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Vom Ort der Teilung zum Symbol der Freiheit – Das Grenzdenkmal Hötensleben

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Engagement am Grünen Band und das Grenzdenkmal Hötensleben spielen eine zentrale Rolle in der Erinnerungskultur des wiedervereinten Deutschlands. Als ein Teil des „Grünen Bandes“ erstreckt sich das Grenzdenkmal Hötensleben entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und bewahrt ein einzigartiges Stück deutscher Geschichte. Das Grüne Band, das sich über 1.400 Kilometer zieht, verbindet heute Natur- und Denkmalschutz, indem es sowohl an die Teilung Deutschlands als auch an die unberührte Flora und Fauna erinnert, die sich entlang der Grenze entwickeln konnte. In Hötensleben ist dieser besondere Zusammenhang aus Geschichte und Natur besonders eindrücklich, da das Grenzdenkmal ein Stück der originalen Grenzanlage mitsamt der ungewöhnlichen „Sichtmauer“ erhalten hat.

Das Engagement, das der Grenzdenkmalverein Hötensleben zeigt, ist ein wesentlicher Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte und zur Pflege der Erinnerungskultur. Durch den Erhalt dieser Anlage wird die Erinnerung an das DDR-Regime und die Teilung wachgehalten, insbesondere für junge Generationen, die diese Zeit nicht miterlebt haben. In den Bildungsprojekten des Vereins wird der Wert der Demokratie anschaulich vermittelt. Hier können Besucher und besonders junge Menschen erfahren, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben, und welche Opfer für die Freiheit erbracht wurden.

Im Zuge der Vereinigung Deutschlands im Jahr 1989 war die Euphorie groß, als sich die Menschen beiderseits der Grenze in den Armen lagen und die Mauer fiel. Die Freude über die Freiheit und die überwundene Teilung prägt auch heute noch die Erinnerungskultur. Es ist wichtig, dass sich diese Kultur nicht nur auf die Erfahrungen einer Seite stützt, sondern dass sie das Leid und die Hoffnungen beider Seiten anerkennt und würdigt.

Gerade das Grenzdenkmal Hötensleben steht beispielhaft für diese gesamtdeutsche Erinnerung, denn es zeigt die Originalität und den Schrecken der Grenze, die das Land und Familien trennte. Durch die Arbeit des Vereins werden Schulcamps und Workcamps organisiert, in denen Schüler und internationale Gäste gemeinsam die Geschichte des Grenzregimes und des Lebens in der DDR kennenlernen. Solche Projekte regen zur Auseinandersetzung mit den Themen Freiheit und Demokratie an und fördern das Verständnis für die Auswirkungen von Diktaturen. Gerade für die internationale Jugend, die oftmals großes Interesse an der deutschen Geschichte zeigt, ist das Grenzdenkmal ein bedeutender Ort des Lernens.

Das breite Veranstaltungsangebot des Vereins umfasst Führungen, Lesungen, Theateraufführungen und Filmvorführungen, die eine breite Öffentlichkeit anziehen und die Erfahrungen der deutschen Teilung zugänglich machen. Solche vielfältigen Angebote tragen dazu bei, das Bewusstsein für die deutsche Geschichte lebendig zu halten.

Das Grüne Band selbst ist ein besonderes Symbol, das nicht nur die Erinnerung an die deutsche Teilung wachhält, sondern auch als einzigartiges Naturreservat dient. Die Pflanzen- und Tierwelt konnte sich in den Jahrzehnten der Abgeschiedenheit ungestört entfalten, und so ist das Grüne Band heute ein wertvolles Naturerbe. Dieses Zusammenspiel von historischer Bedeutung und Naturschutz verleiht dem Grünen Band eine einzigartige Stellung und unterstreicht die Botschaft, dass selbst aus der dunkelsten Geschichte neues Leben und positive Symbole für die Zukunft entstehen können.

Das Engagement des Grenzdenkmalvereins Hötensleben zeigt, dass die Geschichte der deutschen Teilung nicht in Vergessenheit geraten darf. Durch die Arbeit dieser und anderer Einrichtungen bleibt die Erinnerung lebendig und wird weitergegeben. In einer Zeit, in der die Generation der Zeitzeugen langsam weniger wird, ist es von unschätzbarem Wert, dass Initiativen wie der Grenzdenkmalverein Hötensleben dazu beitragen, die Bedeutung der Freiheit und die Schrecken der Teilung auch den nachfolgenden Generationen zu vermitteln.

Beate Neubauer über verdrängte Nazi-Ideologie in Ost und West

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Die Historikerin Beate Neubauer spricht über die „Schweigezeit“ nach dem Nationalsozialismus und verbliebene rechte Gedankengänge in der DDR und nach der Wiedervereinigung

In einem bewegenden Zeitzeugen-Interview spricht die Historikerin Beate Neubauer über die Nachkriegszeit und die „Schweigezeit“ im Nachkriegsdeutschland. Dabei schildert sie die Nachwirkungen des Nationalsozialismus, die in der DDR und nach der Wiedervereinigung in bestimmten Gedankengängen bis heute fortleben. Ein besonderer Fokus ihres Gesprächs liegt auf der wahren Lebensgeschichte von Horst Wessel, der von der NS-Propaganda in den 1930er Jahren zu einem Märtyrer stilisiert wurde.

Das Interview mit Neubauer ist Teil des Films „In den Straßen von Berlin“, der von Olad Aden in Zusammenarbeit mit Gangway e.V. produziert wurde und mehrfach auf internationalen Filmfestivals ausgezeichnet wurde. Der Film befasst sich intensiv mit den Anfängen der Straßensozialarbeit in Berlin. Die Dokumentation beschreibt die Herausforderungen, denen sich Sozialarbeiter in den 1980er Jahren in West-Berlin gegenübersahen, als Gewalt unter Jugendgangs – oft geprägt durch Migration – zunahm und eskalierte. Nach der Wiedervereinigung betraf diese Problematik zunehmend auch rechtsgerichtete Jugendliche aus dem Ostteil der Stadt.

