Thomas Kretschmer: Von jugendlicher Rebellion bis zur Stasi-Haft

Jena/Dornburg an der Saale. Thomas Kretschmer, geboren am 18. Dezember 1955 in Jena und aufgewachsen in Dornburg an der Saale, blickt auf ein Leben voller Entscheidungen und Konfrontationen mit dem DDR-System zurück. Seine Geschichte ist die eines jungen Mannes, der früh lernte, sich zu positionieren und gegen die Erwartungen des Staates aufzubegehren.

Prägende Kindheit und frühe Erkenntnisse
Kretschmer wuchs in einer Familie auf, deren Eltern 1955 aus der Bundesrepublik in die DDR gezogen waren. Sein Elternhaus war trotz physischer Strenge der strenggläubigen katholischen Mutter – die ihn auch schlug – ein Ort intensiver Diskussionen über Moral und Ethik. Diese offene Diskussionskultur prägte ihn maßgeblich.

Ein prägendes Erlebnis war der Kontrast zwischen den staatlich organisierten und den katholischen Jugendgruppenfahrten nach Buchenwald. Während die staatliche Version die DDR als die „Besseren“ darstellte, die so etwas „nie gemacht hätten“, vermittelte die katholische Jugendgruppe den Besuch als „Bußgang“. Kretschmer verstand früh, dass die Verantwortung für die deutsche Geschichte – einschließlich der Gräueltaten wie Judenerschießungen – nicht allein beim Westen lag und auch die eigene Familie involviert sein konnte. Er empfand die staatliche Darstellung als „verlogen“, besonders da ihm bekannt war, dass selbst Lehrer ehemalige Nazis gewesen waren.

Früher Widerstand und dessen Folgen
Kretschmers kritische Haltung führte zu ersten Konfrontationen mit dem System. Das Gymnasium (EOS) verweigerte ihm das Abitur aus „politisch-familiären Gründen“. Er entschied sich stattdessen für eine Facharbeiter-Ausbildung mit Abitur in der Landwirtschaft in der Nähe von Gera. Doch auch dort eckte er an:

• Bei der Eröffnung des FDJ-Studienjahres, als gefragt wurde, ob alle Mitglieder der FDJ seien, weigerte sich Kretschmer, wie ein Pfarrerssohn, aufzustehen. Er sah dies zunächst weniger als politische Geste, sondern als Widerstand gegen das „fiese Benehmen“ von Erwachsenen.

• Eine deutlich politischere Geste war das Anbringen des sauberen Wortlauts des DDR-Bausoldatengesetzes an einer Wandzeitung, die für die Nationale Volksarmee warb. Er wollte damit Alternativen aufzeigen und eine Diskussion anstoßen. Die Reaktion war harsch: Er wurde sofort der Schule verwiesen, da die „alten Stalinisten“ dies als Angriff auf sich selbst und die Gesetzgeber sahen.

Nach diesen Vorfällen wurde Kretschmer im Rahmen der „Lehrberufslenkung“ dem Gesundheitswesen zugewiesen und wurde männlicher Krankenpfleger, da es zu wenige gab. Dies war für ihn ein notwendiger Schritt, um vielleicht später Medizin studieren zu können.

Die Sehnsucht nach Freiheit und der Ausbruchsversuch
Kretschmer empfand das Leben in Jena zunehmend als „zu eng“. Die Sehnsucht nach der „weiten Welt“ und einem anderen Leben wurde immer stärker. Er wusste, dass die Flucht über die innerdeutsche Grenze ein lebensgefährliches Unterfangen war, mit einer höchstens „Fifty-Fifty“-Erfolgschance und tragischen Beispielen in seinem Umfeld, einschließlich eines an der Grenze Erschossenen.

Unvorbereitet machte sich Kretschmer eines Morgens auf den Weg. Er trampte bis kurz vor die eigentliche Grenze, wo er von einer Patrouille geschnappt wurde. Zuvor hatte ihn ein Wirt gemeldet, da Kretschmer in seinem Gasthaus mit Kronen bezahlt und „Brot und Zigaretten gekauft“ hatte. Kretschmer selbst räumt ein, dass auch ein gewisser Hang dazugehörte, „erwischt werden zu wollen“, um zu sehen, was dann passiert.

Haft und Stasi-Rekrutierung
Mit 17 Jahren kam Thomas Kretschmer in ein Jugendgefängnis, wo er 15 Monate verbrachte und in dieser Zeit 18 wurde. Die Haft war hart: Einzelzellen waren „extra Bestrafung“, und das ständige Zusammensein mit Mitgefangenen, die man sich nicht ausgesucht hatte, war eine Herausforderung. Er beschreibt, wie Gefühle in dieser ständigen Monotonie „erstickten“ und er „eher taub als wütend“ wurde. Er zog sich in seine „innere Welt“ zurück, praktizierte „Kopfkino“ und empfand große Sehnsucht.

Im Gefängnis wurde Thomas Kretschmer zur „inoffiziellen Zusammenarbeit“ mit der Stasi rekrutiert. An seinem 18. Geburtstag kamen Stasi-Mitarbeiter ins Gefängnis, um sich die „Erklärung über Stillschweigen und Zusammenarbeit“ erneut unterschreiben zu lassen, da die vorherige Unterschrift als 17-Jähriger nicht „handfest genug“ war. Sie brachten Sekt und Schokolade mit, die Kretschmer seitdem meidet.

