Erich Mielke verteidigt Stasi in turbulenter Volkskammer: „Ich liebe doch alle, alle Menschen“

Berlin, 1989 – In einer aufgeheizten Debatte vor der Volkskammer der DDR hat Erich Mielke, der langjährige Minister für Staatssicherheit, die Arbeit seiner Behörde vehement verteidigt. Mitten in seiner Rede, die von Zwischenrufen begleitet wurde, äußerte Mielke den vielzitierten Satz „Ich liebe doch alle, alle Menschen“. Seine Ausführungen erfolgten in einem Kontext, in dem die Volkskammer gleichzeitig die Bildung eines zeitweiligen Ausschusses zur Überprüfung von Amtsmissbrauch und Korruption vorschlug.

Mielke betonte eingangs die Verpflichtung der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gegenüber dem Volk. Er erklärte, sie seien „Söhne und Töchter der Arbeiterklasse der Werktätigen“ und kämen aus allen Schichten. Ihr oberster Auftrag sei es gewesen, die Interessen der Werktätigen zu vertreten, und diesem Auftrag seien sie „unter schweren Bedingungen“ immer bemüht gewesen gerecht zu werden. Mielke behauptete zudem, das MfS habe einen „außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen“ gehabt.

Der Minister führte zwei Hauptaufgaben des MfS an:

1. Die Aufdeckung alles dessen, „was gegen den Frieden sich richtete“, wobei das MfS „hervorragende Information geliefert“ habe, nicht nur für die DDR, sondern für das gesamte sozialistische Lager.

2. Die „Stärkung unserer sozialistischen Wirtschaft“, auf welchem Gebiet die Mitarbeiter des MfS ebenfalls „hervorragendes“ geleistet hätten.
Darüber hinaus schilderte Mielke eine weitere Rolle des MfS: das Aufzeigen von „Unzulänglichkeiten“. Er berichtete, dass Bürger, von einfachen Menschen bis zu Direktoren, dem MfS „vieles mitgeteilt“ hätten, selbst Dinge, für die das Ministerium nicht direkt zuständig gewesen sei.

Diese Informationen, manchmal von „ganz kleinen Dingen nur bis zu den größten“, seien entgegengenommen und an die zuständigen Stellen weitergeleitet worden. Mielke nannte hierbei explizit die „Republikflucht“ und die Abwanderung von Ärzten und Lehrern. Das MfS habe demnach auch Vorschläge an die zuständigen Stellen gemacht, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Mielke äußerte jedoch auch seine Frustration darüber, dass vieles, was gemeldet wurde, „nicht immer berücksichtigt wurde und nicht eingeschätzt wurde“. Er betonte, dass sie sogar auf Konferenzen aufgetreten seien, um zu fordern, dass ihre Informationen ernst genommen und ausgewertet würden, um Veränderungen zu schaffen. Er versicherte, das MfS habe stets versucht, „nach der Verfassung und nach den bestehenden Gesetzen einwandsfrei zu arbeiten“.

Als direkte Reaktion auf die Gesamtthematik und die anstehenden Problematiken unterbreitete das Präsidium der Volkskammer im Anschluss an Mielkes Rede einen umfassenden Vorschlag. Dieser sah vor, auf der Grundlage von Anträgen verschiedener Fraktionen sowie des Generalstaatsanwalts der DDR, die Bildung eines zeitweiligen Ausschusses der Volkskammer vor. Dieser Ausschuss sollte gemäß Artikel 61 der Verfassung der DDR und Paragraph 28 Absatz 2 der Geschäftsordnung der Volkskammer eingerichtet werden.

Die Kernaufgabe des Ausschusses wäre die Überprüfung von Fällen des Amtsmissbrauchs, der Korruption, der ungerechtfertigten persönlichen Bereicherung und anderer gesetzwidriger Handlungen, bei denen der Verdacht einer Verletzung des Strafgesetzes besteht. Sollten die Vorwürfe Abgeordnete der Volkskammer betreffen, müsste zudem über die Aufhebung ihrer Immunität gemäß Artikel 60 Absatz 2 der Verfassung entschieden werden. Alle Fraktionen wurden aufgefordert, je zwei Vorschläge für die Mitarbeit in diesem Ausschuss zu benennen, dessen Zusammensetzung dann auf der 12. Tagung der Volkskammer beschlossen werden sollte. Parallel dazu sollen sich auch die zuständigen Ausschüsse mit der Problematik beschäftigen. Die Sitzung endete mit der Frage, ob diese Verfahrensweise Zustimmung finde.