Im Rahmen einer Themenwoche wird täglich ein Zeitzeugen-Interview auf dem YouTube-Kanal von Gangway e.V. veröffentlicht, bis am 8. November 2024 die Premiere von „In den Straßen von Berlin“ in voller Länge auf YouTube zu sehen ist. Der Film zeigt, wie die Straßensozialarbeit über die Jahrzehnte eine entscheidende Rolle einnahm und stets präsent blieb – nicht darauf wartete, dass Betroffene zu ihr kamen, sondern in die Problemviertel ging, die Bedürfnisse junger Menschen aufnahm und deren Ängste, Unsicherheiten und Wünsche ernst nahm.

Die Nachwirkungen der „Schweigezeit“ nach dem Nationalsozialismus
Beate Neubauer beschreibt im Interview eindrücklich, wie sich die sogenannte „Schweigezeit“ nach 1945 auf die Gesellschaft auswirkte. „Nach dem Zweiten Weltkrieg war für viele Familien der Bruch mit dem Nationalsozialismus schwierig. Es wurde oft ein Mantel des Schweigens über die Vergangenheit gelegt. Kaum eine Familie sprach darüber, auch wenn die Zeichen der Zeit es verlangten,“ erklärt Neubauer. Dieses Verschweigen der Nazi-Vergangenheit in Deutschland prägte die junge Generation, die ohne direkten Zugang zu den Untaten ihrer Vorfahren aufwuchs. Selbst enge Familienmitglieder sprachen kaum über die Schreckenszeit. In den meisten Haushalten schwieg man aus Scham oder Unsicherheit über die Gräueltaten, die mit den Symbolen des Hakenkreuzes verbunden waren.

„Es gab in den 50er Jahren Treffen in Familienkreisen, wo der Großvater geehrt wurde, der unter Hitler eine Auszeichnung erhalten hatte. Doch nach außen kam das nicht. Das war Teil des verinnerlichten, nicht offiziell akzeptierten, aber latent vorhandenen rechten Gedankenguts, das auch nach 1945 in vielen Kreisen weiterexistierte,“ führt Neubauer aus. Eine bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erfolgte oft nicht und führte in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer über Generationen andauernden gedanklichen „Verdrängung“.

Rechte Strömungen in der DDR und nach der Wende
In der DDR wurde rechter Extremismus offiziell verurteilt und die „antifaschistische“ Erziehung propagiert. Dennoch blieb rechtes Gedankengut, wie Neubauer feststellt, auch hier unter der Oberfläche bestehen, weil die tief verwurzelten nationalsozialistischen Gedanken nie umfassend aufgearbeitet wurden. Vor allem in den letzten Jahren der DDR-Zeit mit dem Auftreten Gorbatschows und den Anzeichen eines politischen Wandels entstanden neue Hoffnungen auf ein offenes und einheitliches Deutschland. „Als Historikerin sehe ich, dass rechte Gedanken auf beiden Seiten der Mauer weiter existierten, oft verstärkt durch das Gefühl der Unterdrückung und dem Bedürfnis, sich gegen das System aufzulehnen,“ sagt Neubauer.

Nach der Wiedervereinigung blieben viele Ostdeutsche mit einer zerrütteten Identität und ökonomischen Unsicherheiten zurück. Die Euphorie über die Öffnung der Grenzen wich bald der Ernüchterung, und die vorhandenen Unsicherheiten führten teilweise zu einer verstärkten Aggression und Frustration. Diese Gefühle wurden von rechten Strömungen aufgegriffen und beeinflussten die Gründung der AfD und ihre spätere Ausrichtung. Neubauer schildert: „Aus meinem Freundeskreis konnte ich beobachten, dass selbst Leute, denen man es nie zugetraut hätte, sich in diese Richtung bewegten.“

Die wahre Geschichte von Horst Wessel
Ein wichtiger Bestandteil des Interviews ist Neubauers Schilderung der Lebensgeschichte von Horst Wessel. Er wurde zur Ikone des NS-Regimes stilisiert, doch sein tatsächliches Leben zeigt ein ganz anderes Bild. Als Sohn eines Pfarrers zog Wessel in jungen Jahren nach Berlin, brach sein Studium ab und tauchte in die rechtsradikale Szene ein. Goebbels, der den charismatischen Wessel beobachtet hatte, versprach ihm eine Karriere innerhalb der NSDAP und baute ihn zu einem Sturmführer in der SA auf.

Wessel wurde nicht nur durch sein Engagement für die SA bekannt, sondern auch durch das Lied „Die Fahne hoch“, das er schrieb und das später zum „Horst-Wessel-Lied“ der NSDAP wurde. In der Berliner Szene der 1920er Jahre spielte sich die Tragödie seines Lebens ab: Wessel lebte mit einer Prostituierten in einer kleinen Wohnung in Friedrichshain. Als eine Auseinandersetzung mit Angehörigen der KPD eskalierte, wurde Wessel tödlich verwundet. Goebbels erkannte die propagandistische Möglichkeit und baute den verstorbenen Wessel zu einem „Märtyrer der Bewegung“ auf.

Das Nachleben der Wessel-Propaganda nach 1945
Selbst nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes blieb der Name Horst Wessel ein Symbol – für rechte Gruppierungen als Held, für linke Gruppen als Feindbild. Der „Horst-Wessel-Platz“ wurde nach Kriegsende umbenannt, aber Wessels Grab blieb in Berlin bestehen. Nach der Wiedervereinigung strömten ab den frühen 90er Jahren erneut rechte und linke Gruppierungen an Wessels Ruhestätte und entfachten immer wieder Konflikte.

Neubauer beschreibt, wie junge Menschen nach der Wiedervereinigung die alten nationalsozialistischen Symbole wiederentdeckten. „Es kamen Jugendliche, meist aus dem rechten Spektrum, die das Horst-Wessel-Lied sangen und sich an Wessels Grab aufbauten, als sei er ein Held.“ Die Nähe zu dieser Symbolik blieb eine Herausforderung in der Erinnerungsarbeit. Obwohl der Grabstein von Horst Wessel offiziell entfernt wurde, existiert seine Verehrung in bestimmten Kreisen bis heute fort.

