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Schwarze Pumpe: Vom DDR-Energiegiganten zur Suche nach der Zukunft in der Lausitz

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Einst war es das Herz der Energieversorgung der DDR, ein Ort, der fast das gesamte Land mit Strom, Briketts und Gas aus Braunkohle belieferte und damit eine einzigartige Stellung in Europa einnahm. Heute steht in Schwarze Pumpe das höchste Gebäude Brandenburgs, das Braunkohlekraftwerk, gelegen in der Lausitz zwischen Spremberg und Hoyerswerda. Dieses Areal, ein Relikt des fossilen Zeitalters, ist nicht nur ein Ort der Industriegeschichte, sondern auch Zeuge immenser Umweltbelastungen und erzählt die Geschichte eines Aufbruchs, der Tausende Menschen in die Lausitz lockte und für eine Atmosphäre sorgte, die als „Wildwest tief im Osten“ beschrieben wird.

Der Schatz unter den Kiefern
Im Mai 1955 wurde ein Fremder durch die endlosen Kiefernwälder der Lausitz chauffiert. Sein Ziel: ein Gasthaus in der Trattendorfer Heide. Was für den Besucher, den DDR-Minister für Schwerindustrie Fritz Selbmann aus Berlin, wie eine „Kieferneinöde“ wirkte, barg einen Schatz: Braunkohle. Mit der Teilung Deutschlands war der Zugang zur Steinkohle aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland blockiert, und Importe reichten nicht aus. Die DDR-Regierung plante hier ein riesiges Energiekombinat, samt gigantischer Tagebaue, das förmlich aus dem Boden gestampft werden sollte. Aus Braunkohle sollten erstmals in einem integrierten Werkskomplex nicht nur Briketts, sondern vor allem Strom, Gas und Koks erzeugt werden. Dies war von entscheidender Bedeutung, da es in Ostdeutschland keinen hochofenfähigen Koks gab, der ohne Stahl keinen Aufbau ermöglichte.

Der Name des Werkes stammt von eben jenem Gasthaus „Schwarze Pumpe“, in dem Minister Selbmann 1955 abstieg und mit Einheimischen ins Gespräch kam, um die großen Pläne vorzustellen. Bald zog der Aufbau des geplanten Energiegiganten in das Gasthaus ein.

Gigantische Dimensionen und harte Arbeit
Das Großvorhaben kostete die DDR in den kommenden Jahren 1,1 Milliarden Mark. Drei Baustufen waren geplant. Günther Seifert, der 1961 als Student die Riesenbaustelle besuchte und später dort arbeitete, war tief beeindruckt: Die Dimensionen waren gewaltig, das Werksgelände 6 km lang und 3 km breit. Man spürte, dass hier Zukunft aufgebaut wurde.

In nicht einmal 10 Jahren entstanden drei Brikettfabriken, drei Großkraftwerke, eine Aufbereitungsanlage für Braunkohlen-Hochtemperaturkoks und ein Werk für die Produktion von Stadtgas. Doch die Bauzeit war viel zu knapp bemessen, es gab Verzögerungen und Probleme mit den Veredlungstechnologien. Günther Seifert begann 1963 im Alter von nur 28 Jahren als Hauptabteilungsleiter im Gaswerk, konfrontiert mit einem Generalproblem: Die Technologien waren alle nicht erprobt. Die Vorbereitungszeit von 1955 bis zur Inbetriebnahme des Gaswerkes 1964 hatte als Entwicklungszeit nicht ausgereicht. Der physische Einsatz Tag und Nacht war gefordert. Der Jahrhundertwinter 1963 mit Dauerfrost erschwerte die Arbeiten zusätzlich.

Das Gaswerk, fertiggestellt im Frühjahr 1964, sollte fast das Gesamtaufkommen der DDR an Stadtgas aus Braunkohle produzieren. Gasleitungen wurden im ganzen Land verlegt, der Termindruck und die Erwartungen waren gewaltig. Zweifel am Gelingen waren nicht erlaubt; die junge DDR brauchte Erfolge und wollte Heldengeschichten schreiben. Arbeiter, deren Hände dies ermöglichten, erhielten staatliche Auszeichnungen, da sie halfen, die DDR trotz fehlenden Ruhrgebietes zu einem hoch entwickelten Industriestaat zu machen.

Ein Mythos und seine Schattenseiten
Der Cottbuser Fotograf Erich Schutt dokumentierte über Jahrzehnte den Aufbau und das Arbeitsleben, setzte den Menschen, die hier unter Anstrengungen und Entbehrungen lebten und arbeiteten, ein Denkmal. So entstand der Mythos Schwarze Pumpe – einer neuen Welt mit sozialistisch arbeitenden, lebenden und lernenden Menschen.

Dieser Mythos bekam jedoch Risse. Der DEFA-Film „Spur der Steine“ (1966) zeigte eine kritische Sicht auf die Aufbaujahre, die Planwirtschaft wurde kritisch aufs Korn genommen, was zum Verbot des Films führte. Manfred Krug verkörperte als Brigadier Baller einen Arbeiter, der bei den DDR-Oberen auf Ablehnung stoßen musste, auch wegen der nicht seltenen Ausschweifungen und nächtlichen Exzesse. Die Kneipen in Spremberg und Hoyerswerda waren gut gefüllt, der hart verdiente Lohn wurde in Bier und Schnaps umgesetzt.

Gutes Geld und neuer Wohnraum lockten die meisten Menschen an. In Hoyerswerda entstand ab 1957 eine ganz neue Stadt aus Plattenbauten, die vom 7.000-Einwohner-Ort zum städtebaulichen Experimentierfeld wurde. Man baute schnell, um die Stadt wachsen zu lassen, und bis in die 80er Jahre entstand Wohnraum für mehr als 70.000 Menschen. Ein besonderer Standard waren zum Beispiel fernbeheizte Wohnungen mit warmem Wasser aus der Wand und Aufzügen.

Landschaftszerstörung und Umweltprobleme
Doch Schwarze Pumpe schuf nicht nur Existenzen, sondern zwang auch viele, Haus und Hof zu verlieren. Das Werk benötigte Unmengen an Braunkohle; die Fördermenge mehr als verdoppelte sich allein von 1955 bis 1960. Felder, Wald und Dörfer mussten neuen Tagebauen weichen. Besonders betroffen war das angestammte Siedlungsgebiet der Sorben, deren Sprache und Kultur erheblich unter der Energiepolitik der DDR litt. Bis 2006 verschwanden mehr als 135 Gemeinden in der Lausitz durch den Bergbau, ein Großteil im sorbischen Siedlungsgebiet.

Schwarze Pumpe entwickelte sich zu einem der größten Umweltverschmutzer der DDR. Reiner Großer, der Anfang der 80er Jahre in Sprewitz (ein Dorf direkt vor der Haustür des Werkes) sein Haus baute, erlebte die Luftverschmutzung als kaum auszuhalten. Es kam sehr viel Kohlenstoff herunter, der mit Wasser von Flächen und Wänden abgewaschen werden musste – die Wasserkosten übernahm Schwarze Pumpe.

Ein weiteres Problem war die Gasherstellung aus Braunkohle mittels Druckvergasung. Obwohl das Verfahren technisch weiterentwickelt wurde, verursachte die Lausitzer Kohle riesige Staubmengen. Ein handfestes Problem war der anfallende Teerschlamm. Der Platz für Teerdeponien auf dem Werksgelände reichte nicht, und bis zu 700.000 Tonnen Teer mussten im Umland als Teiche gestapelt werden. Dies verursachte einen riesigen Gestank, eine Gefahr für das Grundwasser und beeinträchtigte die umliegenden Dörfer wie Sprewitz, Terpe und Zerre, die bald als das „schwarze Dreieck“ bezeichnet wurden. Reiner Großer beschreibt den Geruch im Sommer als so stark, als würde man neben einer Asphaltmaschine laufen.

Zusätzlich fuhr das Werk Ende der 70er Jahre immer öfter auf Verschleiß, um für marode Energiewerke anderswo einzuspringen. Filter, die für 17 Tonnen Durchlass ausgelegt waren, wurden mit 22-23 Tonnen belastet. So gingen pro Stunde etwa 8 Tonnen Staub übers Dach weg, was auf 100.000 Tonnen Kohle pro Jahr hochgerechnet wurde, die in die Umwelt gelangten. Dies war nicht zu verbergen: Hoyerswerda hatte eine der höchsten Sterberaten an Lungenkrebs in der DDR. Zwar lag die Stadt auf der windabgewandten Seite, doch die Dörfer Sprewitz, Terpe und Zerre waren direkt betroffen, da der Dreck meistens nach Osten ging.

Reiner Großer hielt nicht den Mund, legte sich als Gemeinderatsvertreter mit den Werksdirektoren an und stritt für Umweltschutz, Wasser- und Reinigungsgeld für die Anwohner. Obwohl ihm Wirtschaftsspionage nachgesagt wurde, konnte er im Werk bleiben, wenn auch unter Beobachtung.

Katastrophe und Neuanfang
Die fatale Ignoranz gegenüber der Umwelt und auch hinsichtlich der Sicherheit führte zu einer explosiven Mischung. Am 22. Februar 1982 ereignete sich im Gaswerk von Schwarze Pumpe eines der schlimmsten Unglücke der DDR-Industriegeschichte: eine Explosion nie dagewesenen Ausmaßes. Riesige Gasmengen traten aus; wäre eine Zündquelle vorhanden gewesen, hätte es eine Katastrophe für die Energieversorgung der DDR bedeutet. Die Werksfeuerwehr, eine der größten der DDR, stand vor der Herausforderung, nicht nur Menschenleben, sondern auch die Energieversorgung zu retten. Unter Einsatz aller Kräfte konnte die Gasversorgung durch die verbliebenen Anlagen in wenigen Tagen wiederhergestellt werden. Der anfängliche Verdacht auf Sabotage bestätigte sich nicht; die Katastrophe hatte eine technische Ursache.

