Die faszinierende Medienlandschaft der DDR

Leipzig. Die Deutsche Demokratische Republik, ein relativ kleines Land, verfügte über eine bemerkenswert hohe Zeitungsdichte. Mit rund 40 Tageszeitungen und zahlreichen Zeitschriften prägten Printmedien das Alltagsleben der Bürger. Doch wie funktionierte dieses System, das einerseits von strenger Uniformität geprägt war und andererseits auf überraschend hohe Leserzahlen stieß? Professor Hans Jörg Stieler, Dozent für empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig, gibt Einblicke in die vielschichtige Welt der DDR-Printmedien.

Allgegenwärtige Präsenz und überraschende Akzeptanz
Stieler, der vor seiner Berufung 1993 am Zentralinstitut für Jugendforschung unter anderem die Zeitungsnutzung in der DDR untersuchte, betont die „außerordentlich hohe Uniformität“ des Zeitungssystems. Trotz des einheitlichen Charakters wurden die Zeitungen gelesen. „Offensichtlich müssen ja Zeitungen in irgendeiner Weise zur Lebensbewältigung oder Lebenshilfe beigetragen haben“, so Stieler. Im Durchschnitt fanden sich in DDR-Haushalten mindestens zwei bis drei Tageszeitungen, die auch von jungen Leuten mitgelesen wurden.

Gerade für Jugendliche war der Zugang zu Printmedien aus zwei Gründen unkompliziert: Erstens waren Zeitungen in den Haushalten vorhanden. Obwohl sie oft sehr dünn waren und schnell durchgelesen werden konnten, waren sie präsent. Zweitens wurde in den Schulen intensiv mit Zeitungen gearbeitet. Zudem wurden junge Menschen aktiv für die Zeitungslektüre geworben, was angesichts der niedrigen Preise finanziell unproblematisch war. Speziell für junge Leser gab es die Tageszeitung „Junge Welt“ sowie populäre Magazine wie „neues Leben“.

„neues Leben“ und Papierknappheit als Steuerungsinstrument
Das Monatsmagazin „neues Leben“ war besonders populär. Es hatte einen typischen Magazincharakter, der eine Mischung aus Staatspolitik – mal mehr, mal weniger gut für junge Leute aufbereitet – und Themen wie Lebensweise, Pop, Rock und Partnerschaft bot. Die Beliebtheit führte dazu, dass es im Handel oft nicht erhältlich war, da die Abonnements limitiert waren. Professor Stieler schätzt, dass man sicherlich mehr als die damals gedruckten 600.000 bis 700.000 Exemplare hätte drucken können. Ähnliches galt für die beliebte Comic-Zeitschrift „Mosaik“.

Die knappe Verfügbarkeit dieser begehrten Titel war kein Zufall. „Papier war knapp“, erklärt Stieler, „und deswegen sind eine ganze Reihe von populären Dingen auch nur in limitierten Auflagen gedruckt worden“. Diese Papierknappheit diente Partei und Staatsführung oder dem Kulturministerium als direktes Steuerungsinstrument: Selbst zugelassene Bücher, die nicht massenhaft gelesen werden sollten, erhielten nur eine geringe Auflage. Dies ermöglichte „feine Steuerungsmechanismen“.

Die „Postzeitungsliste“ und der heimliche West-Import
Ein weiteres Kontrollinstrument war die sogenannte „Postzeitungsliste“. Alle in der DDR verfügbaren Zeitungen und Zeitschriften waren darauf verzeichnet. Was nicht auf dieser Liste stand, durfte nicht eingeführt werden. Professor Stieler erinnert sich an ein Beispiel aus seiner eigenen Familie: Ein „Spiegel“-Magazin, das sein Vater aus Prag mitbrachte, wurde an der Grenze konfisziert, weil es nicht auf der Liste stand.

Trotz dieser strikten Kontrollen kursierten westliche Medien im Land. Die „Bravo“ beispielsweise wurde unter Jugendlichen weitergegeben, und sogar fünf Jahre alte Hefte wurden noch gelesen. Rentner, die in den Westen reisen durften, brachten oft Zeitschriften mit, die nicht lückenlos aussortiert werden konnten. Auch über die Post gelangte Material trotz aller Kontrollen ins Land. Diese Zeitschriften zirkulierten dann als „alltägliches Lesen oder als heimliches Lesen“, wobei die Heimlichkeit oft relativ war, da die Weitergabe im Freundes- und Bekanntenkreis bekannt war.

Die Medienlandschaft der DDR war somit ein komplexes Geflecht aus staatlicher Kontrolle, breiter, wenn auch uniformer, Verfügbarkeit und einem faszinierenden Untergrundmarkt für begehrte, nicht genehmigte westliche Publikationen.

Der Entwurf für ein freies Mediengesetz im Dezember 1989

Journalistischer Text - Profil Zehn Thesen für eine neue Medienordnung der DDR Am 21. Dezember 1989 wird ein Text öffentlich, in dem Journalisten und Künstler gemeinsam formulieren, wie eine freie Presse in Zukunft rechtlich abgesichert werden soll. Wenn ich heute diesen Entwurf lese, sehe ich darin den Versuch jener Generation, die Deutungshoheit über die eigene Wirklichkeit zurückzugewinnen. Man spürt beim Betrachten der Punkte, dass es einigen Akteuren nicht nur um Reformen ging, sondern um eine fundamentale Neudefinition des Verhältnisses zwischen Staat und Öffentlichkeit, getragen von der Erfahrung jahrelanger Gängelung. Es scheint, als hätten viele Beteiligte in diesen Wochen die seltene historische Lücke erkannt, in der man Strukturen schaffen wollte, die immun gegen Machtmissbrauch sind. Für den heutigen Betrachter wirkt der Text wie ein Dokument des Übergangs, in dem die Hoffnung auf eine selbstbestimmte, demokratische DDR-Gesellschaft noch greifbar ist. Journalistischer Text - Seite 1 Das Ende der staatlichen Informationskontrolle Der Gesetzentwurf postuliert eine gerichtliche Einklagbarkeit von behördlichen Informationen und verbietet jegliche staatliche Einmischung in die redaktionelle Arbeit der Medien. Ich stelle mir vor, wie befreiend diese Forderung für jene gewirkt haben muss, die jahrelang gegen Wände aus Schweigen und Propaganda angelaufen sind. Es wirkt in der Rückschau so, als wollte man mit diesen Paragrafen ein für alle Mal verhindern, dass Informationen jemals wieder als Herrschaftswissen missbraucht werden können. Journalistischer Text - Seite 2 Mitbestimmung in den Redaktionen Die Thesen verlangen, dass Chefredakteure und Intendanten nur durch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Mitarbeiter und nur auf Zeit in ihr Amt berufen werden dürfen. Beim Lesen dieses Abschnitts denke ich an die tiefgreifende Skepsis gegenüber Autoritäten, die viele Medienschaffende in jener Zeit geprägt haben muss. Dieser Passus zeugt von dem Wunsch einiger, die Demokratisierung nicht an der Pforte des Betriebes enden zu lassen, sondern sie direkt in die Hierarchien der Redaktionen hineinzutragen. Weitere Überschriften Verfassungsrang für die Informationsfreiheit Quellenschutz und Gewissensfreiheit für Autoren Öffentliche Kontrolle statt staatlicher Zensur Der Weg zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk Medienvielfalt als Spiegel der Gesellschaft Unabhängiger Medienrat als Kontrollinstanz