Dieter Hallervorden: Eine Rückkehr nach Dessau und die Flucht aus der DDR

Dessau, Sachsen-Anhalt – Für den bekannten Kabarettisten Dieter Hallervorden ist die Rückkehr nach Dessau eine Reise in die Vergangenheit, eine Rückkehr nach mehr als 50 Jahren. Die Erinnerungen an seine Kindheit in Dessau sind lebendig, wenn auch verändert. Das Haus, das er als Kind als „riesenhaft groß“ in Erinnerung hatte, und der Garten, in dem die Familie Tiere hielt und Pflanzen anbaute, wirken heute anders. Die damalige Selbstversorgung im Garten ist für ihn „heute einfach unvorstellbar“.

Prägende Jugend in der DDR
Hallervordens Jugend war jedoch nicht nur von idyllischen Garten-Erinnerungen geprägt. Seine „Lebensentwürfe als Jugendlicher prallten hart mit der Realität des Arbeiter- und Bauernstaates zusammen“. Seine Eltern gehörten nicht der Arbeiter- und Bauernklasse an, und es war ein Kampf für seinen Vater, Hallervorden den Besuch der Oberschule und das Abitur zu ermöglichen.

Die Schulzeit in der DDR war für Hallervorden ein „Ort des Grauens“. Die Rosa-Luxemburg-Oberschule empfand er als Qual; er sei „zur Schule ungefähr so gern gegangen wie andere zum Zahnarzt“ und habe sich dort „nie wohlgefühlt“. Der Unterricht ließ laut Hallervorden zu wünschen übrig, was sich beispielsweise zeigte, als sein „wunderbarer Französischunterricht“ nach wenigen Monaten endete und Russischunterricht erzwungen wurde.

Das Leben im deutschen Sozialismus war „straff organisiert“, und das Individuum zählte wenig gegenüber dem Kollektiv. Eigene Gedanken waren unerwünscht, und alles war vorgeplant. Hallervorden erinnert sich, zu den letzten dreien gehört zu haben, die nicht in der FDJ (Freie Deutsche Jugend) waren. Ihm wurde mangelndes „Klassenbewusstsein“ vorgeworfen, und er wurde unter Druck gesetzt, die Klasse zu wiederholen, falls er sich nicht anpasse. Er beschreibt, wie man den „Rücken beugt“, und aus echter Begeisterung für eine Idee ein „erzwungenes Bekenntnis zum Staat“ wurde. Uniformität bestimmte das Leben und Denken.

Die Entscheidung zur Flucht
Für Hallervorden war Meinungsfreiheit von größter Bedeutung, ebenso wie die Möglichkeit, sich selbst als Individuum zu verwirklichen. Er erkannte schnell, dass die DDR nicht sein Staat sein konnte. Diese „geistige Auseinandersetzung mit dem Regime“ war der Hauptgrund für seinen Entschluss, das Land zu verlassen. Materielle Gründe, wie „wo kriege ich dann besser die Butter und wo ist es vielleicht besser ins Kino zu gehen“, wären für ihn „nie Gründe gewesen“.

1958 reifte der Plan, der DDR den Rücken zu kehren. Vor dem Bau der Berliner Mauer war Berlin für viele, darunter Hallervorden, ein „Angelpunkt seiner Flucht“. Es gab zwar verschiedene Zonen in West-Berlin, aber keinen Stacheldraht und keine Mauer. Man konnte einfach in einen Zug steigen und in den nächsten Sektor fahren, was den „Weg in die Freiheit nicht weit“ machte. Die Beschränkung lag darin, dass man keine Möbel mitnehmen konnte und sich mit dem begnügen musste, was man am Leib trug oder im Koffer dabei hatte. Trotzdem war eine solche Flucht nicht ungefährlich; die Entdeckung des Plans hätte im DDR-Gefängnis enden können.

Ankunft in West-Berlin und kabarettistische Karriere
Als Hallervorden endlich in West-Berlin ankam, wusste er, dass dies der richtige Weg für ihn war. Er empfand ein „Gefühl der Erleichterung“. In West-Berlin gründete Dieter Hallervorden 1960 die berühmte Kabarettbühne „Die Wühlmäuse“, deren Chef er wurde. Obwohl er als Komiker Millionen von Fernsehzuschauern begeistert, gilt seine „große Liebe dem Kabarett“.

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Eine atmosphärische Vermessung der ostdeutschen Gegenwart

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal muss man vom Rad steigen oder in einer Lokalredaktion anheuern, um wirklich zu verstehen, wie sich der Wind gedreht hat. Teaser: Wenn wir über den Osten sprechen, landen wir oft schnell bei Wahlergebnissen und Prozentzahlen. Aber was liegt darunter? Was passiert in den Dörfern, an den Stammtischen, in den Vereinen, wenn die Kameras weg sind? Für das Buch „Extremwetterlagen“ haben sich drei Autorinnen und ein Soziologe auf eine intensive Reise durch Sachsen, Brandenburg und Thüringen begeben. Sie waren als „Überlandschreiberinnen“ unterwegs, ganz nah dran an den Menschen. Tina Pruschmann fuhr mit dem Rad durchs Erzgebirge, Barbara Thériault arbeitete in einer Thüringer Lokalzeitung, Manja Präkels besuchte Initiativen in Brandenburg. Was sie mitgebracht haben, sind keine schnellen Urteile, sondern feine Beobachtungen über ein gesellschaftliches Klima, das rauer wird. Es geht um die Normalisierung von Dingen, die früher undenkbar waren. Um das Schweigen im Alltag und die historischen Linien, die bis in die DDR zurückreichen. Alexander Leistner ordnet diese Beobachtungen soziologisch ein und zeigt: Nichts davon kommt aus dem Nichts. Es ist eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die zeigt, wie anstrengend es sein kann, gegen den Wind zu atmen. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Eine literarische und soziologische Vermessung der ostdeutschen Zustände jenseits der üblichen Schlagzeilen. Teaser: Im Vorfeld der letzten Landtagswahlen startete ein besonderes Projekt: Die Autorinnen Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault sowie der Soziologe Alexander Leistner erkundeten als „Überlandschreiberinnen“ die gesellschaftliche Atmosphäre in Ostdeutschland. Ihr Buch „Extremwetterlagen“ (Verbrecher Verlag) dokumentiert Kipppunkte und Brüche in der Gesellschaft. Die Texte verbinden reportageartige Nähe mit analytischer Distanz. Sie thematisieren die schleichende Normalisierung rechtsextremer Narrative ebenso wie die Resilienz der Zivilgesellschaft. Besonders wertvoll ist dabei die historische Einordnung, die mentale Kontinuitäten bis in die DDR-Zeit sichtbar macht. Eine wichtige Lektüre für alle, die die aktuellen Entwicklungen in Ostdeutschland fundiert verstehen wollen. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Der Begriff „Extremwetterlagen“ meint hier keinen Regen, sondern das soziale Klima einer Region im Umbruch. Teaser: Wie lernt man, gegen den Wind zu atmen, wenn er einem direkt ins Gesicht bläst? Die Reportagen von Präkels, Pruschmann, Thériault und Leistner beschreiben den Osten nicht als Problemzone, sondern als Seismograph. Sie zeigen, wie sich das Miteinander verändert, wenn politische Extreme zum Alltag werden. Ein ruhiges, aber eindringliches Buch über die Temperatur unserer Gesellschaft. QUELLE: https://www.verbrecherverlag.de/wp-content/uploads/2025/05/Leseprobe-Extremwetterlagen.pdf
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