Trotz aller Umweltprobleme stand das Werk auch für innovative Verfahren. Um die Teerprobleme zu lösen, entwickelten Ingenieure mit sowjetischen Kollegen ein bahnbrechendes Verfahren: die Staubdruckvergasung. 460 Millionen Mark wurden aus den eigenen Finanzen investiert, um diesen „Befreiungsschlag“ zu erreichen, bei dem Teere und Öle aus den Abprodukten verschwanden. Die Technologie wurde Mitte der 80er Jahre in Angriff genommen, konnte ihre Umwelteffekte aber nicht mehr ausspielen, da mit der Wende die Braunkohleindustrie im Osten abgewickelt wurde. Der Siemens Konzern kaufte die Lizenzen für einen symbolischen Betrag, und heute laufen solche Generatoren in China zur Benzinerzeugung aus Kohle.

Das Ende einer Ära und die Suche nach dem Strukturwandel
Obwohl Schwarze Pumpe bis zur Wende als Vorzeigebetrieb galt, kam mit der Marktwirtschaft das Aus für die Kohleveredlung. Westdeutsche Energiekonzerne führten die Stadtgasproduktion aus Braunkohle nicht weiter. Die Braunkohleförderung wurde massiv zurückgefahren, viele Beschäftigte kamen in der Sanierung unter. Der Rückbau verschlingt bis heute über 12 Milliarden Euro. Die Ironie: Diejenigen, die das Werk aufbauten, übernahmen den Abriss, da sie sich am besten auskannten. Zunächst wurden die jüngeren, oft leistungsfähigen Mitarbeiter entlassen, auch über Sozialauswahl, was bei vielen schmerzlich war.

Kraftwerke und Brikettfabriken wurden gesprengt, um Investoren eine grüne Wiese anzubieten. Die spektakulären Sprengungen wurden von den einst stolzen Kumpeln mit einer Mischung aus Faszination und Trauer verfolgt.

Auch in Hoyerswerda schlug sich der Abbruch nieder. Die Einwohnerzahl sank in 10 Jahren von 75.000 auf 33.000. Die einst stolze Vorzeigestadt wurde zum sozialen Pulverfass, und rechtsextreme Ausschreitungen machten Schlagzeilen. Spremberg hatte ebenfalls Probleme mit gewaltbereiten Neonazis.

Trotz aller Probleme versucht sich der ehemalige Energiebezirk in die neue Zeit zu retten. Es wird an der Braunkohle festgehalten und kräftig investiert: In Schwarze Pumpe entstand das damals modernste Braunkohlekraftwerk, das 1997 von Bundeskanzler Helmut Kohl als „Signal des Aufbruchs“ in Betrieb genommen wurde. Dieses Kraftwerk ist, obwohl von Liedermacher Gerhard Gundermann besungen, tatsächlich sauberer geworden.

Altlasten und neue Hoffnungen
Damit Schwarze Pumpe eine Zukunft hat, müssen die Altlasten verschwinden. Noch 30 Jahre nach Stilllegung belastet der giftige Teer aus der Braunkohleveredlung den Untergrund. Kontaminiertes Erdreich wird ausgebaggert und in einer Spezialfabrik gewaschen. Wer hätte gedacht, dass die Altlastensanierung noch Arbeitsplätze sichert?

Altlastenfreie Areale sind zwingend notwendig für die Ansiedlung neuer Betriebe. Zwischen dem neuen Kraftwerk und der Brikettfabrik hat sich 2005 eine der größten Papierfabriken Europas angesiedelt, die über 700 Menschen beschäftigt. Schwarze Pumpe will auch nach dem Kohleausstieg Energiestandort bleiben. Startups sollen im Innovationscenter andocken. Im Sommer 2021 wurden Pläne für ein Wasserstoff-Referenzkraftwerk vorgestellt, das überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in Wasserstoff speichern und bei Bedarf wieder verstromen soll – ein bis jetzt einzigartiges Pilotprojekt in Europa.

Die große Hoffnung ist, die modernen Technologien und vor allem die Qualifikationen der Menschen für die Zeit nach der Kohle zu nutzen. Unternehmen exportieren Bergbau-Know-how in die Welt. Die Verbundenheit mit dem Bergbau und die Kenntnis der Technologien sollen für Exportprojekte genutzt werden. Der Gruß „Glück Auf“ wird nur noch von wenigen gerufen, da man langsam aus der Braunkohle ausläuft und sich andere Geschäftsfelder überlegen muss.

Monika Hanke, die älteste Steigerin in Europas letzter Brikettfabrik, hat ihr ganzes Arbeitsleben in Schwarze Pumpe verbracht. Mit dem beschlossenen Kohleausstieg wird auch dieses Werk schließen. Sie hat Sozialismus, Wende und Marktwirtschaft erlebt und weiß, dass hier und jetzt eine Ära zu Ende geht. Der Ausstieg mag ihr persönlich etwas zu schnell erscheinen, aber sie kann damit umgehen.

Der Energiegigant Schwarze Pumpe hat die Landschaft radikal verändert. Die immense Luftverschmutzung gehört der Vergangenheit an, und vieles hat sich zum Besseren gewendet. In unmittelbarer Nachbarschaft des Werkes kann der Naturführer Carsten Nitsch heute Touren anbieten, da sich in ehemaligen Tagebauen eine neue Wildnis entwickelt hat. Die Narben der Braunkohleindustrie verheilen allmählich. Es braucht Zeit und Geduld, aber es passiert.

In mehr als 7 Jahrzehnten hat sich Schwarze Pumpe immer wieder neu erfunden und die Menschen in der Lausitz immer wieder aufs Neue gefordert. Die Reise geht weiter – in Richtung erneuerbare Energien und eine post-fossile Zukunft.

Vom Todesstreifen zum Grünen Band: Vogtlands Wandel seit 1989

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Vor fünfunddreißig Jahren fiel die Mauer, und das Vogtland, eine Region, die jahrzehntelang von der innerdeutschen Grenze geprägt war, erlebte einen fundamentalen Wandel. Doch während die physischen Mauern verschwanden, stellen sich heute viele die Frage: Tragen wir noch Mauern in uns? Der Transformationsprozess im Vogtland über drei bewegte Jahrzehnte war geprägt von Einbrüchen und Erfolgsgeschichten, von Euphorie und Ernüchterung, und er ist auch nach 30 Jahren noch nicht abgeschlossen.

Die Last der Vergangenheit: Ein Regime der Unterdrückung und Angst
Die DDR mauerte ihre Bürger vierzig Jahre lang regelrecht ein. Die innerdeutsche Grenze war ein Symbol für das nach innen geschlossene Gesamtsystem DDR. Wer versuchte, die Sperranlagen zu überwinden, riskierte sein Leben – Hunderte wurden an der Grenze getötet. Allein im Vogtland verlief die Grenze auf fast 1400 Kilometern. Die DDR war ein System, das auf Angst vor Verfolgung und Repressalien aufgebaut war. Schon der Gedanke an eine Flucht wurde vom SED-Regime nicht toleriert. Die Staatssicherheit (Stasi) beschäftigte allein in Plauen etwa 700 offizielle oder inoffizielle Mitarbeiter. Viele entwickelten zwei Identitäten. Dieses Regime der Unterdrückung und Angst hat viele Menschen geprägt. Wie Mario Goldstein am eigenen Leib erfahren musste, konnte selbst das Sprechen über Fluchtpläne innerhalb des Freundeskreises schwerwiegende Folgen haben und das Vertrauen missbrauchen. Der Dienst bei den Grenztruppen konfrontierte die Soldaten direkt mit der unmenschlichen Härte des Systems. Jörg Schneider, 1986 zu den Grenztruppen einberufen, lehnte den Gedanken ab, auf Menschen zu schießen.
In den 1980er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der DDR drastisch – der totale Bankrott schien nur eine Frage der Zeit. Auch die einst blühende Textilindustrie im Vogtland, bekannt für die weltbekannte Plauener Spitze und ein wichtiges Devisenbringer für die DDR, litt unter veralteten Produktionsmethoden und Mangelwirtschaft. Die steigende Abwanderung von Fachkräften verschärfte die Probleme in allen Bereichen. Für den Großteil der Bevölkerung war nicht ersichtlich, wie schlecht es der Wirtschaft wirklich ging.

Der friedliche Herbst 1989 und die Hoffnung auf Einheit
Im Herbst 1989 entlud sich, was sich über 40 Jahre aufgestaut hatte. Als Anfang Oktober die Züge mit Flüchtlingen aus Prag durch das Vogtland fuhren, war die Stimmung aufgeheizt. Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, gingen in Plauen erstmals Tausende für Freiheit und Demokratie auf die Straße. Trotz des Einsatzes von Wasserwerfern gelang es der Staatsmacht nicht, die Menge aufzulösen. Ein Demonstrationszug mit mindestens 15.000 Menschen bildete sich. Dank der Vermittlung von Superintendent Thomas Küttler zwischen Demonstranten und Staatsmacht blieb die Situation friedlich. In Plauen gelang das Unfassbare: Die Staatsmacht lenkte ein und signalisierte Gesprächsbereitschaft. Bürger, angeführt von Superintendent Küttler, formierten die „Gruppe der Zwanzig“, die zum Sprachrohr der neuen Bürgerbewegung im Vogtland wurde und schnell politische Forderungen stellte.

Mit dem Fall der Mauer im November 1989 strömten Tausende in den Westen. Im Vogtland wurde der Wunsch nach der Einheit Deutschlands besonders früh ausgedrückt: „Deutschland einig Vaterland“ war die zentrale Forderung auf den Demonstrationen in Plauen. Die Richtung war klar: So schnell wie möglich Westgeld, so schnell wie möglich deutsche Einheit. Die Euphorie auf ein besseres Leben überwog.

