Erich Honecker und der Fall der Mauer: 40 Jahre DDR – Das Ende einer verleugneten Realität

Ost-Berlin, 7. Oktober 1989 – Mit Pauken und Trompeten feiert Erich Honecker den 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Staatsakt, inszeniert mit „herbeibefohlenen Darstellern“ und unter strenger Bewachung durch Bereitschaftspolizei, Armee und Stasi. Während der Festumzüge singt ein scheinbar entrückter Honecker die Lieder mit und wippt mit den Füßen, „als ob er in Trance wäre“ und „nichts rundherum wahrnehmen würde“. Doch das Bild des starken Sozialismus ist nur eine Fassade: Hinter den Kulissen brodelt es, und selbst viele Gratulanten jubeln nicht dem DDR-Chef zu, sondern dem sowjetischen Hoffnungsträger Gorbatschow, dem sie ihre Wünsche entgegenrufen: „Reisen, Freiheit, Länder, raus, raus, Grenzen!“. Der polnische Premier Mieczysław Rakowski bemerkt gegenüber Gorbatschow angesichts der Stimmung: „Das ist doch das Ende“. Es ist das Ende einer Geschichte, die genau 40 Jahre zuvor begonnen hatte, maßgeblich geprägt von Erich Honecker.

Der Aufstieg des Ziehsohns und der Bau der Mauer
Erich Honecker, ein Bergarbeitersohn aus dem Saarland, war ein „eifriger Funktionär“ und bereits zur Gründung der DDR 1949 als Chef der kommunistischen Staatsjugend FDJ maßgeblich am Fackelzug beteiligt. Er empfahl sich Walter Ulbricht als einer der „fähigsten und der konsequentesten und entschiedensten Jungfunktionäre“. Sein unaufhaltsamer Aufstieg führte ihn 1958 zum Sekretär für Sicherheitsfragen, wo er für Militär, Polizei und Stasi zuständig war und „de facto der zweite Mann“ im Staat wurde.

Im Sommer 1961 stand Honeckers „Feuerprobe“ bevor. Hunderte Menschen verließen täglich den Ostteil Berlins, die „DDR blutete aus“. Trotz Ulbrichts berühmter Beteuerung „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, erhielt Honecker den geheimen Auftrag, die Sperrung der Sektorengrenze vorzubereiten. Am Abend des 12. August 1961 war es soweit: Honecker leitete einen Stab, der die Schließung der Grenze organisierte. Um Mitternacht marschierte die DDR-Staatsmacht auf, und die „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ wurden mobilisiert, um die Grenze gemeinsam mit der Polizei zu schließen. Für die Bürger, wie Doris Mohnstein, kam die Nachricht über das Radio am Morgen des 13. August „wie eine erschreckende Nachricht“: Die Grenzen waren zu.

Die Mauer wurde für Familien zu einem „tödlichen Streifen“, der sie auf Jahre hin trennte. Doris Mohnstein konnte ihre Mutter und Schwester nur aus der Ferne im Vorbeigehen sehen; der Versuch, anzuhalten oder zu rufen, führte zum Einschreiten der Polizei. Später sprach Honecker allen „Genossen und Kollegen“, die am „antifaschistischen Schutzwall“ mitgewirkt hatten, Dank und Anerkennung aus. Die „Mauer, Honeckers Gesellenstück“, war für die Festigung seiner Position in der SED von „enormer Wichtigkeit“ und wurde „praktisch gebaut für die Ewigkeit“.

Honeckers Reich: Charme-Offensive und bittere Realität
Seit 1971 war die DDR „Honeckers Reich“, nachdem er seinen Ziehvater Ulbricht „putschartig beiseite geschoben“ hatte. Er erwies sich als „Politiker von erheblichem Kaliber“ und ein „Machtmensch par excellence“. In den 70er Jahren startete Honecker eine Charme-Offensive im Westen, die zur Anerkennung der DDR durch viele Staaten führte und ihr einen Platz am Verhandlungstisch, etwa bei der KSZE 1975, sicherte. Für Honecker, der aus einem kleinbürgerlichen Milieu stammte, war diese internationale Anerkennung auch eine „sehr persönliche Komponente“, die ihn bestätigte.

