Die Zwangskollektivierung der DDR-Landwirtschaft

Berlin – Vor genau einem Jahr meldete der letzte Bezirk in der damaligen Sowjetzone, dem heutigen Mitteldeutschland, den Abschluss der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Was die Staatspartei, die SED, als „spontanen, freiwilligen Drang der Massen nach einer gemeinsamen Bewirtschaftung des Bodens“ darstellte, entpuppte sich für viele als eine totale Umwälzung ihres Lebensgefühls und als eine zwangsweise sozialistische Umgestaltung. Helmut Reinhardt und der Landwirtschaftsexperte Friedrich Hoppe ziehen in einer aktuellen Betrachtung Bilanz über die Ereignisse, die vor einem Jahr im Schatten von Major Gagarins Weltraumflug und dem Eichmann-Prozess stattfanden.

Der „große Schritt vom Ich zum Wir“ – Eine Maskerade fällt
Unter der pathetischen Parole „Der große Schritt vom Ich zum Wir“ trieben die deutschen Kommunisten in ihrem Herrschaftsbereich eine gesellschaftliche Umwälzung voran. Bereits 1952 entstanden die ersten Kolchosen, doch im vergangenen Jahr, 1960, fiel endgültig die Maske. Agitationstrupps der Einheitspartei drangen im Stil militärischer Sonderkommandos bis in die guten Stuben der Bauern vor. Versammlungen und Lautsprecherpropaganda wechselten sich ab, und Funktionäre der SED ließen die noch selbstständigen Landwirte wochenlang nicht aus den Klammern der Ideologie. Die Polemik gipfelte in dem gefährlich primitiven Schlagwort: „Wer für die LPG ist, ist für den Frieden, wer gegen die LPG ist, ist für den Krieg“.

SED-Sekretär Ulbricht wischte die schwere seelische Bedrängnis einzelner Bauern einfach vom Tisch und sprach von „einzelnen Fällen von Überspitzungen“. Vor der Ostberliner Volkskammer wurde die zwar unblutige, aber dennoch dramatische Kollektivierungskampagne als „Erfolg für ganz Deutschland“ inszeniert. Ulbricht versprach, die genossenschaftliche Arbeit würde eine höhere Arbeitsorganisation, die Anwendung landwirtschaftswissenschaftlicher Erfahrungen und moderner Technik ermöglichen, den Wohlstand des Volkes erhöhen, die Arbeit erleichtern und ein kulturvolles Leben ermöglichen.

Die harte Realität: Leid, Flucht und wirtschaftliche Probleme
Die Realität sah anders aus. Gab es am 1. Januar 1960 noch rund 300.000 selbstständige Bauern und Gärtner, die 46,9% der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschafteten, so zählte man ein Jahr später bereits 19.000 Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs), die 86% der Fläche bewirtschafteten. Von 608.000 landwirtschaftlichen Privatbetrieben im Jahr 1946 waren am 31. März 1960 nur noch 140.000 übrig, und über 90% aller Privatbetriebe wurden liquidiert. „Das hat mit gerechter und sinnvoller Bodenreform nichts zu tun, das ist ihre Vernichtung,“ kommentierte Carlo Schmidt von der Bundesregierung.

Das Ergebnis dieser Maßnahme des Ulbricht-Staates war viel menschliches Leid, erschütternde Einzelschicksale und tausende von Flüchtlingen. Im vergangenen Jahr flohen über 14.000 Bauern und Landwirte, in den ersten drei Monaten dieses Jahres fast 3.000 weitere.

Typen von LPGs: Unterschiedliche Belastungen
Die SED ging den Bauern taktisch entgegen, indem sie nicht nur eine einheitliche Form der Kollektivierung schuf. Es gab zwei Haupttypen von LPGs:

• LPG Typ 1: Eine mildere Form, bei der der Bauer nur seinen Acker einbrachte, das Vieh aber noch selbst behielt. Diese Bauern standen ihren Arbeiten noch relativ besser da.