Transformation, wirtschaftlicher Bruch und neue Mauern
Ein Meilenstein auf dem Weg zur Einheit war die Währungsunion. Die Einführung der D-Mark führte dazu, dass die Läden über Nacht leer waren, da die Menschen Westgeld in der Hand hatten und einkaufen wollten. Die Wirtschaft der DDR musste sich 1990 völlig neu ausrichten. Doch einen volkswirtschaftlichen Gegenwert für die D-Mark gab es in der Ostwirtschaft noch nicht.

Für das Vogtland kam erschwerend der Einbruch eines gigantischen Industriezweigs hinzu. Die Textilindustrie, die Tausenden Arbeit gegeben hatte, wurde weitgehend abgebaut und liquidiert. Nur wenige Betriebe konnten sich am neuen Markt etablieren, darunter teilweise die Plauener Spitze, die jedoch weiterhin mit angespannten Marktbedingungen und Investitionsbedarf kämpft. Viele Betriebe waren durch 40 Jahre Planwirtschaft ausgebeutet. Der Einbruch der Industrie hinterließ Narben und Industrieruinen. Bis heute lebt im Plauen eine Generation, die seit der Wende nicht mehr gearbeitet hat.

Nach der Wiedervereinigung versprach die Politik „blühende Landschaften“, doch der Weg dorthin erwies sich als Herausforderung ohne Beispiel. Viele stellten es sich leichter vor. Ansiedlungen von Industrie, wie die Ansiedlung des Neoplan Omnibus GmbH Werks in Plauen als eine Erfolgsgeschichte, gab es zwar, doch oft blieben der Osten und das Vogtland in der Wahrnehmung vieler ein „Billiglohnland“ für die Wirtschaft im Westen. Infrastruktur und Bausubstanz, die 40 Jahre DDR-Regime hinterlassen hatten, waren teils stark sanierungsbedürftig. Private Investoren und Förderprogramme führten zu einem Sanierungsboom, doch ein Konzept ging nicht immer auf: Zehn Jahre nach dem Umbruch standen beispielsweise in Plauen 12.000 Wohnungen leer.

Gegenwart: Unzufriedenheit, Ostalgie und die Suche nach Freiheit
Auch 30 Jahre nach dem Umbruch existiert bei vielen eine Stimmung der Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit. Der Glaube an die neu errungene Demokratie gerät bei einigen ins Wanken. Es ist bis heute nicht gelungen, ein im Herzen geeintes Deutschland zu schaffen. Viele fühlen sich als Ostdeutsche benachteiligt und nicht genügend anerkannt. Es gibt immer noch ein Ost-West-Gefälle, auch in der Denkweise.

Besorgniserregend ist die Zunahme rechter Tendenzen und die Bereitschaft, rechtspopulistisch oder extrem zu wählen. Expertenthesen sehen einen Zusammenhang zwischen rechter Szene und der DDR-Vergangenheit. Laut Ines Geipel hat sich Deutschland mit der Geschichte einer doppelten Diktatur nicht ausreichend auseinandergesetzt. Sie meint, der Osten mache sich erneut zum politischen Opfer und lasse sich missbrauchen, indem er sehenden Auges in eine Art „totalen Einschluss“ oder „eigenen Käfig“ laufe – eine Inszenierung einer eingeschlossenen DDR-Geschichte. Aufarbeitung der Vergangenheit wird als Lösungsansatz gesehen, doch das bedeute, Vergangenes zu einem Teil von sich selbst zu machen, und diese Energie aus dem diktatorischen Sozialismus sei noch nicht aufgelöst. Solange man das nicht anschaue, bestehe die Gefahr, dass es über Generationen beigetragen werde.

Manche sehen heute im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat nicht selten nur noch das vermeintlich Gute und sagen „Es war nicht alles schlecht“. Dies birgt die Gefahr der Geschichtsklitterung und behindert den Weg, auf dem Westen und Osten zusammenfinden und das suchen, was verbindet. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, welches System hinter uns liegt und wofür 1989 gekämpft wurde: Freiheit und Demokratie. Die Verklärung der DDR durch Ostalgie vernebelt die Sicht auf das, was wirklich gequält hat. Steffen Kollwitz, der 1989 für freie Meinungsäußerung kämpfte, empfindet es als schmerzhaft, wenn heute behauptet wird, es gebe keine Meinungsfreiheit mehr und die Situation sei genauso schlimm wie früher – es sei kein Vergleich und man sollte aufhören, die heutige Zeit mit damals zu vergleichen.

Die Transformation ist ein Prozess, der Jahrzehnte braucht. Der Prozess ist schwierig und wird sich wohl noch hinziehen. Es ist ein riesiges Glückskapital, dass wir 1989 eine friedliche Revolution hatten und eine Demokratie errungen haben. Doch Demokratie ist kein Selbstläufer. Man muss sich engagieren, um zu verhindern, dass wir wieder in eine neue Diktatur rutschen. Es geht darum, die tiefsitzenden Mauern in uns selbst niederzureißen und unser Land als eines zu sehen.

Die jüngeren Generationen werden damit wohl kaum noch Probleme haben. Für diejenigen, die die Zeit erlebt haben, ist die Aufarbeitung, das bewusste Hinschauen auf die Vergangenheit, entscheidend. Wie Mario Goldstein feststellte, kann die Suche nach Freiheit und Glück heute auch bedeuten, nicht wegzulaufen, sondern im Hier und Jetzt nach innen zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit kostet, aber notwendig ist, um die Mauern in uns selbst zu überwinden und wirklich frei zu sein.

Die Ostsee in der DDR: Zwischen Urlaubsidylle und streng bewachter Grenze

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Für viele Menschen in der DDR war die Ostsee das Sehnsuchtsziel schlechthin. Jeden Sommer schien „die ganze DDR in Richtung Ostsee zu streben“. Sie verkörperte den Traum von Sommer, Sonne und Ferien. Doch die Küste war weit mehr als nur ein Urlaubsort – sie war auch ein wichtiger Wirtschaftsraum und eine streng gesicherte Grenze, die sowohl Idylle als auch Bedrückung symbolisierte.

Der jährliche Sommerurlaub an der See war begehrt. Wer Glück hatte, erhielt über seinen Betrieb einen der begehrten FDGB-Ferienplätze. Andere nutzten betriebseigene Ferienheime. Allerdings war dies nicht jedermanns Sache, da man riskierte, sogar mit dem Chef am Mittagstisch sitzen zu müssen. Viele bevorzugten daher das Campen, das für ein Gefühl von Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit stand.

Die Ostsee und das Meer im Allgemeinen hatten für viele Menschen in der DDR einen besonderen Reiz, der mit der Sehnsucht nach der „großen Reise“ verbunden war. Diese Sehnsucht nach der weiten Welt blieb für die meisten jedoch ein Wunschtraum. Souvenirs, wie sie auch in einer Sonderausstellung zu finden sind, zeugten von dieser unerfüllten Sehnsucht.

Doch die Ostsee war nicht nur Urlaubsparadies und Sehnsuchtsort. Sie war auch ein bedeutender Wirtschaftsraum für die DDR. Rostock spielte hier eine zentrale Rolle mit seiner Werftindustrie und der Hochseefischerei, die wesentlich zur Versorgung der Bevölkerung beitrug.

Gleichzeitig war die Ostseeküste eine sensible Grenzregion, die besonders gesichert werden musste. Sie stellte die Frontlinie zwischen NATO und Warschauer Pakt dar. Täglich überflogen Kampfbomber vom Typ Suchoi 22 der Nationalen Volksarmee die FKK- und Textilstrände auf Rügen, Binz und Usedom.

Die Küste war zudem die Grenze der DDR, an der die Staatsmacht stets befürchtete, dass Menschen versuchen würden, ihr Land zu verlassen. Es gab tragische Fluchtversuche; in den kalten Wintern der 60er-Jahre versuchten manche, über das Eis zu entkommen. Sogar der letzte bekannte DDR-Flüchtling ertrank in der Lübecker Bucht.

Die Ostseeküste verkörpert somit in der Geschichte der DDR einen tiefen Widerspruch: Sie steht für die Urlaubsidylle, die schönen Erinnerungen und die Sehnsucht nach Freiheit, aber auch für die Beschränkungen, Bedrückungen und die allgegenwärtige Grenzsituation. Diese Dualität macht sie zu einem faszinierenden Thema für eine Sonderausstellung.

Archivfund offenbart: Seltene Prototypen in Zwickauer Halle entdeckt

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Ein unerwarteter Archivfund hat kürzlich das Licht der Öffentlichkeit erblickt: Aufnahmen, die bereits vor acht Jahren entstanden sind, dokumentieren eine bemerkenswerte Entdeckung in einer Halle in Zwickau. Die Videoaufnahmen, die im Rahmen des 19. itt in Zwickau im Jahr ihrer Entstehung gemacht wurden, zeigen eine Ansammlung von Fahrzeugen, die vom Entdecker als „einige interessante Prototypen“ beschrieben werden und einen faszinierenden Einblick in möglicherweise wenig bekannte Kapitel der Fahrzeugentwicklung gewähren.

Bei der Erkundung der Halle stieß man unter anderem auf das Trabantmodell 1.1 E. Hierbei ist die Bezeichnung „E“ nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, ein Hinweis auf einen Elektroantrieb, sondern kennzeichnet eine „Weiterentwicklungsstufe“ des bekannten Trabant. Besonders bemerkenswert an diesem Modell ist offenbar sein Design. Die Quelle deutet an, dass die Meinungen auseinandergehen, wenn es um die Frage geht, ob dieses Fahrzeug in dieser Form hätte gebaut werden sollen – „da scheiden sich die Geister“.

Neben dem Trabant-Prototyp war auch ein Kübelwagen zu sehen. Dieser Fahrzeugtyp ist insbesondere durch seinen Einsatz bei den Grenztruppen bekannt. Der in den Aufnahmen gezeigte Wagen präsentiert sich nach Ansicht des Entdeckers in einem „guten Zustand“ und wird als „sehr hübsches Fahrzeug“ bezeichnet.