Seine Politik basierte auf der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, was für das arbeitende Volk vor allem „Wohltaten“ wie neue Wohnungen und billige Grundnahrungsmittel bedeutete. Mieten machten nur 4% des Einkommens aus, und Brot war so billig, dass es als Tierfutter genutzt wurde. Der Slogan lautete: „Ich leiste was, ich leiste mir was“. Doch diese Politik war extrem teuer und führte die DDR „in die Pleite“. Planungschef Gerhard Schürer warnte im Politbüro vor der Überforderung der Wirtschaft, wurde aber von Honecker empört als „Saboteur“ bezeichnet. Die „verheerenden“ Folgen – verfallende Bausubstanz und enorme Schulden, die nie zurückgezahlt werden sollten, da der Sozialismus siegen würde – wurden verleugnet.

Die „Freiheit, die Erich Honecker meint“, war eine trügerische. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn und wurde „mit aller Macht“ bekämpft. Dies erlebten Bürgerrechtler wie Roland Jahn, der nach freier Meinungsäußerung von der Universität flog und politische Aktionen startete. Er wurde zum Staatsfeind erklärt und schließlich „in den Interzonenzug gesteckt“ und aus der Heimat vertrieben. Sein Freund Matthias Domaschk kam 1981 unter bis heute ungeklärten Umständen in Stasi-Haft ums Leben – angeblich Selbstmord. Für die Opposition bedeutete dies: „Es ging um Leben oder Tod“. Die scheinbare Öffnung der DDR war nur ein „schöner Schein und auch ein Schein von Liberalität“, aber keine „demokratische Öffnung“.

Die Brutalität der Grenze zeigte sich auch 1983, als der junge Ostberliner Silvio Procks bei einem Fluchtversuch von sieben Schüssen getroffen wurde. Die Familie wurde verhört und die Existenz eines Grenzzwischenfalls verleugnet, unter Androhung von Gefängnisstrafen bei Verbreitung anderer Informationen. Silvios Bruder Carlo wurde Zeuge der Erschießung, und die Mutter starb kurz darauf an dem Kummer.

Das Unvermeidliche Ende
Selbst als der Wind in Moskau drehte und Gorbatschow seine Reformen vorantrieb, „verschloss Honecker die Augen vor der Realität“. Er sah Gorbatschow als jemanden, der „alles durcheinanderbringt, was wir mühselig aufgerichtet haben“. Im Sommer 1989 öffnete Ungarn seine Grenzen und ließ DDR-Bürger ziehen – der „Damm war gebrochen“. Gorbatschow erklärte den Ostblockländern ihre „Selbstverantwortung“.

Tausende flüchteten im September in die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Honeckers „völlige Fehlentscheidung“, die Züge mit den Flüchtlingen durch die DDR in den Westen fahren zu lassen, „verschärfte und angeheizte“ die Situation massiv. Am 4. Oktober versuchten hunderte Menschen in Dresden, auf die Durchgangszüge zu gelangen. Die Polizei trieb sie zusammen, was zu einer Panik führte, und es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. „Über 1000 Dresdner verschwinden in diesen Tagen“ in Polizeikasernen und Gefängnissen, wobei die Behörden keinerlei Auskunft gaben.

Zwei Tage nach Honeckers Feierlichkeiten, am 9. Oktober in Leipzig, kam es zur entscheidenden Montagsdemonstration. Trotz einer massiven Präsenz von Militär und Polizei gingen 70.000 Leipziger auf die Straße. Es herrschte eine „gespenstische Ruhe“, viele hatten Vorkehrungen getroffen, falls sie verhaftet oder getötet würden. Doch die Staatsmacht schoss nicht. „Die große Abrechnung des Staates mit seinen Bürgern, sie bleibt aus“. Die Masse der Demonstranten hatte einen geplanten „Tag X“ und ein mögliches „Blutbad“ verhindert. Siegbert Schäfkes Bilder dieser friedlichen Demonstration gingen am nächsten Tag um die Welt.

