Leipzigs dunkles Erbe: Wie 75.000 Zwangsarbeiter die Rüstungsproduktion antrieben

Leipzig war während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs ein bedeutender Rüstungsstandort. In dieser Periode waren hier mehr als 200 große und kleine Betriebe ansässig, die Rüstungsgüter, insbesondere Flugzeuge, produzierten. Die Kehrseite dieses industriellen Zentrums ist eine düstere, oft übersehene Realität: Mindestens 75.000 Menschen wurden nach Leipzig gebracht, um Zwangsarbeit zu leisten. Die Verbrechen der Zwangsarbeit fanden direkt vor der eigenen Haustür statt, doch ihre Spuren sind heute nur noch schwer sichtbar, viele Orte sind überbaut und nichts mehr existent.

Um diese „Gras über die Sache wachsen lassen“-Mentalität zu durchbrechen und die Erinnerung wachzuhalten, wurde im Jahr 2001 die Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig eröffnet. Diese Gründung erfolgte auf Druck von Überlebenden, durch Spenden von UFZ-Mitarbeiterinnen und kommunalen Betrieben sowie mit dem Willen des Stadtrats. Sie ist die einzige Einrichtung in Sachsen, die sich speziell mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigt. Getragen wird die Gedenkstätte vom Verein „Erinnern an den Zwangsarbeitsverbrechen in Leipzig e.V.“.
Die Gedenkstätte befindet sich auf dem ehemaligen Firmengelände der Hugo Schneider Aktiengesellschaft (HASAG), dem seinerzeit größten Rüstungsbetrieb in Sachsen. Das ehemalige Verwaltungsgebäude der HASAG ist das letzte noch stehende Gebäude auf diesem Gelände und ein zentraler Punkt der angebotenen Führungen.

Die Arbeit der Gedenkstätte basiert auf mehreren wichtigen Säulen:
• Die Klärung von Schicksalen sowie die Erteilung von Auskünften an Angehörige und Nachfahren.
• Ein großer Bestandteil ist die Bildungsarbeit und Vermittlung, um das Thema einem breiten Publikum näherzubringen.
• Das Erinnern und Gedenken, was auch die Durchführung von Gedenkveranstaltungen einschließt.
• Die Gedenkstätte bringt ihre Expertise in die Stadtpolitik ein und vertritt die Interessen der Nachfahren, um das Thema stets präsent zu halten.

Um ihre Ziele zu erreichen, bietet die Gedenkstätte ein vielfältiges Programm an:
• Kostenlose, öffentliche Führungen über das ehemalige Gelände, für die keine vorherige Anmeldung nötig ist.
• Stadtteilrundgänge, um die dezentrale Natur der Zwangsarbeit zu verdeutlichen.
• Zeitzeugengespräche, um die persönlichen Geschichten der Betroffenen hörbar zu machen.
• Workshops und Bildungsprogramme für verschiedene Zielgruppen, insbesondere Schulklassen.
• Abendveranstaltungen zu spezifischen Themen.

Trotz ihrer wichtigen Rolle steht die Gedenkstätte für Zwangsarbeit vor großen Herausforderungen. Der Druck auf die Einrichtung und ihre Mitarbeiterinnen wächst, insbesondere im Hinblick auf die finanzielle Situation. Die Gedenkstätte ist vom Landeshaushalt abhängig, und es gibt Bedenken hinsichtlich potenzieller Kürzungen im Kulturbereich, die sie direkt betreffen würden.

Ein weiteres drängendes Anliegen ist der Mangel an räumlicher Kapazität. Die Gedenkstätte sitzt derzeit auf nur 50 Quadratmetern, was es ihr erschwert, einen Bruchteil der verfügbaren Geschichten zu erzählen und ganztägig mit Schulklassen zu arbeiten. Daher wird aktiv nach einem neuen Standort gesucht, der ebenfalls einen Bezug zur NS-Zwangsarbeit hat, aber zentraler gelegen ist und mehr Platz bietet.

Der dringende Wunsch der Gedenkstätte für die Erinnerungsarbeit ist eine nachhaltige Finanzierung und Stärkung des Sektors. Es wird gehofft, dass Gedenkstätten in einen Zustand versetzt werden können, in dem sie ihre Arbeit strukturell ausführen können, ohne sich jedes Jahr um die Finanzierung ihrer Angestellten sorgen zu müssen. Ziel ist es, dass die Aufarbeitung der NS-Geschichte in Leipzig dadurch viel mehr Aufmerksamkeit in der Stadt bekommt.

Wer sich engagieren oder informieren möchte, kann an den kostenlosen öffentlichen Führungen teilnehmen oder die Webseite der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig oder der SLAG besuchen, um sich über das Thema zu informieren oder auf einer digitalen Karte nach Orten der Zwangsarbeit in der eigenen Umgebung zu suchen.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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