Blick in die Zukunft: Zeitzeugenschaft und Erinnerungsarbeit
Die Historikerin Beate Neubauer unterstreicht, wie wichtig die Erinnerungsarbeit an Menschen wie Horst Wessel ist. Gerade heute, da rechtsradikale Tendenzen erneut an Kraft gewinnen, sei es entscheidend, das Bewusstsein für die dunkle Vergangenheit Deutschlands wachzuhalten und junge Menschen kritisch zu informieren. Mit Dokumentationen wie „In den Straßen von Berlin“ werden solche komplexen Zusammenhänge öffentlich gemacht. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sich soziale Arbeit und Geschichtsaufarbeitung gegenseitig stützen können, um den heutigen Jugendlichen Wege zu einem friedlichen und demokratischen Miteinander zu ermöglichen.

Die Kinderhymne von Bertolt Brecht: Ein Gegenentwurf zum Deutschlandlied

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Die Kinderhymne von Bertolt Brecht, erstmals 1950 veröffentlicht und von Hanns Eisler vertont, war bewusst als Gegenstück zum Deutschlandlied gedacht und trug zum politischen Diskurs der Nachkriegszeit bei. Entstanden in einem Zeitraum, als der Westen und Osten Europas noch tief durch den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus geprägt waren, stellt die Kinderhymne die Idee einer friedlicheren und vernünftigeren Zukunft dar. Die Hymne wurde zu einem Symbol für eine progressive Haltung und zu einem Ausdruck von Brechts politischer Kritik.

Brecht schrieb den Text als Reaktion auf die symbolische Geste von Konrad Adenauer, der am 15. April 1950 in Berlin die dritte Strophe des Deutschlandliedes öffentlich singen ließ. Diese Strophe galt in der Zeit des Nationalsozialismus als nationalistisch und militaristisch belastet, was Brecht dazu veranlasste, eine Alternative zu schaffen. Die Kinderhymne sollte bewusst ein anderes, versöhnlicheres Bild von Deutschland und der deutschen Identität vermitteln und wurde als eine Art Gegenentwurf zu den damals etablierten nationalen Hymnen konzipiert.

In der Kinderhymne finden sich klare Bezüge zum Deutschlandlied, aber die Formulierungen sind weniger pathetisch und versprechen eine vernünftige, kritisch hinterfragte Liebe zum Land, ohne in übersteigerte Nationalismen abzudriften. Insbesondere in den Versen „Daß ein gutes Deutschland blühe / Wie ein anderes gutes Land“ kommt der Wunsch nach einer besseren Zukunft zum Ausdruck. Diese Zeilen spiegeln Brechts Vorstellung einer idealisierten Nation wider, die nicht auf Machtstreben und Expansion abzielt, sondern auf inneren Wohlstand und humanitäre Werte setzt.

Die Melodie der Kinderhymne war zunächst von Hanns Eisler komponiert worden und wurde später von anderen Komponisten wie Leo Spies, Fidelio F. Finke und Kurt Schwaen aufgegriffen. Die hymnischen Qualitäten der Musik, gepaart mit Brechts kritischen Texten, machten das Stück zu einem politischen Statement. Doch die Kinderhymne war nicht nur ein Dokument der politischen Auseinandersetzung der 1950er Jahre; sie hatte auch eine nachhaltige Wirkung und fand immer wieder in unterschiedlichen Kontexten Anwendung.

In der Zeit der Wiedervereinigung 1990 plädierten einige Bürgerinitiativen und Medien dafür, die Kinderhymne als neue deutsche Nationalhymne zu etablieren. Ihre Betonung von Freiheit, Solidarität und einem kritischen Patriotismus schien den Werten der neugegründeten Einheit eher zu entsprechen als das traditionelle Deutschlandlied. Prominente Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Stefan Heym und der Schauspieler Peter Sodann unterstützten diese Idee und erinnerten an die zeitlose Botschaft der Kinderhymne.

In seiner poetischen Einfachheit und kritischen Haltung gegenüber übersteigertem Nationalismus hat die Kinderhymne nicht nur politische Bedeutung, sondern auch literarische Relevanz. Ihre Botschaft, ein gutes und blühendes Deutschland zu fördern, blieb im kollektiven Gedächtnis der DDR und darüber hinaus verankert. In der Schweiz wurde sie von dem Philosophen Elmar Holenstein als Modell für eine mögliche Nationalhymne adaptiert, was die internationale Resonanz des Gedichts unterstreicht.

Die Kinderhymne bleibt ein faszinierendes und vielschichtiges Dokument der politischen und kulturellen Auseinandersetzung der Nachkriegszeit und der deutschen Teilung. Sie trägt die Botschaft einer gerechten, friedlichen Zukunft und fordert uns heute noch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit nationaler Identität und Verantwortung auf.

Bundeskanzler Scholz erinnert an die Bedeutung des 9. Oktober 1989

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Am 9. Oktober 2024 fand in Leipzig ein bedeutender Festakt statt, um den 35. Jahrestag der Friedlichen Revolution zu gedenken. Der 9. Oktober 1989 war ein entscheidender Tag in der Geschichte der DDR und der deutschen Wiedervereinigung. An diesem Tag gingen Zehntausende von Menschen auf die Straßen, um gegen das kommunistische Regime zu protestieren. Ihr mutiger Widerstand trug entscheidend dazu bei, das Ende der DDR und die Öffnung der Mauer einzuleiten. Bei den Feierlichkeiten an diesem historischen Jahrestag nahmen zahlreiche Zeitzeugen, Politiker und Bürger teil, um den bedeutenden Schritt für Freiheit und Demokratie zu würdigen.

Der Höhepunkt des Festaktes war die Rede des Bundeskanzlers Olaf Scholz, der die historische Bedeutung des 9. Oktobers 1989 für die deutsche und europäische Geschichte unterstrich. Scholz hob hervor, dass dieser Tag für den Widerstand gegen die Unterdrückung und für die Hoffnung auf eine freie Zukunft stand. Er betonte, dass die Ereignisse von 1989 nicht nur ein Kapitel der deutschen Geschichte sind, sondern auch als Symbol für den Mut und die Entschlossenheit vieler Menschen in ganz Europa zu verstehen sind, die sich gegen Diktaturen erhoben.