Honeckers Sturz und die Euphorie der Freiheit
Nur eine Woche später drängten Erich Honeckers eigene Genossen ihn zum Rücktritt. Er hatte die Realität „verleugnet“ und „nicht begriffen, dass die Zeichen der Zeit anders stehen. Dass man nicht auf ewig Menschen einsperren kann. Dass man nicht auf ewig Menschen ihre Rechte wegnehmen kann“. Die Berliner Mauer, sein „Gesellenstück“, überdauerte seine Herrschaft nur um wenige Tage.

Als die Mauer fiel, war es eine „Euphorie“, die nicht zu beschreiben war. Menschen standen auf der Mauer, „völlig außer sich“, in einem „Taumel“ des Glücks. Es war ein „Befreiungsschlag“ und ein „wunderbarer“ Moment. Die Worte „Wer jetzt schläft, ist tot“ bekamen eine neue, befreiende Bedeutung. Die Ära Honecker war vorbei, und mit ihr fiel das Symbol seiner verleugneten Realität – die Berliner Mauer.

Steinernes Schweigen und politische Wende: Das Ehrenmal Treptow 1989

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Es gibt Orte, die speichern Geschichte nicht nur, sie atmen sie aus. Wenn man heute durch den Treptower Park läuft, zwischen den riesigen Pappelreihen und dem roten Granit, spürt man eine seltsame Ruhe. Aber 1989 war dieser Ort alles andere als ruhig. Er war ein Brennglas. Ich habe mir noch einmal angesehen, was in diesem einen Jahr dort alles passiert ist. Im Mai standen dort noch die alten Männer in ihren Mänteln und feierten eine Wahl, die keine war. Im Oktober stand dort Gorbatschow, und alle Blicke ruhten auf ihm, voller Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt. Und im Dezember, als die Mauer schon offen war, kippte die Stimmung in Wut und Farbe. Es ist faszinierend, wie schnell sich die Bedeutung von Symbolen ändern kann, wenn die Gesellschaft drumherum aufwacht. Steine verändern sich nicht, aber unser Blick auf sie wandelt sich jeden Tag. B) SEITE 1 (Kontext) Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow gilt oft als zeitloser Ort des Gedenkens. Doch ein Blick in die Chronik des Jahres 1989 zeigt, wie sehr das Monument in die politischen Kämpfe der Wendezeit verstrickt war. Innerhalb weniger Monate wandelte sich die Funktion der Anlage radikal. Im Mai 1989 diente es noch der SED-Führung zur Inszenierung ihrer Macht nach den gefälschten Kommunalwahlen. Im Oktober wurde es durch den Besuch Michail Gorbatschows zur Kulisse für das Ende der alten Doktrinen. Ende Dezember schließlich markierten Schmierereien mit Parolen wie "Besatzer raus" das endgültige Ende der staatlich verordneten Unantastbarkeit. Die darauf folgende Instrumentalisierung der Vorfälle durch die PDS zeigt, wie sehr Geschichte gerade in Umbruchzeiten als politische Waffe dient. Ein Lehrstück über Deutungshoheit. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Der "Befreier" aus Bronze blickt seit 1949 über Berlin. Aber wen oder was er beschützt, das definierte das Jahr 1989 neu. Erst war er der Garant der SED-Herrschaft, dann im Oktober die Kulisse für Gorbatschows Reformversprechen, und im Dezember plötzlich Zielscheibe von Wut und Vandalismus. Symbole bleiben nur so lange stabil, wie die Macht, die sie stützt. Wenn diese Macht zerfällt, werden aus Denkmälern Fragen.