• LPG Typ 3: Die „Vollkolchose“, in der Acker, Vieh, Wald – alles gemeinsam und kollektiv bewirtschaftet wurde. Der Bauer hatte kaum noch entscheidenden Einfluss auf die Produktion. Die Verhältnisse hier waren oft „geradezu trostlos“. Ein befragter Bauer, nun Rinderpfleger in einer Typ-3-Genossenschaft, schilderte zwar eine Arbeitserleichterung für Frauen, betonte aber auch die ursprüngliche Überlastung und die nun mangelnde Einflussnahme auf die Produktion.

Erntekampf und Versorgungsmängel
Als die Ernte heranrückte, fehlten in den neu gegründeten Genossenschaften Maschinen, Geräte und Ersatzteile. Ulbrichts Prognose, alles würde leichter gehen, erfüllte sich nicht. Eine umfassende Mobilisierung städtischer Arbeitskräfte wurde notwendig; Hunderttausende Arbeiter, Angestellte, Soldaten, Hausfrauen und Jugendbrigaden halfen zumeist unentgeltlich und „freiwillig“ bei der Ernte. Sowjetische Soldaten und Einheiten der Nationalen Volksarmee leisteten ebenfalls Erntehilfe. Trotz dieser Anstrengungen und der offiziellen Losung „Stadt und Land Hand in Hand“, schrieb die Ostberliner Zeitschrift „Neue Justiz“ von einer „tiefen verbrecherischen Gleichgültigkeit und Interessenlosigkeit“ in vielen LPGs zur Erntezeit.

Die Futterwirtschaft erwies sich als „Schmerzenskind des Regimes“. Die Planwirtschaft führte dazu, dass Viehbestände erhöht wurden, ohne dass genügend Futter vorhanden war. Dies führte zu abmagerndem Vieh und sinkender Milch- und Fleischproduktion. Ein „DDR-Futtermeister“ wurde ernannt, um dieses Dilemma zu lösen. Auch der Mangel an Arbeitskräften war gravierend, und die Mechanisierung der Landwirtschaft hinkte hinterher. Der volkswirtschaftliche Plan sah 1961 nur die Zufuhr von 13.000 Traktoren für die gesamte Landwirtschaft vor – im Vergleich dazu wurden in Westdeutschland im Februar desselben Jahres 7.000 bis 8.000 Schlepper zugelassen.

Die Löhne der Genossenschaftsbauern waren, gemessen an der sogenannten „Arbeitseinheit“, gering. Durchschnittsverdienste von 180 bis 230 Mark im Monat führten zu großer Unzufriedenheit.

Kirche und Propaganda im Spannungsfeld
Die evangelischen Landeskirchen Mitteldeutschlands verurteilten die bei der Kollektivierung angewandten Methoden und Übergriffe scharf. Landesbischof Krummacher warnte die Menschen vor Resignation, mahnte aber auch, dass die Kirche die Verantwortung habe, für die Einbringung der Ernte zu sorgen – um der Mitmenschen und des täglichen Brotes willen.

Um von den eigenen Schwierigkeiten abzulenken, konstruierte die kommunistische Propaganda ein trostloses Bild der Lage in der Bundesrepublik Deutschland, berichtete von Bauernlegen und Strukturwandel. Gleichzeitig erfand man „muster-kuh Flora“ und „musterschwein Jolante“, die komisch und zugleich produktionsfördernd wirken sollten – eine Maßnahme, die an die NS-Zwangswirtschaft erinnerte.

Die Bundesregierung protestierte schärfstens gegen die Rechtsverletzungen und die Unmenschlichkeit der Kollektivierung. Eine internationale Juristenkommission stellte fest, dass Grundrechte der Bevölkerung, die in der Verfassung der DDR garantiert waren, verletzt worden waren.

Die „Vernichtung der Bauernschaft“ in der DDR wurde vollzogen. Ein Jahr danach bleibt die Bilanz ernüchternd: Der „Schritt vom Ich zum Wir“ war für viele Bauern ein erzwungener Weg, der von persönlichem Leid, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Aufgabe ihrer Eigenständigkeit geprägt war.

Privatisierung am Fichtelberg: Ein Neuanfang zwischen DDR-Erbe und Marktwirtschaft

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