Die Talsperre Bautzen – Von der Umsiedlung bis zum Klimawandel

Bautzen. Inmitten der sanften Hügel der Oberlausitz liegt die Talsperre Bautzen, ein mächtiges Bauwerk, das seit seiner Fertigstellung 1972 den Wasserhaushalt der Spree regelt. Doch hinter dem imposanten Damm verbirgt sich nicht nur Ingenieurskunst, sondern auch die Geschichte eines Dorfs, das vollständig dem Wassermassen weichen musste, und die Herausforderungen einer Region, die sich nach dem Ende der Braunkohleverstromung und in Zeiten zunehmender Trockenheit neu erfinden muss.

Vom Dorf Malses zur Großbaustelle
Als im Herbst 1972 die Bagger anrückten, gehörte das Dorf Malses der Vergangenheit an. „Im Herbst 72 mussten wir raus“, erinnert sich Jörg, Jahrgang 1941, dessen Familie seit Generationen in dem kleinen Ort gelebt hatte. Malses zählte gerade 18 Häuser, ein Rittergut und einen alten Steinbruch – heute ragen nur noch fundamente aus dem türkisblauen Wasser empor. Die Umsiedlung verlief im Geiste der zentralen Planwirtschaft: Entschädigungen wurden bezahlt, doch Standortwünsche der Betroffenen blieben unberücksichtigt. „Vier Standorte hatte ich angegeben – alles abgelehnt“, so Jörg, der damals mit seiner Familie in einen gedrungenen Plattenbau in Bautzen umzog.

Ingenieurskunst im VEB-Rhythmus
Bereits während seines Studiums an der Technischen Universität Dresden beschäftigte sich Jörg mit Variantenuntersuchungen zum Umleitungssteuern der künftigen Talsperre. Sein Diplomprojekt von 1965 legte den Grundstein für eine der ersten bituminösen Außenhautdichtungen in der DDR. In monatelanger Feinarbeit wurde eine Schlitzwand 60 Zentimeter breit in den Boden getrieben und mit Tonzementbeton verfüllt. „So eine Talsperre ist kein Industrieprodukt, sondern ein Unikat – Topografie, Baugrund und Baustoffeinsatz entscheiden über jeden Handgriff“, erklärt Jörg.

Gebaut für Generationen – doch nicht ohne Tücken
Der Bau stand von Anfang an unter dem Druck, Maßstäbe zu setzen. Unerwartete Schadstoffvorkommen in der Vorsperre, Abweichungen zwischen Bestandszeichnungen und Realität, und ein überraschend instabiler Baugrund zwangen die Planer, immer wieder zu improvisieren. „Der Fangedamm um den Entnahmeturm musste neu geplant werden – der Baugrund hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, berichtet der Ingenieur. Solche kleinen Pannen seien bei Großbaustellen normal, doch erst die spätere Sanierung zeigte, wie prekär der Zustand der Asphaltdichtung geworden war: Ausgeplante Fugenstöße und poröse Flächen gefährdeten die langfristige Sicherheit.

Bewährung in Extremsituationen
Die Talsperre trotzte allen Hochwassern: 1981, 2010 und 2013 registrierte sie enorme Wassermengen, ohne einen einzigen bautechnischen Schaden davonzutragen. „Die Anlage hat vollumfänglich funktioniert“, zieht Jörg Bilanz. Wenn die regulären Grundablässe versagen, agiere der Überlauf wie eine Wanne, die sich selbst entleert, sobald sie überläuft. Damit schützt der Damm nicht nur die Spreeauen vor Katastrophen, sondern bewahrt auch den Unterlauf vor extremen Flutwellen.

Strukturwandel und Wasserhaushalt
Mit dem Kohleausstieg 2030 wird die Region vor neue Aufgaben gestellt. Jahrhunderte der Braunkohleförderung haben den Grundwasserspiegel tief abgesenkt und natürliche Flussverläufe zerstört. Bis zu sechs Milliarden Kubikmeter Wasser müssten zurückgeführt werden, um den ursprünglichen Grundwasserstand zu erreichen. Gleichzeitig drohen lange Trockenperioden: „Wir haben zunehmend trockene Sommer, in denen kaum noch Niederschlag kommt“, warnt Jörg. Die Talsperre Bautzen ist eines der wenigen Reservoirs, das noch ausreichend Rückhalteräume bietet. Geplant ist, rekultivierte Tagebaurestseen in das Wassermanagement einzubeziehen, um die Lausitz wassertechnisch „neu aufzustellen“.