In seiner Rede würdigte Scholz die Leipziger Bürger, die an diesem Tag den Mut aufbrachten, trotz der drohenden Gewalt und der Präsenz von bewaffneten Truppen auf die Straße zu gehen. Der Ruf „Wir sind das Volk“, der an diesem 9. Oktober über die Straßen von Leipzig hallte, wurde zum Symbol für den Widerstand gegen das DDR-Regime. Dieser Slogan, der die Forderung nach Freiheit und Demokratie verkörperte, war ein klarer Ausdruck der Sehnsucht der Menschen nach einem besseren Leben. Scholz zeigte sich bewegt von der Entschlossenheit und dem Mut der Menschen, die sich gegen das diktatorische Regime stellten, obwohl sie nicht wussten, welche Konsequenzen ihr Handeln haben würde.

Der Bundeskanzler erinnerte auch daran, dass die Ereignisse des 9. Oktobers 1989 nicht isoliert betrachtet werden können. Sie waren Teil eines größeren historischen Prozesses, der sich in vielen anderen Ländern des sozialistischen Blocks vollzog. Die Politik von Michael Gorbatschow in der Sowjetunion, die unter dem Stichwort Glasnost und Perestroika für eine Öffnung und Reform des Systems stand, hatte den Weg für die Veränderungen in der DDR bereitet. Der 9. Oktober 1989 war demnach nicht nur ein Tag der deutschen Revolution, sondern auch ein Tag der europäischen Umwälzung. Scholz hob hervor, dass das Geschehen in der DDR nicht nur das Ende einer Diktatur in einem einzelnen Land markierte, sondern einen Impuls für den gesamten Ostblock gab, der letztlich zum Fall des Eisernen Vorhangs und zur Öffnung der Grenzen führte.

Besonders wichtig war für Scholz die Rolle der Menschen in Leipzig und anderen Städten, die den Mut aufbrachten, sich dem Regime entgegenzustellen. Sie taten dies nicht aus einer Position der Stärke, sondern aus einer tiefen Sehnsucht nach Freiheit und einem besseren Leben. Der 9. Oktober 1989 war ein Tag des Aufbruchs, ein Tag, an dem das Volk in den Straßen die Freiheit und die Demokratie einforderte. Der Bundeskanzler betonte, dass die Menschen, die an diesem Tag auf die Straße gingen, nicht nur für sich selbst kämpften, sondern für alle Bürgerinnen und Bürger der DDR, die unter der Diktatur des SED-Regimes litten.

Scholz verwies in seiner Ansprache auf die tragische Situation, die viele der mutigen Demonstranten erlebten. Sie gingen auf die Straßen mit dem Wissen, dass die DDR-Führung Tausende von Soldaten und Polizisten mobilisiert hatte, um die Proteste gewaltsam niederzuschlagen. Der Bundeskanzler erinnerte an die Gerüchte, die an diesem Tag in der Stadt kursierten – von Lastwagen, die mit bewaffneten Soldaten unterwegs waren, und von medizinischen Notfallvorbereitungen in den Krankenhäusern der Stadt. Viele wussten nicht, ob sie diesen Tag lebend überstehen würden, und dennoch gingen sie, Seite an Seite, in den Straßen von Leipzig auf die Straße.

Doch trotz der drohenden Gewalt zeigte der 9. Oktober 1989, dass die Entschlossenheit der Bürger nicht zu brechen war. Scholz erinnerte daran, dass der 9. Oktober 1989 ein Moment der Zäsur war, der die Geschichte der DDR unwiderruflich veränderte. Die Menschen von Leipzig, aber auch in vielen anderen Städten der DDR, zeigten den Mut, der notwendig war, um das autoritäre Regime herauszufordern und letztlich zu stürzen.

Der Bundeskanzler nutzte die Gelegenheit, auch auf die aktuellen geopolitischen Herausforderungen einzugehen, die die Werte der Friedlichen Revolution betreffen. Scholz stellte klar, dass der 9. Oktober 1989 nicht nur ein Symbol für die deutsche Einheit sei, sondern auch für die europäische Einheit und den Kampf für Demokratie und Freiheit. Angesichts der aktuellen Krise in der Ukraine und der Bedrohung durch autoritäre Regime weltweit sei es wichtiger denn je, sich für die Werte der Freiheit, Demokratie und Menschenrechte einzusetzen.

In seiner Rede ging Scholz auf die tragische Situation in der Ukraine ein, die gegenwärtig mit einem russischen Übergriff zu kämpfen hat. Der Bundeskanzler verglich die ukrainischen Proteste von 2014, die als „Revolution der Würde“ bekannt wurden, mit den Ereignissen in der DDR 1989. In beiden Fällen sei es um das Recht gegangen, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um die Freiheit und die Unabhängigkeit von diktatorischen Regimen zu erlangen. Scholz drückte seine Solidarität mit den Menschen in der Ukraine aus und betonte, dass Deutschland und Europa die Ukraine in ihrem Kampf um Freiheit und Demokratie unterstützen müssten.

Der 9. Oktober 1989 sei auch deshalb so bedeutend, weil er ein europäischer Aufstand gegen Unterdrückung und Unfreiheit war, so Scholz. Er erinnerte daran, dass der Fall des Eisernen Vorhangs und die Öffnung der Grenzen für Millionen von Menschen in Ost- und Mittelosteuropa den Beginn einer neuen Ära in Europa markierten. Diese historische Bewegung müsse weiter fortgeführt werden, auch im Angesicht der Herausforderungen der Gegenwart.

Zum Abschluss seiner Rede mahnte Scholz, dass es wichtig sei, die Lehren aus der Friedlichen Revolution weiterzugeben. Das Erbe der Revolution sei es, die Demokratie und den Frieden zu verteidigen, gegen alle Feinde der Freiheit und für die Einheit Europas einzutreten. Der Bundeskanzler rief dazu auf, das Vermächtnis der mutigen Bürger von Leipzig und der anderen Städte in der DDR weiterzutragen. Der 9. Oktober 1989 sei nicht nur der Tag des Mauerfalls, sondern der Tag, an dem die Menschen in der DDR die Hoffnung auf ein besseres Leben und eine freie Zukunft manifestierten.