Henry Hübchen über die DDR und die Arroganz des Überlebens

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Wenn Henry Hübchen über die DDR spricht, vergleicht er das Land mit Atlantis – einem versunkenen Kontinent, dessen Konturen im Nebel der Geschichte langsam unscharf werden. Teaser: In der Rückschau auf sein Leben, das er zu gleichen Teilen in zwei verschiedenen Systemen verbracht hat, verweigert sich der Schauspieler den einfachen Kategorien von Täter und Opfer. Vielmehr beschreibt er eine Haltung der „Renitenz“, die sich nicht in politischem Widerstand, sondern in einer spezifischen Arbeitshaltung ausdrückte. Besonders eindrücklich ist seine soziologische Beobachtung der Machtverhältnisse: Während er den Westdeutschen als Souverän in der Freizeit, aber als angepasst im Berufsleben wahrnahm, war es im Osten genau umgekehrt. Der Mangel zwang im Privaten zur Unterordnung, doch im Betrieb herrschte oft eine anarchische Gleichheit, in der der Arbeiter dem Meister die Stirn bot. Diese Erfahrung eines Zusammenbruchs und Neuanfangs hat bei Hübchen keine Unsicherheit hinterlassen, sondern eine „große Arroganz“ des Überlebenden. Wer das Scheitern eines Staates erlebt hat, blickt mit anderen Augen auf die Krisen der Gegenwart. Seine Skepsis gegenüber aktuellen politischen Narrativen ist keine bloße Laune des Alters, sondern das Resultat einer Biografie, die gelernt hat, hinter die Kulissen der Macht zu schauen. Es ist der Blick eines Mannes, der weiß, dass keine Ordnung für die Ewigkeit gebaut ist. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Der Systemwechsel 1989 war für viele Ostdeutsche ein Schock, für Henry Hübchen jedoch eher die Bestätigung eines Erfahrungsvorsprungs. Teaser: Der Schauspieler spricht von einer inneren Unabhängigkeit, die weit vor dem Mauerfall begann. Interessant ist dabei seine Analyse der Anpassungsleistungen nach der Wende: Während man sich ökonomisch und beruflich in die Bundesrepublik integrierte, blieb eine kulturelle und mentale Differenz bestehen. Hübchen identifiziert dies nicht als Defizit, sondern als Ressource. Die Erfahrung, dass gesellschaftliche Verhältnisse fragil sind und Ideologien wechseln können, schützt vor einer allzu naiven Haltung gegenüber der Gegenwart. Diese ostdeutsche Skepsis, die sich heute oft in politischen Dissonanzen zeigt, wurzelt tief in der Erkenntnis, dass Wahrheit oft eine Frage der Perspektive und des Zeitgeistes ist. Die Geschichte lehrt hier nicht Eindeutigkeit, sondern Vorsicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Im Osten war der Arbeiter im Betrieb oft der König, während er in der Mangelwirtschaft der Freizeit zum Bittsteller wurde – eine Umkehrung der westlichen Verhältnisse. Teaser: Henry Hübchen analysiert präzise, wie diese spezifische Sozialisation bis heute nachwirkt. Die im Arbeitsleben der DDR erlernte Respektlosigkeit gegenüber Hierarchien und die Fähigkeit, Autoritäten infrage zu stellen, sind geblieben. Es ist eine Form der Renitenz, die sich schwer in gesamtdeutsche Strukturen einfügen lässt, weil sie aus einer völlig anderen Logik von Abhängigkeit und Freiheit entstanden ist. Das Verständnis für diese feinen Unterschiede schwindet, je weiter das Land in der Vergangenheit versinkt. https://www.ardmediathek.de/video/suite-der-kulturtalk-mit-serdar-somuncu/muessen-wir-uns-an-die-ddr-erinnern-henry-huebchen/rbb/Y3JpZDovL3JiYl83YzUyNmMwYy00MzZmLTQyNzItOWYzMi04NDMyNjE0ODFiN2NfcHVibGljYXRpb24