Der letzte Traum von der besseren DDR

Im November 1989 versuchten Intellektuelle und Künstler mit dem Aufruf „Für unser Land“, die DDR als eigenständige sozialistische Alternative zu retten. Über eine Million Menschen unterschrieben. Doch was als moralischer Kompass begann, wurde im Strudel der Ereignisse zur tragischen Fußnote – erstickt durch die falsche Unterstützung und die ökonomische Realität.

Berlin, 26. November 1989. In der Wohnung der Schriftstellerin Christa Wolf herrscht angespannte Konzentration. Draußen, auf den Straßen der Republik, hat sich der Wind gedreht. Die Euphorie des Mauerfalls weicht langsam der harten Frage: „Was nun?“ An diesem Tag entsteht ein Text, der das Schicksal der DDR noch einmal wenden soll. Er trägt den Titel „Für unser Land“.

Es ist der Versuch, die revolutionäre Energie des Herbstes `89 in geordnete Bahnen zu lenken – weg von einer schnellen Wiedervereinigung, hin zu einem „Dritten Weg“. Die Autoren, darunter der Ökonom Dieter Klein, der Kirchenmann Günter Krusche, der Bürgerrechtler Konrad Weiß und Christa Wolf selbst, formulieren eine Schicksalswahl. Ein „Entweder – Oder“, das die Nation spalten und zugleich einen soll.

Die Angst vor dem „Ausverkauf“
Der Text appelliert an den Stolz und die Angst der DDR-Bürger. Die Vision: Eine solidarische Gesellschaft, Frieden, soziale Gerechtigkeit und ökologische Bewahrung – eine „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“. Die Warnung: Wer sich dem Westen öffnet, droht einem „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ zum Opfer zu fallen. Man fürchtet die „Vereinnahmung“ durch die Bundesrepublik, getrieben durch harte ökonomische Zwänge.

Als Stefan Heym den Aufruf zwei Tage später, am 28. November, auf einer internationalen Pressekonferenz verliest, trifft er einen Nerv. Die Unterstützung ist gewaltig. Prominente Erstunterzeichner geben sich die Klinke in die Hand: Die Rocksängerin Tamara Danz, der Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der Regisseur Frank Beyer. Es ist das „Who is Who“ der kritischen DDR-Intelligenz.

Der Kuss des Todes
Die Resonanz ist überwältigend. Bis zum offiziellen Ende der Aktion im Januar 1990 werden 1.167.048 Bürger ihre Unterschrift unter das Dokument setzen. Kein anderer Aufruf der Wendezeit mobilisiert solche Massen. Selbst aus der Bundesrepublik kommt Solidarität durch die Partner-Aktion „Für Euer Land, für unser Land“.

Doch der Erfolg trägt bereits den Keim des Scheiterns in sich. Denn nicht nur die Reformer unterschreiben. Auch die Täter von gestern greifen nach dem Strohhalm. Als Egon Krenz, Generalsekretär der SED, seine Unterschrift unter das Papier setzt, und kurz darauf Hans Modrow sowie Stasi-Nachfolger Wolfgang Schwanitz folgen, kippt die Stimmung.

Für die Initiatoren ist es eine Katastrophe. Sie wollten das Land retten, die Heimat – nicht den Staat der SED. „Eine Unterschriftenaktion ja, aber bitte keine Unterschriften der SED-Oberen!“, notiert Krenz später die Proteste in seinem Tagebuch. Die Umarmung durch die alte Machtelite entwertet den moralischen Anspruch der Bürgerrechtler. Konrad Weiß, einer der Verfasser, wird Jahre später selbstkritisch bilanzieren: „Im Nachhinein hätte ich auch nicht unterschrieben.“ Der Unterschied zwischen der Intention der Verfasser und der Rezeption durch die Bevölkerung sei „fatal“ gewesen.

Die Realität schlägt die Utopie
Während in Berlin noch über sozialistische Ideale debattiert wird, schaffen andere Fakten. Der Aufruf provoziert Gegenwind. Mitarbeiter des Forschungsinstituts Manfred von Ardenne und Dresdner Künstler verfassen einen Gegenaufruf. Ihre Botschaft ist pragmatisch und hart: „Wir haben genug von den Utopien!“

Sie argumentieren ökonomisch: Die Planwirtschaft sei gescheitert, der „sozialen Marktwirtschaft Westeuropas unterlegen“. Der Blick richtet sich nicht mehr auf Experimente, sondern nach Bonn und Straßburg. Auch der „Leipziger Aufruf“ positioniert sich gegen Christa Wolfs Vision.