Der Festakt endete mit der Eröffnung des Lichtfests in Leipzig, das traditionell die Erinnerung an diesen historischen Tag lebendig hält und den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt die Gelegenheit gibt, den Mut und die Entschlossenheit derer, die an diesem Tag auf die Straßen gingen, zu würdigen. Es war ein Tag der Freude und des Gedenkens, aber auch ein Appell, die Demokratie zu bewahren und für die Werte zu kämpfen, die die Friedliche Revolution möglich gemacht haben.

Michael Kretschmer zum 35. Jahrestag des Mauerfalls und der Friedlichen Revolution

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Michael Kretschmer beginnt seine Ausführungen mit einer emotionalen Würdigung des 9. November 1989 als dem „glücklichsten Tag unserer deutschen Geschichte“. Dieser Tag symbolisiert für ihn die Erringung der Freiheit und das Ende einer der größten Trennlinien in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Mauer, die Ost- und Westdeutschland über Jahre hinweg getrennt hatte, war gefallen, und mit ihr eine Zeit der staatlich verordneten Teilung und des Misstrauens. In diesem Kontext betont Kretschmer, wie bedeutend es ist, sich an diesen historischen Moment zu erinnern, und verweist auf das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig als einen zentralen Ort, an dem die Geschichte von der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall lebendig wird.

„Hier kann man diese Geschichte noch einmal ganz persönlich erleben“, sagt Kretschmer und hebt hervor, dass der Ort nicht nur für jene von Bedeutung ist, die zu den Ereignissen selbst beigetragen haben, sondern auch für die nachfolgenden Generationen. Insbesondere die Kinder und Enkel sollen verstehen, was es bedeutet, „dass die Freiheit nicht selbstverständlich ist und dass sie erkämpft werden muss“. Der Ministerpräsident sieht in diesem Forum einen wertvollen Raum für den Dialog und für die Vermittlung dieser wichtigen Geschichte.

Ein zentraler Punkt seines Statements ist die Erinnerung an das berühmte „Wir sind das Volk“, das von den Demonstranten in der DDR vor dem Mauerfall skandiert wurde. Für Kretschmer markierte dieser Slogan den Beginn eines neuen Zeitalters, in dem die Bürger des Ostens für ihre Freiheit und ihre Rechte kämpften. Später wurde dieser Slogan durch „Wir sind ein Volk“ ergänzt, was den Wunsch nach Einheit und Zusammengehörigkeit zwischen Ost und West unterstrich. Diese Botschaft sei heute genauso relevant wie damals, so Kretschmer, und müsse weitergetragen werden. In Zeiten von Krisen und Unsicherheiten, wie etwa der Corona-Pandemie, dem Krieg in der Ukraine oder den Herausforderungen der Energiepolitik, sei es umso wichtiger, dass sich die Menschen auf das besinnen, was sie miteinander verbindet. „Die verschiedenen Meinungen gehören zusammen“, erklärt er, „und wir können, Gott sei Dank, weil wir uns die Freiheit erkämpft haben, auch diese unterschiedlichen Meinungen haben“.

Kretschmer macht jedoch auch deutlich, dass die Einheit und die Freiheit, die mit dem Mauerfall erreicht wurden, nicht das Ende des Weges bedeuten. „Wir sind noch nicht am Ende. Vieles ist noch vor uns“, so der Ministerpräsident. Dies ist ein Hinweis darauf, dass trotz der vielen Fortschritte, die seit der Wiedervereinigung erzielt wurden, noch immer Herausforderungen bestehen, die bewältigt werden müssen. Insbesondere die Unterschiede zwischen Ost und West sind nach wie vor spürbar. Die „blühenden Landschaften“, die nach der Wiedervereinigung versprochen wurden, sind längst nicht überall Realität. In vielen Regionen, insbesondere im Osten Deutschlands, gibt es noch immer strukturelle Unterschiede und wirtschaftliche Disparitäten.

„Vieles ist gelungen“, so Kretschmer weiter, „aber es gibt noch Unterschiede“. Die Arbeit an einer gleichwertigen Lebensqualität in allen Teilen des Landes sei daher nach wie vor notwendig. Kretschmer fordert die Bürger dazu auf, weiterhin an der Gestaltung einer positiven Zukunft mitzuwirken. „Machen Sie mit. Es lohnt sich, diese Freiheit zu gestalten“, lautet sein Appell. Damit ruft er zu einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben auf, um auch in Zukunft eine vereinte und freie Gesellschaft zu schaffen, die sich den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft stellt.

Kretschmers Videostatement vermittelt auf eindrucksvolle Weise, wie eng die Geschichte des Mauerfalls mit der heutigen Zeit verknüpft ist. Die Erinnerung an den Fall der Mauer ist nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein Aufruf, die Werte von Freiheit, Einheit und Demokratie auch heute noch aktiv zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Der Ministerpräsident nutzt die Gelegenheit, um zu betonen, dass Deutschland, trotz der noch bestehenden Unterschiede und Herausforderungen, als ein vereintes Volk voranschreiten sollte. Die Friedliche Revolution von 1989, die das Vertrauen der Menschen in die Demokratie und die Freiheit stärkte, bleibt ein Schlüsselereignis auf dem Weg zu einer gerechten und freien Gesellschaft für alle.

Der letzte Sommer der DDR – Aufbruch und Anarchie

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Der 9. November 1989 ist ein historisches Datum, das den Fall der Berliner Mauer und das Ende der DDR markiert. In dieser Nacht öffnet sich die deutsch-deutsche Grenze überraschend und nahezu ohne Vorwarnung. Die Mauern und der Stacheldraht, die jahrelang die Menschen in zwei Teile teilten, sind plötzlich durchlässig. Dieser Moment der Freiheit und der Euphorie wird von Millionen von DDR-Bürger*innen gefeiert, die die Gunst der Stunde nutzen, um sich aus dem jahrelang erlebten staatlichen Überwachungs- und Gängelungsapparat zu befreien. Doch die letzten Monate der DDR vor der endgültigen Wiedervereinigung sind von einem Zustand der Anarchie geprägt. Der Sozialismus, der das Leben der Menschen in der DDR jahrzehntelang beherrscht hat, verliert seine Legitimation. Die Menschen, die bisher einer strengen Kontrolle unterworfen waren, übernehmen nun die Kontrolle über ihr eigenes Leben – allerdings ohne die gewohnte Ordnung und ohne klare Regeln.