Ein Highlight der Sammlung stellte zweifellos ein weiteres Fahrzeug dar, das als besonders „spektakulär“ hervorgehoben wird: Ein originaler 1.1 Kübelwagen. Die Authentizität und historische Bedeutung dieses Wagens wird durch die Information unterstrichen, dass er „sogar bei den Grenztruppen zugelassen oder man wollte den zulassen“. Dies sei am Kennzeichen erkennbar. Das Fahrzeug wird enthusiastisch als „wirklich ein tolles Auto“ gelobt. Die Existenz eines solch originalen Modells mit direktem Bezug zu den Grenztruppen scheint von besonderem Interesse für Kenner der Automobilgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik zu sein.

Für Freunde historischer Fahrzeuge gibt es die gute Nachricht, dass der erwähnte originale 1.1 Kübelwagen heute zugänglich ist. Er befindet sich laut der vorliegenden Informationen derzeit im Fundus des August Horch Museums in Zwickau. Dies sichert das Fahrzeug für die Nachwelt und ermöglicht Interessierten, dieses seltene Exemplar selbst zu besichtigen, auch wenn die genauen Umstände seiner Entdeckung und seines Weges ins Museum in der vorliegenden Quelle nicht weiter ausgeführt werden.

Die Entdeckung dieser Fahrzeuge, dokumentiert in den nun wiedergefundenen, acht Jahre alten Aufnahmen, bietet somit einen wertvollen Einblick in die Existenz seltener Prototypen und spezifischer, historisch relevanter Fahrzeugmodelle in Zwickau. Sie zeigt Entwicklungsschritte des Trabant sowie die Existenz besonderer Varianten wie des originalen 1.1 Kübelwagens, dessen Geschichte bis zu den Grenztruppen reicht und der nun Teil einer bedeutenden Museumssammlung ist. Der Archivfund wirft ein Licht auf verborgene Schätze der Automobilgeschichte in der Region und erinnert an die Vielfalt und die unentdeckten Geschichten, die oft in Archiven oder unscheinbaren Hallen schlummern. Die Aufnahmen dienen als Beleg für diesen spannenden Fund, der damals im Rahmen einer Veranstaltung zur Automobilgeschichte Zwickaus gemacht wurde.

Sachsens Spagat beim Windkraftausbau: Zwischen bundesweiten Zielen und lokalem Widerstand

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Windräder sind nicht nur ein prägender Anblick in der Landschaft, sondern sorgen auch politisch für intensive Diskussionen. Vergangenen Freitag befasste sich der Ausschuss für Umwelt und Energie in Sachsen mit den Herausforderungen und möglichen Lösungen für die gesetzten Windkraftflächenziele. Der Druck auf den Freistaat wächst, denn der Bund schreibt vor, dass bis 2032 2% der Landesfläche für Windkraft ausgewiesen werden müssen. Derzeit liegt Sachsen jedoch bei lediglich 0,3%.

Um das vorgegebene Ziel zu erreichen, hat Sachsen das bundesweit geltende Schlussziel von 2,0% bereits auf Dezember 2027 vorgezogen – eine vorfristige Erfüllung um fünf Jahre. Dieses ehrgeizige Ziel bedeutet, dass derzeit intensiv nach neuen Flächen gesucht wird, auch in Regionen, die bisher unberührt blieben.

Alle Träger der Regionalplanung in Sachsen sind dabei, ihre Planwerke durch Teilverschreibungen auf diese Zielstellung auszurichten. Die Region Leipzig-Westsachsen hat beispielsweise eine erste Anhörungsrunde dazu absolviert und dabei über 1000 Einwendungen erhalten. Aktuell befindet sich die Region in der Offenlegungsphase der konkreten Flächen. Es wird betont, dass es größte Anstrengungen erfordert hat, die 2,0% Flächen für den Planentwurf nachzuweisen.

Die politischen Parteien im sächsischen Landtag haben unterschiedliche Ansätze. Die Fraktionen von CDU und SPD wollen den Ausbau nicht stoppen, sondern ihn praktikabler gestalten. Ihr Gesetzentwurf setzt auf mehr Zeit für die Planung und einen Abbau von Bürokratie. Um die Akzeptanz vor Ort zu stärken, schlagen sie eine zusätzliche finanzielle Beteiligung von Einwohnerinnen und Einwohnern im Umkreis von bis zu 2500 Metern um eine Windenergieanlage vor, zusätzlich zur Beteiligung der Kommunen. Diese Ausweitung der Beteiligungsmöglichkeiten wird als tragfähiger und zukunftsorientierter Ansatz zur Stärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz gesehen.

Die AfD verfolgt hingegen das Ziel, den Ausbau der Windkraft auszubremsen und neue Anlagen möglichst zu verhindern. Allerdings wird darauf hingewiesen, dass der Windenergieausbau weitgehend bundesrechtlich vorgegeben ist und aus Landesperspektive grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden kann – es gehe vielmehr um Detailfragen.

Das Thema Windkraftausbau stößt vielerorts auf Widerstand. Sorgen um Natur, Lärm, den Wert von Grundstücken oder fehlende Mitsprache bei der Planung sind Gründe für den Unmut. Dieser Unmut wird auch von politischen Akteuren aufgegriffen. Die rechtsextreme Gruppierung Freie Sachsen organisierte beispielsweise gezielt Protestaktionen gegen Windkraftprojekte, um neue Anhänger zu gewinnen.

Doch trotz der Proteste und kontroversen Debatten wird die Grundzielrichtung zum Ausbau der erneuerbaren Energien von den Expertinnen und Experten größtenteils nicht in Frage gestellt. Es gehe vielmehr darum, eine Nachjustierung des bestehenden gesetzlichen Regelungswerkes vorzunehmen, um die Praktikabilität und Akzeptanz in der Bevölkerung zu verbessern.

Der Ausbau der Windkraft ist und bleibt ein zentraler Bestandteil der sächsischen Energiepolitik und wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Lehde im Spreewald: Eine Kahnfahrt ins Grüne Venedig

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Lehde, oft als das „Grüne Venedig“ bezeichnet, ist ein malerisches Dorf mitten im Spreewald, das Besucher mit seinem einzigartigen Charme verzaubert. Weit entfernt von Autolärm und Hektik ist hier der Kahn das wichtigste Fortbewegungsmittel. Eine Kahnfahrt durch die idyllischen Kanäle bietet eine entspannte Möglichkeit, das Dorfleben und die umliegende Natur zu erleben. Anbieter für Kahnfahrten gibt es viele; die Phototravellers.de-Redaktion empfiehlt Spreewald Wenzke. Eine solche Fahrt kostet 14 Euro pro Person.

Die Kahnfahrt führt durch ein Gewirr von Kanälen, die teilweise an Mangrovenwälder erinnern, gesäumt von unzähligen Brücken und gepflegten Häusern mit Reetdächern. Die Landschaft ist idyllisch, mit blühenden Seerosen und zwitschernden Vögeln im Sommer. Wer früh startet, hat die Kanäle noch fast für sich allein, denn ab etwa 11 Uhr startet die „Touristen-Maschinerie“, und es kann eng werden auf dem Wasser.

Leben auf der Insel: Alles kommt mit dem Kahn
Mit nur 150 Einwohnern und 50 Gehöften ist Lehde ein überschaubarer Ort. Doch viele Häuser sind nicht mit dem Auto erreichbar. Deshalb prägt der Kahn den Alltag: Einkäufe werden an eine Verladestelle gebracht und dann per Kahn zum Haus transportiert. Auch die Post kommt von April bis Oktober mit dem Kahn; im Winter ist der Postbote zu Fuß unterwegs. Sogar die Kinder fahren mit dem Kahn zur Schule, bevor ihr eigentlicher Schulweg beginnt. Die Müllabfuhr erfolgt ebenfalls per Kahn.

Früher war auf fast jedem Hof Landwirtschaft. Heute gibt es nur noch zwei Höfe, die Rinder halten. Selbst der Transport der Kühe zu ihren Weiden erfolgt per Kahn – die Tiere kennen das und haben kein Problem damit. Schafe werden ebenfalls so befördert. Neben Rindern und Schafen kann man bei einer Kahnfahrt auch Hängebauchschweine und Kamerunschafe entdecken, und mit etwas Glück sogar Wildtiere wie Rehe, Wildschweine und Rotwild.

Tradition und Sehenswürdigkeiten entlang des Wassers
Während der Fahrt passiert man verschiedene Sehenswürdigkeiten. Das Gurkenmuseum, das die Geschichte des Gurkenanbaus und anderer früher angebauter Produkte wie Meerrettich und Kartoffeln zeigt, liegt direkt am Kanal und verfügt auch über eine Gaststätte. Der Gurkenanbau war früher harte Arbeit; die Erntezeit beginnt Ende Juni. Ein riesiges Gurkenfass, in dem man sogar übernachten kann, steht in einem Garten.
Ein zentraler Anlaufpunkt ist das Wirtshaus zum fröhlichen Hecht. Hier befindet sich das bekannte Freilandmuseum Lehde. Das Museum zeigt das Waschen wie früher und ermöglicht Einblicke in aufbereitete Wohnhäuser. Hier kann man sehen, wie die Menschen früher lebten, mit Details wie Holzdielenböden bei wohlhabenden Familien oder niedrigeren Decken und Türstöcken. Auch alte landwirtschaftliche Geräte, Feuerwehr-Gerätschaften und sogar der Bau der Kahne werden im Museum gezeigt.

Entlang der Kanäle finden sich weitere Cafés, bei denen man aussteigen und später mit einem anderen Kahn weiterfahren kann. Fischkästen zur Lebendaufbewahrung von Fischen sind ebenfalls am Rand der Kanäle zu sehen. Neben dem Kahn kann man die Kanäle auch mit dem Kajak oder dem Stand Up Paddle erkunden, wobei auch hier gilt: morgens ist es am ruhigsten. Für Kajakfahrer gibt es bestimmte Vorschriften.