Selbst in der CDU, deren Vorsitzender Lothar de Maizière den Aufruf zunächst begrüßt und unterschrieben hatte, rumort es an der Basis. Vielen ist klar: Ohne die D-Mark und die Wirtschaftskraft des Westens ist die DDR nicht zu sanieren. Der Traum von der Eigenständigkeit zerplatzt an den leeren Regalen und maroden Fabriken.

Ein Dokument des Übergangs
Die Geschichte ging über den Aufruf hinweg. Die Rufe auf den Straßen wandelten sich schnell von „Wir sind das Volk“ zu „Wir sind ein Volk“. Am 19. Januar 1990 endete die Unterschriftenaktion. Wenige Monate später war die D-Mark da, im Oktober die Einheit.

Was bleibt, ist ein historisches Dokument von seltener Ambivalenz. „Für unser Land“ war der letzte große Versuch, eine DDR-Identität zu wahren, die sich nicht über die Mauer, sondern über humanistische Werte definierte. Es war eine Abstimmung mit den Füßen – oder vielmehr mit dem Stift – in einem Moment, als alles möglich schien, bevor die Realität die Tür zur Utopie endgültig schloss.

Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau als Endstation der DDR-Heimerziehung

FERACEBOOK-TEAS A) PROFIL: Hook: Drei Stunden Fahrt genügten oft, um eine Biografie dauerhaft aus der Bahn zu werfen. Teaser: Wer sich mit der Geschichte der DDR-Heimerziehung beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Namen Torgau. Es war ein Ort, über den in der Öffentlichkeit geschwiegen wurde, dessen bloße Erwähnung unter Jugendlichen in Spezialkinderheimen jedoch ausreichte, um Angst auszulösen. Über 4000 junge Menschen durchliefen diese Einrichtung, die offiziell der Anbahnung auf das Kollektiv diente, in der Praxis jedoch militärischen Drill und psychische Brechung bedeutete. Die Kriterien für eine Einweisung waren dabei fließend. Es bedurfte keiner Straftat. Oft reichte es aus, wenn ein Jugendlicher als unbequem galt, die Schule schwänzte oder mehrfach aus anderen Einrichtungen geflohen war. Die pädagogische Maxime, die hinter den Mauern in Torgau herrschte, sah im Individualismus eine Gefahr, die es durch Isolation und physische Erschöpfung zu beseitigen galt. Berichte von Zeitzeugen zeichnen das Bild eines Alltags, in dem selbst der Toilettengang reglementiert war und Privatsphäre als bürgerliches Relikt abgeschafft wurde. Für viele Betroffene endete die Erfahrung nicht mit der Entlassung. Die Zeit in Torgau hinterließ Spuren, die sich in die Körper und die Psyche einschrieben. Das Misstrauen gegenüber staatlichen Strukturen und die Erfahrung absoluter Ohnmacht prägen viele Lebensläufe bis in die Gegenwart. Es bleibt die Beobachtung einer Generation, die in Teilen eine Erfahrung teilt, die lange Zeit gesellschaftlich kaum wahrgenommen wurde. B) SEITE 1 und 2 (Kontext): Hook: Das System der Umerziehung kannte eine letzte Instanz, die ohne richterlichen Beschluss operierte. Teaser: Zwischen 1964 und 1989 fungierte der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau als Endstation im System der DDR-Jugendhilfe. Die Einweisung erfolgte auf rein administrativer Ebene und entzog sich weitgehend juristischer Kontrolle. Zielgruppe waren Jugendliche, die als schwer erziehbar klassifiziert wurden – ein Begriff, der im sozialistischen Kontext oft schlicht nonkonformes Verhalten oder den Wunsch nach individueller Freiheit bezeichnete. Historisch betrachtet setzte Torgau die Theorie des Pädagogen Eberhard Mannschatz in die Praxis um, wonach das Kollektiv über dem Einzelnen stand. Die Methoden vor Ort, von der anfänglichen Isolationshaft bis zum minutiös getakteten Tagesablauf, zielten auf eine komplette Neuformierung der Persönlichkeit ab. Die Einrichtung verdeutlicht, wie fließend die Grenzen zwischen Fürsorge und Repression in der staatlichen Struktur verlaufen konnten. Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist ein wesentlicher Baustein zum Verständnis der ostdeutschen Sozialisation.