Wie die SED ihre Macht in der DDR missbrauchte

Hinter verschlossenen Türen und vor den Augen des Volkes entfaltete sich in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein System des Machtmissbrauchs, der Kontrolle und der Privilegien, das das offizielle Bild einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen Lügen strafte. Von internen Intrigen über geheime Hinrichtungen bis hin zu systematischer Überwachung und brutalen Jugendstrafen – die Verbrechen der SED-Führung und ihrer Handlanger wirken bis heute nach und prägten ein verschwundenes Land.

Der Griff nach der Macht: Ulbrichts Sturz und Honeckers Aufstieg
Die politische Elite der DDR, insbesondere das Politbüro der SED, war die eigentliche Machtzentrale, in der 15 bis 20 ältere Männer die Staatsgeschäfte unter sich ausmachten. Ende der 1960er Jahre, als Staatschef Walter Ulbricht mit 75 Jahren noch Reformen vorantreiben wollte, geriet er ins Visier seiner Genossen. Seine Alleingänge, besonders in der Deutschlandpolitik und bei Wirtschaftsreformen, missfielen nicht nur Moskau, sondern auch vielen Politbüromitgliedern. Die sowjetische Führung unter Leonid Breschnjew, die Ulbrichts Annäherung an die Bundesrepublik skeptisch sah, gab schließlich grünes Licht für seine Absetzung.

Am 2. Mai 1971 nutzte Erich Honecker, ein als moskautreu bekannter Genosse, diese Gelegenheit. In einem inszenierten Putsch nötigte er Ulbricht zum Rücktritt und riss die Macht an sich. „Ohne die Russen war das nicht möglich“, heißt es in den Quellen. Honecker führte das Land fast 20 Jahre lang, bis auch er 1989 dem Druck der anhaltenden Proteste und einer internen Intrige zum Opfer fiel.

Honeckers Geheimnisse und Wandlitz: Die Doppelmoral der Elite
Erich Mielke, der undurchsichtige Stasi-Chef, spielte bei Honeckers Rücktritt eine entscheidende Rolle. Er drohte damit, belastendes Material über Honecker offenzulegen, das er in einem „roten Koffer“ in seinem Safe aufbewahrte. Dieses Material enthielt unter anderem Verhörprotokolle der Gestapo aus den 1930er Jahren, die belegten, dass Honecker als Kommunist in Haft nicht nur unvorsichtige Aussagen gemacht, sondern auch seine Widerstandsgruppe und eine tschechische Kundschafterin in Gefahr gebracht hatte. Ein solches Vorgehen galt für einen Kommunisten als „Todsünde“ und hätte seinem sorgsam gepflegten Image als Widerstandskämpfer massiv geschadet. Der Koffer enthielt auch Briefe von Honeckers erster Ehefrau, Edith Baumann, über seine Affäre mit Margot Feist, was den sozialistischen Moralvorstellungen widersprach. Mielkes Handeln war wohl Teil einer „Absicherungsstrategie“ innerhalb der Ostberliner Führungselite, in der einer über den anderen wachte.

Diese Führungselite lebte selbst eine frappierende Doppelmoral: In der Waldsiedlung Wandlitz, einem auf keiner offiziellen Karte verzeichneten Ort, genossen die Politbüromitglieder ab 1960 ein geheimes Luxusleben. Während die meisten DDR-Bürger jahrelang für Waren anstanden und auf eine Wohnung warten mussten, leistete sich die Parteiführung Westwaschmaschinen, Dienstpersonal, einen Tennisclub, eine Schwimmhalle und ein Geschäft mit Westweinen und Südfrüchten. Dies verletzte den Anspruch eines Staates der Gleichheit. Im Herbst 1989 wurde Wandlitz zum Symbol für die Entfremdung der Machtelite vom Volk und trug als „Sargnagel für die DDR“ maßgeblich zur Eskalation der Wut bei.

Die Brutalität der Staatsmacht: Todesstrafe, Entführungen und Jugendwerkhöfe
Die Schattenseiten des Regimes waren jedoch weitaus düsterer. Erst 1987 wurde die Todesstrafe in der DDR offiziell abgeschafft, doch die meisten Bürger wussten gar nicht, dass sie überhaupt noch existierte. Bis 1981 wurden über 160 Todesurteile vollstreckt, nicht nur wegen NS-Verbrechen und Mord, sondern auch in politischen Fällen, insbesondere gegen Überläufer aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Hinrichtungen, zuerst mit dem Fallbeil, dann mit der Pistole, wurden geheim gehalten; auf den Todesscheinen stand oft „Herz- oder Kreislaufversagen“, um Nachfragen zu vermeiden.