Winterzauber und besondere Details
Auch im Winter hat Lehde seinen Reiz. Wenn die Kanäle zufrieren – was 2013 das letzte Mal flächendeckend der Fall war – verwandelt sich der Ort in ein besonderes Eventgelände mit Glühwein, Eintopf und Gegrilltem. Was im Sommer per Kahn transportiert wird, kommt dann mit dem Schlitten über das Eis.

Weitere interessante Details entdeckt man bei der Erkundung, sei es vom Kahn oder zu Fuß nach der Tour: Ein Ortsschild, das mitten im Wasser steht, das über 300 Jahre alte, noch original erhaltene Haus, das Logierhaus, das seit 1900 Übernachtungen anbietet, oder die Feuerwehr, die ebenfalls per Kahn ausrückt. Sogar ein kleiner, früher aktiver Leuchtturm ist zu sehen. Übrigens wurde in Lehde auch der Krimi „Die Gurkenkönigin“ gedreht.

Obwohl der Ort ein Besuchermagnet ist und alles schön hergerichtet, bietet Lehde ein authentisches Erlebnis eines Lebens, das stark vom Wasser geprägt ist. Nach einer Kahnfahrt lohnt es sich, den Ort auch zu Fuß über die zahlreichen Brücken zu erkunden. Lehde ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Schätze Mitteldeutschlands: Eine Reise durch Sachsen und Sachsen-Anhalt

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Im Herzen Deutschlands offenbaren sich die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt als Schatzkammern voller Kultur, Geschichte und beeindruckender Landschaften. Von uralten Geheimnissen, die der Elbsandstein flüstert, bis hin zu mystischen Burgen und märchenhaften mittelalterlichen Städten bieten diese Regionen eine faszinierende Reise durch die Jahrhunderte.

Fachwerk-Idylle und Kaiserliches Erbe
Ein herausragendes Beispiel mittelalterlicher Stadtplanung ist Wernigerode, die bunte Stadt am Harz. Über 1200 Fachwerkhäuser aus sechs Jahrhunderten prägen das Stadtbild und zeugen von einer reichen Handwerkstradition. Majestätisch thront das märchenhafte Schloss Wernigerode über der Altstadt und bietet einen spektakulären Ausblick. Das Zentrum bildet der Nikolaiplatz mit dem prachtvollen gotischen Rathaus. Verwinkelte Gassen laden mit charmanten Restaurants und Cafés in liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern zum Verweilen ein.

Ebenso reich an Fachwerk ist Quedlinburg, eine UNESCO-Welterbestadt. Hier findet sich die größte Fachwerksammlung Deutschlands mit über 2100 Gebäuden aus acht Jahrhunderten. Die Stadt war einst Lieblingspfalz der Otonen und spielte eine entscheidende Rolle in der deutschen Geschichte des Mittelalters. Die romanische Nikolaikirche und die Marktkirche Sankt Benedikti sind Zeugen der frühen christlichen Geschichte. Über der Stadt erhebt sich der Schlossberg mit dem Schloss Quedlinburg, einer romanischen Burganlage, die einst Sitz deutscher Könige war.

Ottostadt, Dome und moderne Architektur
Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, Magdeburg, blickt auf über 1200 Jahre Geschichte zurück und war eine der bedeutendsten Städte des Heiligen Römischen Reiches. Als Ottostadt ehrt sie das Erbe Kaiser Ottos des Großen. Der gotische Dom zu Magdeburg, Deutschlands älteste gotische Kathedrale, dominiert mit seinen 104 Meter hohen Türmen die Stadtsilhouette. Neben historischen Bauten wie der romanischen Johanneskirche bietet Magdeburg auch moderne Akzente, wie die Grüne Zitadelle von Friedensreich Hundertwasser. Im Elbauenpark steht der futuristische Jahrtausendturm, das höchste Holzgebäude seiner Art weltweit, das 6000 Jahre Menschheitsgeschichte präsentiert.

Im nördlichen Harzvorland liegt Halberstadt, eine Domstadt mit über 1200 Jahren Geschichte und einst Bischofssitz von großer Bedeutung. Obwohl die Altstadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, konnten viele historische Gebäude originalgetreu wieder aufgebaut werden. Halberstadt beherbergt einen der wertvollsten Domschätze Deutschlands mit über 650 mittelalterlichen Kunstwerken. Der imposante Dom Sankt Stefanus und Sankt Sixtus beeindruckt mit französischer Hochgotik und berühmten Korschranken. Die romanische Liebfrauenkirche gilt als eine der ältesten Hallenkirchen Deutschlands. Der Domschatz selbst zählt mit seinen kostbaren Reliquien, Handschriften und liturgischen Gewändern zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätzen Europas.

Salz, Musik und Handelsgeist
Als größte Stadt Sachsen-Anhalts ist Halle untrennbar mit dem Salzhandel verbunden, der ihr über Jahrhunderte Wohlstand und den Beinamen Salzstadt einbrachte. Als Geburtsstadt Georg Friedrich Händels pflegt Halle ein bedeutendes musikalisches Erbe. Sie beherbergt zudem eine der ältesten Universitäten Deutschlands. Im Mittelalter war Halle Mitglied der Hanse und ein wichtiges Handelszentrum in Mitteldeutschland. Das moderne Kunstmuseum Moritzburg befindet sich in einem beeindruckenden spätgotischen Bau. Die viertürmige Marktkirche Unser Lieben Frauen gilt als Wahrzeichen der Stadt.

Heldenstadt, Musikmetropole und Porzellan-Wiege
Leipzig, die Messestadt, hat als Heldenstadt deutsche Geschichte geschrieben – hier begannen 1989 die friedlichen Montagsdemonstrationen, die zum Fall der Berliner Mauer führten. Als Stadt der Musik ist Leipzig eng mit Johann Sebastian Bach verbunden, der hier 27 Jahre als Thomaskantor wirkte. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Leipzig zu einem europäischen Zentrum des Buchdrucks und Verlagswesens. Das monumentale Völkerschlachtdenkmal erinnert an die Schlacht von 1813 und bietet einen weiten Rundblick. Die Innenstadt Leipzigs verzaubert mit einer harmonischen Mischung architektonischer Stile von Gotik bis Gründerzeit.

Die über 1000 Jahre alte Stadt Meißen an der Elbe gilt als Wiege Sachsens und Geburtsort des europäischen Porzellans. Seit 1710 wird hier das weltberühmte Meißner Porzellan gefertigt. Die gotische Albrechtsburg, Deutschlands ältester Schlossbau, thront über der Elbe und ist ein Meisterwerk spätgotischer Architektur. Der benachbarte Dom zu Meißen beeindruckt mit Kunstschätzen. Meißen ist auch bekannt für seine terrassenförmig angelegten Weinberge der Sächsischen Weinstraße, die eine über 850-jährige Tradition pflegen und besonders für Weißweine bekannt sind.

Elbflorenz und bizarre Felslandschaften
Dresden, die sächsische Landeshauptstadt, trägt den Beinamen Elbflorenz und gilt als eine der schönsten Städte Europas. Nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde Dresden präzise rekonstruiert. Ein umfassendes Wiederaufbauprogramm nach der Wiedervereinigung führte zur originalgetreuen Rekonstruktion berühmter Bauwerke. Die wieder aufgebaute Frauenkirche symbolisiert Versöhnung und Wiedergeburt. Der barocke Zwinger beherbergt weltberühmte Kunstsammlungen. Die Altstadt ist eine Schatzkammer der Kunst mit ihrer Mischung aus barocker und Renaissancearchitektur. Die historische Silhouette entlang der Elbe bietet ein unvergessliches Panorama. Die Semperoper und das Residenzschloss ergänzen das Ensemble.

Südöstlich von Dresden erstreckt sich das Elbsandsteingebirge, bekannt als Sächsische Schweiz. Diese spektakuläre Felslandschaft mit über 1000 freistehenden Sandsteinfelsen, die bis zu 400 Meter in die Höhe ragen, ist ein einzigartiges Kletterparadies und der Geburtsort des Freikletterns in Deutschland. Die berühmte Basteibrücke, eine Sandsteinbrücke aus dem Jahr 1851, verbindet bizarre Felsformationen und bietet atemberaubende Ausblicke. Die mächtige Festung Königstein thront auf einem Tafelberg und gilt als eine der größten Bergfestungen Europas.

Tor zur Seenlandschaft
Cottbus, die größte Stadt der Lausitz, blickt auf über 850 Jahre Geschichte zurück und entwickelt sich zu einem modernen Wissenschafts- und Kulturzentrum. Sie gilt als Tor zur Lausitzer Seenlandschaft. Cottbus wurde um 1156 als slawische Siedlung gegründet und wurde im Mittelalter zu einem wichtigen Handels- und Verwaltungszentrum. Das Flugplatzmuseum dokumentiert die regionale Luftfahrtgeschichte. Der prachtvolle Branitzer Park, ein Meisterwerk der Landschaftsarchitektur, umgibt das neugotische Schloss Branitz. Die geheimnisvolle Landpyramide im Park ist das Grabmal des Parkschöpfers Fürst Pückler.

Diese Auswahl an Orten zeigt nur einen Bruchteil des Reichtums, den Sachsen und Sachsen-Anhalt zu bieten haben – Bundesländer, die nur so von Kultur und Geschichte strotzen.

Die DDR: Vom Plan zur Pleite – Einblicke in eine gescheiterte Wirtschaft

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Vierzig Jahre lang versuchte die Deutsche Demokratische Republik (DDR), eine zentralstaatliche Planwirtschaft nach sowjetischem Muster zu etablieren. Was einst als Versuch begann, eine neue Gesellschaft zu formen und das Erbe des Krieges zu überwinden, endete in der wirtschaftlichen Pleite. Ein Blick auf die Geschichte dieser Planwirtschaft offenbart den ständigen Konflikt zwischen utopischen Zielen und der harten Realität.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Spaltung Deutschlands wurde im Osten radikal privates Eigentum an Produktionsmitteln beseitigt. Private Banken und Versicherungen wurden geschlossen, die Großindustrie verstaatlicht. Die Bodenreform, bei der Großgrundbesitz an Neubauern verteilt wurde, war nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Diese Enteignungen schufen die Grundlage für die Übernahme des sowjetischen Wirtschaftssystems. Die Ausgliederung des Ostens aus dem gesamtdeutschen Wirtschaftsverbund hatte schwerwiegende Folgen, da man von traditionellen Rohstoff- und Energiequellen abgeschnitten war und eine eigene Schwerindustrie aufbauen musste. Zusätzlich belasteten Demontagen und Reparationszahlungen die Wirtschaft erheblich.

