Der Fall Weber, Kotte, Müller: Wie die Stasi Dynamos Stars stoppte

Pfingstsonntag 1977: Dynamo Dresden wird Pokalsieger. Zum Team gehören auch Gerd Weber, Matthias Müller und Peter Kotte. Gut drei Jahre später verschwinden die drei plötzlich von der Bildfläche. Es war ein Sturz ins Bodenlose, kaum zu verstehen für die Betroffenen, die sich nichts zu Schulden kommen ließen.

Im Januar 1981 gehören Weber, Müller und Kotte zum Aufgebot der DDR-Nationalmannschaft für eine Reise nach Südamerika. Doch dort kommen die drei nie an. Unmittelbar vor dem Abflug in Berlin-Schönefeld werden sie unter einem Vorwand von der Mannschaft getrennt und zurück nach Dresden gebracht.

In einem W1000 der Staatssicherheit, unter strengstem Sprechverbot, rollen die drei Dynamo-Stars in Dresden ein und ahnen nicht, was ihnen bevorsteht. In einer konspirativen Stasi-Villa unweit des Stadions erfahren sie die Vorwürfe: versuchte Republikflucht beziehungsweise das Nichtmelden eines sogenannten Abwerbeversuches. In der DDR war dies strafbar und alles andere als ein Bagatelldelikt.

Die Verhöre sind intensiv, dauern 8 bis 19 Stunden pro Tag. Über drei Tage lang wird das Trio verhört, zunächst ohne Ergebnis. Dann erscheinen Mitarbeiter der Stasi-Zentrale in Berlin, und der Ton wird rauer. Es wird versucht, die Männer unter Druck zu setzen, indem ihre Familien involviert werden.

Zentrale Figur im Fall ist Gerd Weber. Er gilt als riesiges Talent, torgefährlicher Spielmacher und Nachfolger des Dresdner Idols Hansi Kreische. Mit 20 ist er bereits Olympiasieger. Doch Weber fühlt sich bei Dynamo nicht mehr richtig wohl, vermisst Anerkennung und denkt über Veränderungen nach. Er wäre schwer gegangen, wenn man ihn gelassen hätte.

Im Oktober 1980 spielt Dynamo im Europapokal in Holland. Am Rande des Spiels bekommt Gerd Weber einen Zettel zugesteckt – ein vermeintliches Angebot vom 1. FC Köln. Es geht um jährlich 200.000 Mark plus 100.000 Handgeld. Das Angebot gilt nicht nur für Weber, sondern auch für Müller und Kotte. Weber zeigt den beiden den Zettel. Peter Kotte hat sogar schon einen Termin auf dem Standesamt. Matthias Müller zögert, da Auswahltrainer Buschmann ihm gute Chancen für die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien signalisiert hat. Gerd Weber will den Schritt in den Westen wagen, benötigt aber noch eine Fluchtmöglichkeit für seine Freundin und spätere Frau, ohne die er nicht gehen will.

Drei Monate später, im Januar 1981, testet Dynamo in Karl-Marx-Stadt. Webers Pläne stehen kurz vor der Ausführung. Doch die Stasi hat Wind von der Sache bekommen und überwacht die Mannschaft total, bis in die Privatsphäre der Fußballer. Unmittelbar nach diesem Spiel kommt der entscheidende Hinweis: Die drei Dresdner würden die nächste Gelegenheit im Ausland zur Flucht nutzen. Die Staatssicherheit handelt. Eine Woche später sitzen Weber, Müller und Kotte in Untersuchungshaft.

Hinter der Aktion steckt niemand Geringeres als Erich Mielke. Nach der Flucht des BFC-Spielers Lutz Eigendorf keine zwei Jahre zuvor will der Stasi-Oberste ein Exempel statuieren. Hinzu kommt ein pikantes Detail: Gerd Weber wird seit 1975 bei der Stasi als IMW „Land“ geführt.
Die Entscheidung scheint schnell gefallen. Gerd Weber weiß schon vor der Verhandlung, was er bekommt – er rechnet mit zwei, drei Monaten. Mielke erkennt zudem die einmalige Gelegenheit, Dynamo Dresden, den ärgsten Kontrahenten seiner Berliner Dynamos (BFC Dynamo), dauerhaft zu schwächen.