Die Gründe für die Zusammenarbeit waren komplex. Neben einem gewissen Druck spielten auch eine „neugieriges Interesse“ und das Gefühl, von „wichtigen Leuten“ mit Respekt behandelt und „gewollt“ zu werden, eine Rolle. Doch die volle Bedeutung seiner Entscheidung wurde ihm „step by Step“ und bis zur „Unerträglichkeit“ klar, besonders unter Androhung, nie wieder freizukommen.

Der Ausstieg und die Freiheit
Nur ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung schrieb Thomas Kretschmer einen Brief an die Stasi, in dem er die Zusammenarbeit beendete. Er erklärte, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, das ihn „schüttelt“. Er ist heute stolz auf seinen damals 18-jährigen Ich: „Man hast gut gemacht das haben manche Erwachsenen nicht hingekriegt“. Er war zu diesem Zeitpunkt in großer Not und hatte Angst, sein Leben „als Verräter“ zu verbringen.

Der Tag seiner Entlassung war ein Moment großer Freude und Sehnsucht. Er empfand es als „neues Abenteuer“ und zitterte vor Aufregung, als er seine persönlichen Sachen zurückerhielt und die Gefängnistür hinter sich schloss, hinaus in schönes Wetter.

Thomas Kretschmers Geschichte ist ein Zeugnis von der individuellen Widerstandsfähigkeit im Angesicht eines repressiven Systems und der komplexen Entscheidungen, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten.

Staatliche Repression und ihre Folgen für zwei Ost-Biografien

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Manchmal entscheidet ein einziger Tag darüber, ob man Opfer oder Täter wird, wenn ein Staat beschließt, dass man nicht mehr dazugehört. Teaser: Nadja Klier war 15 Jahre alt, als sie ihre Heimat verlor. Nicht freiwillig, sondern durch staatlichen Zwang. Als Tochter der Bürgerrechtlerin Freya Klier wurde sie 1988 über Nacht aus ihrem Leben in Ost-Berlin gerissen und in den Westen abgeschoben. Was politisch wie eine Lösung aussah, war für die Jugendliche ein traumatischer Bruch: keine Freunde mehr, keine vertraute Umgebung, nur Fremde. Zur gleichen Zeit saß Ingo Hasselbach in einem DDR-Gefängnis. Er war als „Rowdy“ verhaftet worden, weil er gegen sein linientreues Elternhaus rebellierte. Doch statt ihn zu brechen, formte ihn der Knast neu. In den Zellen traf er auf Alt-Nazis, die den jungen Mann radikalisierten. Der Hass auf den SED-Staat wurde zum Motor für eine neue, rechtsextreme Ideologie. Während Nadja im Westen versuchte, Boden unter den Füßen zu bekommen, bereitete sich Hasselbach darauf vor, im Machtvakuum der Wendezeit Neonazi-Strukturen aufzubauen. Es sind zwei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Ursprung haben. Sie erzählen von der Unbarmherzigkeit eines Systems, das keine Abweichung duldete, und von den langen Schatten, die diese Erziehungsmethoden bis heute werfen. Die Narben bleiben sichtbar, auch wenn die Mauern längst gefallen sind. B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Dass Gefängnisse in der DDR oft als Brutstätten für Rechtsextremismus fungierten, widersprach der offiziellen Staatsdoktrin, war aber bittere Realität. Teaser: Die Biografien von Nadja Klier und Ingo Hasselbach stehen exemplarisch für das Versagen der DDR-Pädagogik und die Härte des staatlichen Zugriffes. Während Klier als Jugendliche 1988 zwangsausgesiedelt wurde, weil ihre Mutter Freya Klier Reformen forderte, durchlief Hasselbach eine Radikalisierung im Strafvollzug. Historisch interessant ist hierbei der Mechanismus der Haftanstalten. Hasselbach, ursprünglich wegen unpolitischer Delikte („Rowdy“) inhaftiert, kam dort in Kontakt mit NS-Kriegsverbrechern. Der staatlich verordnete Antifaschismus verhinderte eine offene Auseinandersetzung mit diesem Phänomen; stattdessen wuchs im Verborgenen eine Szene heran, die nach 1989 gewaltbereit das öffentliche Bild dominierte. Hasselbachs Weg vom Häftling zum Anführer der „Nationalen Alternative“ und sein späterer Ausstieg über EXIT-Deutschland zeichnen diese Entwicklung präzise nach. Es zeigt sich, wie staatliche Repression Dynamiken freisetzen kann, die später kaum noch kontrollierbar sind. C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Eine Abschiebung ist kein Umzug, und ein Gefängnis ist keine Schule – beides sind Orte, an denen Biografien brechen. Teaser: Wir sprechen oft über die Wende als Moment der Befreiung. Für Nadja Klier war das Jahr 1988 bereits das Ende ihrer Kindheit, erzwungen durch die Ausbürgerung aus der DDR. Für Ingo Hasselbach waren die Wendejahre der Startschuss für organisierte Gewalt. Diese Gleichzeitigkeit von Verlust und Radikalisierung wirft Fragen auf. Wie geht eine Gesellschaft damit um, dass der Staat manche Kinder vertrieb und andere zu Extremisten erzog? Die Aufarbeitung dieser individuellen Brüche ist oft komplexer als die rein historische Betrachtung von Daten und Fakten. Die Spuren dieser Jahre verblassen nur langsam.