Die zentrale staatliche Planwirtschaft wurde in der Plankommission im Haus der Ministerien in Berlin nach sowjetischem Vorbild konzipiert. Frühe Pläne, die „deutscher Feder“ entstammten, mussten zur Prüfung nach Moskau geflogen und von sowjetischen Genossen begutachtet werden. Die Sowjetunion gab auch später noch entsprechende Unterweisungen, wie sich die DDR wirtschaftlich verändern sollte.

Der Plan war Gesetz, seine Erfüllung hatte nicht nur materielle Bedeutung, sondern sollte die Menschen selbst verändern. Durch Vorbilder wie den Bergmann Adolf Hennecke, der dem russischen Kollegen Stachanow nacheifern sollte, versuchte die staatliche Planung, die Massen zu aktivieren. Doch schon in den frühen 1950er Jahren sahen Praktiker in den Unternehmen die Probleme: Material fehlte, es gab keine Mittel für Investitionen oder Reparaturen. Briefe von Ministern und Behördenchefs, die genau diese Sorgen schilderten und Planänderungen oder die Lieferung von Material oder Geld forderten, landeten oft ungelesen im Reißwolf. Die Planungszentrale erzählte zwar vom „Wunschtraum einer neuen Gesellschaft“, doch die Weisungen kamen aus der Sowjetischen Militäradministration in Berlin-Karlshorst.

Die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft wurde 1960 abgeschlossen. Dies war ein „stolzer Augenblick“ für die junge LPG, doch es wurde verschwiegen, dass viele Bauern daraufhin in den Westen flüchteten und es im folgenden Jahr zu Missernten kam.

Mit dem Bau der Mauer 1961 verlor die DDR viele Fachkräfte und die Wirtschaft stagnierte. Um die „Überlegenheit des Sozialismus“ zu beweisen, wurden Reformversuche unter dem Namen Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung (NÖSPL) vorangetrieben. Ziel war unter anderem die Durchsetzung des Leistungsprinzips, die Entbürokratisierung der Planung und das Wirkenlassen von Marktmechanismen auf die Betriebe. Walter Ulbricht, die politische Führungsfigur bis 1971, der als Altkommunist und Stalinist bekannt war, begann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre selbst über die Schwächen des Systems nachzudenken. Er war bereit, „erhebliche Veränderungen unter seiner Regie mit durchzuführen“. Doch der Reformmotor, Erich Apel, der Vorsitzende der Plankommission, nahm sich im Dezember 1965 das Leben. Der genaue Grund ist unklar, doch zwei Stunden später sollte er bei der Unterzeichnung eines die DDR „knebelnden“ Handelsabkommens mit der Sowjetunion eine Rede halten.

Nach Apels Tod rückte sein engster Freund Günter Mittag von der Reform ab. Die Reformversuche führten zwar zu freimütigen Diskussionen und eingeforderter Ehrlichkeit, doch das System erwies sich als nicht wandlungsfähig. Der „Prager Frühling“ zeigte die politischen Konsequenzen von Reformen auf, und man trat auf die Bremse. Ökonomische Reformen gingen nicht konform mit politischen Reformen, was das System beeinträchtigte.

Mit Erich Honecker, der Anfang 1967 als kommender Mann der Führung auftrat, und der Entmachtung Chruschtschows in Moskau, kam es unter Breschnew zu einem deutlichen Wendepunkt in der sowjetischen Politik. Die neue Devise lautete „keine Experimente“. Honecker wurde der neue Mann Moskaus, und Günter Mittag vollzog die Wandlung vom Reformer zum Lenker einer nun wieder streng zentralistischen Wirtschaft.

1972 wurden mit Unterstützung der Blockparteien die letzten privaten und halbstaatlichen Industriebetriebe sowie Handwerksgenossenschaften verstaatlicht. Unternehmer wie der Polstermöbelfabrikant Werner Muffs wurden unter Druck gesetzt und mussten zustimmen. Keiner der Unternehmer stimmte freiwillig zu. Honecker wollte aus ideologischen Gründen einen „reinen Sozialismus“ und sah in den Gewinnen dieser Betriebe eine Chance zur schnellen Entwicklung, was aber nicht gelang. Diese Verstaatlichung beseitigte das letzte Unternehmertum und band auch diese kleinen Betriebe in die staatliche Planung ein. Die Folge waren Probleme bei der Produktion der sogenannten „tausend kleinen Dinge“.

Die Ölkrise von 1973 traf die DDR trotz Festpreissystem mit der Sowjetunion. Von Jahr zu Jahr mussten größere Warenmengen an die Sowjetunion geliefert werden, wodurch Exportartikel für den Westhandel fehlten. Die Planer konzentrierten sich auf die mengenmäßige Planerfüllung, was wichtiger war als die Wünsche der Verbraucher. So wurden beispielsweise noch Miniröcke produziert, als sie niemand mehr haben wollte, nur weil aus einem Stück Stoff mehr Minis als lange Röcke hergestellt werden konnten. Beim Hauptbetrieb für Zahnbürsten, der abbrannte, musste mit Mühe eine Million Zahnbürsten aus den „Bruderländern“ beschafft werden, was zu Hamsterkäufen führte, bis Westimporte Abhilfe schufen.
Ab 1976 wurden Industriebetriebe in „Mammut-Einheiten“ (Kombinate) zusammengefasst, was für die zentrale Planung günstig war, aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht erhöhte. Unsinnige Produktionsverpflichtungen für Waren des täglichen Bedarfs mussten übernommen werden. Die Planmethoden wurden immer unmöglicher, je kritischer die Lage wurde. Der Plan wurde „ideologisiert“. Planverteidigungen wurden mit Aussagen wie „auf deinem Rechenschieber ist nicht die Kraft der Arbeiterklasse“ konfrontiert.

Die Wirtschaft der DDR in den 1970er Jahren, geprägt von Honeckers Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, wurde auf Kredit finanziert. Westliche Ökonomen stellten Ende 1980 fest, dass die wirtschaftlichen Belastungen die Möglichkeiten der DDR überstiegen.

1981 kam ein unerwarteter Schock, als die Sowjetunion die Erdöllieferungen reduzierte. Dies war ein deutliches Signal einer ökonomischen Misere, da die Sowjetunion dringend Devisen brauchte. Überstürzt wurde wieder auf Braunkohle umgerüstet, was knappe Investitionsmittel band und zu starker Umweltbelastung führte; die DDR wurde zum größten Schwefeldioxidproduzenten Europas.

Ein zweiter Schock im selben Jahr war das Einfrieren internationaler Kredite für die DDR aufgrund der Zahlungsunfähigkeit Polens und Rumäniens. Es begann ein hektisches Krisenmanagement. Mangels wettbewerbsfähiger Produkte wich man auf den Export von Mineralölerzeugnissen in den Westen aus. Westimporte wurden gedrosselt. Entlastung bot der innerdeutsche Handel, der ohne Devisen auf Berechnungsbasis lief und sich als stabilste vertragliche Beziehung zwischen beiden Staaten erwies. Ab den 1970er Jahren kamen jährliche Finanztransfers aus der Bundesrepublik hinzu, was der DDR Vorteile verschaffte, die kein anderes RGW-Land hatte. Selbst das reichte nicht aus, und durch Vermittlung von Franz Josef Strauß wurden 1983/84 erstmals Milliardenkredite aus der Bundesrepublik gewährt, die die DDR international wieder kreditwürdig machten. Ohne diese Kredite wäre das Land nicht sofort zusammengebrochen, aber eine drastische Senkung des Lebensstandards wäre die Folge gewesen.

Die Sparpolitik traf Betriebe hart, Anlagen mussten weiterfahren, Ersatzteile fehlten. Dies führte zu einem rapiden Verfall der Arbeitsproduktivität, die 1983 nur noch bei 50 Prozent im Vergleich zur Bundesrepublik lag. Die DDR-Wirtschaft isolierte sich zunehmend, Wirtschaftsdaten waren geheim.

1986 fiel der Ölpreis, wodurch die DDR ein Drittel ihrer lebensnotwendigen Deviseneinnahmen verlor. Trotzdem hielt die Führung aus Prestigegründen an der überzogenen Subventionspolitik fest, die über 40 Prozent des Staatshaushalts verschlang. Hinzu kamen Militärausgaben und die teure Überwachung der Bevölkerung. Die Menschen hatten Geld, aber es gab wenig Lohnenswertes zu kaufen. Verkaufsläden waren oft leer, abgesehen von hochpreisigen Gütern wie Fernsehern oder Waschmaschinen. Intershop diente der Abschöpfung von Valuta, doch nur wer Westverwandtschaft oder Geld für den Schwarzmarktkurs hatte, konnte dort kaufen.

Absurde Entscheidungen der Bürokratie, wie das Stoppen des Baus einer Warmbandanlage im Stahlwerk Eisenhüttenstadt trotz bereits investierter Millionenbeträge, zeigten die Überlegenheit der „Politbürokratie über die Vernunft“. Das westliche Hightech-Embargo trieb die DDR in ein teures und letztlich erfolgloses Mikroelektronikprogramm.

Trotz des Wissens der Führung, dass ein Sieg des Sozialismus im Systemwettbewerb nicht möglich war, verkündeten sie noch wenige Wochen vor dem Mauerfall die wirtschaftliche Fortschrittlichkeit der DDR. Diese „Heuchelei“ und das Verhalten gegenüber den Bedürfnissen der Menschen werden als „verbrecherisch“ bezeichnet.