Auch Kotte und Müller trifft der Bannstrahl des Systems. Für sie gibt es ein Verbot für Oberliga und Liga. Sie dürfen nur noch in der Bezirksliga spielen. Das war’s für ihre Karrieren auf höchstem Niveau. Für Weber ist es ein enormer Schock, der Wochen dauert, bis er ihn verkraftet hat.

Silvester 1989: Ein Jahreswechsel im politischen Niemandsland

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es gibt Nächte, die riechen anders als alle anderen zuvor, eine Mischung aus Schwefel, Sekt und einer Kälte, die man in der Aufregung kaum spürt. Teaser: Wer sich an den 31. Dezember 1989 erinnert, denkt oft zuerst an die Bilder vom Brandenburger Tor. An die Menschenmassen, die sich dort drängten, wo wenige Wochen zuvor noch Schießbefehl herrschte. Doch die Realität dieser Nacht war komplexer als die Fernsehbilder. Es war eine Nacht des absoluten Vakuums. Die alte Ordnungsmacht, die Volkspolizei, hatte sich fast vollständig zurückgezogen. Sie stand am Rand, defensiv, unsichtbar gemacht durch die eigene Geschichte. Das schuf Raum für Euphorie, aber auch für eine gefährliche Form der Anarchie. Millionen D-Mark, ausgezahlt als letztes Begrüßungsgeld, waren in den Tagen zuvor in westdeutsches Feuerwerk umgesetzt worden. Der Himmel über dem Osten leuchtete so hell und laut wie nie zuvor. Es war ein fast trotziges Verprassen, getrieben von der Freude über die Freiheit, aber auch von der klammheimlichen Angst, was das eigene Geld bald noch wert sein würde. Während in Berlin die Gerüste unter der Last der Feiernden wankten, kämpfte die Regierung Modrow im Hintergrund schlicht darum, dass in den Kraftwerken die Kohle nicht ausging. Diese Gleichzeitigkeit von Rausch und Kollaps, von privatem Glück an der geöffneten Grenze im Harz oder Thüringen und der staatlichen Agonie in Ost-Berlin, macht diesen Jahreswechsel so einzigartig. Es war der Moment, in dem die DDR zwar noch auf der Landkarte existierte, aber in den Köpfen der Menschen bereits Geschichte war. Als die Sonne am Neujahrsmorgen über den Müllbergen aus West-Verpackungen und Ost-Glas aufging, war die Stille fast lauter als der Lärm der Nacht. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Zwischen dem juristischen Fortbestand der DDR und ihrem faktischen Ende lag in dieser Nacht nur eine dünne Schicht aus Feierlaune und Chaos. Teaser: Die Silvesternacht 1989/90 markiert eine historische Anomalie. Völkerrechtlich war die DDR noch ein souveräner Staat, doch im Inneren war das Machtmonopol bereits erloschen. Die Sicherheitsorgane, einst omnipräsent, kapitulierten vor der schieren Masse der Menschen. Am Brandenburger Tor, wo 500.000 Menschen den Jahreswechsel begingen, wurde dies am deutlichsten: Die Volkspolizei griff selbst bei der Demontage von Staatssymbolen oder gefährlichen Kletteraktionen kaum noch ein. Gleichzeitig wirkte im Hintergrund eine ökonomische Dynamik, die den politischen Prozess beschleunigte. Das Ende der Barauszahlung des Begrüßungsgeldes führte zu einem letzten Konsumrausch, der die wirtschaftliche Asymmetrie zwischen den beiden deutschen Staaten in jeder explodierenden Rakete am Himmel sichtbar machte. Die Politik, ob in Bonn oder Ost-Berlin, hinkte dem Geschehen auf der Straße hinterher. Es war eine Nacht, die zeigte, wie schnell Institutionen ihre Bindungskraft verlieren, wenn die Angst weicht. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Freiheit lässt sich nicht verordnen, aber in jener Nacht konnte man sie kaufen – für 100 D-Mark Begrüßungsgeld in Form von Raketen. Teaser: Der Jahreswechsel 1989 war vielleicht die ehrlichste Abstimmung, die je in der DDR stattfand. Die Menschen stimmten mit den Füßen ab – hin zu den Plätzen, rauf auf die Mauern, weg von den staatlichen Vorgaben. Die Sorge um die Sparguthaben mischte sich mit der Ekstase des Augenblicks. Dass dabei auch Denkmäler zu Bruch gingen und die Sicherheit litt, war der Preis für diesen unregulierten Übergang. Am nächsten Morgen blieb das Gefühl, dass nun alles möglich, aber nichts garantiert war.