Ein besonders tragischer Fall war das Ehepaar Susanne und Bruno Krüger, Stasi-Mitarbeiter und überzeugte DDR-Bürger, die 1953 wegen Amtsmissbrauchs und Korruption in Ungnade fielen und nach West-Berlin flohen. Aus Angst vor der Preisgabe ihres Wissens setzte die Stasi 20 Agenten und 16 inoffizielle Mitarbeiter auf sie an. Bruno Krüger wurde betäubt, in einen Teppich gerollt und entführt; auch seine Frau und sein Sohn wurden später in die DDR verschleppt. Nach nur einem Verhandlungstag wurden sie 1955 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihre Bestrafung diente als gnadenlose Vergeltung, um anderen MfS-Mitarbeitern eine Warnung zu sein: „Wenn sich jemand wie ein Verräter verhält, trifft ihn eine gnadenlose Vergeltung“.

Auch vermeintlich rebellische Jugendliche gerieten in die Fänge des Systems. In den sogenannten Jugendwerkhöfen waren zu DDR-Zeiten rund 4000 Jugendliche untergebracht. Besonders berüchtigt war der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau, der härteste von allen. Dort wurden Jugendliche „gebrochen“ durch ein Regime aus Zwang, Drill und körperlicher Ertüchtigung bis zur Erschöpfung, einschließlich des „Torgauer Dreiers“ (Liegestütze, Strecksprünge, Kniebeugen) und 20 km Dauerlauf. Wer nicht gehorchte, dem drohten Essensentzug, Schläge und Dunkelkammerarrest.

Der Werkhofleiter Horst Kretschmer war für seine Brutalität bekannt und missbrauchte zudem systematisch junge Mädchen, darunter die 17-jährige Corina Talheim. Viele Betroffene schwiegen aus Angst und Scham über Jahrzehnte hinweg.

Der Arm der Stasi: Überwachung und Fluchtversuche
Die Stasi baute auf ein weitreichendes System der Denunziation. 70 Prozent der Anzeigen, durch die Menschen angeschwärzt wurden, stammten von inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) – 1989 waren das 180.000 Menschen. Aber auch anonyme Anrufer und Nachbarn denunzierten Republikflucht, Zoll- und Wirtschaftsvergehen. Dies hatte für die Betroffenen oft weitreichende Folgen, bis hin zu Gefängnisstrafen.

An der innerdeutschen Grenze setzte die Stasi sogar geheime Technologie ein. Ab 1972 wurden an allen 17 Grenzübergängen Gammastrahler eingesetzt, um Autos, die in den Westen fuhren, zu durchleuchten und Flüchtlinge in Hohlräumen zu entdecken. Die Stasi wusste um die Gefährlichkeit dieser radioaktiven Strahlen; Experimente mit Hunden zeigten, dass die Tiere erkrankten und eingeschläfert werden mussten.

Trotz dieser Gefahren und der Absicherung der Grenze mit Minenfeldern, Selbstschussanlagen und dem Schießbefehl, bei dem bis 1989 über 1000 Menschen starben, versuchten Tausende die Flucht. Roland Schreier, ein ehemaliger Zivilangestellter der Grenztruppen, nutzte sein Wissen über die Sicherheitsvorkehrungen, um 1988 in den Westen zu fliehen und seine Familie später durch einen Abwasserkanal nachzuholen. „Man ist wahrscheinlich so voller Adrenalin und voller Anspannung“, erinnerte er sich an seine lebensgefährliche Aktion.

Das Ende einer Diktatur: Der Herbst ’89
Die Enthüllungen über Machtmissbrauch und Privilegien, die brutalen Machenschaften der Stasi und die zunehmende Entfremdung der Führung vom Volk schaukelten die Wut in der Bevölkerung immer weiter hoch. Im revolutionären Herbst 1989 eskalierten die Proteste. Die Stasi griff in Berlin und anderen Städten hart durch, die Gefängnisse füllten sich, doch die Menschen ließen sich nicht mehr einschüchtern.

In Leipzig stand die DDR am 9. Oktober 1989 kurz vor einem Blutbad, ähnlich der „chinesischen Lösung“ vom Tian’anmen-Platz. Es gab bereits den Befehl, die Demonstration mit Gewalt aufzulösen, Militärtechnik wurde aufgefahren, und Gerüchte über bereitgehaltene Blutkonserven und Bestattungsunternehmer kursierten. Doch der Kapellmeister Kurt Masur überzeugte Leipziger SED-Funktionäre, die Demonstration nicht zu verhindern, und rief zu friedlichem Protest auf. Eine Woche später konnte der stellvertretende Verteidigungsminister Fritz Strz Erich Honecker davon überzeugen, Panzer in den Kasernen zu lassen, was ein Massaker verhinderte.

Die Macht des Regimes bröckelte, die Loyalität schwand, und das System funktionierte nicht mehr. Nur drei Wochen später, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Die DDR, ihre Staatsmacht und ihre Geheimnisse verschwanden – doch die Aufarbeitung der Missbräuche, die das Land prägten, beschäftigt bis heute.