoch an Relevanz. Die Prioritäten verschoben sich zugunsten von Schnelligkeit und Kostenreduktion, was Henselmanns Position schwächte. Er wurde vom Gestalter zum Verwalter eines Erbes, das die neue Generation von Planern als überholt betrachtete. Heute ermöglicht der zeitliche Abstand einen nüchternen Blick auf sein Schaffen, das sich zwischen politischer Anpassung und künstlerischem Anspruch bewegte. Die Gebäude der Karl-Marx-Allee bilden bis heute eine markante Achse im Berliner Stadtgefüge.