In dieser Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit entstehen viele Freiräume, die von der Staatssicherheit und der SED nicht mehr kontrolliert werden können. Die DDR wird zu einem Land, in dem die staatlichen Autoritäten nur noch eine geringe Rolle spielen. Besonders auffällig ist die Jugend, die sich von der Indoktrination und Bevormundung der Vergangenheit befreit und die neu gewonnenen Freiheiten in vollen Zügen auskostet. Die Gründung illegaler Clubs und das Aufkommen der Techno-Szene sind Ausdruck dieses Freiheitsdrangs, der an den Rand der Legalität geht. Die Party- und Clubkultur floriert, und in den verlassenen Hallen und Fabriken Berlins entstehen neue Freiräume, die sich immer mehr von der staatlichen Kontrolle entfernen. Der Techno-Sound wird zum Symbol der Wende – ein Soundtrack für die Freiheit und den Aufbruch in eine neue Zeit.

Doch während die Euphorie und das Gefühl der Freiheit viele Menschen beflügeln, bietet der Zustand der Unordnung auch Gelegenheit für kriminelle Geschäftemacher und windige Händler. Der Markt wird von dubiosen Machenschaften geprägt. Westdeutsche Autohändler nutzen die Chance, den DDR-Bürgerinnen überteuerte Schrottwagen anzudrehen. Versicherungsvertreter verkaufen unnötige Policen, und viele andere nutzen die Situation aus, um schnell Profit zu machen. Besonders viele DDR-Bürgerinnen, die in den Monaten nach dem Mauerfall endlich in den Westen reisen können, lassen sich von falschen Versprechungen und unseriösen Geschäften täuschen. Die Grenzen zwischen legalem und illegalem Handeln verschwimmen, und die Unübersichtlichkeit der Zeit nach dem Mauerfall führt dazu, dass viele Menschen in die Falle tappen.

Die letzte Phase der DDR vor ihrer endgültigen Auflösung ist ein Aufeinandertreffen von euphorischer Freiheit und bitterer Enttäuschung. Die Menschen, die endlich die Möglichkeit haben, sich ihren Traum vom West-Auto zu erfüllen oder in den Westen zu reisen, werden oftmals enttäuscht, wenn die versprochenen Erleichterungen nicht die erhoffte Lösung bringen. Die Wiedervereinigung erscheint als ein großer Moment der Hoffnung und des Neubeginns, doch gleichzeitig erleben viele eine Zeit der Enttäuschung und des Verlusts, als sie feststellen, dass nicht alle ihre Wünsche erfüllt werden.

Diese turbulente Zeit nach dem Mauerfall wird in der Dokumentation „Der letzte Sommer der DDR“ von Steffi Lischke und Nina Rothermundt eindrucksvoll eingefangen. Der Film zeigt, wie sich die DDR-Bürger*innen in einer neuen Welt zurechtfinden müssen, in der Regeln und Normen kaum noch gelten. Inmitten von Aufbruch und Anarchie stellen sich viele die Frage, ob die neu gewonnene Freiheit wirklich das Paradies ist, das sie sich erhofft hatten, oder ob sie letztlich von der neuen, ungewohnten Welt überfordert sind.

Der Film beleuchtet die unsicheren, aber zugleich auch aufregenden Monate des Jahres 1989 und 1990, als die DDR und ihre Bürger*innen am Übergang in eine neue Ära standen. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der die Menschen auf der einen Seite ihre Freiheit feiern, aber auf der anderen Seite auch den Schatten von Kriminalität, Betrug und Enttäuschung erfahren. Der Film ist ein faszinierender Blick auf die letzten Monate der DDR, die nicht nur von der politischen Wende geprägt waren, sondern auch von persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Insgesamt vermittelt die Dokumentation ein Bild einer Gesellschaft im Wandel, die sich von der alten Ordnung verabschiedet und sich auf die neue Realität vorbereitet – jedoch nicht ohne dabei auf die Risiken und Gefahren des Übergangs hinzuweisen. Sie lässt uns verstehen, wie die Euphorie und die Unsicherheit der Zeit des Mauerfalls die Menschen formten und wie sie mit den Freiräumen und den Herausforderungen der Wende umgingen.

Appell von Andreas Ott zur regelmäßigen Auseinandersetzung mit der Friedlichen Revolution

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Am 9. November 2014 fand eine Feierstunde zum 35. Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolution im deutschen Bundestag statt, bei der Andreas Ott in seiner Rede zentrale Themen der Wende und der Wiedervereinigung ansprach. Zu Beginn seiner Rede richtete er sich an die Anwesenden im Saal sowie an die Zuhörer vor den Bildschirmen und erinnerte an die Bedeutung der Veranstaltungen, die an diesem Tag abgehalten wurden. Ott hob hervor, dass bereits eine Ausstellung eröffnet und eine sehr bildhafte Rede von Reiner Eppelmann gehalten worden war, und er lobte diese Veranstaltungen. Doch Ott betonte auch, dass es wichtig sei, die friedliche Revolution und die Vereinigung von Stadt, Land und Europa nicht nur an besonderen Jahrestagen zu würdigen, sondern diese Themen viel häufiger in den Alltag und in Bildungsprogramme zu integrieren.

Sein Wunsch war es, dass die Geschehnisse von 1989 – die die Freiheit und den Mut der Bürger, die auf die Straße gingen, verkörpern – nicht nur an einem einzigen Tag gefeiert werden, sondern dass sie ein ständiger Bestandteil des öffentlichen Diskurses werden. Besonders wichtig war ihm, dass die jüngeren Generationen, die nicht selbst dabei waren, mehr darüber erfahren, was die Menschen in der DDR damals bewegte. Warum gingen sie auf die Straße? Wovor hatten sie Angst und was trieb sie an? Ott appellierte, dass diese Fragen nicht nur in Feierstunden thematisiert werden sollten, sondern regelmäßig auch in Bildungsmaßnahmen Platz finden müssten.

