Plauen 1989: Wenn der Traum vom Bad zerplatzt

Ein Rückblick auf den März 1989: Das DDR-Magazin „Prisma“ zeichnete ein kritisches Bild der Wohnsituation in Plauen. Während die Stadtverwaltung glaubte, das Gröbste überstanden zu haben, stapelten sich die Anträge. Für viele Bürger hieß die Realität: Waschen in der Schüssel und Warten auf die Zuteilung.

Plauen. Für Hans Wicht beginnt der Tag oft mit einem logistischen Problem. Der 50-jährige Koch lebt mit seiner Frau Sophie und zwei fast erwachsenen Töchtern in Treuen, einem Nachbarort von Plauen. Vier Erwachsene, drei Zimmer – Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer – und eine winzige Kammer, in die gerade so zwei Betten passen. Ein Badezimmer? Fehlanzeige. „Wir haben hier kein Bad, keine Dusche, nur eine dürftige Waschgelegenheit“, berichtet Wicht. Wenn im Haus Wäsche gewaschen wird, bleibt der Wasserhahn im Obergeschoss oft trocken. „Mir ist es passiert, ich hatte mich rasiert und konnte den Schaum nicht abwaschen“, erzählt er resigniert.

Ein Einzelschicksal ist Familie Wicht nicht. Über 1.000 Wohnungsanträge liegen beim Rat der Stadt Plauen auf dem Tisch. Die Hälfte davon stammt von jungen Leuten, die noch im Elternhaus wohnen und eine eigene Bleibe suchen. Die Situation in der Vogtlandmetropole ist exemplarisch für den Investitionsstau in den Altbausubstanzen vieler DDR-Städte gegen Ende der 80er Jahre.

Die Fehlkalkulation des Rathauses
Wie konnte es zu diesem Engpass kommen? Zwischen 1981 und 1985 wurden in Plauen exakt 362 Neubauwohnungen errichtet. Eine Zahl, die den damaligen Bürgermeister Horst Schönherr zu einer optimistischen Fehleinschätzung verleitete. „Es war in der Tat so, dass wir für den Moment geglaubt haben, dass wir aus dem Gröbsten heraus wären“, gibt Schönherr vor der Kamera zu.

Doch die Realität überholte die Planer: Kinder wurden erwachsen, Familien gründeten sich, Ehen wurden geschieden, und die lokale Industrie forderte Wohnraum für neue Arbeitskräfte. Die Stadt hatte den Bedarf schlicht unterschätzt. Im Jahr vor der Reportage konnte der Wohnungsvergabeplan nur zu 76,2 Prozent erfüllt werden. „Wir hatten in der besten Absicht gehandelt […] hatten dabei allerdings nicht bedacht und unseren Bürgern auch nicht gesagt, dass es […] dazu kommen kann, dass der eine oder andere Wohnungsantrag nicht realisiert werden kann“, so der Bürgermeister selbstkritisch. Staatliche Zusagen wurden gebrochen, das Vertrauen litt.

Improvisation als Staatsplan
Da Neubauten vorläufig nicht in Sicht sind, lautet die neue Devise: Modernisierung und Rekonstruktion. Der Leerstand in den Altbauten ist beträchtlich, oft fehlt es jedoch an Kapazitäten, die maroden Substanzen bewohnbar zu machen. Ende des vergangenen Jahres waren von 153 leerstehenden Wohnungen 43 noch nicht einmal in Angriff genommen worden.

Hier greift der Staat zu einem Mittel, das die Not zur Tugend macht: „Territoriale Interessengemeinschaften“. Da die kommunalen Baubetriebe überlastet sind, springen die volkseigenen Betriebe (VEB) in die Bresche. In Auerbach etwa koordiniert der VEB Robotron den Ausbau. Betriebe stellen Material und Arbeitskraft, um für ihre Mitarbeiter Wohnraum zu schaffen.

Selbsthilfe statt Schlüsselübergabe
Auch Hans Wicht profitiert von diesem Modell. Ihm wurde eine Wohnung in der Robert-Blum-Straße zugesprochen – allerdings in einem „schlimmen Zustand“. Lange tat sich nichts, doch nun hat er einen Ausbauvertrag mit seinem Arbeitgeber, dem VEB Malitex, in der Tasche.

Im Rathaus werden die Details geklärt: Tischler Hess liefert die Fenster, der Baubetrieb macht den Fußboden. Doch selbst hier hakt es. „Ich muss trotzdem noch ein Problem anschneiden, das ist das mit den Fliesen und dem Bad“, wendet Wicht im Gespräch mit der Sachgebietsleiterin Bärbel Kutschke ein. Der Hauswart würde das Bad bauen, aber die Fliesen fehlen. Ein typisches Bild der Mangelwirtschaft: Der Wille ist da, das Material oft nicht.