Die DDR-Bürger wurden in dieses Land hineingeboren, verrichteten ihre Arbeit, schimpften und freuten sich. Doch ihr Staat, ein Produkt des Kalten Krieges, löste sich auf, als der Wettbewerb der Systeme entschieden war. Obwohl stolz verkündet wurde, zu den zehn führenden Industrienationen zu gehören, standen die meisten Erfolge nur auf dem Papier. Die „Planlosigkeit der Planwirtschaft“ führte trotz der harten Arbeit von Millionen Menschen in die Pleite.

Die Menschen denken an sehr viel Arbeit zurück, die aber „nur vom Papier her“ erfüllt wurde und sehr hart gewesen sei. Heute klappe es wirtschaftlich noch nicht. Was einst „gut gemeint“ war, erwies sich als „eine Utopie“.

Waldsiedlung Wandlitz: Die geheime Enklave der Macht

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Mitten im Wald, etwa 30 Kilometer nördlich von Berlin, nahe Wandlitz, liegt ein Ort, der für viele in der DDR zum Sinnbild für die Abgehobenheit und die Privilegien der politischen Elite wurde. Umzingelt von Mauern, Stacheldraht und sogar stromführenden Drähten, lebten hier die mächtigsten Männer der Deutschen Demokratischen Republik – Mitglieder des Politbüros, darunter Größen wie Walter Ulbricht, Erich Honecker und der berüchtigte Stasi-Chef Erich Mielke. Bekannt als „Waldsiedlung“ oder auch abschätzig als „Wandlitz“, war diese Wohnsiedlung ein streng bewachtes Sperrgebiet, eine „geheimnisumwitterte Enklave der Macht“.

Die Idee für die Siedlung entstand nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Die bisherige Wohnanlage der Parteielite am Majakowskiring in Pankow wurde als zu eng und unsicher empfunden. Man suchte einen Ort, der unter Sicherheitsaspekten besser zu schützen war. Ulbricht persönlich gab grünes Licht für das Vorhaben in einem der schönsten Waldgebiete nördlich von Berlin. Die Bauarbeiten begannen hochgeheim im Mai 1958 in einem 1,5 Quadratkilometer großen Waldgebiet bei Wandlitz und Bernau, unter Beaufsichtigung der Stasi. Gerüchte kursierten, zunächst über eine sowjetische Militär-Administration, doch bald wurde klar, dass die DDR-Regierung baute. Informationen über die luxuriöse Siedlung für die SED-Prominenz sickerten dennoch in den Westen durch, befeuert durch Handwerker aus der Umgebung und sogar durch ein heimlich aufgenommenes Foto der Baustelle von 1959.

Von Anfang an war die Waldsiedlung ein Stasi-Objekt. Geleitet wurden die Planungen von Heinz Gläske, Deckname Hegl, einem Mann der Stasi und Chef des Sonderbaustabes 10. Gläske, dessen Vergangenheit eine tödliche Entführungsmission für die Staatssicherheit umfasste, war loyal und konnte sich definitiv nicht in den Westen absetzen. Unter strengster Kontrolle der Staatssicherheit entstand in nur zwei Jahren ein kleines Städtchen im Wald, umschlossen von einer Mauer, die den sogenannten Innenring vom Außenring und der Außenwelt trennte. Innerhalb der Siedlung gab es keine Wege- oder Straßennamen; die Funktionäre kannten ihre Hausnummern von 1 bis 23. Nur wer einen speziellen Ausweis oder eine Besuchserlaubnis besaß, durfte hinein.

Obwohl die Häuser von außen teilweise als relativ bescheiden empfunden wurden, handelte es sich um anspruchsvolle Bauten, angepasst an die Bedürfnisse der Bewohner. Die eigentlichen Privilegien lagen in der Versorgungssituation: Die Miete, zwischen 400 und 800 DDR-Mark, beinhaltete alles: Bauarbeiten am Haus, Möbelnutzung, und die Kosten für das Dienstpersonal. Dieses Personal – von der Putzfrau über Koch, Kellner, Schneider bis Friseur – umfasste 650 Mitarbeiter, die 23 Familien umsorgten. Jeder Mitarbeiter war Mitglied des Personenschutzes der Staatssicherheit, hatte militärischen Rang und ein Schweige-Gelübde. Ein ehemaliger Kellner, Lothar Herzog, erinnert sich, dass „Nein“ sagen nicht möglich war; „Jeder Wunsch [war] hier Befehl“. Selbst das Servieren von Mineralwasser für Minister Mielke um 6 Uhr morgens musste sichergestellt sein.

Ein besonderes Symbol der Abgehobenheit war das sogenannte „Ladenkombinat“. Hier gab es alles, was im Alltag der DDR nicht zu kaufen war – West-Waren im Wert von jährlich bis zu 8 Millionen D-Mark. Anfangs stammten diese teilweise aus beschlagnahmten West-Paketen. Später beschaffte eine eigene Stasi-Handelsfirma, die LETEX, über Stasi-Mann Alexander Schalck-Golodkowski die Produkte exklusiv für die Waldsiedlung. Spezielle Wünsche, wie Umstandskleidung oder Babyausstattung aus West-Berlin für Margot Honeckers Tochter Sonja, wurden über Sigrid Schalck-Golodkowski und ihre Gruppe beschafft. Das Ladenkombinat machte trotz hoher Preise Miese, da der inoffizielle Umtauschkurs von 1:10 für DDR-Bürger für die Elite nicht galt; sie zahlten nur 1,5 Ostmark für eine Westmark.

Die Waldsiedlung war nicht nur ein Ort des privilegierten Wohnens, sondern auch der politischen Intrigen und der Isolation. Die Atmosphäre war menschenleer; die Funktionäre verbrachten die Tage in Berlin und verschwanden an den Wochenenden. Man ging sich aus dem Weg, es herrschte Misstrauen. Der Kultur-Chef Kurt Hager nannte die Siedlung etwas bitter das „x-te Internierungslager“. Die Stasi war allgegenwärtig, da das gesamte Personal aus ihren Reihen stammte. Erich Honecker, der im kleinsten Haus lebte, zog sich wie viele andere immer mehr zurück. Der Weg nach Berlin wurde zum Sinnbild für die Kluft zwischen Volk und Herrschaft; die Führung nahm die DDR-Gesellschaft nur noch aus den Fenstern der Limousinen wahr.

In der Siedlung ereigneten sich auch dramatische Dinge, wie der Tod des Leiters der Staatlichen Plankommission, Erich Apel, im Dezember 1965. Nach einer lauten politischen Auseinandersetzung im Klubhaus mit Günter Mittag, der Apels Reformpläne boykottierte und sich bei Breschnew über ihn beschwert hatte, wurde Apel am nächsten Morgen tot in seinem Büro in Berlin gefunden. Offiziell hieß es tragischer Unglücksfall oder Suizid, doch Monika Kaiser fand bei ihren Untersuchungen Widersprüche; die Frage nach Suizid oder politischem Mord bleibt bis heute ungeklärt. Günter Mittag, Apels „bester Freund“, machte nach dessen Tod Karriere und übernahm Apels Jagdhütte.

Die Jagd, insbesondere in der nahegelegenen Schorfheide („Wildfang“), wurde zu einem Statussymbol der Macht. Dort fanden diplomatische Kontakte statt, und Politik wurde gemacht. Honecker nutzte die Jagd auch, um im engsten Zirkel, insbesondere mit Günter Mittag und Leonid Breschnew, Strippen gegen Walter Ulbricht zu ziehen und dessen Entmachtung vorzubereiten. 1971 löste Honecker Ulbricht schließlich als Erster Sekretär ab.

Die Existenz der Waldsiedlung und die damit verbundenen Privilegien waren ein offenes Geheimnis und eine Projektionsfläche für die Widersprüche der DDR-Gesellschaft. Als das Magazin „Elf 99“ und andere Journalisten darüber berichteten, ging ein Sturm durchs Land. Tausende Beschwerdebriefe gingen an die Volkskammer, ein Untersuchungsausschuss begann, und Ermittlungsverfahren wurden eröffnet.

Im Januar 1990 wohnte niemand mehr in der Waldsiedlung. Die Bewohner hatten die Häuser oft fluchtartig verlassen. Zurückgelassenes Erbe wurde wochenlang auf einem Brandplatz verbrannt. Ein ehemaliger Bereitschaftspolizist, Paul Bergner, der ab 1990 als Gärtner dort arbeitete, rettete Gemälde, Skulpturen, Platten und Bücher vor der Zerstörung. Er nannte es einen „barbarischen Umgang mit der Geschichte“. Bergner setzte sich jahrelang dafür ein, dass die Anlage als Zeitzeugnis unter Denkmalschutz gestellt würde. Doch in den 1990ern wollte niemand einen „Wallfahrtsort für eine Diktatur“. Erst sehr langsam setzte sich das Bewusstsein durch, dass solche Orte für die historisch-politische Aufarbeitung wichtig sind.

Heute steht die Mauer noch. Die Waldsiedlung wurde von einer der größten Reha-Kliniken Brandenburgs überformt. Nur Stelen erinnern noch an die einstigen Bewohner und die Landschaft der Macht. Viele der wertvollen Skulpturen, die einst die Parks und Häuser zierten, sind heute im Kunstraum Bernau zu sehen, aufwendig restauriert.

Die Waldsiedlung Wandlitz bleibt ein Ort, der deutlich macht, wie Macht dazu verleiten kann, sich Privilegien zu sichern und sich von den Bedürfnissen des Volkes zu entfernen. Sie ist zu einem Symbol für den Missbrauch von Macht und die Angst der Mächtigen geworden, vom Volk entlarvt zu werden.