In seiner Rede machte Ott zudem einen interessanten Vergleich zur Bedeutung von Symbolen wie der Nationalhymne. Er reflektierte sein eigenes, teilweise ambivalentes Verhältnis zu Hymnen und Flaggen, insbesondere als jemand, der im Osten Deutschlands aufgewachsen war. Ott erzählte eine Anekdote aus seiner eigenen Erfahrung, als er mit seinem Vater bei einer Vereidigung der Nationalen Volksarmee (NVA) war und als einziger mit der DDR-Hymne mitgesungen hatte. Dieses Erlebnis habe ihn sowohl emotional als auch in seiner politischen Wahrnehmung geprägt. Besonders nach der Wiedervereinigung habe es intensive Diskussionen über die richtige Hymne für das geeinte Deutschland gegeben. Ott verwies auf die von Berthold Brecht verfasste Kinderhymne, die seiner Meinung nach vielleicht als Symbol für das vereinte Land wieder auf die Tagesordnung kommen sollte. Diese Hymne, so Ott, sei sowohl wortmächtig als auch bescheiden und könnte eine erneute Betrachtung wert sein.

Im weiteren Verlauf seiner Rede widmete sich Ott der Frage, wie die Menschen heute 35 Jahre nach der friedlichen Revolution auf diese Zeit blicken. Für Ott ist es klar: Die Ereignisse von 1989 waren eine Revolution, auch wenn dies zu Beginn nicht so offensichtlich war. Die Menschen wussten damals nicht, dass sie Teil einer Revolution waren, und sie wussten auch nicht, wie es ausgehen würde. Die friedliche Revolution 1989 war eingebettet in die Geschichte anderer großer Aufstände wie dem Volksaufstand von 1953 oder dem Ungarn-Aufstand von 1956, die den Menschen in der DDR jedoch nicht direkt im Gedächtnis waren. Für die Menschen 1989 war es vor allem das Streben nach Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Reisefreiheit, das sie zu Tausenden auf die Straße brachte.

Ein weiterer zentraler Punkt der Rede war die Erinnerung an die Angst, die viele Menschen damals hatten. Ott erinnerte an das Massaker von Tiananmen in China, das viele DDR-Bürger*innen mit Furcht erfüllte. Es gab die Befürchtung, dass der SED-Apparat ähnliche Maßnahmen gegen die Bürger ergreifen würde. Doch trotz dieser Angst war es der Mut vieler Menschen, der die Revolution zu einem friedlichen Ende führte.

Ott stellte auch die Frage, wie die Wiedervereinigung 1990 zu bewerten ist. Für ihn war klar, dass diese eine historische Entscheidung war, die von den Bürger*innen selbst getragen wurde. Der Wunsch nach Vereinigung und Wohlstand führte 1990 zur Wahl der Parteien, die die schnelle Wiedervereinigung vorantreiben wollten. Trotz mancher Kritik an der Geschwindigkeit der Vereinigung und an der Wahrnehmung der westdeutschen Dominanz sieht Ott die Wiedervereinigung als gelungen an. Besonders hervor hob er, dass in Umfragen die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung ihren Lebensstandard und Wohlstand positiv bewertete, auch wenn viele sich nach wie vor benachteiligt fühlten.

Zum Abschluss seiner Rede zog Ott noch einen wichtigen Vergleich zur heutigen Zeit und den aktuellen geopolitischen Herausforderungen. Er erinnerte an die Solidarität und Freiheit, die 1989 erkämpft wurden, und betonte die Bedeutung dieser Werte in der heutigen Welt. Insbesondere die Ukraine, die heute erneut für ihre Freiheit kämpfe, müsse Solidarität und Unterstützung erfahren. Ott machte deutlich, dass die Ideale von 1989 weiterhin eine zentrale Rolle spielen müssen – nicht nur als Teil der Geschichte, sondern als Handlungsmaxime für die Gegenwart und die Zukunft.

Mit diesen Worten schloss Ott seine Rede und forderte erneut dazu auf, die Erinnerung an die friedliche Revolution, die Vereinigung und die Werte von Freiheit und Solidarität dauerhaft zu pflegen und in die heutige Gesellschaft einzubringen.

Bundeskanzler Scholz zu 35 Jahre Friedliche Revolution

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Vor 35 Jahren, im Herbst 1989, markierte ein mutiger Moment der Geschichte den Fall des Eisernen Vorhangs. Bürgerinnen und Bürger in ganz Europa, vereint durch den Wunsch nach Freiheit und Demokratie, begannen, die unsichtbaren und gewaltsamen Grenzen zu überwinden, die den Kontinent jahrzehntelang trennten. In einer Ansprache erinnerte der Bundeskanzler daran, dass Ungarn eine herausragende Rolle in diesem Wandel spielte. Bereits im Frühjahr 1989 zeigten die Ungarn den Mut, den Stacheldraht zu durchtrennen und ihre Grenzanlagen in Richtung Westen abzubauen.

Unvergessen bleibt das „Paneuropäische Picknick“ im Sommer 1989, als die Grenze nach Österreich für kurze Stunden geöffnet wurde und Hunderten von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern die Flucht in den Westen ermöglichte. Der Bundeskanzler betonte, dass die Ereignisse in Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern den Beginn eines umfassenden Umbruchs markierten, der zu einem vereinten Europa führte.

In seiner Rede würdigte er den Beitrag der Nachbarn in Mittel- und Osteuropa, die sich mit gewaltigem Mut für den Wandel einsetzten: Die Gewerkschafter der Solidarność in Polen, die singenden Revolutionäre in den baltischen Staaten und die entschlossenen Bürger in Ungarn und der Tschechoslowakei. Ebenso hob er die Bedeutung der Montagsdemonstrationen in der DDR hervor, bei denen die Menschen erstmals den Mut fanden zu rufen: „Wir sind das Volk“ – und später, „Wir sind ein Volk.“

Der Bundeskanzler erklärte, dass der Fall der Berliner Mauer vor 35 Jahren der glückliche Höhepunkt einer gesamteuropäischen Entwicklung war – ein Ereignis, das für Deutschland ein „Glückstag“ war und für den das Land bis heute dankbar ist. Die friedlichen Revolutionäre von damals hätten nicht nur die Mauer niedergerissen, sondern auch den Grundstein für ein geeintes, freies und demokratisches Europa gelegt.