Generationenaufgabe Wasserbewirtschaftung
Der Blick in die Zukunft erfordert ein Umdenken: Wasser ist keine grenzenlose Ressource, sondern ein kostbares Gut. Jeder Liter, der heute aus der Talsperre abgelassen wird, muss langfristig kalkuliert sein. Für die kommenden 50 bis 70 Jahre ist die Lausitz mit der Wiederherstellung eines natürlichen Wasserhaushalts und der Anpassung an den Klimawandel beschäftigt. „Es geht nicht nur um Klimaschutz, sondern um Prävention – jeder ist aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen“, so der Ingenieur.

Fazit: Die Talsperre Bautzen ist mehr als ein Damm aus Beton und Asphalt: Sie ist Zeuge von Zwangsum­siedlungen, Projektionsfläche für das ingenieurtechnische Können der DDR und zentrales Element im Wasser­management einer Region im Wandel. Ihr Wert für Hochwasserschutz wie für die künftige Wasserverteilung in der Lausitz wird in Zeiten wachsender Trockenheit kaum zu überschätzen sein.

Grabowsee: Vom Tuberkulose-Sanatorium zum sowjetischen Militärlazarett

Die Heilstätte Grabowsee als Spiegel der Systembrüche des 20. Jahrhunderts HOOK: Über 47 Jahre lang war die Heilstätte Grabowsee ein hermetisch abgeriegeltes Areal. Die Geschichte des Ortes erzählt exemplarisch von der Transformation medizinischer Einrichtungen durch politische Systeme und dem schwierigen Erbe der Besatzungszeit. BLOG-TEXT: Die architektonische Anlage am Grabowsee bei Oranienburg gilt als ein bedeutendes Zeugnis der Medizingeschichte. Gegründet 1896 vom Deutschen Roten Kreuz, war sie eine Antwort auf die Tuberkulose-Epidemie der Industrialisierung. Die Pavillonbauweise ermöglichte eine strikte Trennung der Patienten und maximale Frischluftzufuhr. Doch die ursprüngliche humanitäre Ausrichtung der Volksheilstätte wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach überschrieben. Nach der Nutzung als Wehrmachtslazarett übernahmen 1945 die sowjetischen Streitkräfte das Gelände. Diese Zäsur prägte den Ort nachhaltiger als jede vorangegangene Epoche. Bis zum Truppenabzug 1992 blieb Grabowsee eine sowjetische Insel inmitten der DDR. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die absolute Isolation schufen eine Distanz zwischen den Besatzern und der lokalen Bevölkerung, die symptomatisch für viele sowjetische Liegenschaften in Ostdeutschland war. Während im Inneren ein russischsprachiger Alltag mit eigener Versorgung und Kultur stattfand, blieben die Vorgänge für Außenstehende undurchsichtig. Deutsche Angestellte, die als Hilfskräfte tätig waren, berichteten von einer strengen Hierarchie und einem strikten Redeverbot über interne Abläufe. Nach 1992 hinterließen die abziehenden Truppen nicht nur leerstehende Gebäude, sondern auch kulturelle Spuren wie Wandmalereien und Propaganda, die sich heute mit dem verfallenden Jugendstil mischen. Dieser Palimpsest der Geschichte macht den besonderen Reiz, aber auch die Schwierigkeit des Ortes aus. Der heutige Zustand ist geprägt von Vandalismus und natürlichem Verfall. Die Debatte um die Zukunft von Grabowsee verdeutlicht das generelle Problem im Umgang mit solchen Konversionsflächen: Die immensen Sanierungskosten stehen oft in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit in ländlichen Regionen. So bleibt Grabowsee vorerst ein Ort, an dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit physisch greifbar bleibt – vom sozialen Aufbruch der Kaiserzeit über die Kriege bis hin zur langen Phase der sowjetischen Präsenz in Ostdeutschland. https://www.facebook.com/arnepetrich/posts/pfbid037du4beewjMdW4L62hZrBqs6yaYpDizyGAdkr6dm9yY9bfKV8hvq7YAhUWK5dL4DQl