Die Berliner Mauer: Ein Blick auf eine unmögliche Normalität

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Berlin, 1987. Während die Stadt ihren 750. Geburtstag feiert, dokumentiert ein kanadischer Kameramann etwas, das ihn mehr fasziniert als das städtische Treiben: die Berliner Mauer. Seine Aufnahmen, die erst 30 Jahre später entdeckt und gezeigt werden, zeigen ein unerwartetes Bild: Die Mauer ist nicht nur eine Schneise durch Häuser und Stadtlärm, sondern oft auch von Grün umgeben. Der Kameramann filmt ihre gesamte Länge von 155 km von Westen aus, beobachtet alliierte Streitkräfte bei Übungen und liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit DDR-Soldaten auf ihren Wachtürmen. Er fängt einen Moment ein, der in seiner Routine und seinen Abläufen ewig zu dauern schien.

Eine Stadt geteilt
Nach 1945 übernahmen die Siegermächte die Kontrolle über Berlin und teilten die Stadt in vier Sektoren: Amerikaner, Briten und Franzosen im Westen, die Sowjets im Osten. West-Berlin wurde so zu einer Insel inmitten des Ostblocks. Im Jahr 1961 ließen Funktionäre der DDR die Mauer errichten, offiziell als „antifaschistischer Schutzwall“, um die massive Abwanderung ihrer Bürger zu stoppen. Bis dahin hatten bereits 2,5 Millionen DDR-Bürger das Land verlassen.

Das Leben in beiden Teilen der Stadt unterschied sich radikal aufgrund zweier verschiedener gesellschaftlicher Systeme. Ost-Berliner lebten bescheiden in einem streng reglementierten und kontrollierten System. Der Status der West-Berliner war hochpolitisch. Obwohl die Stadt zur BRD gehörte, wurde sie von den Alliierten in ihren Sektoren nach den dort geltenden Gesetzen regiert. Bonn war fortan die Hauptstadt der BRD. Der Sonderstatus Berlins bedeutete auch, dass die Bundeswehr dort nicht präsent sein durfte.

Die physische Barriere und ihre Überwachung
Die Mauer war ein sorgfältig unterhaltenes Bauwerk, dessen Durchlässigkeit 28 Jahre lang regelmäßig überprüft und reduziert wurde. Sie zog sich gleichermaßen durch unwegsames Gelände und mitten durch Mietshäuser. Die ca. 4 Meter hohe Mauer war auf der Ostseite oft mit Elektrozäunen versehen, die Alarm auslösten oder automatische Schussanlagen in Gang setzten. Dahinter befand sich ein ca. 10 Meter breiter „Todesstreifen“ mit Maschendrahtzaun, Stacheldraht und teilweise versteckten Nagelmatten. Der Sand auf dem Minenfeld wurde pedantisch geharkt, um jeden Fußabdruck sofort sichtbar zu machen. Die zunächst hölzernen Wachtürme wurden später durch Betontürme ersetzt, und Schäferhunde patrouillierten entlang der Mauer. Selbst direkt hinter der eigentlichen Mauer, auf DDR-Gebiet, hatten die Grenzsoldaten das Recht, auf Flüchtlinge zu schießen.

Die Sicherung war ausgeklügelt mit Systemen wie Stolperdrähten und Zäunen mit nach Osten gekehrten Spitzen. Die Ausgaben für Sicherung, Aufbau und Betrieb der Grenzanlagen beliefen sich zwischen 1961 und 1964 auf rund 1,8 Milliarden DDR Mark. Während die Straßen abseits der Mauer im Ostteil oft düster waren, wurde die Mauer selbst mit neuester Lichttechnik ausgestattet, was nach 1989 spöttisch kommentiert wurde.
Die Grenzanlagen waren nicht nur an Land, sondern auch zu Wasser und in der Luft präsent. Auf den Wasserstraßen wurden die Grenzen durch Bojen markiert. Alle Fahrgastschiffe in Ost-Berlin wurden nachts bewacht, und die Steuerräder mussten abgenommen werden. Der Luftraum war ebenfalls streng überwacht; Flugzeuge in West-Berlin unterlagen einem Protokoll der vier Besatzungstruppen. Drei Luftkorridore waren den Flugzeugen der Siegermächte vorbehalten, was West-Berlin vom europäischen Durchgangsverkehr isolierte.

Leben im Schatten der Mauer
Für mehr als 2 Millionen West-Berliner wurde die Realität der Mauer und des Eingeschlossenseins zum Alltag. Patrouillen und Manöver gehörten dazu und wurden mit der Zeit gelassen zur Kenntnis genommen. Viele West-Berliner verbrachten ihre Ferien unter den Augen der DDR-Grenzsoldaten auf Campingplätzen direkt an der Grenze. Für sie war dies irgendwann „normal“. Einige legten sogar Kleingärten direkt an der Mauer an. Sie berichten von höflichen Grenzsoldaten, die beim Patrouillieren sogar um das Gemüse herumgingen.

West-Berliner brauchten Passierscheine, um Freunde und Verwandte im Ostteil zu besuchen. Sie mussten 25 D-Mark West im Verhältnis eins zu eins in Mark der DDR tauschen und ausgeben, was angesichts günstiger Preise und mangelndem Angebot schwierig war. Spätestens um Mitternacht mussten sie die DDR verlassen. Die DDR erzielte durch diesen Mindestumtausch Einnahmen in Höhe von mehreren Milliarden D-Mark.

Die Mauer behinderte auf beiden Seiten den Alltag. Für Ost-Berliner blieb ein spontaner Besuch bei Verwandten, die nur einen Katzensprung entfernt wohnten, oft unmöglich; Familien mussten fast die ganze Stadt umrunden, um sie zu besuchen. Banale Hindernisse wie diese konnten Fluchtgedanken wecken.

Fluchtversuche und ihre Folgen
Viele DDR-Bürger konnten oder wollten sich nicht mit ihrer Situation abfinden und ersannen abenteuerlichste Pläne, ihr Land zu verlassen. Fluchtversuche aus dem Ostteil waren lebensgefährlich und endeten nur selten erfolgreich, oft tödlich. Einige besonders kühne und erfindungsreiche Fluchten sind Stoff für spannende Actionfilme. Gelang eine spektakuläre Flucht, wurde sie gerne mit reißerischen Schlagzeilen bedacht. Über die Wasserwege schafften es nur wenige.

Junge Leute litten besonders unter der ständigen Observation. Mancher Versuch, das Land zu verlassen, endete mit der Ergreifung und langen Haftstrafen wegen „Republikflucht“. Ein Abkommen zwischen der DDR und der BRD regelte zeitweise, dass viele von ihnen freigekauft werden konnten. Menschen, die wegen Republikflucht verurteilt wurden, berichten von Haftstrafen von über zwei Jahren bis achteinhalb Jahren. Auch eine Demonstration mit einem Plakat „Reisefreiheit für alle deutschen“ führte zu einer Haftstrafe von einem Jahr und Monaten.

Die Genehmigung eines Antrags auf ständige Ausreise aus der DDR, der nach dem UNO-Beitritt der DDR gestellt werden konnte, bedeutete oft Repressionen für zurückbleibende Familienmitglieder. Ausreisewillige konnten außerdem nicht zurückkehren. Ab 1987 wurden die Ausreiseregeln lockerer. Neben Rentnern konnten auch jüngere Leute Verwandte im Westen besuchen, unter der Voraussetzung, dass sie alleine reisten und nicht bereits im Visier der Ordnungskräfte waren. Anträge wurden willkürlich bearbeitet, und manche erhielten überraschend am Morgen eine Genehmigung mit der Auflage, die DDR bis mittags zu verlassen.

Die Mauer im Bewusstsein
Für viele wurde die Existenz der Mauer mit der Zeit zu einer unumstößlichen Realität. „Wer diese Realität nicht akzeptierte, hatte es schwer und musste die eigene Lebenswirklichkeit verändern – radikal und unumkehrbar“. Mancher West-Berliner empfand die Mauer als normal und fragte sich, wie Westdeutsche dies nicht verstehen konnten. Andere hassten die Mauer und konnten nicht damit leben; sie war „wie eine Stachelwatte um Hals“.

Es gab jedoch auch eine ungewöhnliche Perspektive: Jemand meinte, die Mauer müsse sein, nicht aus politischen Gründen, sondern weil West-Berlin ohne sie nur halb so viel wert wäre. Gerade die Mauer sei eine große Attraktion und schaffe Möglichkeiten, da zwei Systeme zusammenstoßen. Diese Person konnte sich West-Berlin ohne Mauer gar nicht vorstellen.

Andere blickten hoffnungsvoll in die Zukunft. Eine Person im Jahr 1987 glaubte, dass die Mauer nie weggehen würde. Eine andere hielt die Mauer für etwas sehr Unnatürliches und war zuversichtlich, dass etwas Künstliches auf Dauer keinen Bestand habe; sie wünschte sich, dass die Mauer eines Tages verschwindet.

Ein Ende und ein Erbe
Im Jahr 1987, als der kanadische Kameramann filmte, waren Demonstrationen gegen Nachrüstungspläne und Wirtschaftsgipfel in West-Berlin präsenter als Unmutsäußerungen gegen das geteilte Land. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan forderte während seines Besuchs zur 750-Jahr-Feier: „Come here, Mr. Gorbachev, tear down this Wall!“. Doch im Westen gab es auch Ängste vor einer Wiedervereinigung und dem deutschen Wirtschafts- und Militärpotenzial. Mancher sah die Mauer als Utopie, die nie fallen würde.

Doch es kam anders. 1989 wurde die Grenze geöffnet. Der Grenzübergang Bornholmer Straße war der erste, der nach der Ankündigung von Günther Schabowski geöffnet wurde.

Die Berliner Mauer stand 28 Jahre lang als Symbol für den scharfen Gegensatz zweier Systeme. Sie verhinderte, dass Bürger einer Stadt sich kennen und verstehen lernen konnten. Sie verhinderte, dass West-Berlin eine Stadt wie andere westdeutsche Städte wurde. Heute ist es schwierig, den Grenzverlauf nachzuvollziehen. Berlin ist wieder Hauptstadt und verliert langsam seinen komfortablen Sonderstatus. Doch die Geschichte der Teilung bleibt in Berlin immer präsent.