Gerade in der heutigen, geopolitisch herausfordernden Zeit – mit den Krisen in der Ukraine, im Nahen Osten und den drängenden Themen wie Klimaschutz und Wirtschaft – sei der Zusammenhalt der Europäer wichtiger denn je. Der Bundeskanzler rief dazu auf, diese Einheit zu festigen, besonders in dem Moment, in dem die Europäische Politische Gemeinschaft und die EU-Regierungschefs sich in Budapest treffen, um ihre Zusammenarbeit weiter auszubauen.

Abschließend hob der Bundeskanzler hervor, dass die Geschichte des Herbstes 1989 verdeutliche, wie wichtig es sei, zusammenzustehen. Nur durch Zusammenarbeit, für Frieden, Freiheit, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit, könne Europa als starkes und geeintes Ganzes bestehen. Er erinnerte daran, dass die Freiheit, die Europa heute genieße, kein Selbstverständnis sei. Die Botschaft von 1989 sei heute, angesichts der aktuellen Herausforderungen, aktueller denn je: „Mut, Zuversicht und Zusammenhalt zahlen sich aus!“

Der Bundeskanzler schloss mit dem Appell, dass Europa nur gemeinsam stark sei und sich gegenseitig stützen müsse, um weiterhin ein Leuchtturm für Frieden und Demokratie in der Welt zu bleiben.

„Wir kommen wieder“ – Die DDR-Bürger und ihr Blick in den Westen | Originalaufnahmen

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Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer, die fast drei Jahrzehnte lang Menschen voneinander getrennt hatte, endgültig geöffnet. Eine neue Reiseregelung, die an diesem Abend überraschend verkündet wurde, führte dazu, dass DDR-Bürger*innen nun ohne Hindernisse in den Westen reisen durften. Die Nachricht verbreitete sich rasch, und immer mehr Menschen strömten zu den Grenzübergängen, was zu chaotischen und bewegenden Szenen führte.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November versammelten sich unzählige Ost-Berliner*innen an Übergängen wie der Oberbaumbrücke und dem Checkpoint Charlie. Viele waren voller Freude und Unglauben, endlich Freunde und Familienmitglieder im Westen sehen zu können. Einige hatten jahrelang von dieser Freiheit geträumt. Während die Menschen ihre Papiere vorzeigten und durch die Grenzkontrollen strömten, sprachen Reporter mit den euphorischen Reisenden. Der Wunsch, den Westen zu besuchen, war groß – doch die meisten betonten, dass sie nur für einen kurzen Besuch dorthin wollten und bald wieder in die DDR zurückkehren würden.

Die Berichte aus der Zeit, etwa von Elf 99, zeigen die Menschen in ihren alltäglichen Rollen: Hausfrauen, Arbeiter*innen und Jugendliche, die alle für kurze Zeit in die Freiheit eintauchen wollten. Viele hatten ihre Familien im Osten zurückgelassen und planten nur einen kurzen Abstecher, um „drüben“ zu schauen, was so lange unerreichbar gewesen war. Die Menschen waren von der Symbolkraft des Moments ergriffen und hofften auf eine Zukunft mit mehr Freiheit und ohne die Grenzen, die sie seit Jahrzehnten eingeschränkt hatten.

Der 9. November 1989 markierte einen historischen Wendepunkt, der nicht nur die deutsche Geschichte, sondern die Welt veränderte. Die Berliner Mauer, Symbol des Kalten Krieges, war gefallen – und mit ihr eine Grenze, die Menschen jahrzehntelang getrennt hatte.

„Wir sind das Volk“ – Ein packendes DDR-Drama über Flucht, Widerstand und das Ende der Teilung

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Der Fernsehfilm „Wir sind das Volk“ (2008), unter der Regie von Thomas Berger und nach dem Drehbuch von Silke Zertz, ist ein emotional aufgeladenes Drama, das die dramatischen Schicksale im geteilten Deutschland nachzeichnet. Die Handlung umkreist die brutale Realität der Berliner Mauer, die über 28 Jahre Familien und Freunde trennte und Menschen zwischen Anpassung und Widerstand zwang.

Im Zentrum des Films steht Andreas Wagner, der nach einem riskanten Fluchtversuch in den Westen gelangt. Er arbeitet dort für das Fernsehen, um das Leid in der DDR publik zu machen. Katja, seine Lebensgefährtin, unternimmt Jahre später einen eigenen Fluchtversuch mit ihrem Sohn Sven, der sie in ein ungarisches Krankenhaus und schließlich in die gefürchtete Untersuchungshaft Hohenschönhausen führt. Dort wird sie von Stasi-Offizier Schäfer verhört, um Informationen über Andreas zu erlangen. Die bedrückenden Haftbedingungen, die erniedrigenden Verhörmethoden und die psychische Gewalt werden ungeschönt dargestellt und lassen den Zuschauer die Unerträglichkeit des DDR-Gefängnissystems mitempfinden.

Neben Katjas Geschichte zeigt der Film verschiedene Formen des Widerstands, etwa Katjas Bruder Micha, der heimlich Videos in den Westen schmuggelt, und Jule, die sich den Straßenprotesten anschließt. Diese Nebenstränge bieten einen Einblick in die zunehmende Opposition innerhalb der DDR-Gesellschaft und bereichern das Porträt einer Bevölkerung, die auf den Umbruch hinarbeitet.

Der Film wird für seine Authentizität und die schonungslose Darstellung der Stasi-Gefängnisse gelobt. Kritiker wie Peter Zander („Welt“) und Christian Buß („Spiegel“) heben besonders die realistischen Gefängnisszenen hervor, die anders als in früheren Filmen keine „romantisierende Überhöhung“ zeigen. „Wir sind das Volk“ macht auf eindringliche Weise deutlich, wie sehr das Fernsehen und die mediale Präsenz die gesellschaftliche Wahrnehmung und die Ereignisse rund um den Mauerfall beeinflussten.