Das Fazit des Berichts aus dem Frühjahr 1989 bleibt ambivalent. Zwar gelobt die Stadt Besserung durch realistischere Pläne und ehrenamtliche Wohnungskommissionen, doch die Lösung des Problems wird zunehmend auf die Schultern der Betriebe und die Eigeninitiative der Bürger verlagert. Eine Stadt, so philosophiert Bürgermeister Schönherr zum Ende, sei eben „nicht aus Millionen Ziegelsteinen festgefügt für alle Zeiten, sondern ein lebendiger Organismus“. Für Hans Wicht und viele andere Plauener bedeutete dieser Organismus vor allem eines: Viel Geduld und noch mehr Eigenleistung.

Juli Zeh zwischen den Fronten: Wie Medien Aussagen instrumentalisieren

FACEBOOK-TEASER A) PROFIL Hook: Es ist eine Gratwanderung, die viele Ostdeutsche kennen: Man übt Kritik an den bestehenden Verhältnissen und findet sich plötzlich im falschen Applaus wieder. Teaser: Die Schriftstellerin Juli Zeh hat in einem Interview differenziert über ihre Nachbarn in Brandenburg und die Wirkungslosigkeit der sogenannten Brandmauer gesprochen. Eine Analyse zeigt nun, wie schnell aus einer nachdenklichen Bestandsaufnahme in der medialen Weiterverarbeitung eine politische Kampfansage konstruiert wird. Dabei gehen genau jene Zwischentöne verloren, die für das Verständnis der Situation im Osten essenziell wären. Der vollständige Text mit allen Hintergründen steht im Blog. Bildidee: Eine Frau steht in einem ländlichen Innenraum am Fenster und blickt hinaus in eine weite, neblige Landschaft. Das Licht ist weich, die Stimmung nachdenklich und ruhig. Bildprompt: Cinematic shot, medium shot of a woman looking out of a window in an old farmhouse, rural landscape outside, foggy morning, soft natural lighting, contemplative mood, photorealistic, 8k, --ar 1:1 B) SEITE 1 (Kontext) Hook: Wenn aus einer juristischen Risikoanalyse eine politische Abrechnung wird, leidet die gesellschaftliche Debatte. Teaser: Der Vergleich zwischen dem Original-Interview von Juli Zeh in der taz und der Rezeption in der Jungen Freiheit offenbart die Mechanismen moderner Medienöffentlichkeit. Während im Original das Scheitern der Brandmauer als strategisches Problem der Demokratie diskutiert wird, dient dasselbe Zitat anderswo als Bestätigung für das Scheitern der Altparteien. Eine Einordnung darüber, wie Inhalte ihren Sinn verändern, wenn sie den Kontext wechseln. Der vollständige Text mit allen Hintergründen steht im Blog. Bildidee: Ein hölzerner Schreibtisch, auf dem zwei unterschiedliche Zeitungen liegen, eine Kaffeetasse daneben, Fokus liegt auf dem bedruckten Papier, leicht unscharfer Hintergrund einer Bibliothek. Bildprompt: Still life photography, a wooden desk with two different newspapers lying next to each other, a cup of coffee, focus on the texture of the paper and print, soft depth of field with library in background, realistic, documentary style, --ar 1:1 C) SEITE 2 (pointiert, ruhig) Hook: Die Feststellung, dass eine Strategie wirkungslos blieb, ist noch keine Absage an die Prinzipien dahinter. Teaser: Juli Zeh konstatiert das Faktische: Die Brandmauer hat die AfD nicht kleinhalten können. Wer diesen Satz isoliert, unterschlägt jedoch ihre Schlussfolgerung. Es geht nicht um das Aufgeben von Prinzipien, sondern um die Suche nach wirksameren Methoden jenseits der moralischen Empörung. Eine Betrachtung der aktuellen Deutungskämpfe. Der vollständige Text mit allen Hintergründen steht im Blog. Bildidee: Eine Nahaufnahme einer alten Ziegelsteinmauer, an der Efeu hochrankt oder die leichte Risse zeigt. Symbolisch für die "Brandmauer", aber organisch und alt. Bildprompt: Close up detail shot of an old brick wall, weathered texture, some ivy growing on the side, soft sunlight casting shadows, symbol of a barrier, photorealistic, highly detailed, --ar 1:1 Quelle: Eigene Analyse basierend auf taz ("Juli Zeh über Nachbarn, die AfD wählen") und Junge Freiheit ("Bestsellerautorin Juli Zeh rechnet mit Brandmauerpolitik ab").

Haare ab, Uniform an: Ein ehrlicher DEFA-Blick auf die NVA-Wehrpflicht

Persönlicher Teaser 18 Monate Lebenszeit. So lange dauerte der Dienst, zu dem sie alle mussten. Der DEFA-Film „Einberufen“ nimmt uns mit zurück ins Jahr 1971, direkt an das Kasernentor in Rostock. Wir spüren den Abschiedsschmerz, riechen förmlich das Bohnerwachs der Stuben und hören das Klicken der Schere, wenn die langen Haare fallen. Es ist ein Film über Jungs, die plötzlich Männer sein sollen, über den Verlust der Individualität und den Versuch, sich im grauen NVA-Alltag nicht selbst zu verlieren. Ein absolut sehenswertes Stück Zeitgeschichte, das ganz nah dran ist.